• Vladimir Sorokins Roman „Manaraga“: Grillen auf den Klassikern der russischen Literatur

Vladimir Sorokins Roman „Manaraga“ : Grillen auf den Klassikern der russischen Literatur

Bücher verfeuern: Vladimir Sorokin schreibt mit „Manaraga“ das Tagebuch eines Meisterkochs, der auf kostbaren Erstausgaben Menüs bereitet.

Nicole Henneberg
Vladimir Sorokin, geboren 1955 in Bykowo bei Moskau.
Vladimir Sorokin, geboren 1955 in Bykowo bei Moskau.Foto: Arno Burgi/dpa

Kein anderer Schriftsteller wurde in Russland so angefeindet wie Vladimir Sorokin: Er war der erste und einzige Autor, der mehr als ein Jahrzehnt nach der Wende wegen Pornographie und Gewaltverherrlichung angeklagt wurde – die ultranationalistische Putin-Jugend versenkte seine Werke wechselweise in einer riesigen Pappmaché-Toilette oder verbrannte sie. Kein Zufall also, dass in seinem neuen Roman „Manaraga“ Bücher brennen. Die Idee zu diesem leicht erzählten, sehr vergnüglichen „Tagebuch eines Meisterkochs“, so der Untertitel, kam ihm allerdings in einem Restaurant in Berlin-Charlottenburg. Angesichts eines flammenden Pizzaofens dachte er an brennende Bücher und ihre unnütz verpuffende Wärme.

Wie alle seine Romane kreist auch dieser um eine zentrale Idee, die sich dank Sorokins Erzählkunst zu einem mitreißenden Abenteuer entfaltet. Sein Held Geza ist ein höchst professioneller und disziplinierter Kochkünstler, der um die Welt reist und auf kostbaren Erstausgaben puristische Menüs bereitet. Die Geschichte spielt im Jahr 2037, die Gutenberg-Ära ist zu Ende, und es werden keine Bücher mehr gedruckt – nur noch wenige Erstausgaben existieren in Museen und Bibliotheken, sorgsam als kulturelles Erbe gehütet. Ein weltweiter Hehler-Ring versorgt die Mitglieder der geheimen Bruderschaft der Book’n’Griller mit Material, ihre kulinarischen Abende sind sündhaft teuer und – kriminell. Das ist der besondere Kick, der den Genuss erhöht und seiner Klientel ihre je eigenen Projektionen in das Geschehen erlaubt: die gute alte Bourgeoisie genießt gesittet und schaudernd, die rumänischen Drogenbosse ballern aufgeregt um sich.

Fata Morgana auf einem Berggipfel

Geza, durch seine Familie fest in der europäischen Bildung verwurzelt, macht sich über seine Kundschaft keine Illusionen. Scheinbar ungerührt zelebriert er seine Show, ausgerüstet mit einem Koch-Schwert namens „Excalibur“. Er beglückt „Geldsäcke, Aristokraten, Politiker, Banditen und Schauspieler“, doch das elitäre Ritual bietet auch dem Koch Nervenkitzel und Genuss, nicht zuletzt den des Beobachtens – wir sehen das Geschehen durch seine Augen.

Nur ein bisschen hat Sorokin die Umrisslinien der gegenwärtigen Konflikte in die Zukunft verlängert und schildert mit schwarzhumoriger Härte und Lust an der Übertreibung eine Welt, die politisch in ein „gepflegtes Mittelalter“ zurückgefallen ist, sich aber avanciertester Technik bedient. Bayern etwa, wo eine Krisensitzung der Bruderschaft in einem Schloss Ludwigs II. stattfindet, ist jetzt ein blühendes Königreich mit einer Richtstatt an zentralem Ort, „vielleicht sind sie deshalb früher als alle übrigen Europäer mit den Islamisten fertiggeworden“. Dieses „muntere Völkchen von zupackender Art“ hatte Gezas vor christlichen und islamischen Fundamentalisten fliehenden Eltern Zuflucht geboten, weshalb er es mit mildem Blick betrachtet.

Sorokins Held ist zwar kein Russe, doch er grillt auf der klassischen russischen Literatur, und auch der Berg Manaraga, auf dem die Schurken sitzen, die sich nach Mafia-Art des Book’n’Grill – Geschäftes bemächtigen, liegt im russischen Nordural. In klassischen James-Bond-Bildern wird dieser Showdown erzählt, in typischer Sorokin-Manier also, der ein Meister der Genre- und Stilzitate ist, von Idyllen im Stil Turgenjews bis zu blutigen Science-Fiction-Erlösungsgeschichten. Die verfeinerte und gleichzeitig verrohte Welt nach einem großen Krieg gegen die Zweite Islamische Revolution, durch die er seinen Helden reisen lässt, setzt sich aus Vexierbildern zusammen: Brutale und zarte, groteske und nostalgische Elemente fließen stetig ineinander und schäumen momentweise so über, dass es sogar dem Erzähler Geza zu viel wird. „Willst du mich provozieren?“ herrscht er seinen „Floh“ an – ein Implantat, das seine Empfindungen und sogar seine Träume steuert.

In einer der schönsten Episoden, einer ironisch und sehr körperlich geschilderten Szene, bereitet er für einen feinnervigen Zoomorph, halb Mensch, halb Fuchs, in den Schweizer Bergen ein Stück aus dessen eigener Brust zu, gegrillt auf einem von diesem verfassten, kitschigen „Neuen Zarathustra“. Serviert wird in einer gläsernen Pyramide, einer Fata Morgana auf einem Berggipfel.

Bittere Dystopie, großes Vexierbild

Immer wieder tauchen in Sorokins Werk verhängnisvolle Speisen auf. In seinem zwischen 1979 und 1984 geschriebenen Erstling „Norma“ müssen die Sowjetmenschen täglich eine ekelhafte, braune Masse zu sich nehmen, die nur mit viel Wodka genießbar ist. Doch schon in den Erzählungen des „Zuckerkreml“ (2010) taucht eine weiche Droge auf, die sanfte Dauer-Euphorien erzeugt und alle Staatsbürger zu Gläubigen macht – besonders die Folterer sind der Süßigkeit verfallen. Book’n’Grill dagegen ist eine elegante und globale Luxusangelegenheit, doch sind ihre Wirkungen ähnlich verheerend: Die kümmerlichen Reste der großen Literatur werden auf elitären Partys verfeuert, deren Teilnehmer sich subversiv und gleichzeitig als die Herren der Welt fühlen – eine Überzeugung, die sie mit den Mafiosi aller Couleur teilen. Setzt man, wie Sorokin, Russlands Kultur mit seiner Literatur gleich, so verschwindet beides in diesem Roman buchstäblich in einem schwarzen Loch.

Liest man den Roman als bittere Dystopie, erweist er sich als großes Vexierbild. Die zentrale (und längste) Episode spielt in einem kalten Land, in dem ein Wiedergänger Tolstois von seiner schwierigen Jugend erzählt. Zur Erholung besohlt er in seinem großbürgerlichen Arbeitszimmer Schuhe. Komisch und traurig wirkt dieser Heilige, der auch Geza zu schaffen macht: Hier holt er sich eine böse Erkältung.

Vladimir Sorokin: Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs. Roman. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2018. 253 Seiten, 20 €.

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