Wilder Westen in der Bar jeder Vernunft : Weiber sind die besseren Kerle

"Die fünf glorreichen Sieben" ist ein krachledernes Spektakel, bei dem ein Haufen grandioser Frauen das Macho-Genre Western auf die Schippe nimmt.

Die Herren Damen (von links) sind Andreja Schneider, Katharina Thalbach, Anna Fischer, Anna Mateur und Meret Becker
Die Herren Damen (von links) sind Andreja Schneider, Katharina Thalbach, Anna Fischer, Anna Mateur und Meret BeckerFoto: dpa/Britta Pedersen

Weiber sind einfach die besseren Kerle. Ein ewiger Verdacht, der sich am Premierenabend der Westernpersiflage „Die fünf glorreichen Sieben“ Freitagabend in der Bar jeder Vernunft endgültig bestätigt. Da bringt das All-Star-Komikerinnen-Ensemble eine physisch derart überzeugende Truppe von Desperados auf die Bühne, dass die selige Diane Torr daran ihre helle Freude hätte.

Die vor zwei Jahren viel zu früh in die ewigen Jagdgründe eingegangene schottische Performance-Künstlerin wurde als Drag King mit ihren „Man for a day“-Workshops berühmt, in denen sie weltweit als Männer ausstaffierte Frauen auf die Straße schickte.

Prompt veränderte sich mit Bart und Montur auch die Gestik und Präsenz der Frauen. Sie wurden sichtbarer, autoritärer, raumgreifender. In Bars nahmen Männer sie als Kumpel und Frauen sie als Flirtobjekt war. Eine verblüffende Eins-zu-eins-Wirkung des subversiven Crossdressings, die beim Anblick der Schnäuzer-bewehrten Ladies auf der Showbühne ebenfalls den Impuls weckt, sich einen eigenen Damenbart stehen zu lassen.

Der Drei-Tage-Bart, den Anna Mateur in der Rolle des fliegenden Händlers Bud Butterfahrt trägt, steht  ihr, äh, ihm aber auch besonders gut. Die Komikerin und Sängerin ist in den vergangenen und kommenden Monaten auch mit ihren Soloshows häufiger im Berliner Spiegelzelt anzutreffen als in ihrer Heimatstadt Dresden, und bestätigt einmal mehr ihren Ruf als heißeste Röhre im deutschen Musikkabarett. 

Die Idee stammt von Andreja Schneider und Lutz Deisinger

Mit ihrem Wumms kann stimmlich nur Anna Fischer mithalten, die als Frontfrau der Band Panda die Stimmbänder gestählt hat. Ihr Cover des Cher-Hits „Halfbreed“ fällt hinreißend funky aus. Und ihre Rolle als “Halbblut“ Chico, das als Sohn einer Cherokee-Mutter und eines Weißen nirgends richtig dazu gehört, ist eine Reminiszenz an den gleichnamigen Part von Horst Buchholz in John Sturges' Western-Klassiker „Die glorreichen Sieben“.

Den hat Geschwister-Pfister-Mitglied Andreja Schneider, der Regisseurin der gemeinsam von den fünf Darstellerinnen entwickelten Show, aber sonst nicht im Detail nachspielen oder auf die Schippe nehmen wollen. Sie und Lutz Deisinger, künstlerischer Leiter der Bar, die auf die Idee zu der Eigenproduktion gekommen sind, hatten vielmehr eine Verballhornung des Macho-Genres schlechthin im Sinn.

Was beim Männerkult herauskommt? Waffen-Fetischismus und Trump!

Tatsächlich sind weder der Old-School-Gangsterfilm noch der Science-Fiction so stereotypisiert wie das Western-Genre. Der Mythos vom „Westerner“, von der „letzten Grenze“, vom „lonely Cowboy“, vom Siedler, der als Einzelkämpfer sein Recht notfalls mit Gewalt durchsetzt, hat Nord-Amerika erbaut. Was bei einem Männerkult herausbrät, der Frauen nur als Salongirls, Squaws und verhärmte Farmersfrauen gelten lässt, ist bekannt: erstens Waffen-Fetischismus und zweitens Ronald Reagan und Donald Trump als Präsident.

Dieser zugige Hallraum wird von den „Fünf glorreichen Sieben“ selbstredend auf Dicke-Eier-Nonsense der schärfsten Sorte heruntergebrochen. Zum versoffenen Reverend (Andreja Schneider), dem vaterlosen Chico und dem Hufkratzer verhökernden Marketender Butterfahrt, gesellen sich weitere Lagerfeuerbekanntschaften: Kartentrickser Mystery, den das ewige Zirkuskind Meret Becker in einem akrobatischen Akt gerade noch vorm Galgen retten kann.

Zwischendrin verwandelt sich das Quintett in zotige Bardamen

Und José Piñata, die faulste Sau von Mexiko, die Katharina Thalbach als quäkende Knallcharge mit Goldzahn, Überbiss und Augenrändern so tief wie der Grand Canyon anlegt.  Ja, politisch korrekt waren Westernklischees noch nie. Unter Absingen schmutziger Lieder und Abwehr von Native-Americans-Angriffen reiten die Pistoleros auf Rachefeldzug nach Tombstone, wo sie sich temporär in einen Haufen zotiger Bardamen verwandeln. Wurde auch Zeit, dass in einem Bordell-Saloon mal Probleme wie notorisch verwaschene Damenbinden aus Stoff zur Sprache kommen.

Das ist viel origineller als das Durchspielen sämtlicher Standardszenen, die dem Amüsement im zweiten Teil einen deutlichen Spannungsabfall bescheren. So nach dem Motto – Banküberfall und Apatschenangriff ham wa, jetzt muss aber noch Bäng! Saloonkeilerei und Peng! Showdown.

Alle Geräusche werden von Peter Sandmann live gemacht

Was an packender Dramaturgie, Dialogwitz und Tiefsinn fehlt, machen die grandiose Maske (Oliver Hildebrandt, tolle Kostüme (Heike Seidler) und die gekonnt reduzierte Ausstattung (Friedrich Eggert) wett. Sogar eine Drehbühne haben sie installiert. Und bei Gimmicks wie dem krächzenden Geier, der per Zugseil die Pappflügel hebt, oder den Tumbleweed-Bällen, die ebenfalls am Seil über die Bühne wehen, kommt reine Kinderfreude auf.

Man nehme Silhouetten von Planwagen und Kaktus, packe ein Styropor-Lagerfeuer dazu und fertig ist die Prärie. Nein, es dienen keine Steckenpferde als Cowboy-Untersatz, sondern gewaltige Plüschpferdeärsche, die sich die Männer um die drallen Hüften schnallen.

Das Hufgetrappel fabriziert Geräuschemacher Peter Sandmann live auf der Bühne. Genau wie alle anderen bedeutungsschwangeren Töne, ohne die in einem Genre, wo Gesten wie das Ziehen des Messers, das Zücken des Colts oder das Anreißen eines Streichholzes gewaltig aufgeladen sind,  gar nichts geht.

Was das gekonnte Kloppen angeht, haben sich die Ladies von der Stuntfrau Silke Winter unterweisen lassen, die das Fach „ironisiertes Raufen“ offensichtlich bei Slapstickhelden wie Dick und Doof gelernt hat.

Größtes Pfund der schon vor der beklatschten Premiere bis zum 17. November ausverkauften Show ist jedoch die Musik. Sie reicht von Country-Covern wie „The Man Comes Around“, „Jambalaya“ und „A Cowboy Ought To Be Single“ zur  J.J. Cale-Nummer „Mama, Don’t“. Immer wieder lässt Ferdinand von Seebachs so muntere wie präzise Band Westernthemen anklingen. Und Meret Becker darf Marilyn Monroes Balladen “River Of No Return” und “One Silver Dollar” zitieren. Der ach so wilde Westen ist eben nicht nur ein Männerwitz, sondern auch ein Frauensehnsuchtsland. Besonders, wenn die Weiber Kerle sind.

Für den Juni 2020 ist bereit eines Wiederaufnahme der Produktion geplant.

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