Corona-Lockerungen : Berlins riskantes Spiel mit der Partydroge Normalität

Während ganze Wohnblöcke unter Quarantäne gestellt werden, lockert der Senat weiter. Die Devise: Freiheit für alle durch Wegschließen Einzelner. Ein Kommentar.

Die Berlinerinnen und Berliner wollen zurück zur alten Normalität. Doch die Lockerungen sind riskant.
Die Berlinerinnen und Berliner wollen zurück zur alten Normalität. Doch die Lockerungen sind riskant.Foto: imago images/Jochen Eckel

Die Kurven sind gegenläufig. Als gäbe es zwei parallele Welten, die auf zauberhafte Weise nichts miteinander zu tun haben. Während die Kurve der Neuinfektionen seit Tagen steil ansteigt, zeigt die andere deutlich nach unten: Flachgehalten wird vor allem die Kurve der Einschränkungen.

Die Lockerungsübungen haben ihren sportlichen Höhepunkt erreicht: In Berlin sind ab Sonnabend Veranstaltungen mit 300 Personen in geschlossenen Räumen wieder erlaubt. Und Gütersloh wird abgeriegelt.

Es fühlt sich ein bisschen an wie beim Schweinezyklus in der Lehrerausbildung, ein bekanntes Phänomen: Wenn Lehrer gebraucht werden, sind sie nicht da – dann werden sie eilig ausgebildet und zehn Jahre später gibt es viel zu viele. An welchem Ende des Zyklus wir uns derzeit befinden, muss den bildungsgebeutelten Berlinern niemand erklären.

Es ist eine besonders schmerzliche Nebenwirkung dieser Krise, dass wir die Unzulänglichkeit, aber vor allem auch die Ungerechtigkeit unseres Bildungssystems mit voller Wucht entgegengeschmettert bekommen. Kreide fressen mit Ansage. Setzen, sechs.

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Nur dass man bei Corona nicht zehn Jahre lang warten muss, bis die Folgen der Entscheidungen spürbar sind. Ein Blick nach Israel reicht. Nach Schweden. Nach Gütersloh. Nach Göttingen. Nach Neukölln. Freiheit für alle durch Wegschließen Einzelner, so lautet die neue Devise. Ob das ausreicht, werden wir mit ein bisschen Pech schon in wenigen Tagen wissen.

Sozial Schwächere trifft die Krise am härtesten

Es ist bezeichnend, dass an dem Tag, als der Berliner Senat das Ende der Kontaktbeschränkungen bekanntgibt, ein weiterer großer Corona-Ausbruch gemeldet wird. Diesmal in einem Wohnblock in Friedrichshain. Die Großstadt bietet nicht viel Raum für Abstand, vor allem nicht – und auch das ist ein bitterer Nebeneffekt dieser Krise – bei den sozial Schwächeren.

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Die schon beim Homeschooling abgehängt wurden, die sich kein neues Handy für die Corona-App leisten können. Abgehängt, weggeschlossen – dürfen wir jetzt wieder in die Oper gehen?

Die Pandemie ist nicht vorbei. Kein Satz wurde in den vergangenen Wochen von Politikern häufiger wiederholt, doch die Worte verschwinden hinter den Bildern voller Parks und Einkaufsmeilen. Und hinter der völlig planlosen Rückkehr zum Regelbetrieb in Kitas und Schulen nach dem Motto: Wenn uns keine bessere Lösung einfällt, um den überlasteten Eltern zu helfen, dann gehen wir eben zurück auf Los. Normalität, die neue Partydroge, hat nur leider ziemlich unangenehme Nebenwirkungen. Tödliche könnte man sagen.

Das Bußgeld ist richtig, die Kontrolle wird schwer

Immerhin hat sich der Senat nach langem Hin und Her zu einem Bußgeld durchgerungen für jene, die zu cool, zu faul, zu frech fürs Masketragen sind. 50 bis 500 Euro soll die nackte Gesichtsfreiheit ab Sonnabend kosten und zwar nicht nur in Bus und Bahn, sondern auch in Bars und beim Bäcker.

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Ob damit die schwindende Disziplin vieler zurückkehrt, bleibt fraglich. Und wer soll die Bußgelder durchsetzen in einer Stadt, die zwar eine Hundekotbeutelpflicht einführt, diese dann aber ganze vier Jahre lang nicht kontrolliert?

Der Regierende sprach am Dienstag von punktuellen Kontrollen und zog – ausgerechnet – den Vergleich der Verkehrskontrolle. Dort gibt es vor allem eines: im Alltag ein sehr geringes Risiko, erwischt zu werden – falls nicht gerade wieder eine groß angekündigte Schwerpunktaktion läuft. Und auch hier gibt es seit Jahren eine Kurve, die steil nach oben zeigt: die der Unfälle.