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Was darf ich für mich behalten, was soll ich erzählen? Das Umschlagcover stammt von Stefanie Jeschke.
© Dragonfly Verlag

Das Zusammenlesebuch "Psst! Gute und schlechte Geheimnisse": Wenn Kinder Geheimnisse haben

Kinder haben das Recht auf Privatsphäre. Aber was, wenn ihnen etwas angetan wird? Diese vom Kinderschutzbund mitherausgegebene Geschichten-Anthologie kann hilfreich sein.

Manchmal machen sie Schmetterlinge im Bauch und lassen einen himmelhoch jauchzen. Oder sie stecken wie ein Kloß im Hals und verursachen Magengrimmen. Ein Geheimnis, heißt es einmal in diesem Buch, ist der Schuhkarton unterm Bett, der enthält, was man noch zähmen möchte. Geheimnisse sind oft größer als man selber, unsichtbar und schrecklich aufregend. Ganz flattrig machen sie einen. Aber sie machen auch Angst, sorgen für schlaflose Nächte.

Es ist nicht einfach mit den Geheimnissen. Jeder hat ein Recht darauf: So wie Erwachsene nicht in den Taschen und Schubladen anderer Erwachsener wühlen dürfen, darf Mama auch nicht einfach in Lenis Tagebuch blättern. „Kein Kind darf willkürlichen oder rechtswidrigen Eingriffen in sein Privatleben (…) ausgesetzt werden“, heißt es in Artikel 16 der UN-Kinderrechtskonvention.

Eltern dürfen ihre Kinder nicht drängen, ihr Innerstes preiszugeben. Es gibt allerdings auch schlechte, böse Geheimnisse, die unbedingt gelüftet gehören.

Was zum Beispiel soll Frankie tun, als sein Freund Lars plötzlich ein blaues Auge hat und nicht sagen will, was passiert ist? Hält sich Emma an ihr Schweigegelübde, als sie erfährt, dass Max am nächsten Tag von Finn und seinen Kumpels verkloppt werden soll? Und was, wenn Taube, dieser Monstervogel, dem kleinen Bruno mit seinen Dunkelfedern den Atem abschnürt, oder wenn Nanouk im Sorgenwald von Geheimnisvollhausen dem Mopper begegnet und ihre Wangen hinterher grau sind?

Geschichten von Mobbing und Solidarität, Gewalt und Scham

Felix ist neu in der Stadt und in der Schule, er muss Pfützenwasser und ein verschimmeltes Pausenbrot verzehren, damit er zu den Eingeweihten gehört. Soll er das für sich behalten? Gibt es überhaupt wen, mit dem er darüber reden kann?

Geheimnisse bedeuten oft eine Gratwanderung im Zusammenleben von kleinen und großen Menschen. Die in Kooperation mit dem Kinderschutzbund entstandene Anthologie „Psst! Gute und schlechte Geheimnisse“ versammelt elf Kurzgeschichten, sechs Gedichte und einen Song, die bei dem Balanceakt helfen können. Es sind Geschichten von Mobbing und Solidarität, von häuslicher und sexualisierter Gewalt, Schwüren und Scham, Versprechen und Vertrauen, lauernden und schreienden Ungerechtigkeiten, gebotener Nähe und dem Recht auf Distanz.

[Behalten Sie den Überblick: Jeden Morgen ab 6 Uhr berichten Chefredakteur Lorenz Maroldt und sein Team im Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint über Berlins wichtigste Nachrichten und größte Aufreger. Kostenlos und kompakt: checkpoint.tagesspiegel.de]

Der Dichter Franz Wittkamp macht sich einen Reim darauf, dass Fotos zwar Gesichter zeigen, aber nicht die Gedanken. Die mal coolen, mal poetischen, oft tragikomischen, mitunter auch überdeutlich didaktischen Beiträge stammen von namhaften Kinder- und Jugendautor:innen und Illustrator:innen. Isabel Pin („Die Geschichte vom kleinen Loch“), Stefanie Taschinski („Familie Flickenteppich“) oder Zoran Drvenkar („Die Kurzhosengang“) gehören dazu. Und die Herausgeberinnen Andrea Russo und Christin-Marie Below, die selbst Mutter und Tochter sind.

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In Belows Erzählung ist das Psst ein flauschiges Kleintier. Auf den Bildern von Axel Scheffler, dem Mitschöpfer des Grüffelo, ist der Wald Schauplatz des Heimlichen wie des Unheimlichen. Ob zwei Brüder sich vor den ewig streitenden Eltern im Gestrüpp des Ferienhausgartens in die Fantasiewelt von Sandkasien flüchten oder Ibo sich endlich traut, den rosa Rock seiner Schwester auch in der Schule zu tragen, immer wieder geht es um das Recht darauf, zu sein, wer man will. Darum, sich nicht bedrängen zu lassen, sich zu wehren, wenn die Großen übergriffig oder übermächtig werden.

[Der Geschichtenband "Psst! Gute und schlechte Geheimnisse" ist beim Hamburger Dragonfly Verlag erschienen, Mitherausgeber ist der Kinderschutzbund. 2022, 208 S.,16 €. Ab 6 Jahre]

Ergänzt werden die Texte um Tipps für die Eltern, außerdem gibt es Schreib- und Malseiten für die jüngeren Leser:innen, Hilfs-Adressen und -Telefonnummern.

Raushalten oder sich einmischen und etwas verraten, es ist oft eine knifflige Frage. „Psst!“ würdigt die Aufmerksamkeit und den Mut derer, vor allem der Kinder, die den Mund aufmachen, wenn Hilfe not tut. So sagt der achtjährige Frankie zur Mutter von Freund Lars, dass eine Entschuldigung (wegen des blauen Auges) manchmal nicht reicht. Und er krakelt in sein Notizbuch: „Imma wen sich eina fürchted mus ein andara tapfa sein“. Tolles Motto, für jedes Alter.

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