War der russische Komponist Michail Glinka ein Antisemit? : Liebe zum Feind

U-Bahn Glinkastraße statt Mohrenstraße? Zum Umbenennungsstreit ein Blick auf die Vita des Komponisten und seine keineswegs ultranationalistischen Opern.

Alexej Parin
ie Glinka-Oper „Ruslan and Ludmilla“ unter Regie von Dmitri Tscherniakov lief 2011 zur Wiedereröffnung des Bolschoi-Theaters in Moskau und machte Skandal.
ie Glinka-Oper „Ruslan and Ludmilla“ unter Regie von Dmitri Tscherniakov lief 2011 zur Wiedereröffnung des Bolschoi-Theaters in...Foto: AFP/ Alexander Nemenov

Im Namensstreit um die Berliner U-Bahn-Station Mohrenstraße hat die BVG vorgeschlagen, sie in Glinkastraße umzutaufen. Eine Idee, die wieder verworfen wurde, kaum dass Antisemitismus- und Nationalismusvorwürfe gegen den russischen Komponisten Michail Glinka (1804 – 1857) laut wurden. Aber wer war Glinka eigentlich, und wofür steht sein Werk?

Glinkas 1836 in St. Petersburg uraufgeführte Oper „Ein Leben für den Zaren“ wird gerne als erste russische Oper bezeichnet. Aber das ist nicht ganz richtig, denn Opern in russischer Sprache, und gar nicht so schlechte, gab es schon vorher. So spielte man im 19. Jahrhundert in Moskau und St. Petersburg patriotische Werke von Catterino Cavos, große pathetische Opern von Alexei Werstowski oder lyrische Schmankerl von Alexander Aljabjew, Märchenopern mit Wassernixen. Aber erst bei „Ein Leben für den Zaren“ atmeten die russischen Intellektuellen auf: Da ist sie, die russische Oper!

Das Besondere an der Geschichte über einen einfachen Bauern, der sein Leben für den Zaren opfert, ist die direkte Gegenüberstellung von Russland und Europa. Hier singt Russland, in langgezogenen Melodien und manchmal so schwermütig, als trüge es sich selbst zu Grabe. Und dort tanzt Europa, in Gestalt von Polen, auf Spitze, zu einer Musik von wilder Schönheit und unbändiger Energie.

Die russischen Zuschauer liebten vor allem den zweiten Akt mit den polnischen Tänzen, aber sie bemühten sich, das nicht durch allzu übermäßigen Applaus zu zeigen. Dabei interessierte sich Russland damals gar nicht sonderlich für Polen. Der Feind war vielmehr das napoleonische Frankreich, das 1812 ins Land gekommen war. Ausgerechnet in ein Land, dessen Aristokratie untereinander fast nur französisch sprach, weil das Französische als das Beste schlechthin galt (man denke nur an die ersten Szenen von Tolstois „Krieg und Frieden“).

Spiel mit Nationalismen: Glinka schuf kühne, moderne Opern

Die Liebe zum Feind, die Fähigkeit des russischen Volkes, das Interessante aus dem Fremden zu übernehmen, davon kündet Glinkas Musik. Sie findet sich auch anderswo: Puschkin zum Beispiel, dessen Werke als Libretto-Vorlagen damals besonders beliebt waren und der auch die Vorlage zu Glinkas bekanntester Oper lieferte, „Ruslan und Ludmilla“, lässt sich gerade deshalb so schwer in europäische Sprachen übertragen, weil die europäische Verwurzelung in seinen Werken immer wieder durchscheint.

Ein Denkmal für den russischen Komponisten Michail Iwanowitsch Glinka in Tilsit.
Ein Denkmal für den russischen Komponisten Michail Iwanowitsch Glinka in Tilsit.Foto: imago/imagebroker

Tschaikowsky wunderte sich später, wie der Dilettant Glinka, der auf dem Klavier klimperte und zunächst nur banale Quadrillen schrieb, mit 32 Jahren plötzlich eine Oper wie „Ein Leben für den Zaren“ schaffen konnte, deren Genialität und Modernität den Meisterwerken seiner Zeit in nichts nachstand. In „Ruslan und Ludmilla“ von 1842 ging Glinka noch einen Schritt weiter. Neben einer handfesten Intrige samt komplexer Gedanken zum Nationalismus schuf er in dieser Märchenoper ein grandioses Fresko, das an Mozart und Gluck, Beethoven und Weber erinnerte. Der Musiktheoretiker Boleslaw Jaworski spricht davon, dass Glinka mit allergrößter Genauigkeit gearbeitet habe und klassisch-romantische Kunstgriffe verwandte.

Trotzdem wurde Glinka für die russische Musik nicht „unser Ein und Alles“, so wie Puschkin für die Literatur. Denn die psychologische Oper von Tschaikowsky, Mussorgsky, Borodin und RimskiKorsakow hatte ihm den Rang abgelaufen.

Ein Kind seiner Zeit: Gogol und Dostojewskij waren vergleichsweise eifrige Antisemiten

Glinka war eine nonchalante, attraktive Erscheinung, ein vielseitig interessierter Künstler. Was seinen Antisemitismus betrifft, so steckte dieser als alltägliches Phänomen all seinen Zeitgenossen in den Knochen. Was ihn nicht harmloser macht, den spezifischen Antisemitismus des Berliner Straßennamensgebers jedoch relativiert. Die diffamierende Bezeichnung „Jid“ war damals in aller Munde, in Puschkins Tragödie „Der geizige Ritter“ heißt der Wucherer so. Aber während Nikolai Gogol und Fjodor Dostojewskij vergleichsweise eifrige Antisemiten waren, lagen dem gutmütigen und großmütigen Glinka solche Denkweisen fern.

In seinen letzten Lebensjahren interessierte sich der Komponist besonders für Bach und Gluck, die er in Berlin bei Siegfried Dehn studierte. Mit einem dritten Bühnenwerk wollte er die russische Oper noch fester in Europa etablieren. Aber dazu kam es nicht mehr - Glinka starb 1857 in Berlin, an den Folgen einer Erkältung.

Eine Gedenktafel für Glinka in Berlin Mitte.
Eine Gedenktafel für Glinka in Berlin Mitte.Foto: imago/Joko

Glinkas Werke werden heute wenig gespielt. Dmitri Tcherniakov hat seine beiden Opern zuletzt in Russland inszeniert, „Ein Leben für den Zaren“ 2004 im Mariinsky Theater mit Valeri Gergiev am Pult. Dabei begriff der junge Regisseur die Situation des Feindes eher als inländisches, nationales Problem: Der „polnische Akt“ spielt im Kreml, die Lebenswelt des Bauern Sussanin wird halb abstrahiert.

Zur Wiedereröffnung des restaurierten Bolschoi-Theaters 2011 setzte Tcherniakov „Ruslan und Ludmilla“ in Szene, es dirigierte Wladimir Jurowski. Der Regisseur erlaubte sich einige Kühnheiten, wilde Zeitsprünge und nackte Haut auf der Bühne, weshalb die Aufführungen von „Skandal!“-Zwischenrufen begleitet waren. Schnell setzte das Bolschoi die mutige Inszenierung ab, und als der Londoner Covent Garden sie übernehmen wollte, stellte es sich heraus, dass man das Bühnenbild verbrannt hatte. Zum Wohle des Vaterlandes.
Von Alexej Parin, geb. 1944, erschien auf Deutsch zuletzt eine Biografie der Mezzosopranistin Jelena Obraszowa (Hollitzer Verlag).

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