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Mit viel Pomp wurde das Kulturjahr am vergangenen Samstag eröffnet.
© dpa

Mons: eine Kleinstadt macht sich Hoffnung: Wallonien in Wallung

Mons, Europas belgische Kulturhauptstadt 2015, möchte mit dem Titel aus seiner schweren Krise kommen – und schwelgt zugleich in der Vergangenheit.

Natürlich war das belgische Königspaar nach Mons gekommen, um das europäische Kulturhauptstadtjahr in der Kollegienkirche St. Waltrudis würdig zu beginnen. Was für ein großer Bau doch diese Kathedrale ist, für eine Stadt von heutzutage um die 100 000 Einwohner! Einst war ein Kirchturm von sage und schreibe 191 Meter Höhe geplant, aber das Geld ging aus, und die Schlusssteine im Kirchengewölbe aus dem Jahr 1580 bezeugen das Ende der großartigen brabantisch-gotischen Bautätigkeit.

Es ist diese Vergangenheit, an die sich Mons – der flämische Name der Stadt ist Bergen – am liebsten erinnert. Die jüngere Vergangenheit als Hauptort des Bergbaugebiets Borinage hingegen scheint demgegenüber aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden zu sein. Dabei war es dieser Landstrich, da die Industrialisierung des Kontinents nach dem Vorbild Englands im 19. Jahrhundert begann. Kohle wurde aus dunklen Flözen gebrochen und in Stahlwerken verfeuert, es herrschte unbeschreibliches Elend und daneben der Protz neureicher Kohlenbarone. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ging es mit der Industrie rapide bergab, und Wallonien, der französischsprachige Teil Belgiens, verkam zum Armenhaus des Landes.

Für Mons bedeutet das Kulturjahr einen geradezu existentiellen Schub

Vor zehn Jahren nahmen sich ehrgeizige Lokalpolitiker, an der Spitze der mehrjährige belgische Ministerpräsident und Bürgermeister seit 2001, Elio Di Rupo, das nahe französische Lille, Kulturhauptstadt 2004, zum Vorbild und arbeiteten auf den Titel hin. Ihn gewann Mons gegen durchaus gewichtigere belgische Konkurrenz. Was in Metropolen wie Berlin (1988) oder Paris (1989) als Extraportion zum ohnehin reichen Kulturangebot durchging, bedeutet für eine um ihre Zukunft ringende Stadt wie Mons einen geradezu existenziellen Schub. Ähnliches gilt für Pilsen in Tschechien, das sich mit Mons den europäischen Titel 2015 teilt.

Als Folge der De-Industrialisierung – im näheren Umkreis der Stadt erinnert nichts mehr an die rauchgeschwängerte Vergangenheit – blieb der Stadt eine konstant hohe Arbeitslosenrate. Wenn dann noch die jungen Leute nach Abschluss ihrer Ausbildung abwandern, stellt sich die Frage nach einer tragfähigen Perspektive in aller Dringlichkeit. Die Stadt meint sie in der Kombination von „technologischer Innovation und Kultur“ gefunden zu haben; nicht eben originell, sondern ein gängiges Begriffspaar, wenn sonst nichts greifbar ist. Das Gewerbegebiet jenseits der Bahngleise wird als „Digital Innovation Valley“ vermarktet, das immerhin an die 3000 Arbeitsplätze generiert hat.

Routinierte Kulturmanager werfen die Highlights im Stakkato hin

Mit viel Pomp wurde das Kulturjahr am vergangenen Samstag eröffnet.
Mit viel Pomp wurde das Kulturjahr am vergangenen Samstag eröffnet.
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Zum Eröffnungswochenende zeigte sich die Vermählung von Technologie und Kultur lediglich in den zahllosen Installationen, die zu solchen Volksfest-Anlässen üblich sind, wie etwa roboterhaft bewegte Skulpturen an hohen Drähten oder ein beleuchteter Heliumballon im Mittelschiff der Kollegienkirche, und natürlich an jeder Menge flackernder, flimmernder Scheinwerfer im Gleichtakt zu durchdringender Beschallung. Und zum Abschluss ein gewaltiges Feuerwerk.

Ein Feuerwerk von Veranstaltungen sieht der Kalender der kommenden elf Monate vor. 25 „Highlights“, 300 „Events“ und weitere 1000 „Kulturelle Aktivitäten“ wurden den aus aller Welt eingeladenen Journalisten – darunter eine kopfstarke Delegation aus China – von rotinierten Kulturmanagern im Stakkato hingeworfen. Zur Eröffnung tummelten sich tausende Bürger in silbrigen Umhängen auf den Straßen rund um den namengebenden Berg oder besser Hügel, der vom Wahrzeichen der Stadt, dem 87 Meter hohen barocken Belfried bekrönt wird. Ohne solche Mitmachveranstaltungen geht heutzutage nichts mehr.

Eine Van Gogh-Ausstellung bietet eine neue Sicht auf das Werk des überstrapazierten Malers

„Nachhaltigkeit“ ist ein weiteres Stichwort, mit dem natürlich auch Mons punkten kann. Ein nagelneues Kongresszentrum, von Daniel Libeskind in gewohnter, pseudo-wagemutiger Architektursprache auf die Gewerbeseite der Stadt gestellt, soll Konferenzen aus dem 60 Kilometer entfernten Brüssel herüberziehen. Auf den neuen Bahnhof von Santiago Calatrava – der diese Bauaufgabe bereits in Lüttich bewältigen durfte – muss indes noch bis 2017 gewartet werden, da sind gerade einmal die Bahnsteigzugänge im Rohbau zu sehen. Die Altstadt hat ihre zurückhaltende und sehr gelungene Re-Urbanisierung zum Glück hinter sich.

Es gibt aber auch Gewichtiges. Das Kunstmuseum der Stadt bietet mit der Ausstellung „Van Gogh im Borinage: Die Geburt eines Künstlers“ eine Sicht auf das Werk dieses überstrapazierten Malers, die tatsächlich neue Erkenntnisse vermittelt. Sie legt die Wurzeln der Kunst van Goghs frei, die hier in der Industriegegend des Borinage liegen. Vincent van Gogh (1853–1890) kam Ende der 1870er Jahre als Laienprediger ins Borinage und suchte sich der Armut seiner erwählten Gemeinde anzuverwandeln. Das ging alles furchtbar schief, van Gogh versank in Depression, bis ihm sein lebenstüchtiger Bruder Theo zur Kunst riet.

Vincent folgte dem guten Rat widerstrebend, fand sich dann über fleißiges Kopieren vorwiegend von Arme-Leute- Malerei doch hinein. Was die Ausstellung an knapp 90 höchst kundig ausgewählten Gemälden und Zeichnungen belegt, ist der bislang übersehene Umstand, dass van Gogh den Sujets seiner elenden Tage in Mons über die ihm verbleibenden zehn Künstlerjahre außerordentlich treu blieb. Die Häuser und Hütten der Armen, die „Typen“ des Bauern, des Bergmanns, der Arbeiterfrau – diese Sujets tauchen immer wieder auf, bis hin zu einem so großartigen, reifen Gemälde wie den „Häusern in Auvers“, die kurz vor dem Freitod 1890 an seinem letzten Aufenthaltsort in Frankreich entstanden. Was sich hier in expressiver Malweise zeigt, sind eben die Arbeiterbehausungen des Borinage, denen sich der suchende Vincent auf der zartfarbigen, aquarellierten Zeichnung von 1879 mit der Ansicht einer Kokerei – einer der ganz wenigen erhaltenen Arbeiten jener Zeit – noch geradezu schüchtern nähert .

Also, auch Vincent van Gogh könnte zu den „Superstars“ von Mons gezählt werden, denen eine abgesehen vom albernen Titel einfallsreich inszenierte Ausstellung im Alten Schlachthof huldigt. Da gibt es Geologen und Geografen, Arbeiterführer, Seuchenbekämpfer und den Komponisten Roland de Lassus, 1532 im damals burgundischen Mons geboren und unter seinem italienisierten Namen Orlando di Lasso bekannt. Er starb 1594 in München und hinterließ ein gewaltiges Œuvre von rund 2000 Kompositionen, von denen einige wenige in der Ausstellung in einer Schallkammer ertönen, verteilt auf acht Lautsprecher, um die feinen Stimmführungen hörbar zu machen.

Da kann man ihn dann nebenbei nachfühlen, den „Stolz“, den „Wallonien und seine Bürger“ mit dem Kulturhauptstadtjahr zurückgewinnen sollen. Wenigstens dafür müssen die 70 Millionen Euro gut sein, die Mons allein für die „Events“ seines Hauptstadtjahres ausgeben will.

www.mons2015.eu, Ausstellung „Van Gogh im Borinage“ bis 17. Mai, Katalog 39 €

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