Wolf Haas' Roman "Junger Mann" : Einleitende Maßnahmen für den ersten Kuss

Vom Herzbeben zum Erdbeben: Wolf Haas legt seinen Leserinnen und Lesern in dem Roman "Junger Mann" eine Teenagerseele zu Füßen.

Olaf Kutzmutz
Der österreichische Schriftsteller Wolf Haas
Der österreichische Schriftsteller Wolf HaasFoto: Josef Perndl / Hoffmann und Campe Verlag

Nach einer alten Schreibregel beginnen gute Geschichten mit einem Erdbeben und steigern sich allmählich. Wolf Haas macht das genau umgekehrt und erschüttert erst am Ende von „Junger Mann“ seine Romanwelt. Wie bekommt einen Haas aber trotz des Spätbebens an den Haken und von einem Örtchen in Österreich nach Thessaloniki und wieder retour? Er setzt nicht auf jene skurrile Spannung, die man seit 20 Jahren aus den Krimis um seinen Ermittler Simon Brenner kennt, sondern auf Beben anderer Art. Im Mittelpunkt stehen die Nöte eines Teenagers, der sich an der großen Liebe, dem Weg ins Erwachsenenleben und am Traum vom idealen Gewicht abarbeitet. All das erschüttert sein Herz und seinen Alltag schon genug.

Älter und ein Mann werden - kein ungewöhnlicher Stoff für einen Roman. Was „Junger Mann“ jedoch lesenswert macht, ist die Art und Weise, wie Haas dieses Reifen beschreibt. Er liefert uns seinen Helden in Naheinstellung, und so sehen wir die Welt durch das Vergrößerungsglas eines pubertierenden Ich-Erzählers. Worauf stellt dieses Ich scharf? Was wirkt für einen 13-Jährigen monumental, was insektenhaft klein?

Ein Gefühl für Haltung und Fallhöhe der Figur bekommt man schon im ersten Kapitel. Hier muss sich der knapp vierjährige Erzähler gegen lauter ältere Jungen bewähren, und zwar beim Skiflug auf einer selbstgeschaufelten Sprungschanze. Trotz seiner Jugend blickt er auf die Welt wie ein alter Erzählhase, den beim Schanzensprung eine „unvorhergesehene Nachdenklichkeit“ packt: „Direkt neben dem Aufgeschaufelten gähnte das Ausgeschaufelte.“ Das ergibt eine simple Rechnung: Melancholie plus Skiflug gleich Beinbruch.

Die Tankstelle als Ort der Welterfahrung

Gips und Frust ziehen Schokokonsum und Übergewicht nach sich. Und so findet sich der Erzähler acht Jahre, weitere Beinbrüche und Süßigkeitenberge später an einer Tankstelle wieder. Er ist mollig, trägt einen „roten Shellmantel“ und wird - auch wegen seiner „blonden Beatlesfrisur“ - öfter mit „Fräulein“ angeredet. Die Tankstelle, an der er 1973/74 in den Ferien arbeitet, ist für ihn ein Ort der Welterfahrung. Dort halten die Laster vor großen Fahrten, hier kommt es zu lebensentscheidenden Begegnungen. Auch mit den Jungs von einst, die mittlerweile Männer sind wie zum Beispiel der Mittzwanziger Tscho. Früher Held der Dorfjugend und jetzt ein cooler LKW-Fahrer, der um seinen Rang weiß, zumal zum Tscho Elsa gehört, eine Frau mit einem „überirdischen Lächeln“.

In diese Elsa verliebt sich der Erzähler auf den ersten Blick, als er die Windschutzscheibe von Tschos Opel Kadett vom Eis befreit. Er beschließt, sofort abzunehmen, um beim nächsten Mal Tschos Frau mit seiner Figur zu beeindrucken. Dass der Tscho und Elsa wesentlich älter und ein Ehepaar sind, verdrängt der Erzähler tapfer. So richtig nah kommt er seiner „Prinzessin“ erst, als er mit dem Rad just vor der Villa einen Platten hat, in der Elsa als Haushälterin und Tscho als Hausmeister arbeiten, wenn der Tscho nicht gerade mit dem LKW unterwegs ist.

Freiräume für den Leser

Beim Flickgespräch erlebt man den Erzähler im Rausch seiner ständig alarmierten Emotionen: „Man musste immer auf den ersten Kuss vorbereitet sein.“ Hier steht erstmals in der Weltliteratur, wie es zwischen zwei Menschen prickelt, während einem Fahrradschlauch Luft entweicht. Liebesdramatisch wirkt das ähnlich kurios wie die Nudelszene mit Susi und Strolch, nur dass für den Erzähler der Kuss ausbleibt. Solche zartkomischen Szenen glänzen durch sprachlichen Feinschliff. Als sich Elsa zum Beispiel erkundigt, ob der Erzähler bereits eine Freundin habe, heißt es: „Mein Gesicht war so heiß, dass mir der Kaffee leidtat, als er sich an meinen Lippen verbrannte.“ Haas verwebt Sprach- und Situationskomik derart in den Roman, dass sie seine Geschichte um Liebe und Nichtlieben, um Leben und Tod so echt wirken lässt. Überdies pflegt er autobiografische Doppeldeutigkeiten und eine Dialogstärke, die wir seit „Das Wetter vor 15 Jahren“ schätzen.

Wer ein Ich aus naturgemäß begrenzter Sicht erzählen lässt, schafft Freiräume für den Leser, in denen die Fantasie blüht. Vor allem dadurch changiert der Roman von Haas so wunderbar und macht es einfach, dem bebenden Schwärmen des jungen Mannes und der Seismografie seiner Seele zu folgen. Die Blase der Hoffnung wird beim Erzähler größer, als Elsa von ihm heimlich Englisch lernen möchte. Und als sie „Do you laugh at me“ mit „Do you love me“ verwechselt, kennt sein Herzbeben keine Grenzen. Die Illusion einer großen Liebe wäre weiter genährt worden, wenn nicht kurz darauf der Tscho von Teheran heimgekehrt wäre. Sein Wunsch: Der Erzähler soll für ihn auf einer Fahrt nach Griechenland dolmetschen. Ist das etwa ein Vorwand des Eifersüchtigen, um ihn in aller Ruhe umbringen zu können? Und warum um Gottes Willen erwirbt der Tscho im Puff Paradiz eine Pistole?

Zufälliges und Unwahrscheinliches als Erzählgesetz

Hier zieht die Teenager-Liebes-Geschichte Richtung Krimi und Road-Movie. All das macht der Leser mit, weil die Hauptfigur und ihre hormonellen Wunschbilder den buntscheckigen Text bei all seinen Eskapaden zusammenhalten. Zufälliges und Unwahrscheinliches nimmt Haas dabei in Kauf, ja erhebt es geradezu zum Erzählgesetz. Die Dramatik steigt, als der Tscho in Thessaloniki offenbart, dass er dort mit einer Antonia eine uneheliche Tochter, überdies „Greps“ habe und sich mit der Pistole das Leben nehmen wollte.

Und nun? Schon eine Kunst, solch eine Geschichte versöhnlich zu Ende zu bringen. Am Schluss, vier Jahre später, soviel sei verraten, hat der Erzähler 15 Kilo Gewicht und seine „Unschuld auch im eigentlichen Sinne des Wortes“ verloren. Und wenn wir dann trotz verheerender Erdstöße in Thessaloniki noch ein hoffnungsfrohes Gruppenbild mit Damen sehen, ist alles gut.

Wolf Haas: Junger Mann. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2018. 240 Seiten, 22 .

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