Zum Tod von Enno Patalas : Vom Film besessen

Im Alter von 88 Jahren ist der Filmhistoriker, Kritiker und langjährige Leiter des Münchner Filmmuseums Enno Patalas gestorben

Hans Helmut Prinzler
Enno Patalas im Münchner Filmmuseum.
Enno Patalas im Münchner Filmmuseum.Foto: Picture-Alliance/A. Heddergott

Aus der Öffentlichkeit hatte er sich schon vor mehr als zehn Jahren zurückgezogen, auch das Münchner Filmmuseum besuchte er nicht mehr. Über 50 Jahre seines Lebens hat Enno Patalas mit großer Intensität in die Filmgeschichte investiert: als Autor, als Programmmacher, als Restaurator deutscher Stummfilme. Jetzt ist er im Alter von 88 Jahren in München gestorben.

Schon während seines Publizistikstudiums in Münster veröffentlichte Patalas seine ersten Texte: Kritiken im Düsseldorfer „Mittag“ und in der Zeitschrift „Filmforum“, die Broschüre „Filmgeschichte in Stichworten“ (1951) unter dem Pseudonym Benjamin S. Eichsfelder. Die Leitung eines Filmclubs gehörte damals zu seinem Alltagsleben. Dann gründete er die Vierteljahreszeitschrift „Film 56“, die es auf drei Hefte brachte, und 1957 die „Filmkritik“, die er mit kompetenten Mitarbeitern, darunter Wilfried Berghahn, Ulrich Gregor, Peter W. Jansen, Theodor Kotulla, Dietrich Kuhlbrodt und Uwe Nettelbeck, bis 1970 als Chefredakteur zum Zentralorgan der kritischen Auseinandersetzung mit dem Film in der Bundesrepublik machte. Sein Feind war der Feuilletonismus, selbst den großen Kritiker Gunter Groll hat er bekämpft.

1963 veröffentlicht er eine "Sozialgeschichte der Stars"

Zusammen mit Ulrich Gregor hat Enno Patalas 1962 eine „Geschichte des Films“ publiziert, wie es sie vorher nicht gab: ideologiekritisch, mit dem Blick auf internationale Zusammenhänge, weitgehend fokussiert auf die Filmkunst. Es folgte im Jahr darauf die „Sozialgeschichte der Stars“, eine Beschreibung mythischer Filmidole aus Hollywood, Babelsberg und Cinecittà. Patalas initiierte als Herausgeber die Reihe „Cinemathek – Ausgewählte Filmtexte“, die 23 Bände erreichte. Und er schrieb in den 60er Jahren Kritiken für „Spiegel“, „Zeit“, „Konkret“ und „Süddeutsche“. Ihm zur Seite stand immer Frieda Grafe, mit der er oft Texte gemeinsam verfasste. Sie war eine herausragende Autorin, die leider schon 2002 gestorben ist. Patalas hat ihr Werk danach in zwölf Bänden herausgegeben.

Patalas und Grafe waren auch als Übersetzer aus dem Englischen und Französischen tätig. Sie haben Truffauts Interview „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“, Godards „Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos“ und Eric Rohmers Dissertation über Murnaus Faust-Film ins Deutsche übertragen.

Patalas rekonstruierte Klassiker wie "Metropolis" und "Nosferatu"

1973 wurde Patalas Leiter des Filmmuseums im Münchner Stadtmuseum, dessen Kopiensammlung er in den Folgejahren gigantisch vergrößerte. Seine Filmreihen sind legendär, wie sonst nirgendwo sonst konnte man vollständige Retrospektiven großer Regisseure sehen, Länderreihen und deutsche Klassiker der zehner und zwanziger Jahre. Wichtig war für Patalas die Qualität der Kopien. So hat er relativ schnell Verbindungen zum sowjetischen Archiv Gosfilmofond in Moskau hergestellt und konnte vom dortigen Bestand an deutschen Stumm- und Tonfilmen profitieren, die im eigenen Land oft nur in verstümmelten Fassungen archiviert waren. Das hat ihm bei der Rekonstruktion von „Nosferatu“, „Nibelungen“, „Metropolis“ und „M“ sehr geholfen. Geradezu besessen forschte er nach „Metropolis“- Material und schrieb darüber 2001 ein Buch. Auch der Film „Tabu“ von Friedrich Wilhelm Murnau hat ihn intensiv beschäftigt.

Ich kannte Enno Patalas seit den späten 1960er Jahren. Bei einem Buch über Fritz Lang haben wir eng zusammengearbeitet. Als die Kinemathek zur Berlinale 1984 eine Ernst-Lubitsch-Retrospektive organisierte, haben wir gemeinsam die Publikation herausgegeben, es war das erste Buch über diesen Regisseur in deutscher Sprache. Sein Text hieß „Eine Lektion in Kino“, Frieda Grafes „Was Lubitsch berührt“. An beiden Beiträgen war redaktionell nichts zu verändern. Ihre Nähe zu den Filmen war in jedem Satz zu spüren.

Diplomatie war ihm eher fremd

Bis 1994 hat Enno Patalas sein Münchner Filmmuseum im Deutschen Kinematheksverbund vertreten. Er neigte zu Monologen und hatte wenig Verständnis für Kompromisse, die zum Beispiel mit dem Blick auf einen ausgeglichenen Haushalt zu machen sind. Diplomatie war ihm eher fremd. Das hatte auch Konsequenzen für sein eigenes Haus, dem ein zweites Kino immer wieder verweigert wurde. 1993 wurde Patalas mit dem Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises für herausragende Verdiente um den deutschen Film ausgezeichnet. Die schöne Laudatio hielt damals Ulrich Gregor.

Als Historiker hat Patalas nicht nur Bücher geschrieben, Retrospektiven konzipiert und Filme rekonstruiert, er hat auch Filme fürs Fernsehen gedreht, zum Beispiel über Murnau, Lubitsch, Renoir und Sternberg. Wer ihn als Schauspieler erleben will, muss ins Jahr 1974 zurückgehen. Da spielte er den Pastor Fuhrmann in Werner Herzogs „Jeder für sich und Gott gegen alle“. Hans Helmut Prinzler

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Der Autor war Leiter der Stiftung Deutsche Kinemathek und bis 2006 Direktor des Filmmuseums Berlin.

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