Zum Tod von Daniel Johnston : Der Verzweiflungskünstler

Der US-amerikanische Singer-Songwriter und Zeichner Daniel Johnston ist mit 58 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Daniel Johnston (1961-2019) im Jahr 2010 auf einem französischen Festival.
Daniel Johnston (1961-2019) im Jahr 2010 auf einem französischen Festival.Foto: ALAIN JOCARD / AFP

Ein außerirdischer Frosch mit lustigen Teleskop-Augen wurde 1992 weltweit bekannt. Kurt Cobain trug bei einer MTV-Preisverleihung ein T-Shirt, auf dem diese schwarz-weiße Krakelzeichnung sowie der Schriftzug „Hi, how are you“ abgebildet waren. Es ist das Cover von Daniel Johnstons 1983 erschienenem vierten Album. Das Frosch-Bild und der Sound des zunächst nur als Kassette erhältlichen Werkes passen in ihrer anrührenden Schlichtheit und Naivität perfekt zueinander.

Aufgenommen mit einem Mono-Kassettenrekorder enthält das Album 15 Lo-Fi-Stücke, in denen Johnston mit seiner hohen, kindlich wirkenden Stimme darüber singt, mit einer Kuh spazieren zu gehen, niemals zu heiraten und ein Baby in seinem eigenen Universum zu sein. Dazu erklingen tuckernde Harmonium- und Klavierakkorde, schräge Gitarrentöne und allerlei Hintergrundgeräusche. Immer wieder tun sich Abgründe auf, etwa wenn der damals 22-Jährige von der Verzweiflung singt, die bei ihm anklopft, um sich dann schweigend neben ihn aufs Sofa zu setzen und zu rauchen.

Das 1988 auch auf Vinyl veröffentlichte Album spiegelt sowohl Daniel Johnstons Talent als Songwriter als auch den ewigen Kampf mit seinen psychischen Problemen. Das sollte auf seinen folgenden Platten so bleiben. Die Berliner Musikerin Christiane Rösinger hat ihn einmal als den traurigsten Sänger der Welt beschrieben, was nicht völlig unangemessen erscheint, schaut man auf den Lebenslauf dieses 1961 als jüngstes von fünf Kindern einer christlichen Familie in Sacramento geborenen Künstlers.

Zunächst ein aufgeweckter Junge, der ständig zeichnete und später auch mit dem Klavierspielen und Singen begann, verfinsterte sich sein Schicksal nach der High School zunehmend. Er kam auf dem College nicht zurecht, die Eltern schickten ihn zu seinem Bruder nach Austin, Texas, wo er bei McDonald's arbeitete und Musik aufnahm. Johnston bewunderte die Beatles, er wollte unbedingt berühmt werden und bettelte lokale Bands an, ihn mit ihm auftreten zu lassen.

Es ging nicht recht voran, bis der Sender MTV 1985 einen Bericht über die Musikszene von Austin drehte, in dem auch Johnston vorgestellt wurde. Plötzlich galt er als cooler Underground-Künstler und seine Kassetten tauchten in angesagten Plattenläden auf. Zu seinen prominenten Fans gehörten neben Kurt Cobain auch Beck, Tom Waits sowie Bandmitglieder von Sonic Youth, Yo La Tengo und den Butthole Surfers.

Johnston wurde immer wieder von seiner manisch-depressiven Erkrankung und seiner Schizophrenie zurückgeworfen. Ende der 80er ließ man ihn zwei Mal in Kliniken einweisen, nachdem er sich geweigert hatte, seine Medikamente zu nehmen. Dennoch war er sehr produktiv: Er zeichnete immer weiter seine von Stilaugen-Wesen und Menschen mit leeren Köpfen dominierten Bilder. Er ging auch einige Male auf Tour und brachte in den vier Jahrzehnten seiner Karriere 17 Alben heraus.

Eine unerfüllte Liebe inspirierte viele seiner Songs

Eines der schönsten ist „1990“, benannt nach dem Jahr seiner Veröffentlichung. In Stücken wie dem nur von einem Piano begleiteten „Lord Give Me Hope“ oder dem bei einem Konzert mitgeschnittenen „Don't Play Cards With Satan“ kommt sein religiöser Hintergrund zum Tragen.

Doch sind es vor allem die von Sehnsucht und Trauer erfüllten Liebeslieder wie „Some Things Last A Long Time“, die im Gedächtnis bleiben. So zerbrechlich und ehrlich, dass man sich ihnen kaum entziehen kann. Die meisten dieser hyperemotionalen Lieder waren von Johnstons unglücklichen Liebe zu einer Frau namens Laurie Allen inspiriert. Er hatte sie im College kennen gelernt, doch sie heiratete einen anderen Mann.

Kurzzeitig war Johnston beim Majorlabel Atlantic unter Vertrag, wo allerdings nur ein Album von ihm erschien. In den nuller Jahren veröffentlichte er fleißig weiter neues Material, erst in den zehner Jahren wurde sein Output spärlicher. Wie sein Leben damals ausgesehen haben könnte, zeigt der experimentelle Kurzfilm „Hi, How Are You, Daniel Johnston?“, in dem man den Künstler in einer Garage sitzen sieht.

Umringt von Instrumenten, einem alten Fernseher und allerlei Kram tritt er in Dialog mit alten Tape-Aufnahmen. Ob er glücklich sei? „Nein, aber ich komme schon klar“, sagt Johnston und erzählt, dass er viel Spaß mit seiner Katze habe. Er versuche, jeden Tag zu schreiben, er zeichne, schaue Filme und lese Comics. Während er Gummibärchen aus einer Plastiktüte isst, sagt er: „Da ist nicht wirklich eine Welt mit mir, es ist meine eigene Welt“.

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Als Johnston noch Songs und Signale aus dieser Welt sendete, hat er viele Menschen berührt. Nun muss die Welt ohne den Trost auskommen, der von seiner Kunst ausging. Daniel Johnston ist am Mittwoch mit 58 Jahren gestorben.

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