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Berliner Plätze: Mehr Licht für den Hansaplatz!

Elisabeth Binder wünscht sich weniger düstere Ecken am Hansaplatz. Außerdem noch Delikatessen, ein richtig schönes Café, eine Minigolfbahn und . . . Sie ist nicht allein mit diesem Wunsch.

Das kranke Herz des Hansaviertels seufzt unter Rost und krakeligen Graffiti auf blassen Fünfziger-Jahre-Kacheln. Was könnte man alles machen auf dem Hansaplatz am Rande des Tiergartens, mitten in dem Viertel, das zur Internationalen Bauaustellung 1957 Symbol war für eine neue, von Architekten aus aller Welt inspirierte Lebensqualität auf den Ruinen des Zweiten Weltkriegs? Nach dem Fall der Mauer blühte die Stadt ringsum auf. Aber ausgerechnet hier haben sich die Träume bis heute nicht erfüllt. Egal, ob bei der Weinprobe im Gemeindesaal von St. Ansgar oder bei der Party in der Peripherie des Hansaviertels, immer wieder kommt die Frage auf, warum der Hansaplatz so ist, wie er ist: heruntergekommen, schäbig. Warum kann ein Platz, der mitten in Berlin und gleichzeitig mitten im Grünen liegt, nicht eine attraktive Ansammlung von Geschäften und Lokalen haben? Eine bessere Lage gibt es doch kaum.

Wo früher der nette Besitzer des Fotoladens Generationen von Urlaubsbildern entwickelte, leuchtet jetzt grellbunt ein Internetcafé mit Spätverkauf. Ein Blick von Weitem reicht, um zu sehen, was die Menschen spät noch brauchen: sehr viel Bier, außerdem Zigaretten und Schnaps. Gleich um die Ecke bietet der voll gestopfte Textilladen Billigklamotten an. Draußen hängen dicht gedrängt Gummizughosen und geblümte Nachthemden. Muss das so aussehen an diesem Ort?

Seit der Blumenladen unter vietnamesischer Regie steht, bekommt man dort preiswerte bunte Sträuße. Nur die Farbwahl bei den Adventskranzkerzen kriegen sie nie hin, die ist zu kitschig. Das krempelige Dienstleistungscenter macht definitiv keine Lust, dort Schuhe reparieren zu lassen. Zur Kleiderreinigung lädt es schon gar nicht ein. Warum kann da nicht mal eine blitzmoderne Reinigung einziehen? Gleich nebenan gibt es Wein und Schokolade für Besserverdienende und Heimatkunde vom Bürgerverein in Gestalt von Büchern und historischen Postkarten.

Tagesspiegel-Autorin Elisabeth Binder

© Kai-Uwe Heinrich

Die Apotheke gegenüber atmet Leistungswillen und ist so eine Art Star des Platzes, weil man mit Apotheken nun mal genug Geld verdient, um ein modernes, gut ausgeleuchtetes Ambiente zu schaffen. Daneben befinden sich zwei Postschalter mit angeschlossenem Schreibwarenladen. Nützlich! Dort muss man auch nie so lange anstehen wie früher in der alten Post. Der türkische Feinkostladen reüssiert leider auch als „Obstgarten“ nicht. Das liegt nur zum Teil an den Preisen. Auch hier wirkt die Einrichtung total angestaubt.

Auch der Hansaplatz war einst vom Image der Moderne geprägt

An diesem düsteren Durchgang könnte sich ein aufstrebender Lichtdesigner mit einer von außen unzerstörbaren und mit dem Denkmalschutz des Platzes kompatiblen Leuchtlandschaft echte Verdienste erwerben. Es ist ein bisschen so, als hätte das Image der Moderne, das der Platz einst genoss, einen Fluch hinterlassen, der allem den Stempel des hoffnungslos Gestrigen aufdrückt. Der Generation Bombennächte mögen die niedrigen Holzdecken Geborgenheit vermittelt haben, aber längst ist eine Generation herangewachsen, für die die luftigen Potsdamer Platz Arkaden immer schon da waren. Die Bäckerei mit kleinem Café wird von manchen Anwohnern aus dem Hansaviertel und seiner Peripherie immer noch boykottiert. Als sie einzog, gab es bei Bolle nebenan noch einen Bäcker, und wo jetzt der Spätverkauf das Auge so frech attackiert, servierten freundliche Polinnen belegte Brötchen und Kaffee. Eine dritte Bäckerei war hier überflüssig wie ein Kropf. Vorher hatte es dort einen gut sortierten Zeitschriftenladen mit Lotto-Annahmestelle gegeben. Freundliche Zwillingsschwestern betrieben ihn jahrelang gemeinsam. Dass sie dort vertrieben wurden, haben manche Anwohner dem Bäcker nicht verziehen.

Die ebenfalls lange heruntergekommen wirkende Bolle-Filiale immerhin hat sich inzwischen zum Hoffnungsträger in Gestalt eines aufgeräumten Rewe-City-Marktes gewandelt. Dort drin befindet sich auch der Geldautomat, der aber die Sparkasse, die geschlossen hat, nicht wirklich ersetzen kann. Bereits vor Jahren hat sich „Butter Lindner“ vom Hansaplatz zurückgezogen und erheblichen Phantomschmerz hinterlassen. Wo einst die „Haxenhanne“ darauf wartete, mit Gästen gefüllt zu werden, halfen dem „Sempre“ Preissenkungen nicht, voll zu werden. Die Räumlichkeiten sind viel zu groß. Vielleicht wäre eine Art Marktplatz die Lösung, mit Ständen für Sushi, Tacos, Cocktails und einer in den Biergarten integrierten Minigolfbahn. Warum können da nicht mal erfahrene Club-Gastronomen ran?

Vielleicht ließe sich auch der leere Raum neben der Hansabücherei auf der anderen Seite der Altonaer Straße zum Beispiel mit einem Kletterbaum oder Tischtennisplatten mal so gestalten, dass man sich dort wohlfühlt.

Es gibt ja richtig gute Initiativen wie den ambitionierten Ökomarkt vor der St. Ansgar Kirche, wo man neuerdings freitags zwischen 12 und 18.30 Uhr regionale Spezialitäten und Kunsthandwerk kaufen kann.

Das Grips-Theater ist immer noch ein Leuchtturm, der aus Geldmangel leider wankt. In den Pausen bevölkert junges, urbanes Publikum den Platz. Wenn es dort doch endlich mal weitere Attraktionen zum Wiederkommen entdecken könnte!

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