Werkverzeichnis von Hans Grisebach : Wohnen ist Kunst

Ein neuer Band von Claudia Kromrei verzeichnet alle Bauten des großen Berliner Architekten Hans Grisebach. Jetzt wird das Buch in Berlin vorgestellt.

Schieres Behagen. Der Eingang der 1892 bezogenen Villa Grisebach in der Charlottenburger Fasanenstraße.
Schieres Behagen. Der Eingang der 1892 bezogenen Villa Grisebach in der Charlottenburger Fasanenstraße.Foto: aus dem Buch

„Villa Grisebach“ ist einer der im Kulturleben Berlins geläufigsten Namen. Er leitet sich von dem Haus in der Charlottenburger Fasanenstraße her, ist aber durch das Auktionshaus gleichen Namens weit bekannter als durch das Gebäude selbst.

Dabei ist es genau dieses Gebäude, in dem das Œuvre des Architekten Hans Grisebach kulminiert. Er hat es 1892 als sein eigenes Wohnhaus errichtet. Das Besondere dieses Entwurfs ist dem heutigen Betrachter nicht mehr gleich ersichtlich, fehlen doch fast vollständig die Vergleichsbauten der Kaiserzeit, gegen die sich dieses Wohnhaus abhebt.

Alle Bauten und Entwürfe sind enthalten

Am heutigen Dienstagabend stellt im Haus selbst Claudia Kromrei ihr Buch „Hans Grisebach. Ein Architekt und sein Werk“ vor, das erstmals einen vollständigen Überblick über das Schaffen des im Revolutionsjahr 1848 geborenen und 1904 allzu früh verstorbenen Architekten bietet. Die in Bremen und St. Gallen lehrende Architekturhistorikerin legt ein kommentiertes Verzeichnis aller Bauten und Entwürfe vor.

Die „Villa Grisebach“ nimmt darin nur einen Platz unter 49 vorgestellten Bauten ein. Hans Grisebach, geboren und aufgewachsen in Göttingen als Sohn des berühmten Botanikers August Grisebach, studierte an der Polytechnischen Schule Hannover und verbrachte weitere Lehrjahre als Assistent damals bekannter Architekten sowie auf Reisen, ehe er sich 1880 in Charlottenburg niederließ.

Gleich sein erstes Gebäude, ein Wohn- und Geschäftshaus in der Friedrichstraße der Reichshauptstadt Berlin, brachte ihm Aufmerksamkeit und Anerkennung. Von da an zieht sich eine gleichmäßige Kette von Entwürfen vorrangig für Wohnhäuser und Villen bis zum frühen Tod 1904.

Max Liebermann lobte Hans Grisebachs Stil

Die Art der Aufträge für eine wohlhabende Klientel spiegelt die rasch zunehmende Prosperität des Deutschen Reiches. Erst auf diesem Hintergrund wird Grisebachs Eigenart und Leistung erkennbar. Denn anstelle des gängigen Historismus – der vielfach gedankenlosen Verwendung historischen Dekors – entwirft Grisebach in zwar historischen, aber aufs Genaueste erfassten Formen, die er in der Anlage seiner Entwürfe zu etwas Neuem führt.

„In der so seltenen Vereinigung von ursprünglichem Talent und höchster Kultur liegt das Charakteristische von Grisebachs künstlerischer Persönlichkeit“, schreibt kein Geringerer als Max Liebermann 1916 in einem Gedenkartikel. Mit dem Maler war Grisebach gut bekannt, für ihn hat er die berühmte, von Liebermanns Selbstbildnis im Atelier bekannte Aufstockung des Palais neben dem Brandenburger Tor geschaffen, und auf dessen Direktauftrag hin das temporäre Ausstellungsgebäude der Berliner Sezession an der Kantstraße von 1902.

[Buchvorstellung mit Cl. Kromrei und Hans Kollhoff in der Villa Grisebach, Fasanenstr. 25. Dienstag, 14. Januar, 18 Uhr.]

Diese beiden Entwürfe allein würden genügen, Grisebach einen Platz in der Kunstgeschichte Berlins zu sichern. Sein meistgenutztes Bauwerk allerdings ist gewissermaßen anonym:  der idyllische Hochbahnhof Schlesisches Tor von 1902. Die leicht gekurvte Gleisführung wird durch das beidseitige Bahnhofsgebäude elegant gefasst, die unregelmäßige Form des Bauwerks durch den Vorbau einer Gastwirtschaft (dem heutigen Club Bi Nuu) überspielt.

Mittelpunkt der Wohngebäude ist eine zweigeschossige Halle

Wiewohl diese unaufdringliche, vom Betrachter als ganz selbstverständlich empfundene Eleganz hier so kennzeichnend ist wie in nur irgendeinem Entwurf Grisebachs, sind doch zwei Gebäudetypen für ihn charakteristisch, für die es in Berlin kein Vorbild gab: das gereihte Wohnhaus in Blockrandbebauung – wie die „Villa Grisebach“ – und das städtische Wohnhaus mit übereinander liegenden, mehrgeschossigen Wohnungen, heute als „Maisonettes“ geläufig.

Mittelpunkt aller Wohngebäude ist stets eine zweigeschossige Halle, von der die weiteren Räume ausgehen. Es versteht sich, dass solcher Luxus auf die happy few beschränkt bleiben musste, deren ökonomisches Fundament wenig später im Weltkrieg zerstob.

Hans Grisebach steht am Übergang vom Historismus zur neuen Baukunst, wie sie nach 1900 bei Alfred Messel und Peter Behrens sichtbar wird. Deren Monumentalität und kompromisslose Bejahung des Neuen wären ihm fremd gewesen. Er war in vollem Wortsinne Baukünstler, ein Veredler des Lebens vermittels der aufs Höchste gesteigerten Ästhetik des Wohnens.
Claudia Kromrei: Hans Grisebach. Ein Architekt und sein Werk. Verlag Niggli, Salenstein (CH) 2020. 294 S. m. 233 Abb., 39,90 €.

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