Verlag Friedenauer Presse : Die Gunst der letzten Stunde

Die Friedenauer Presse ist eine Institution. Jetzt nimmt sie im Wedding einen neuen Anlauf. Zu Besuch bei der Verlegerin Friederike Jacob.

Friederike Jacob, 35, rettete den Verlag vor der Schließung.
Friederike Jacob, 35, rettete den Verlag vor der Schließung.Foto: Privat

Er nannte sie die „Affäre meines Lebens“. Um die verwitwete polnische Gräfin Ewelina Hanska nach 18-jähriger Bekanntschaft endlich vor den Traualtar zu führen, brach Honoré de Balzac am 5. September 1847 zu einer strapaziösen Bahn- und Kutschfahrt ins russische Reich auf, nur drei Jahre vor seinem frühen Tod 1850. Sein Ziel, das Schloss Wierzchownia bei Berditschew, erreichte er acht Tage später: „Nun sah ich die echten Steppen, denn in Berditschew beginnt die Ukraine. Was ich bisher erblickt hatte, war nichts. Es ist eine Weizenwüste, das Königreich des Weizens, eine Coopersche Prärie mitsamt ihrer Stille.“

Die protestantisch geprägte Zwischenstation Berlin fand bei Balzac keine Gnade: „Stellen Sie sich Genf mitten in einer Sandwüste vor, und Sie haben einen Eindruck von Berlin. Vielleicht wird es eines Tages die Hauptstadt Deutschlands sein, feststeht, dass es immer die Hauptstadt der Langeweile sein wird.“ Unter dem Titel „Ein Abglanz meines Begehrens. Bericht einer Reise nach Russland 1847“ ist Honoré de Balzacs „Lettre de Kiew“, übersetzt von Nicola Denis, nun eine der drei Neuerscheinungen der wiederauferstandenen Friedenauer Presse.

Den Umschlag ziert ein Foto des Romanciers, der sich beschwörend an die Brust greift. Die Textildesignerin Nadine Goepfert umgab es mit einem frei gezeichneten Rahmen in braun und türkis. Für das Porträt von Balzacs „louploup“ Ewelina auf der Rückseite wählte sie einen rosa-gelben Rahmen. „Auf eine schöne Art spielerisch, ohne zu klebrig-lieblich zu werden“, findet die Verlegerin Friederike Jacob die Gestaltung der ersten „Wolffs Broschur“ unter ihrer Verantwortung. An Balzacs Text, den Brigitte van Kann ihr vorgeschlagen und hervorragend kommentiert hat, stören sie allerdings die „frappierenden Absätze“ über die osteuropäischen Juden – wo doch Balzac immer wieder Geld von den Rothschilds erhalten habe.

Aus dem Erbe von Peter Urban schöpfen

Den von Katharina Wagenbach-Wolff kreierten „Winterroman“ setzt sie mit „Totenvogel“ von Edward Debicki fort, einem Neffen der berühmten polnischen Roma-Poetin Bronislawa Wajs, bekannt geworden als „Papusza“ (Püppchen). „Ach, du mein Sternchen! Wie scheinst du so mächtig! Blende die Deutschen!“, dichtete sie im Zweiten Weltkrieg verzweifelt aus ihrem Waldversteck. Karin Wolff hatte das Manuskript entdeckt und aus dem Polnischen übersetzt, erlebte aber das fertige Buch nicht mehr. Der gerade durch seine Unsentimentalität ergreifende Familienroman setzt die große slawische Tradition der Friedenauer Presse fort. Für sie stehen vor allem russische Autoren wie Anna Achmatowa, Isaak Babel oder Daniil Charms. „Es ist mir wichtig, die bereits vorhandenen Texte zu erhalten", betont Friederike Jacob: „Und ich schöpfe insofern aus dem Erbe von Peter Urban, als dass wir seine Übersetzungen wieder neu auflegen.“

Die dritte Herbst-Novität ist ein 32-seitiger „Friedenauer Presse-Druck“ im Bleisatz, der auf Initiative eines alten Bekannten entstand: Hans Magnus Enzensberger präsentiert seine Übersetzung von Denis Diderots „Die Unterhaltung eines Philosophen mit der Marschallin de Broglie wider und für die Religion“. Wie Günter Grass hatte HME in seinen Friedenauer Jahren die Entwicklung der Presse begleitet. Eigentlich sei je nach Umfang die Entscheidung zu treffen zwischen dem Winterbuch und Wolffs Broschuren, erklärt Friederike Jacob: „Frau Wolff hat dieses Format immer so frei bespielt.“ Zu der bewunderten Vorgängerin steht sie in regelmäßigem Kontakt.

Die Rettung kam in letzter Minute

Die 89-jährige Katharina Wagenbach-Wolff ist die Urenkelin der Sankt Petersburger Verlegerlegende Moritz Ossipowitsch Wolff. Der gebürtige Warschauer hatte mit seiner „Gesellschaft M.O. Wolff“ ein geniales Vertriebssystem entwickelt. Nach der Oktoberrevolution übersiedelte die Familie nach Berlin, wo Sohn Andreas 1931 in der Bundesallee 133 „Wolffs Bücherei“ gründete; mittlerweile heißt die Buchhandlung „Der Zauberberg“. 1963 ging daraus die Friedenauer Presse hervor -– ursprünglich als Qualitätsoffensive gegen das grassierende Taschenbuch gedacht.

Wagenbach-Wolff verlegte die Edition in ihre Wohnung am Savignyplatz – das war 1983. In jenem Jahr wurde Friederike Jacob in Freiburg geboren. Mit ihr ist der Verlag mit dem Kranich-Signet nun in den Wedding gezogen. Als sie im Januar 2017 von der drohenden Schließung der Friedenauer Presse hörte, war die Slawistin noch Pressesprecherin des Zürcher Verlags Kein & Aber, nachdem sie zuvor für Andreas Rötzer gearbeitet hatte, den Verleger von Matthes & Seitz Berlin.

Für die Friedenauer Presse kam die Rettung in letzter Minute, wie Friederike Jacob in ihrem Büro mit Blick in eine Baumkrone erzählt: „Ich war gerade noch in der Schweiz, als ich mit Andreas telefonierte, und wir sagten: ‚Es geht doch nicht, dass die Friedenauer Presse zumacht. Lass es uns noch einmal aufrollen. Und dann haben wir uns entschlossen, der Familie Wagenbach-Wolff ein Angebot zu machen. Nach einer Reihe von Gesprächen hatte sich ja keine Konstellation für die Fortführung ergeben. Wobei ich ehrlich sagen muss, dass uns wahrscheinlich auch die Gunst der letzten Stunde zufiel, denn wir waren sicherlich nicht die einzigen, die das gut hätten machen können.“

Differenziertes Bild von Osteuropa zeichnen

Friederike Jacob hält mit 70 Prozent die Mehrheit an der GmbH, die sie mit Andreas Rötzer gründete. Dessen Verlag kümmert sich um den Vertrieb, während Jacob zugleich ihre eigene Lektorin und Pressereferentin ist. Trotz ihrer Wertschätzung für den Förderer und Mentor Rötzer will sie keinesfalls wie ein Anhängsel von Matthes & Seitz wirken: „Besonders wichtig ist es mir, ein pluraleres und differenzierteres Bild von Osteuropa zu zeichnen. Wenn es so etwas wie eine Mission für mich gibt, dann diese. Daneben steht die Pflege des Erbes. Und dann muss man jetzt einfach auch mutig Bücher machen, statt den Totentanz zu tanzen.“ Sie empfindet es als Vorteil, die Buchbranche nie in ihrer blühenden Zeit kennengelernt zu haben: „Deswegen kenne ich nur das Empfinden, dass es nicht so einfach ist. Und jemand wie Andreas Rötzer zeigt ja, dass man es dennoch schaffen kann.“ Flankiert von drei Nachdrucken, hat sie die neuen Herbstbücher deshalb mutig in einer Auflage zu je 2000 Stück drucken lassen und mittlerweile 1200 Exemplare pro Titel an den Buchhandel ausgeliefert.

Nachdem 2013 Peter Urban gestorben war, der maßgebliche Entdecker und Übersetzer russischer Literatur, brach der gut 200 Titel umfassenden Friedenauer Presse im November letzten Jahres mit dem Tod des Illustrators Horst Hussel ein weiteres Standbein weg. Friederike Jacob hatte gehofft, die Zusammenarbeit mit ihm fortzusetzen. Stattdessen kam es nun zu dem türkis-braunen Bilderrahmen für Balzac, aquarellierten Federn für Debickis „Totenvogel“ und zu Diderots Sentenzen in Kornblumenblau. „Der Deutsche treibt sein Phlegma bis zur Erhabenheit“, bemerkte der Reisende Balzac. Die couragierte Friederike Jacob erscheint dazu als Widerspruch in Person.

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