Dokumentarfilmer Klaus Wildenhahn gestorben : Der Menschenbeobachter

Klaus Wildenhahn zeigte Arbeiter und Kunst als Arbeitsprozess. Ein Dokumentarfilmer, der das "Direct cinema" für das deutsche Fernsehen entdeckte. Ein Nachruf

Der Dokumentarfilmer Klaus Wildenhahn zeigte den Alltag von einfachen Leuten..
Der Dokumentarfilmer Klaus Wildenhahn zeigte den Alltag von einfachen Leuten..Foto: Wikimedia / CC BY-SA 4.0

Sein Eintritt in den Fernsehsektor konnte unspektakulärer nicht ausfallen. Klaus Wildenhahn begann als Regieassistent bei der Fernsehlotterie. Ein kurze Episode, schon bald arbeitete er als Autor für das Magazin „Panorama“ beim Norddeutschen Rundfunk (NDR), bei dem er dann mehr als 30 Jahre Redakteur war. 1964 interviewte er die beiden Dokumentarfilmgrößen D. A. Pennebaker und Richard Leacock, die führenden Vertreter der „Direct Cinema“-Bewegung aus England und den USA – eine Begegnung, die seine Arbeit für immer beeinflussen sollte. Mit einer kleinen 16 mm Kamera den Alltag von Menschen zu beobachten, das prägte von da an sein filmisches Schaffen. Unter Klaus Wildenhahns Autorenschaft und Regie entstanden rund 60 Dokumentarfilme. Er drehte, meist von der Schulter, lange Einstellungen mit Originalton. Seine wesentliche Methode war eben die Beobachtung, Er ging zu den Menschen, Arbeiter vor allem, sein Interesse für sie war seine Sympathie für sie und das, was sie taten. "Emden geht nach USA" oder "Rheinhausen" sind Dokumente der Auseinandersetzung, des Arbeitskampfes.

Alltag und alltägliche Menschen

Wildenhahns Film-Helden waren meist alltägliche Menschen, wie der Bauer Petersen mit seiner Familie in „Die Liebe zum Land“. Ein Film, der den alltäglichen Existenzkampf eines Landwirtes in Norddeutschland zeigt. In „In der Fremde“ beobachteten Klaus Wildenhahn und sein Kameramann Rudolf Körösi den Bau eines Getreidesilos in der norddeutschen Provinz. Ein Film, der auch dramaturgisch wegweisend ist. Er suchte die Bilder, die er fand, und er fand die Bilder, die er suchte. Realität, nicht Scripted Reality, war das unbedingte Anliegen. Wildenhahns Klassiker gehören zum visuellen Archiv der Bundesrepublik und erst in zweiter Linie zur Mediathek des westdeutschen Fernsehens. "Wenn die Menschen, die wir filmen, in ihrem Bereich souverän sind und uns - unausgesprochen - mitnehmen, mitschwingen lassen", das war Wildenhahns Ziel und Konzept. Menschen werden nicht zu Fernsehmaterial gemacht, das Fernsehen bekommt durch Wildenhahns besonnene Beobachtungen Anschauungsmaterial. Darin gleich und gleichwertig mit den Größen des Fachs wie Hans-Dieter Grabe.

Berühmt ist, gerühmt wird Wildenhahn auch für seine Filme, die Künstler in den Mittelpunkt nahmen. 1965 begleitete er den Jazz-Organisten Jimmy Smith auf seiner Europa-Tournee mit der Kamera. Wie auch bei seinen Filmen über Pina Bausch oder John Cage war deren Schaffensprozess das Eigentliche der dokumentarischen Beobachtung.

 Arbeit als Hochschullehrer und Dozent

Klaus Wildenhahn arbeitete auch als Hochschullehrer und Dozent. Bekannt ist er zudem für seine literarischen Texte und seinen kritischen Geist. Mit Klaus Wildenhahn verliert die deutsche Kulturszene einen der einflussreichsten Dokumentarfilm-Regisseure und Lehrer des dokumentarischen Fernsehens der vergangenen Jahrzehnte. NDR-Intendant Lutz Marmor sagte. Wildenhahn sei bis heute stilbildend für viele Filmschaffende.

Klaus Wildenhahn ist am 9. August in Hamburg im Alter von 88 Jahren gestorben.

PS: Zur Wahrheit gehört auch, was auf filmportal.de zu finden ist:

"Anlässlich des 25. Geburtstags des Berliner ,Tagesspiegels' bekamen die Dokumentarfilmer Klaus Wildenhahn und Rolf Deppe die Gelegenheit, den Alltag in der Tageszeitungsredaktion filmisch zu dokumentieren. Neun Wochen begleiteten sie die Arbeit der Journalisten und Redakteure. In einer Mischung aus Beobachtungen und Interviews zeigen sie die Arbeitsstrukturen der Berliner Redaktion. Sie machen transparent, wie Nachrichten entstehen, wie auch Meinungen gemacht werden und wie fatal sich oberflächliche Recherchen oder unhinterfragte Vorurteile der Journalisten auswirken können.

Dem Verleger des Tagesspiegels, Franz Karl Maier, missfiel das Ergebnis der Dreharbeiten so sehr, dass er Wildenhahn und Deppe rechtliche Konsequenzen androhte, sollte der Film nicht nach seinen Vorstellungen gekürzt werden. Die Ausstrahlung im NDR-Fernsehen wurde erst kurzfristig abgesagt, dann wurde der Film doch noch um zehn Minuten gekürzt ausgestrahlt. Die bereits fertiggestellte Fortsetzung des Films, welche ihren Fokus auf Maier legte, ist wahrscheinlich vernichtet worden, ohne jemals aufgeführt worden zu sein."

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