Zum Tod von Charles Aznavour : Die Wehmut des Sängers

Schmerz und Schönheit: Mit Charles Aznavour ist einer der letzten großen französischen Chansonniers gestorben.

Charles Aznavour in einem Konzert 2016 in Barcelona.
Charles Aznavour in einem Konzert 2016 in Barcelona.Foto: imago/Agencia EFE

Ein Mann rennt durch die tiefschwarze Pariser Nacht. Man sieht nichts, hört nur das nervöse Trommeln der Schuhe, sekundenkurz blitzt seine drahtige Gestalt im Licht einer Straßenlaterne auf. Dann wieder Nacht und das Geräusch der Schuhe. Rollende Klavierakkorde setzen ein, der Mann erreicht sein Ziel, eine Eckkneipe, und blickt durch die Tür in den überfüllten Raum. Aber am Klavier, dort, wo er jetzt sitzen müsste, hockt schon ein anderer, und ein Sänger singt ein schmissiges Chanson.

In „Schießen Sie auf den Pianisten“, dem Film, den François Truffaut 1960 nach einem Pulp-Fiction-Klassiker von David Goodis gedreht hat, ist Charles Aznavour ein Gehetzter. Erst rennt er um seinen Job, dann rennt er um sein Leben. Eigentlich heißt er Edouard Saroyan, er war ein Klaviervirtuose, aber dann begann das Trinken und das Zittern der Hände, und nun nennt ihn bloß noch sein Bruder so.

Jetzt ist er Charlie Kohler, ein abgehalfterter Musiker in einer Vorstadtbar, und mit dem Bruder, der sich mit Gangstern eingelassen hat, kehrt auch das alte Leben zurück. Bald jagen die Gangster auch Edouard/Charlie, und ihm bleibt nichts als das Weglaufen und die Musik.

Womit wir im wirklichen Leben angekommen wären. Aznavour wurde 1924 im Quartier Latin geboren, als Sohn eines Künstlerpaars, das vor dem Völkermord an den Armeniern nach Frankreich geflohen war. Die Eltern betrieben ein Restaurant, schon der Vater war ein Sänger und holte den Sohn früh auf die Bühne. Eigentlich hieß er Schahnur Waghinak Asnawurjan, aber weltberühmt wurde er als Charles Aznavour.

Mit Edith Piaf begann seine Karriere

Und eigentlich wollte er vor allem Schauspieler sein, trat als Kind in Theaterstücken auf, lernte professionell zu tanzen und zu performen. Aber dann hörte Edith Piaf ihn singen, ließ ihn ihre Show im legendären Nachtclub Moulin Rouge eröffnen und nahm ihn mit auf eine Tournee durch Frankreich und Amerika. Das war gleich nach dem Krieg, 1946. A star was born.

Aznavour hat rund siebzig Filme gedreht, darunter den Kriegsfilm „Taxi nach Tobruk“, Volker Schlöndorffs Grass-Adaption „Die Blechtrommel“, Hans W. Geißendörfers „Zauberberg“ und Claude Chabrols Thriller „Die Fantome des Hutmachers“. Doch triumphiert hat er als Sänger. Er schrieb mehr als 800 Lieder und verkaufte fast 200 Millionen Platten.

1998 wurde er von den Zuschauern von CNN und den Lesern des Magazins „Time“ zum „Entertainer des Jahrhunderts“ gewählt, vor Elvis Presley und Bob Dylan. Wenn er von seiner Schauspielkarriere sprach, klang das immer etwas melancholisch. Das Theater und der Film waren seine erste Liebe. Aber seine zweite Liebe, die Musik, wurde die größere Liaison.

Aznavour sprach mehr, als dass er sang

Truffaut, erzählte Aznavour, in einem Interview, sei in „in meine traurigen armenischen Augen vernarrt“ gewesen. „Du bist prädestiniert für den Antihelden, den die Leute viel lieber im Kino sehen wollen als all die coolen John-Wayne-Typen“, sagte der Regisseur.

Doch die Hauptrolle in „Fahrenheit 451“ gab Truffaut Oskar Werner. Wehmut ist auch eine Stärke des Sängers. Sein immer leicht angerauter Tenor, mit dem er oft mehr spricht als singt, transportiert die Gewissheit, dass in jeder Schönheit auch ein Schmerz stecken kann. Man muss nur genau hinhören.

Wie er in „L’amour et la guerre“ zu Streichern und einer militärisch schmetternden Trompete die Sinnlosigkeit des Sterbens anklagt und das Glück der Nachgeborenen beschwört. Vom Schlachtfeld bleiben Blaubeeren, Mohn und ein verwüsteter Garten, alle Blumen starben durch die Waffen der Väter. Wie er in „Perdu“ in langen, sehr leisen Gesangsbögen einer vergangenen Liebe hinterhertrauert. Glückliche Menschen haben keine Geschichte, und mit gebrochenem Herzen fühlt man sich wie ein Seemann ohne Horizont, wie Kind, allein im tiefsten Wald.

Oder wie er „Du lässt dich gehen“, der deutschsprachigen Adaption von „Tu t’laisses aller“, seine Liebe erklärt, indem er die Geliebte herzlich verspottet: „Du läufst im Morgenrock herum / Ziehst dich zum Essen nicht mal um / Schiefe Hacken obendrein / Wie fiel ich nur auf sowas rein?!“. Dazu säuseln Streicher, Flöten tirilieren, die letzte Zeile lautet: „An meinem Herzen, dass wär’ schön / Da lass dich gehn.“

Die Inspiration für seine Texte fand er auf der Straße

Aznavour bewunderte Molière, Racine und Céline, aber die Inspiration für seine Texte fand er eher auf der Straße, in der Alltagssprache, bei Kinderversen, Werbeparolen und Redewendungen. „Encore sagt für sich genommen nichts, Il faut savoir: stammt nicht von mir.

Désormais, Et pourtant, mit solchen banalen Phrasen geht es immer los“, hat er der „Zeit“ erzählt. „Mit der nötigen Fantasie kommt die Geschichte dazu von selbst. Es amüsiert mich jedes Mal, wenn die Leute sagten: Alle Welt plappert deine Sätze nach. In Wahrheit ist es genau umgekehrt. Ich spreche die Sätze der anderen.“

Er schaute genau hin und hörte zu, das machte sein Genie aus. Gewöhnliche Menschen sollten sich in seinen Liedern wiedererkennen, und das haben sie auf der ganzen Welt getan. Neben dem Sänger, dem Komponisten und Schauspieler gab es auch noch den Menschenrechtler und Friedensaktivisten Aznavour, und gegen Ende seines Lebens wurde diese Rolle immer wichtiger.

Er erinnerte an das Leid der Armenier im Ersten Weltkrieg, begleite den französischen Präsidenten Chirac beim Staatsbesuch in Armenier, bekam die armenische Ehrenbürgerschaft, stieg sogar zum armenischen Botschafter in der Schweiz auf und sprach sprach vor der Genfer Niederlassung der Vereinten Nationen. Auch sein letzter großer Film „Ararat“, 2002 von Atom Egoyan inszeniert, handelt von Armenien, in einer fantastischen Parabel. Charles Aznavour ist am Montag in Südfrankreich gestorben. Er wurde 94 Jahre alt.

Mehr Kultur? Jeden Monat Freikarten sichern!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben