Verena Luekens Roman „Anderswo“ : Eine blaue Seele auf Selbstsuche

Familienbande als Schicksal: In Verena Luekens Roman „Anderswo“ nähert sich eine Frau ihrer schmerzhaften Vergangenheit.

Unterwegs. Eine Frau auf Wanderung im Herbst.
Unterwegs. Eine Frau auf Wanderung im Herbst.Foto: Daniel Karmann/dpa

Erst für einen Job nach Kuba und dann mit Freunden in der Karibik Silvester feiern. Das Leben der Protagonistin von „Anderswo“, einer Reisejournalistin in den mittleren Jahren, klingt ziemlich glamourös. Aber es fühlt sich schon auf den ersten Seiten sehr einsam an. Die Frau, die wir nur als B. kennenlernen, lebt zwischen New York und Deutschland, ist aber nirgendwo richtig zu Hause. Ihre Texte schreibt sie in spärlich möblierten Zimmern, außerdem geht sie gerne joggen, am liebsten in der Dämmerung. In einer New Yorker Jazz-Bar trifft sie manchmal ihre alte, inzwischen platonische Liebe, und irgendwo gibt es einen Bruder, dem sie per SMS „Happy New Year“ wünscht.

Sonst ist B. allein. Sie wartet. Darauf, dass sich die Vergangenheit ändert oder zumindest in einem anderen Licht erscheint. Vor allem das Verhältnis zu ihrem Vater. Seine Missachtung ihr gegenüber, seine Macht, ihr mit einem Spruch für immer den Appetit zu verderben, setzen ihr zu. „Niemand kam jemals über irgendetwas hinweg, davon war sie überzeugt. (...) Die Seele war ein Schwamm, aus dem nie wieder etwas heraustropfte. Das schien ihr unumstößlich. Verletzungen blieben. Die Leere, die ihr Vater hinterlassen hatte.“

Verena Lueken, 1955 in Frankfurt am Main geboren, spürt in „Anderswo“ dem Einfluss familiärer Bindungen nach, dem auch diejenigen nicht entkommen, die gerne alle Verbindungen gekappt hätten. In Rückblenden zeichnet sie nach, wie ihre Protagonistin durch den desinteressierten Vater geprägt wird und ihm trotz aller Befreiungsversuche nie entkommt. Nicht mit dem Tanzen, nicht mit dem Strippen, nicht mit ihrer großen Liebe. Wie das eben so ist: Auch der Musiker, mit dem sie in den USA ein neues Leben anfangen wollte, ist ihrem Vater ähnlich.

Ehrliches und charmantes Erzählen

Familienbande als Schicksal: Das Thema, dessen sich Lueken hier annimmt, ist zugänglich, zeitlos und nebenbei eines der bekanntesten Motive der Literatur. Lueken entwickelt es noch einmal anders, mit einer nachdenklichen Beiläufigkeit, die nie schwer, immer dicht, allerdings wenig überraschend wirkt: der Vibe urbaner Einsamkeit, B.s Vorliebe für Joan Didion und Chantal Akerman – die die Romanfigur wohl mit Lueken gemeinsam hat – , das Spiel mit dem Initial der Protagonistin, die Blau mag und die Blue Notes des Jazz und ohnehin, wie man so sagt, den Blues hat.

Literarisch ist das nicht sonderlich aufregend, am wenigsten die eingestreuten, schon oft erzählten Nachkriegsbiografien. Aber es ist auf charmante Weise ehrliches Erzählen. Die Autorin ist seit gut 20 Jahren Redakteurin der „FAZ“ und Filmkritikerin, sie arbeitete für die Zeitung auch als Kulturkorrespondentin in New York. Sie hat selbst auch getanzt, wie ihre Protagonistin.

So wie sich in „Anderswo“ ein verformtes Spiegelbild des Vaters in der Tochter findet, so entsteht das Werk der Autorin aus eigenen Erfahrungen. Wie übrigens schon in Luekens Erstling „Alles zählt“ aus dem Jahr 2015. Auch der spielte in New York und handelte von einer Journalistin, die, getrieben von einer Krebserkrankung, den Dialog mit den Toten sucht, um dem Leben näherzukommen. Und die das eigene Schreiben erkundet, unter den Bedingungen des Krankseins.

Vexierspiel zwischen Literatur und Selbsterkundung

Auch diesmal versucht Lueken erst gar nicht, die Quellen ihres Texts zu verstecken, treibt aber zugleich ein Vexierspiel an der Grenze zwischen Literatur und Selbsterkundung. Wie nah sich das Autobiografische und das Fiktionale sind, ist aber letztlich nicht wichtig. Denn „das Leben passierte von selbst“, wie es einmal in „Anderswo“ heißt. „Die Geschichten machten andere daraus. Ließen weg, was störte, oder dachten sich aus, was fehlte. Sie hatte gar nichts dagegen. Sie machte es auch so. Aber sie bestand darauf zu unterscheiden, worum es ging.“

Auch B. entscheidet sich, die Vergangenheit anders zu erzählen. Sie macht sich auf die Suche nach dem verschollenen Bruder des Vaters und findet eine Geschichte, mit der sie die Leerstelle in ihrer Beziehung zum Vater und in dessen Leben ausfüllen und sich mit ihm versöhnen könnte. Ob die Geschichte wahr ist, es spielt keine Rolle.

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