30 Jahre nach dem Mauerfall : Wie es um Deutschlands Einheit bestellt ist

Nach wie vor gibt es zwischen Ost und West in vielen Bereichen eine Kluft. Wo sind die Unterschiede am größten? Eine Bestandsaufnahme zum Tag der Einheit.

Gleiche Lebensverhältnisse in Ost und West? Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.
Gleiche Lebensverhältnisse in Ost und West? Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.Foto: Rainer Jensen/dpa

Von der Mauer in den Köpfen ist auch 30 Jahre nach der Einheit Deutschlands immer wieder die Rede. Aber gibt es die Unterschiede zwischen Ost und West auch im realen Leben noch? Und wie groß sind sie? Das zeigen die folgenden Zahlen:

Kosten des Aufbau Ost: 1,6 Billionen Euro

Die Kosten der Deutschen Einheit sind nicht leicht zu berechnen. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags kommt bis 2018 auf einen Nettotransfer von rund 1,6 Billionen Euro. Dabei geht es zum einen um Transferzahlungen zum Beispiel in die ostdeutschen Rentensysteme.

Zum anderen kommen die direkten Finanztransfers von „etwa 560 Milliarden Euro“ hinzu, heißt es in der Analyse. Darin enthalten sind Mittel aus dem Fonds Deutsche Einheit und dem Solidarpakt I und II. Weitere Zahlungen liefen über den Länderfinanzausgleich und Ausgaben der Bundesministerien.

Abzuziehen sind allerdings Steuer- und Beitragseinnahmen, die durch die Wiedervereinigung an den deutschen Staat gingen. Da es im Osten viel weniger große Konzerne mit entsprechenden Steuerzahlungen gibt, sprich: die Wirtschaftskraft weit geringer ist, gibt es automatisch mehr staatliche Förderung, auch über die EU-Töpfe.

Vermögen pro Haushalt im Osten: 23.400 Euro

Um die Vermögensverteilung zu betrachten, eignet sich nicht der Durchschnittswert am besten. Er wäre verfälscht durch die paar Superreichen, die ihn in die Höhe treiben würden. Lohnenswerter ist ein Blick auf den Median, der in der Mitte übrigbleibt, wenn man die rund 40 Millionen Haushalte in Deutschland in eine reichere und eine ärmere Hälfte teilt.

Und hier wird eine Lücke zwischen Ost und West offenbar. Laut einer Bundesbank-Studie beträgt der Median der Nettovermögen pro Haushalt in den neuen Bundesländern 23.400 Euro. In der alten Bundesrepublik ist er rund vier Mal so hoch: 92.500.

Daran dürfte sich nicht viel ändern. Während es in den alten Ländern dem Statistischen Bundesamt zufolge kaum einen Landkreis ohne Einkommensmillionär gibt, sind in Ostdeutschland Kommunen mit derart Vermögenden eine Seltenheit.

Kitaquote in den neuen Bundesländern: 52 Prozent

52 Prozent beträgt der Anteil von Kindern im Alter bis zu drei Jahren, die in den neuen Ländern (einschließlich Berlins) Kinderkrippen und Kindertagesstätten besuchen (Stand vom März 2019). Damit lässt der Osten den Westen Deutschlands weit hinter sich, denn in den alten Ländern beträgt diese Quote nur rund 30 Prozent.

Der Westen holt in Sachen Kitabetreuung langsam gegenüber dem Osten auf.
Der Westen holt in Sachen Kitabetreuung langsam gegenüber dem Osten auf.Foto: Friso Gentsch/dpa

Lange wurde im Westen das dichte Netz mit Angeboten zur Kinderbetreuung im anderen Landesteil als Erbe der DDR misstrauisch angesehen. Inzwischen bemühen sich auch die alten Länder, Betreuungsangebote für Eltern zu schaffen, die ihre Kinder dort unterbringen wollen. Der Westen holt auf.

Standardrente in Ostdeutschland: 1435 Euro

So viel Euro (brutto) erhält ein Rentner im Osten jeden Monat, wenn er 45 Jahre lang durchschnittlich verdient und in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt hat. Wobei der Begriff „Standardrente“ irreführend ist, denn natürlich kommt nicht jeder Rentner auf 45 Beitragsjahre oder erhält den Durchschnittsverdienst.

Kein großer Unterschied. Die Standardrente in Ost und West sind fast gleichauf.
Kein großer Unterschied. Die Standardrente in Ost und West sind fast gleichauf.Foto: imago/Christian Ohde

Doch für Vergleiche wird der fiktive „Eckrentner“ immer wieder herangezogen. Im Westen lag die Standardrente im Juli 2019 nach Angaben der Rentenversicherung nur leicht höher, bei 1487 Euro im Monat. Um die finanzielle Situation der älteren Generation in Ost und West bewerten zu können, reicht der Blick auf die gesetzliche Rente allerdings nicht aus.

Betriebsrenten werden im Westen häufiger gezahlt, auch sonstige Alterseinkünfte – etwa aus Vermögen – kommen hier öfter vor. Dafür fallen bei der gesetzlichen Rente die Unterschiede zwischen Frauen und Männern in Ostdeutschland geringer aus als im Westteil des Landes.

Abgehängt im Westen. Kommunen im Ruhrgebiet wie hier Duisburg ächzen unter Altschulden.
Abgehängt im Westen. Kommunen im Ruhrgebiet wie hier Duisburg ächzen unter Altschulden.Foto: imago/Jochen Tack

Altschulden? Gibt es auch im Westen: 16 Milliarden Euro

30 Jahre nach dem Mauerfall wächst in den klammen Kommunen im Westen der Unmut. Allein die Ruhrgebietsstädte ächzen unter Altschulden – sogenannten Kassenkrediten – von rund 16 Milliarden Euro. Spitzenreiter ist Essen mit 2,2 Milliarden Euro, vor Oberhausen, Dortmund, Duisburg und Wuppertal.

Sie haben den Aufbau Ost mitgetragen, die Folgen des Strukturwandels durch das Ende der Kohleförderung führen aber zu immer größeren sozialen Problemen, Altersarmut, verwahrlosten Stadtteilen und mangelnden Mitteln für eigene Investitionen. Auch hier verzeichnet die AfD Zulauf.

NRW-Ministerpräsident Laschet (CDU) pocht auf eine „Sanierung West“. Finanzminister Scholz (SPD) hat erklärt, dass die Regierung bereit sei, einmalig zu helfen. Bisher herrscht darüber kein Konsens.

Das Lohngefälle zwischen Ost und West: 17 Prozent

Gleiche Qualifikation, unterschiedlicher Lohn – das gilt einer am Dienstag veröffentlichten Untersuchung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zufolge auch 30 Jahre nach der Wende. Beschäftigte im Osten verdienen demnach im Schnitt fast 17 Prozent weniger als im Westen. Bei Ausbildungsberufen ist der Unterschied meist größer, bei akademischen Tätigkeiten geringer, heißt es in der Studie.

Ein Ende des Lohngefälles ist indes nicht absehbar. Seit 2005 entwickeln sich die Gehälter in Ost und West fast parallel. Von 2010 bis 2014 wuchs das Lohngefälle leicht, seitdem nähern sich die Gehälter wieder an. Die aktuellen 17 Prozent sind mit Blick auf die vergangenen Jahre sogar ein guter Wert.

Arbeitslosenquote in Ostdeutschland: 6,1 Prozent

Im September lag der Anteil der Arbeitslosen in Ostdeutschland bei 6,1 Prozent, während im Westen im Durchschnitt 4,6 Prozent der Menschen auf Jobsuche waren. Im Vergleich zu früher haben sich die Arbeitslosenquoten spürbar angenähert, auch dank des Aufschwungs der vergangenen Jahre.

Zu Zeiten der Wiedervereinigung sah das Bild noch anders aus: Im September 1991 waren im Westen 5,9 Prozent der Menschen arbeitslos, im Osten waren es 11,4 Prozent. Mit der Massenarbeitslosigkeit Ende der 90er Jahre wurden die Differenzen eher noch größer.

Im Osten stieg der Anteil der Arbeitslosen im Spätsommer 1999 auf 18,4 Prozent, im Westen war die Quote mit 9,1 Prozent halb so hoch. Auf dem Arbeitsmarkt unterscheidet die Bundesagentur für Arbeit mittlerweile weniger nach Ost und West, sondern nach strukturschwachen und boomenden Regionen. Und beide gibt es in Ostdeutschland ebenso wie im Westen.

Dax-Vorstände aus Ostdeutschland: 0

Einer kommt aus den USA (Bill McDermott, SAP), einer aus Belgien (Hans Van Bylen, Henkel) und viele aus Bayern – nur aus Ostdeutschland kommt keiner der 30 Dax-Vorstandsvorsitzenden. Und auch in den erweiterten Chefetagen spielen Ostdeutsche kaum eine Rolle.

Eine Tagesspiegel-Umfrage unter den Dax-Unternehmen ergab 2018, dass nur fünf der 196 Vorstandsposten in den größten deutschen Aktiengesellschaften von Managern besetzt sind, die aus dem Osten kommen. Zudem hat kein Dax-Unternehmen seinen Sitz in den neuen Bundesländern.

In der Politik sieht es nicht besser aus. Anfang dieses Jahres gab es in elf von 14 Ministerien keinen Abteilungsleiter aus Ostdeutschland; in den anderen drei war es jeweils einer. Insgesamt kamen somit drei von 120 Abteilungsleitern aus den neuen Bundesländern.

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