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Blick in Leon Kahanes Ausstellung in der Galerie Nagel Draxler
© Galerie Nagel Draxler

Plakate aus der DDR: Was hat Opa sich dabei gedacht?

In der Galerie Nagel Draxler unterzieht Leon Kahane das politische Erbe seiner Familie einer Revision.

Eine Frau hat also die Galerie Nagel Draxler betreten, ihrer Empörung Ausdruck verliehen und verlangt, das Bild gegenüber der Eingangstür abzuhängen. Unverzüglich. Steht da doch, in Versalien und mit großer Laufweite, „Faschismus“ geschrieben. Und das in dem Teil Berlins, der einmal die Hauptstadt der DDR war. In der ist sie großgeworden, erklärt sie, als Antifaschistin. Auch der Versuch der Galeristen, ihr zu bedeuten, dass hier keinesfalls faschistische Propaganda betrieben werden solle; dass es sich bei dem Bildgegenstand im Gegenteil um den abgerissenen Teil eines politischen Plakats aus der jungen DDR, also eben gerade um antifaschistische Propaganda handle, konnte die Frau nicht beruhigen.

Das Bild hängt immer noch. Dieses und acht weitere. Alle zeigen sie ursprünglich A4-große, auf das Maß von 200 x 135 cm vergrößerte (und auf Alu-Dibond aufgezogene, zu je 8000 Euro offerierte) Ausrisse aus DDR-Propagandaplakaten. Man kann die Texte nur ausschnittweise lesen: Sie handeln von Volk und Revolution, Opfer und Faschismus, vom Frieden in der Welt. Es gibt rein typografische Designs und solche, die außer der Textbotschaft auch etwas abbilden: eine Taube, eine Weltkugel oder den Schattenriss eines historischen Schiffs. Zusammen mit dem Textfragment „Revolution 1918-1958“ kann man sich erschließen, dass da wohl auf den Kieler Matrosenaufstand rekurriert wird. Aber warum der Betrachter sich mit dem noch dazu verdrehten Ausriss begnügen soll, warum das Werk „Verteidiger“ betitelt ist: Das versteht er nicht, auch wenn er sich mehr Zeit nimmt als die empörte Frau.

So ist das mit der Konzeptkunst. Es gibt einen Kontext, den man kennen muss, um zu verstehen. Eine Geschichte dahinter. Und die geht hier so: Der Künstler ist Leon Kahane. Er ist der Enkel von Max (Leon) Kahane. Kahane war eine Art Ikone der DDR, SED-Mitglied, ausgezeichnet mit dem Vaterländischen Verdienstorden. Er hatte den Faschismus in den Internationalen Brigaden und später in der Résistance bekämpft. Er berichtete als Journalist über den Eichmann-Prozess und die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse.

[Galerie Nagel Draxler. Weydingerstr. 2/4; bis 3. 9., Di–Fr 11–18, Sa 12–18 Uhr]

Die umfangreichen Akten, die er zu diesen Prozessen angelegt hatte, tauchten 2014 im Archiv des Deutschen Historischen Museums auf, in dem sich Kahanes Nachlass befindet. Sie wurden Teil der Schau „1945 - Niederlage. Befreiung. Neuanfang“. Nun hat der Enkel die Akten noch einmal gesichtet, nicht mit dem Auge des Historikers, sondern des Künstlers. Aufgefallen ist ihm dieses interessante Detail: Dass nämlich der Großvater zu den Akten einen Index angefertigt hat. Das bezeugt seine Sorgfalt. Aber dass er die Index-Nummern nicht auf irgendwelches Papier notierte, sondern auf die Rückseiten politischer Plakate, die er zu Deckblättern in in A4-große Teile gerissen hatte.

Man kann nun, wie offenbar Leon Kahane, der mit diesen Ausrissen seine Ausstellung konzipiert hat, in der bewusst (oder unbewusst?) zweckwidrigen Verwendung der Plakate durch den Großvater einen Akt der stillen Subversion, des klammheimlichen Widerspruchs, des ganz privaten Widerstands nun nicht mehr gegen den Faschismus, sondern gegen das vermeintlich bessere, das vorgeblich antifaschistische Deutschland sehen, die DDR. Für die Max Kahane sich aus freien Stücken entschieden und in der er eine so prächtige Karriere hinlegte? Woraus könnte sich sein Unbehagen gespeist haben?

Leon Kahane schreibt dazu im Text zur Ausstellung: „Meine Großeltern, die als Juden den Holocaust überlebten, waren vor Pogrom und Vergasung geflohen, wehrten sich aber und kämpften im Widerstand. Beide überlebten französische Deportationslager. Es waren nur wenige Menschen in der DDR, die tatsächlich eine Widerstands- oder Opfergeschichte hatten. Für die generelle Selbstentlastung und Selbstbehauptung der DDR wurden diese Biografien benutzt. Die Plakate sind der ästhetische Ausdruck des politischen und kulturellen Selbstverständnisses, welches die Selbstbehauptung als antifaschistischen Staat legitimieren sollte. Eine ernsthafte Aufarbeitung (...) der eigenen NS-Vergangenheit blieb aus."

Hat der Großvater tatsächlich so gedacht? Oder ist das nur die Analyse des Enkels, mehr als 30 Jahre nach dem Ende der DDR? In jedem Fall hätte die empörte Frau dann ganz richtig begriffen, dass die Ausstellung der DDR und ihrem antifaschistischen Gründungsmythos nicht eben ihren Respekt erweisen will. Denn den hat sie sich, da ist Leon Kahane ganz unkünstlerisch unzweideutig, schlicht nicht verdient.

Jens Müller

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