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Angekommen. Bis zum Ende der DDR kamen 1,35 Millionen Flüchtlinge nach Marienfelde. Das Bild stammt von 1961. Foto: Ullstein/Georgi

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Flüchtlinge einst und jetzt: 20 Stockbetten pro Zimmer

Die Deutschen sind Fluchtexperten – Millionen Vertriebene und DDR-Flüchtlinge strömten einst von Ost nach West. Mit offenen Armen aber wurden sie nur selten empfangen. Eine Erinnerung.

Flüchtlinge wird es immer geben, auch die Anlässe – Verfolgung, Krieg, Hunger, Arbeitslosigkeit – hat es immer schon gegeben, seit Jahrtausenden. Neu ist indes die Unablässigkeit des Menschenstroms aus Kriegs- und Krisengebieten. Warum jetzt und dann aus allen Richtungen zugleich?

Der Krieg in Syrien währt nun vier Jahre, die Gewalt im Jemen, Irak und in Libyen reicht noch weiter zurück. Warum die Massen in diesem Jahr?

Flüchtlinge kamen schon in den Achtzigern und Neunzigern. Denken wir an die Millionen Spätaussiedler aus Polen, Rumänien und vor allem aus Russland. Mit den Entwicklungen damals kam der Durchschnittsdeutsche noch halbwegs zurecht; sie berührten sein Leben kaum. Im Bewusstsein wären sie verdrängt worden, wäre das Gewissen nicht durch die gelegentlichen Schreckensszenen angegriffener Heime aufgerüttelt worden. Es gab Probleme, aber die angedrohte Apokalypse blieb aus.

Der Ostdeutsche floh gerne bei Sonnenschein und mit Zeugnis

Inzwischen landen die Flüchtlinge nicht nur auf Lampedusa, sondern auch auf dem Münchner oder Wiener Hauptbahnhof. Plötzlich wurden Tausende zu Flüchtlingshelfern, Flüchtlingsverstehern, Flüchtlingsbegleitern. Nach anfänglicher Gleichgültigkeit, gelegentlicher Abwehr – haben wir nun die „Willkommenskultur“, nach der so laut gerufen wurde? Kinder werden mit Spielzeug und die Erwachsenen mit Kleidung und Lebensmitteln begrüßt, auch mit Zelten und Polizisten, Ärzten und Sanitätern.

Eine Wohnung aber können die freundlichen Münchner den Flüchtlingen freilich nicht anbieten. Das finden die Retter dann irgendwie schnell unmenschlich. Werfen wir den Blick weit zurück. Vor dem Bau der Mauer kamen aus der „Zone“ täglich Tausende nach Berlin, insbesondere in den Sommerferien, denn der Ostdeutsche floh gern lieber mit Zeugnis und bei Sonnenschein, außer natürlich, die Stasi war hinter ihm her. Berlin machte nicht dicht, Berlin stöhnte nicht, Berlin akkomodierte die Flüchtlinge – ohne große Aufwallung, ohne Gefühlsduselei, ohne große Worte.

Die Ostdeutschen strömten mit Kind und Kegel ins Notaufnahmelager Marienfelde, auch unbegleitete junge Flüchtlinge gab es damals schon. Alle trugen nur kleine Koffer, große hätten unweigerlich den Verdacht der Vopo in den Zügen Richtung „Hauptstadt der DDR“ erregt. Und sie warteten. Sie saßen auf Bänken, legten sich vor Müdigkeit auf den Rasen. Die Kinder balancierten auf den flachen Eisenzäunen. Flaschenwasser gab es nicht, der Wasserhahn, endlos belagert, musste reichen.

War das unmenschlich oder hat das jemand damals „unmenschlich“ genannt? Es war einfach Flucht. Aus der DDR flohen sie von Anfang an, bei Nacht und Nebel, zunächst über grüne Grenzen, später per Zug nach Ost-Berlin. Sie ließen alles zurück, Leben, Beruf, Freunde, Verwandte, Spielzeuge und Schulbücher, um die Freiheit zu erlangen, um den politischen Druck los zu werden, um studieren zu dürfen, um aktiver Christ bleiben zu können, selten kamen sie aus Hungersnot. Es fielen keine Bomben. Sie rannten trotzdem weg.

Davor waren Millionen aus dem Osten gekommen, aus Ostpreußen, Schlesien und dem Sudetenland. Die Deutschen waren geradezu Fluchtexperten. Zwölf Millionen strömten aus dem verlorenen Osten in den Westen. Viele starben. Sie erfroren, verhungerten, verdursteten.Trafen diese Millionen von zerlumpten, verzweifelten Menschen in Westdeutschland auf eine Willkommenskultur? Höchst selten. Das Land lag danieder und schon damals rissen die Alteingesessenen für sie nicht freiwillig ihre Türen auf. Sie brachten den Geflüchteten nicht einmal Kleidung oder Spielzeug.

Familien wurden streng nach Geschlecht getrennt

Angekommen. Bis zum Ende der DDR kamen 1,35 Millionen Flüchtlinge nach Marienfelde. Das Bild stammt von 1961. Foto: Ullstein/Georgi

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Warum macht unser Mitgefühl schlapp?, fragte in der FAZ Milosz Matuschek, der vor 33 Jahren als polnischer Spätaussiedler nach Deutschland kam. Das Mitgefühl für Flüchtlinge war auch damals schlapp. Die Schlesier und Ostpreußen mit ihrem fremden Akzent waren nach Kriegsende in Bayern oder Schleswig Holstein nicht Menschen, auf die man gewartet hatte. Sie wollten Platz, sie wollten Arbeit, sie hatten nichts. Selbst die adlige Verwandtschaft jubelte in ihren Herrenhäusern nicht, als die nun verarmten Vettern und Cousinen aus dem Osten Unterschlupf begehrten.

Man musste zum Interview - fast ein Verhör

So erging es auch den DDR-Flüchtlingen. In Berlin bot die bürokratische Ödnis Marienfelde mit den vielen Baracken kein anheimelndes Zuhause, sondern vorerst nur Sicherheit. Die Aufnahmeprozedur dauerte Tage. Akten mussten herbeigeschafft werden: Zeugnisse, Dokumente. Wenn die fehlten, mussten Zeugen her. Die Alliierten befragten jeden, der über 18 Jahre alt war, auch um mögliche Stasispitzel ausfindig zu machen, die im Strom mitgeschwommen waren.

Familien teilten sich ein kleines Zimmer mit Stockbetten und einem Tisch in der Mitte. Dort mussten sie bis zum Interview, fast ein Verhör, warten und warten. Die Familienlosen kamen in Massenunterkünfte. Nach Abschluss des Aufnahmeverfahrens kam die Verlegung in große Flüchtlingslager, oft in alte Kasernen wie am Askanischen Platz. 3000 Menschen lebten in solchen Kästen. 10 bis 20 Stockbetten pro Zimmer, zwei Waschbecken, Reinigungsdienst reihum. Bettwäsche gab’s einmal pro Woche, Handtücher öfter, dreimal pro Tag eine Mahlzeit. Die Kinder wurden im Keller bespaßt. Der spätere CIA-Chef James Woolsey hat hier in seinen Sommerferien mit Flüchtlingskindern musiziert.

In dieser zweiten Phase wurden die Familien streng nach Geschlecht getrennt, ein schmerzhaftes Erlebnis für Eltern und Kinder. Unmenschlich? Es war Verwaltung mit knappen Mitteln und überwältigendem Andrang. Das Lager musste laufen, Seuchen durften nicht ausbrechen. Es galten Sauberkeit und Disziplin. Es blieb meistens ruhig.

Niemand lud die Flüchtlinge zu sich nach Hause ein

Ein Flüchtlingslager ist kein Erholungsheim, es ist unpersönlich und unprivat. Seine wenigen Besitztümer musste ein Flüchtling am Leibe tragen; abschließbare Behälter gab es nicht. Flucht macht müde und depressiv. Das Einerlei, die Zukunftsangst quälen. Die Armut tut es auch. An ein Bad, eine Dusche für sich allein war nicht zu denken. Wo werden wir leben, und wie die richtigen Schulen, Unis oder Ausbildungsplätze für die Kinder finden? So vergingen zwei, drei, vier Monate – tatenlos, schullos, geldlos, eingesperrt in West-Berlin, weil die Menschen lange auf einen Flug nach Westdeutschland warten mussten.

Niemand lud die Flüchtlinge zu sich nach Hause ein, und sei es nur zum Abendessen. Es gab keine runden Tische, wo sich gebildete und engagierte Bürger über das Schicksal der Flüchtlinge austauschten, vor dem Lager stand kein Empfangskomitee. Die Glücklichen hatten Beziehungen oder auch Westgeld und wurden schneller rausgeflogen, andere hatten vielleicht eine alte Tante in Tempelhof oder Freunde in Dahlem, wo sie einen vollen Kühlschrank vorfanden oder einen gedeckten Tisch. Unmenschlich? Es war unbequem und verwirrend. Willkommen fühlte sich keiner, aber abgelehnt auch nicht. Ansprüche konnte kaum einer stellen. „Nach Hamburg wollen Sie?“, fragte der Sachbearbeiter. „Geht nicht, Hamburgs Flüchtlingslager sind voll.“

An den Klassentüren stand nicht 8a, b oder c, sondern SBZ 8 und SBZ 9

Angekommen. Bis zum Ende der DDR kamen 1,35 Millionen Flüchtlinge nach Marienfelde. Das Bild stammt von 1961. Foto: Ullstein/Georgi

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Die Mutter wollte nie wieder in ein Lager und hatte sich auf Hamburg kapriziert, weil die Verwandten dort leben, die Kinder dort Schule und Universität fänden. Doch die Verwaltung bestand auf dem Nachweis einer privaten Unterkunft. Eine Cousine war bereit, für die fünf Menschen zu bürgen. Also flog eine Panam-Maschine die fünfköpfige Familie irgendwann nach Hamburg. Die Wohnung der Cousine war nicht für fünf Neuankömmlinge konzipiert. Die älteste Tochter suchte sich ein möbliertes Zimmer, die nächste kam ins Studentenheim, der Sohn ins Wohnheim für Jungen, die jüngste Tochter in eines für Mädchen. Wieder zu sechst im Zimmer mit zwei kleinen Fächern im Schrank und nichts zum Abschließen. Die Mutter blieb bei der Cousine.

Hatten die Schulen auf die Kinder aus dem Osten gewartet? Zehn Jahre nach Gründung der DDR hatten die Schulbehörden noch nicht gecheckt, dass die Kinder aus dem Osten Russisch als erste Fremdsprache lernten, selten Latein konnten und das Gymnasium westdeutscher Provenienz in der DDR abgeschafft worden war.

Es gab auch Inseln des praktischen Mitgefühls

Doch die Flüchtlingskinder sollten mal eben bis zu fünf Jahre Englisch nachholen, dito Latein und Französisch. Rücksichtnahme kam niemand in den Sinn. Es waren spät mal gerade zwei Klassen für diese Kinder eingerichtet worden. Die bekamen einen besonderen Stundenplan, um gleich zwei Fremdsprachen auf einmal neu zu lernen. An den Klassentüren stand für diese Kinder nicht 8a, b oder c, sondern SBZ 8 und SBZ 9. Dieses Flüchtlingskind, mit einem C-Ausweis für politisch Verfolgte und bereits mit einer Stasiakte geadelt, wollte nicht durch diese Tür. Fortan stand nur noch ein S für „Sonderklasse“ drauf.

Der Wohnungsmarkt hatte auf die Flüchtlinge auch nicht gewartet. Es konnte zwei, drei Jahre dauern, bis eine so zerrissene Familie wieder unter einem Dach vereint war. Zwischenzeitlich hatten die Kids im Westen Unabhängigkeit und den lässigeren Umgang mit dem westlichen Leben als die Erwachsenen entwickelt, was die Eltern kaum erfreute. Die Schule hat das nicht gekümmert. Damals gab es keine Schulpsychologen, die sich mit Burnout oder posttraumatischem Stress beschäftigten. Solche Begriffe waren noch nicht erfunden. Schon damals jammerte man über die armen Kinder, die aus dem Ruhrpott nach Bayern umziehen mussten. Dort gehe es ja viel strenger zu, hieß es. Flüchtlingskinder mussten zurecht kommen. Basta! Als wäre ein Systemwechsel, ein Verlust von Heim und Freunden, die Trennung von der Familie eine Kleinigkeit gemessen an dem Stress von Umzugskindern.

Dennoch gab es auch damals Inseln des praktischen Mitgefühls. In Hamburg war eine die legendäre Flüchtlingsstarthilfe, die in der „Zeit“-Kolumne „Frau Barbara bittet“ Woche um Woche Flüchtlingsschicksale schilderte und gezielt um Spenden warb. In deren Büro in einem alten Kontorhaus konnten sich Flüchtlinge gespendete Möbel oder Radios abholen. Das war keine „Willkommenskultur“, sondern Teilen und Helfen. So wie es im demokratischen Deutschland schon immer bürgerliches Engagement gab. In Berlin gab es den Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen, wo Anwälte umsonst Flüchtlinge in Rechtsfragen berieten.

Schlesier und Sudetendeutsche waren eben doch Fremde

Obwohl es sich weiland um „Biodeutsche“, keine Ausländer, handelte, war die Empathie höchst begrenzt. Schlesier und Sudetendeutsche waren eben doch Fremde. Schlimmer traf es später die Aussiedler, insbesondere die Russlanddeutschen. Sie hatten unter doppelter Entfremdung zu leiden. In Russland waren sie die Deutschen, hier waren sie die Russen, das machte es vor allem den Flüchtlingsjungen besonders schwer. Den Syrer, zumal wenn er Arzt oder IT-Fachmann ist, finden wir dagegen richtig gut. Den „asozialen“ Rumänen eher nicht. Er schürt Angst, sogar Hass. Das ist so „neu“ wie die Flucht seit Jahrtausenden, angefangen bei den Hebräern in Ägypten

Unmenschlich sind nicht die Massenunterkünfte, unmenschlich sind allein die Gründe, die Menschen in die Flucht treiben. Der perfektionierte Wohlfahrtsstaat mag mehr geben, aber er türmt auch bürokratisch-juristische Hindernisse auf, die im verarmten Berlin der Nachkriegszeit oder im Wien nach der ungarischen Revolution von 1956 leichter zu überwinden waren. Freilich fehlte damals auch die Omnipräsenz der Medien, die in alle Richtungen für Auf- und Erregung rund um die Uhr sorgen.

Pragmatismus, Gelassenheit und mehr Phantasie als die Bürokratie oft aufbringt sind gefragt. Leere Kasernen, aufgelassene Kliniken, unvermietete Hochhäuser sind bestens geeignet als Erstunterkünfte in der kalten Jahreszeit. Auch die Engländer und Amerikaner haben weiland zwangsbelegt. Denn Kleider- und Spielzeugspenden werden nicht reichen. „Da muss man doch was tun!“ hat noch niemand satt und in Arbeit gebracht. Die freiwillige Arbeit als Lehrer für Deutsch für Ausländer gewisslich schon eher. Die Integration kommt dann schon irgendwann von selbst. Im Fußball haben sie es schon geschafft, da kicken Bayern und Niedersachsen, abstammungsmäßige Ostpreußen oder Schlesier zusammen mit ungezählten Spielern in allen Schattierungen von braun bis schwarz. Alles Deutsche! Wir schaffen das... Ob Deutschland freilich Millionen weiterer Syrer so arglos und gut gelaunt aufnehmen kann, darf – Willkommenskultur hin oder her – bezweifelt werden.

Die Autorin lebt in München und ist freie Journalistin. Von ihr stammt das Buch „Eine Kindheit in vormaurischer Zeit“ (Berlin Verlag 2010).

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