„Vollblüter“ im Kino : Jung, privilegiert und hochgradig dysfunktional

Wohlstand verwahrlost: In Cory Finleys präzise inszeniertem Regiedebüt „Vollblüter“ planen zwei Teenager aus reichem Haus einen Mord.

Katrin Doerksen
Amanda (Olivia Cooke, l.) und ihre beste Freundin Lily (Anya Taylor-Joy) planen, den Stiefvater von Lily zu töten.
Amanda (Olivia Cooke, l.) und ihre beste Freundin Lily (Anya Taylor-Joy) planen, den Stiefvater von Lily zu töten.Foto: Paramount

Als der Kleinkriminelle Tim zum ersten Mal die Villa seiner Nachbarn betritt, ist im Hintergrund das „Ave Maria“ zu hören. Nicht als Anrufung der heiligen Jungfrau um Beistand, sondern eher als Flehen um die gesellschaftliche Unschuldsvermutung, die der materielle Reichtum automatisch mit sich bringt. Als einzige Figur in Cory Finleys Regiedebüt „Vollblüter“, die nicht aus einem guten Stall kommt, wirkt er mit seinen hochgesteckten Zielen wie ein hoffnungslos verirrter Junkie: nervös, mit blutunterlaufenen Augen. Er bringt ein Bewusstsein für ausbeuterische Strukturen in das sonst hermetisch abgeschlossene Universum des Films, in dem als normal nur durchgeht, wer jede emotionale Regung sorgfältig vor der Außenwelt abzuschotten weiß.

Im Zentrum von „Vollblüter“ stehen zwei Töchter aus der reichen weißen Suburbia von Connecticut, gespielt von Nachwuchsdarstellerinnen, die in zwei Indie-Sensationen der letzten Jahre ihren Durchbruch feierten: Olivia Cooke, bekannt als Krebspatientin aus „Ich und Earl und das Mädchen“, spielt Amanda, die nichts fühlt. Und Anya Taylor-Joy, die junge Frau aus dem historischen Horrorfilm „The Witch“, die übersensible Lily. Etwas muss in der Vergangenheit zwischen den beiden vorgefallen sein, doch was genau sie über ihre Labilität hinaus verbindet, bleibt lange Zeit völlig unklar. In jedem Fall scheinen sich hinter den von Sorgenfalten freien Stirnen düstere Gedanken zu verbergen. Denn obwohl sie sich ursprünglich zu Nachhilfestunden treffen, planen sie schon bald einen Mord an Lilys Stiefvater (Paul Sparks). Dafür kommt ihnen Tim (der 2016 verunglückte Anton Yelchin in einer seiner letzten Rollen), der selbst vom sozialen Aufstieg träumt, gerade recht.

Ein Gefühl der permamenten Bedrohung

„Vollblüter“ entzieht sich jeglichen durch Genrekonventionen verinnerlichten Identifikationsmustern. Weder fürchtet das Publikum um den undurchschaubaren Stiefvater, noch fiebert es mit den künftigen Täterinnen. Stattdessen hat man sich bald damit abgefunden, nichts und niemandem zu trauen – nicht den Absichten der Figuren, und auch nicht den eigenen detektivischen Instinkten, obwohl man anfangs noch bei jedem suggestiven Schnitt den wahren Bösewicht entlarvt zu haben meint. Die Hintergründe der Figuren, der Grad ihrer Psychopathie, bleibt letztlich genauso nebulös wie der Ursprung des Gefühls einer permanenten Bedrohung. Gegen wen richtet sich diese wirklich? Vielleicht ist es auch eine Eigenart des Hauses, in dem sich Lily und Amanda treffen. Mit ihren verwinkelten Gängen, Treppenhäusern und dem Solarium im Keller, das sich um seine Anwenderin schließt wie eine fluoreszierende Venusfliegenfalle ums Insekt, taugt die Villa auch zum Setting eines Splatterfilms.

Genau hier liegt die Stärke des Films: So vage er im Ausformulieren von Motiven und einer sozialen Kritik bleibt, so präzise ist Finleys Inszenierung. In vielen Szenen ist der Ton die entscheidende Erzählinstanz. Etwa wenn sich Lily und Amanda im Chat über Fotos austauschen, die – so viel versteht man, auch ohne sie zu sehen – Abscheuliches dokumentieren. Doch der Monitor steht von der Kamera abgewandt. Nach quälend langer Wartezeit ist es lediglich der Benachrichtigungston des Chatprogramms, der ihren Empfang signalisiert.

Diffuser Horror breitet sich im eigenen Kopf aus

Lilys leeres Gesicht beim Betrachten der Bilder bietet den Resonanzraum für die Schwingungen diffusen Horrors, die sich daraufhin im eigenen Kopf ausbreiten. Dann wieder füllt perkussive Musik die Stille: dissonante Klänge, der gutturale Kehlgesang der Inuit-Künstlerin Tanya Tagaq, der Schwindelgefühle auslöst, weil es beinahe unmöglich erscheint, dass etwas so organisch und gleichzeitig so wenig menschlich klingt.

Finley konzentriert sich in „Vollblüter“ auf einen sehr kleinen Ausschnitt der Gesellschaft – jung und immens privilegiert –, den er für offensichtlich hochgradig dysfunktional hält. Teenager, die sich nicht zu helfen wissen, weil sie einmal zu oft von ihren schwer beschäftigten Eltern an Institutionen weitergereicht wurden, um ihnen noch Vertrauen zu schenken. Die in ihrer eventuell sogar berechtigten Paranoia zu extremen Verhaltensweisen neigen. Gründe dafür sind in den Bildern lediglich angedeutet, auf die Spur geht ihnen Finley nicht. Er scheint sich völlig auf die Wirkung seines eigenen Blicks zu verlassen. Besonders für ein Regiedebüt ist „Vollblüter“ damit erstaunlich souverän inszeniert.

In elf Berliner Kinos, OmU: Babylon Kreuzberg, Central, FT am Friedrichshain, International, Kulturbrauerei, Moviemento, Odeon. OV: Cinestar Sony Center, Delphi Lux, Rollberg

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