Zur Situation der Berliner Projekträume : Das dicke Ende kommt noch

Aus nichts viel machen: Selbst organisierte Ausstellungsräume sind typisch für Berlin. Ihre Betreiber sind Krisenprofis. Wie steht es um sie in der Pandemie?

Vorgeschmack auf die aktuelle Ausstellung "Re-Imagining America" im Berliner Projektraum Spor Klübü. Die Arbeit ist vom Künstler Hans Hs Winkler.
Vorgeschmack auf die aktuelle Ausstellung "Re-Imagining America" im Berliner Projektraum Spor Klübü. Die Arbeit ist vom Künstler...Foto: Hans Hs Winkler

Zumindest bei Stroux läuft der Betrieb wieder. Am Donnerstagabend wurde im Atelierhaus an der Prenzlauer Promenade eine neue Ausstellung eröffnet. In dem sechsgeschossigen Plattenbau, der einst die Akademie der Wissenschaften der DDR beherbergte und in dem jetzt Künstler arbeiten, hat sich temporär die von Christof Zwiener ins Leben gerufene Kunstinitiative Stroux angesiedelt.

Ausgestellt wird in mehreren baugleichen Pförtnerhäuschen, die sich an den Ein- und Durchgängen des Komplexes befinden.

Berlin ist berühmt für seine von Künstlern betriebenen Projekträume. Nicht zuletzt wegen der Fülle dieser selbst organisierten Ausstellungsräume ist die Spreemetropole seit den 2000er Jahren sukzessive zur Kunsthauptstadt geworden. Durch die Möglichkeiten, die diese kommerzfreien Oasen bieten, kommen so viele internationale Künstler in die Stadt wie in sonst kaum eine europäische Metropole.

Wer auf eigene Faust seine Kunst zeigen will, schafft es in Berlin vergleichsweise leicht, eben weil es diese Ausstellungsmöglichkeiten in Hinterhöfen, Remisen, Plattenbauten und Ladenlokalen gibt. Aber was macht die Pandemie mit diesem Kunstbiotop, das ohnehin dramatisch bedroht ist, da die Mieten in der Hauptstadt so stark steigen? Wie soll ein Künstler, dessen wirtschaftliche Lage infolge der Pandemie immer noch prekärer wird, auch noch einen Projektraum betreiben?

Bisher haben wenige Projekträume aufgeben müssen

Besuch beim Verein „Netzwerk freier Berliner Projekträume und -initiativen“, der sich als Interessenvertretung der Szene versteht. Das Netzwerk hat während der Pandemie eine Umfrage durchgeführt. Die Ergebnisse liegen noch nicht in ihrer endgültigen Fassung vor.

Es lässt sich nach den ersten Auswertungen allerdings schon sagen, das es in der Folge von Covid-19 bisher kaum Schließungen von Räumen gab. Ihres Wissens nach haben bisher fünf Initiativen aufgeben müssen, erzählen die Künstlerinnen Jole Wilcke, Matthias Mayer und Carola Rümper, die an diesem Tag für das Netzwerk sprechen.

Doch auch wenn die Szene krisenerprobt ist, weil sie quasi permanent mit schmalstem bis gar keinem Budget operiert, gibt es keinen Grund zum Aufatmen.

150 Projekträume sind laut einer Zählung des Netzwerks in Berlin aktiv, wahrscheinlich sind es weit mehr.

Die meisten stellen ehrenamtlich und ohne nennenswerte Budgets Ausstellungen und Events auf die Beine. Ihr Selbstverständnis ist: keine kommerziellen Interessen und Eigenständigkeit gegenüber institutionellen Strukturen.

Es wird improvisiert, schnell auf aktuelle Themen reagiert, diskutiert und unbürokratisch mit Künstlern und Denkern anderer Sparten zusammengearbeitet. Das Reden über Kunst steht im Vordergrund. Und wenn jetzt viele Museen und Institutionen aufs „Vermitteln“ setzen, dann tun sie genau das, was Projekträume schon immer umgesetzt haben: Sie suchen einen niedrigschwelligen Kontakt zum Publikum.

Auch im September werden wieder die Projektraumpreise vergeben

Nach dem Covid-19-Ausbruch war erst einmal wenig aus dem Kreis der Projektraumbetreiber zu hören. Die Räume blieben geschlossen, wie die anderen Kultureinrichtungen auch. Forderungen an die Politik, etwa in Bezug auf die Unterstützung von Künstlerinnen und Soloselbstständigen, wurden im Verbund mit spartenübergreifenden Verbänden, etwa mit der „Koalition der freien Szene“, gestellt. Für mehr Schlagkraft.

Nun legen viele Projekträume mit selbst gebasteltem Hygienekonzept wieder los. Bei Spor Klübü im Wedding, dem Raum von Netzwerksprecher Matthias Mayer, startete im August die Reihe „Re-imagining America“, die sich mit Künstlermigration zwischen Berlin und New York beschäftigt. Bei Haunt, einem neuen Raum in Schöneberg, läuft eine Gruppenausstellung zum Thema Körper.

In den letzten Jahren wurde viel für die extrem prekär arbeitenden Projekträume erkämpft: Seit 2012 vergibt die Senatskulturverwaltung jährlich zur Berlin Art Week den „Projektraumpreis“. Im Coronajahr an insgesamt zehn Initiativen. Und es gibt jetzt die „ Basisförderung“.

Dass im Moment noch nicht so viele Räume aufgegeben haben, ist dieser dringend notwendigen strukturellen Förderung zu verdanken, sagen sie beim Netzwerk. 800 000 Euro pro Jahr stellt die Kulturverwaltung zur Verfügung. Das Geld wurde 2020 an 37 Räume ausbezahlt. Zumindest die haben im Moment ihre Infrastruktur gesichert.

Das große Projektraumsterben erwarten Wilcke, Mayer und Rümper erst in den kommenden Monaten, dann nämlich, wenn auch die letzten wohlgesonnenen Vermieter mehr Geld aus ihrer Immobilie herausholen wollen und den Künstlern kündigen.

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