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Nachruf auf Frank Steffen Dittrich: Bitte keine Blumen mehr!
„Frank war eine Partymaus“, sagt Francesco. „Wie oft hat er mich ins KitKat geschleppt!“
Stand:
Frank wusste, dass er bald sterben würde. Jedes Mal, wenn er ins Krankenhaus musste und nicht klar war, ob er zurückkommen würde, schrieb er seinem Mann Francesco einen Brief. Wenn er dann doch wieder entlassen wurde, versteckte er den Brief in seinem Aktenkoffer.
„Ein Jahr nach seinem Tod traute ich mich dann endlich an seinen Koffer. 60 Briefe“, erzählt Francesco. „Wenn ich die Kraft dazu habe, öffne ich einen. Elf habe ich bisher lesen können. Sie fangen alle mit ,Maus‘ an, so hat er mich genannt.“
„Höre auf, Schwarz zu tragen, das steht dir wirklich nicht“, stand gleich im ersten Brief. „Bitte auch keine Blumen mehr vor die Tür stellen. Genug der Trauer.“ Es sei an der Zeit, die Adidas-Klamotten wieder anzuziehen, am Leben teilzunehmen. „Wir waren das Adidas-Pärchen. Sneakers, Hosen, Jacken, alles nur Adidas. Dafür waren wir im Viertel bekannt“, sagt Francesco.
Es waren die 2000er, Frank stand an der Theke, schaute sich die Männer an. War denn heute Abend kein hübscher, netter dabei? Da sah er Francesco. „Diese Blicke, er hörte gar nicht auf, mich anzusehen. Richtig schnuffig fand ich ihn, 1,77, schlank, Glatze.“ Doch Frank war schüchtern, also ließ er den Barkeeper ein Getränk servieren. „Vom Herrn da drüben“, sagte dieser zu Francesco. „Das kann ich so nicht annehmen. Der Herr soll das Getränk doch bitte selber herbringen“, erwiderte Francesco. Frank kam rüber und ging nie wieder weg.
Frank wurde in Pirna bei Dresden geboren. Er war das jüngste von drei Kindern. Sein Vater arbeitete im Bergwerk, Schichtdienst. Es herrschte Zucht und Ordnung, Umarmungen waren selten. Frank war noch klein, als die Ärzte einen Hirntumor bei ihm entdeckten. Er wurde operiert, bekam Metallplatten in seinen Schädel gesetzt, überlebte.
So was von verweichlicht!
Aber, so warnte der Arzt die Eltern, der Junge würde von nun an etwas langsamer sein, in allem. Ob jemals etwas Vernünftiges aus Frank werden würde?
Sein Sohn schwul? Das konnte der Vater nicht hinnehmen. Immer wieder stichelte er, war abfällig und provozierte. Einmal, so hat es Frank berichtet, zog er sich aus, baute sich vor Frank auf und sagte: „Na, gefällt dir, was du siehst?“ Und dass Frank dann auch noch seine Maurerlehre abbrach, das war einfach zu viel. So was von verweichlicht!
„Frank hat mir beigebracht, was Liebe ist. Er hat für sein Leben gerne gekuschelt. Harmonie war ihm wichtig. Streit mochte er gar nicht. Ich hingegen war überhaupt kein Kuschelmann. Am Anfang zumindest. Doch Frank hat nicht lockergelassen. Wir haben immer wieder darüber geredet, dann hat er mich gefragt, ob er mich immerhin drücken darf. Nach und nach habe ich gelernt, dass ich mich bei Frank fallen lassen darf.“
Als Frank seinen ersten festen Freund hatte, seine erste Liebe, da muss er 17 gewesen sein, glätteten sich die Wogen. Zusammen lebten sie in einer Ein-Zimmer-Wohnung, die von den Eltern des Freundes bezahlt wurde. Es soll sogar vorgekommen sein, dass sich beide Elternpaare und die Söhne um die Sonntagstafel versammelten.
Die Wende war für Frank ein Wunder. Er fuhr nach Berlin, lief an den Grenzern vorbei und stürzte sich in die schwule Szene von Berlin: Kneipen, Discos, es gab eine Menge zu entdecken. „Frank war eine Partymaus. Wie oft hat er mich ins KitKat geschleppt! Und wenn ich keine Lust hatte, dann drehte er die Anlage auf und tanzte eben zu Hause.“
Frank ging nach Zürich, wo er als Barkeeper arbeitete. Das gab gutes Geld, und es fühlte sich nach der großen Welt an. Gleichzeitig entdeckte er sein Interesse an Computern. Fuchste sich in Hardware und Software ein und las alles, was es dazu zu lesen gab. Und lernte Torsten kennen, der die Technik ebenfalls spannend fand. Erst wurden sie ein Paar, dann eröffneten sie zusammen ein Computerfachgeschäft im Friedrichshain.
„Mein Leben bist doch du!“
„Frank hat nie einfach etwas hingenommen und hat auch nie gesagt: Ich kapier das nicht. Stattdessen hat er sich an die Reparaturen gemacht.“ Acht Jahre später stellte ihn eine große Firma für Sicherheitstechnik ein. Bis zum Abteilungsleiter stieg er dort auf. „Von wegen, dass aus dem nicht werden würde!“
Erst hatte Frank ein Lymphom in der Lunge, dann bekam er Krebs. Er ließ alle OPs und Behandlungen über sich ergehen. Seine Schwester schenkte ihm ein Tagebuch, darin schrieb er immer wieder nur diese drei Sätze: „Ich möchte leben. Ich möchte gesund werden. Ich will meinen Schatz heiraten.“ Und natürlich machte er sich Sorgen, dass sein Francesco ihn nicht mehr lieben würde, mit dem Wasser im Bauch und den Elefantenbeinen.
„Ich weiß, du willst dein altes Leben zurück.“ – „Du Arsch, mein Leben bist doch du!“
Frank konnte nicht mehr arbeiten. Francesco ist aufgrund einer Behinderung in Frührente. „Wir waren schlicht und einfach arm.“ Frank war das egal und schenkte der alten Frau trotzdem einen Fünf-Euro-Schein. Es würde schon weitergehen. Nur dass sie sich nicht einfach das Essen kaufen konnten, auf das sie gerade Lust hatten, das ärgerte ihn.
Rein ins Krankenhaus, raus aus dem Krankenhaus, fünf Jahre Ausnahmezustand. „Ich brachte ihm immer Essen ins Krankenhaus, zweimal am Tag war ich da, und nie wusste ich, ob er noch leben würde, wenn ich komme.“ Erst ging es noch auf die Palliativstation, hier kam sein Bruder zu Besuch, sie sprachen das erste Mal seit Jahren wieder miteinander. Frank war so glücklich, ihn wiederzusehen, hing an seinen Lippen. Dann ging es nach Hause, hier wollte er sterben, das war sein letzter Wunsch.
Auf dem Alten St.-Matthäus-Friedhof ist er begraben, da, wo auch die Gebrüder Grimm liegen. „Er liebte ihre Märchen.“ Jeden Tag geht Francesco ihn besuchen. „Ich habe versprochen, dass er einen Grabstein bekommt, bisher habe ich das nicht bezahlen können. Doch das ist jetzt ein großes Ziel in meinem Leben.“
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