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Ukrainische Soldaten an einer Straße in Butscha
© Reuters/Zohra Bensemra
Update

Tagebuch aus Kiew – Sonntag, 3. April: „Auf Fotos sieht man viele Leichen. Oft mit gefesselten Händen und Kopfschüssen.“

Die Verwandten des Hamburgers Anton Brushkivskyy halten in Kiew aus. Nach einer Flucht aufs Land kehrten sie zurück. Anton berichtet, wie es ihnen geht.

Von Frank Jansen

Anton Brushkivskyy (25) ist in der Ukraine geboren, arbeitet als Anlageberater in Hamburg und ist Mitglied des Berliner Fanklubs des FC Barcelona. Anton steht mit Verwandten und Freunden in der Region Kiew in ständigem Kontakt über die Messengerdienste WhatsApp und Telegram.

Seine Angehörigen hielten sich bis zur Flucht am 6. März im Haus von Antons Tante Larissa (57) und ihrem Mann Anatolij (60) in einem Vorort von Kiew auf. Die weiteren Verwandten sind Antons Cousine Aljona (33) mit Ehemann Viktor (36), Enkelin Viktoria (10) und Enkel Roman (6) sowie Aljonas Bruder Evgenij (31). Nur Viktor blieb in Kiew. Die anderen Verwandten kamen in einem kleinen Ort 120 Kilometer südwestlich von Kiew unter. Doch am 21. März verließ die Familie das Dorf. Sie lebt jetzt wieder in der Umgebung von Kiew.

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Die Verwandten haben zugestimmt, dass Anton täglich Fragen des Tagesspiegels beantwortet und auch Teile der Kommunikation bei WhatsApp und Telegram weiterleitet. Auf diese Weise entsteht eine Art Tagebuch der Familie in der Ukraine. Der erste Eintrag stammt vom 27. Februar.

Einzige Bedingung: die Verwandten möchten nicht, dass ihr jeweiliger Aufenthaltsort genannt wird. Aus Sorge, russische Stellen, die womöglich auch die Website der Zeitung lesen, könnten Informationen über die Familie bekommen.

Sonntag, 3. April:

Anton, was hören Deine Verwandten über die Tötung von Zivilisten durch die russischen Truppen bei deren Rückzug aus den Kiewer Vorstädten Butscha, Irpin, Hostomel und Browary?
Die Familie ist entsetzt. "In Irpin und Butscha war es die Hölle", schreibt Evgenij. "Auf Fotos und in Videos sieht man viele Leichen. Oft mit gefesselten Händen und Schusswunden in den Köpfen. Aktuell durchsuchen unsere Streitkräfte die Vororte, um Minen und Bomben zu entschärfen. Die Minen wurden von den Russen in Häusern und Autos platziert. Ich denke, dass viele Menschen aus den Vororten fliehen wollten. Die russischen Soldaten haben sie einfach erschossen. In Butscha soll es ein Massengrab mit mehr als 300 toten Zivilisten geben."

Evgenij hat geschrieben, gefangen genommene russische Soldaten hätten gestanden, auf Befehl auch Zivilisten getötet zu haben. Welche ukrainischen Medien haben darüber berichtet?
Evgenij berichtet, "es gab Live-Sendungen im TV und Live-Streams im Internet. Journalisten haben den russischen Gefangenen verschiedene Fragen gestellt. Die russischen Soldaten haben alles gesagt, was sie sagen wollten."

Wie bewerten Deine Verwandten die Berichte über die Tötung von Zivilisten in den nördlichen Vorstädten von Kiew? Wächst jetzt noch die Angst vor dem russischen Militär?
Die Familie ist geschockt. "Das ist meiner Meinung nach ein Genozid im 21. Jahrhundert", schreibt Evgenij. "Man kann nicht gar nicht glauben, dass es real ist. Sogar deutsche Nazis haben im Zweiten Weltkrieg nicht solche Kriegsverbrechen begangen wie jetzt die russischen Soldaten. Meine Uroma, die 101 Jahre alt ist, hat mir immer erzählt, dass in ihrem Dorf die deutschen Soldaten nie auf Zivilisten geschossen haben und die Leute vernünftig behandelt haben. Die Deutschen haben um Essen gebeten und nicht Zivilisten getötet wie die Russen. Jetzt wurden Menschen gefesselt und ihnen in den Kopf geschossen."

Einspruch. Das scheint eine verzerrte Wahrnehmung zu sein. Die Deutschen haben die Ukraine nicht nur überfallen, sondern auch extreme Verbrechen an der Zivilisten verübt. Im September 1941 hat die SS in der Nähe von Kiew, in Babyn Jar, an zwei Tagen mehr als 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder erschossen. Außerdem wurden bei den Kämpfen in der Ukraine von 1941 bis 1944 viele Städte zerstört. Das kann Evgenij nicht vergleichen....

Nein, das will er auch nicht. Er sagt, er habe nie damit gerechnet, dass im 21. Jahrhundert jemand in der Lage ist, die Befehle zu geben, Frauen und Kinder zu töten. Es ist ein Genozid. Evgenij sagt, "der Hass gegenüber Putin ist gigantisch."

Evgenijs schiefer Vergleich mit den Verbrechen der Nazis wirkt wie blinde Verzweiflung...

Ja, das sehe ich auch so. Es kochen viele Emotionen hoch. Was Evgenij gesagt hat, ist auch nicht meine Meinung. Die Dimension der Verbrechen Hitlers ist natürlich nicht zu vergleichen mit den aktuellen Geschehnissen. Evgenij schreibt jetzt allerdings auch, wer wie Putin Zivilisten töten lässt, wer Krankenhäuser und Schulen zerbomben lässt, der ist auch in der Lage, einen Atomkrieg anzufangen. Und dann wird der Vergleich mit Hitler nicht mehr so wahnsinnig sein.

Was wissen Deine Verwandten über die Verlusten der ukrainischen Armee bei den Kämpfen nördlich von Kiew?
Evgenij sagt, es gebe keine gesicherten Informationen. Er schätzt, dass die ukrainischen Streitkräfte 5000 bis 7000 Soldaten verloren haben.

Wie ist die aktuelle Lage in dem Vorort, in dem Aljona und Viktor mit den Kindern und Evgenij leben?
Im Moment passiert nicht viel. Evgenij schreibt, "die Situation ist überraschend ruhig. Man hört keine Raketen."

Will Evgenij zurück in seine Wohnung, die in einem anderen Vorort liegt?
Evgenij sagt, "ich hatte überlegt, zurückzufahren. Allerdings wird das Haus dort nicht beheizt, sodass man sich erkälten könnte. Deshalb bleibe ich erstmal bei meiner Schwester Aljona."

Wie ist die Lage bei Larissa und Anatolij, den Eltern von Evgenij und Aljona?
Bei den Eltern sei es ebenfalls ruhig, sagt Evgenij. "Wir wohnen nicht weit weg voneinander, sodass wir theoretisch dieselben Explosionen hören würden."

Wie geht es Aljonas Kindern Viktoria und Roman?
Die Kinder waren gestern kurz draußen. Es ist aber kalt und schneit. Evgenij schreibt, "wir bleiben lieber zu Hause und spielen mit ihnen."

Was weiß die Familie über die Menschen, die von Kiew in Richtung Westen geflüchtet waren und nun zurück kommen? Es scheint ja eine Art Rückstrom zu geben.
Die Leute kommen offenbar nur langsam zurück. Evgenij sagt, "es ist weiterhin ein Risiko, sich in Kiew aufzuhalten. Es wird noch dauern, bis viele geflüchtete Menschen zurückkehren. Aber es wird schon etwas besser."

In Trümmern. Ein Ukrainerin vor einem zerstörten Haus im Kiewer Vorort Byschiw. Die russische Armee beschießt immer wieder auch zivile Ziele.
In Trümmern. Ein Ukrainerin vor einem zerstörten Haus im Kiewer Vorort Byschiw. Die russische Armee beschießt immer wieder auch zivile Ziele.
© Alex Chan/SOPA Images via ZUMA Press Wire/dpa

Samstag, 2. April:

Anton, die ukrainische Armee erobert offenbar weitere Gebiete im Norden von Kiew zurück. Was erfahren Deine Verwandten?
Sie hören, dass die russischen Truppen weiter zurückgedrängt werden. Evgenij schreibt, "gestern hat unsere Armee die Vorstädte Butscha und Hostomel befreit. Es gab schwere Kämpfe. Die russische Armee hat sich zurückgezogen."

Was berichten Bekannte und Freunde Deiner Verwandten über die Zerstörungen im Norden von Kiew? Was wissen sie über Tote und Verletzte?
Evgenij schreibt, "meine Freunde, die in der Nähe wohnen, sind noch nicht in die bisherigen Kampfgebiete gefahren. Es ist zu gefährlich, da die Russen in vielen Straßen und Häusern Minen gelegt haben. Außerdem ist weiterhin der Beschuss mit Raketen zu befürchten. Ich habe ja gestern geschildert, was meine Bekannte aus dem Dorf bei der Vorstadt Browary erlebt hat. Nach der Befreiung durch die ukrainische Armee lagen viele tote russische Soldaten in ihrem Blut."

Was berichten ukrainische Medien über gefangen genommene russische Soldaten? Was erzählen die Russen?
Die ukrainischen Medien berichten ausführlich. Evgenij sagt, "die Journalisten machen Interviews mit Gefangenen. Viele ergaben sich freiwillig, um nicht zu sterben. Viele gestehen auch, dass sie Befehle hatten, auch ukrainische Zivilisten zu töten. Die Opfer sollten allerdings der ukrainischen Armee zugeschrieben werden."

Russische Medien berichten, ukrainische Hubschrauber hätten die russische Stadt Belgorod angegriffen und ein Treibstofflager in Brand geschossen. Was wissen Deine Verwandten? Halten sie die Berichte für echt?
Da ist die Familie skeptisch. "Ich denke, dass das nicht stimmt", schreibt Evgenij. "Es ist mal wieder von der russischen Propaganda inszeniert. Oder russische Soldaten, die gegen Befehle Widerstand leisten, haben Sabotage verübt."

Meint die Familie, das ukrainische Militär sollte russisches Gebiet angreifen oder darauf verzichten?
Evgeni sagt, "wir sind für Frieden. Wir wollen keinen Krieg und kein fremdes Territorium. Wir verteidigen nur unser Land."

Wie ist die aktuelle Situation in dem Vorort bei Kiew, in dem Deine Verwandten leben? Gibt es Raketenbeschuss?
Derzeit ist es ruhig. "Das ist schon merkwürdig", schreibt Evgenij. Nach wochenlangem Raketenbeschuss fragt sich die Familie, was die Ruhe zu bedeuten hat. Womöglich bereiten die russischen Truppen eine neue Offensive vor.

Sind Larissa und Anatolij, die Eltern von Evgenij und Aljona, wieder in ihrem Haus in einem anderen Vorort von Kiew? In dem Haus hatte ja die ganze Familie ausgeharrt bis zu ihrer Flucht aufs Land am 6. März.
Larissa und Anatolij sind wieder in ihrem Haus. Sie sagen allerdings, dass es in dem Vorort Schäden vom Raketenbeschuss gibt, der vor ihrer Rückkehr stattfand. Ein Hochhaus wurde getroffen und ein kleineres Gebäude. In dem Hochhaus wurden vier Menschen verletzt.

Wie geht es den Kindern von Aljona und Viktor?
Evgenij schreibt, "Viktoria und Roman sitzt in der Wohnung. Sie würden gerne draußen spielen, das geht aber nicht. Heute allerdings nur wegen des schlechten Wetters."

Gestorben im Angriffskrieg. Zahlreiche russische Soldaten wurden bei den Kämpfen am Rand von Kiew getötet. Im Bild die Leiche eines Russen, der am Donnerstag gefallen ist.
31.03.2022, Ukraine, Kiew: GRAPHIC CONTENT - Die Leiche eines gefallenen russischer Soldaten nach einem Angriff ukrainischer Streitkräfte auf russische Stellungen außerhalb von Kiew. Am Donnerstag, 31.03.2022, kam es in den Außenbezirken von Kiew und anderen Gebieten zu schweren Kämpfen. Foto: Vadim Ghirda/AP/dpa - ACHTUNG: Graphic Content +++ dpa-Bildfunk +++
© Vadim Ghirda/AP/dpa

Freitag, 1. April:

Anton, Dein Cousin Evgenij hat gestern geschrieben, seine Bekannte in dem Dorf bei der Vorstadt Browary habe sich nicht mehr gemeldet, seitdem dort wieder Kämpfe ausbrachen. Konnte Evgenij inzwischen Kontakt aufnehmen?
Ja, er hat sie erreicht. Die ukrainische Armee hat die russischen Truppen vertrieben. Evgenij schreibt, "meiner Bekannten und ihren Eltern geht es ganz gut. Sie sagt, die Zeit der Besetzung durch russische Truppen seien die längsten Tage ihres Lebens gewesen.

Die russischen Soldaten kamen am 27. Februar ins Dorf und waren dort bis zum 30. März. Ständig sind Russen in ihren Garten gekommen und haben alles Essbare weggenommen. Meine Bekannte wurde dabei immer mit einer Waffe bedroht. Die Soldaten haben ihnen vier Handys weggenommen und dann nach Russland telefoniert. Meistens waren es jungen Burschen im Alter von 18 bis 20 Jahren."
Was haben die russischen Soldaten ihren Angehörigen oder Freunden erzählt?
Evgenij schreibt, "meine Bekannte sagt, die Russen hätten am Telefon meistens über die Situation in Browary und überhaupt im Norden von Kiew gesprochen. Die Bekannte hat nicht alles mitbekommen, aber sie meint, die Familienangehörigen hätten den jungen Soldaten gesagt, sie sollten nach Hause kommen. Die Soldaten hätten dann aber geantwortet, dass das nicht möglich ist, weil sie sonst erschossen werden für Verrat."

Haben die Bekannte und die weiteren Dorfbewohner bei den Kämpfen Verletzungen erlitten?
Die Leute im Dorf seien zum Glück unverletzt geblieben, sagt Evgenij. "Meine Bekannte hat erzählt, am 30. März morgens gab es die neuen Kämpfe, als die ukrainische Armee angriff. Die Bekannte und ihre Eltern waren nur im Keller. Ringsum gab es ständig Beschuss und Explosionen.

Als es aufhörte, sind sie aus dem Keller rausgekommen und nach draußen gegangen. Meine Bekannte hat viele tote russische Soldaten in ihrem Blut liegen gesehen. Sie hat dann eine Box der russischen Armee an sich genommen, in der russische Konserven lagen. Als Ausgleich dafür, dass die russischen Soldaten ihr das Essen weggenommen haben."

Wie ist die Situation in dem Vorort, in dem Evgenij, Aljona und die Kinder leben?
Evgenij schreibt, "es geht uns relativ gut. Die Nacht war ruhig. Unsere Eltern Larissa und Anatolij sind auch wieder zurückgekommen aus dem Dorf 80 Kilometer südlich von Kiew. Das Haus dort war einfach zu kalt und konnte kaum beheizt werden."

Wie geht es den Kindern?
Es gehe Viktoria und Roman in den Phasen der Ruhe soweit ganz gut, sagt Evgenij. "Gestern haben sie sich sogar getraut, mal rauszugehen. Das Wetter war gut. Sie haben zwei Stunden draußen gespielt."

Wie oft kann ihr Vater Viktor den Dienst bei der Territorialen Verteidigung unterbrechen und nach Hause kommen?
Viktor sei jetzt öfter zu Hause, sagt Evgenij. Bei der Territorialen Verteidigung habe Viktor eine Acht-Stunden-Schicht. Die nächste ist dann erst in anderthalb Tagen. Viktor hat gesagt, es gebe inzwischen genügend Freiwillige für die Territoriale Verteidigung. Aktuell werden auch nur Autos kontrolliert, die nach Kiew reinfahren. Mit den Kontrollen sollen russischen Saboteure und Spione aufgespürt werden.

In Russland wurden zum Beginn April mehr als 130.000 junge wehrpflichtige Männer zur Armee eingezogen. Was erwarten Deine Verwandten nun? Ist das ein Signal für eine neue Offensive gegen Kiew?
Die Familie hat dazu eine klare Haltung. Evgenij sagt, "unsere Armee wird das Land verteidigen, egal wieviele russische Soldaten mobilisiert werden. Unsere Männer kämpfen für ihr Land, für ihre Frauen und Kinder. Die russischen Soldaten kommen hierher zum Sterben. Die Festung Kiew wird jeden Tag stärker."

Ständiger Beschuss. Eine Ukrainerin in ihrer Wohnung im Kiewer Vorort Browary nach einem russischen Raketenangriff. Die Zerstörungen nehmen kein Ende.
Ständiger Beschuss. Eine Ukrainerin in ihrer Wohnung im Kiewer Vorort Browary nach einem russischen Raketenangriff. Die Zerstörungen nehmen kein Ende.
© Rodrigo Abd/AP/dpa

Donnerstag, 31. März:

Anton , wie hat sich die Lage in Kiew entwickelt, nachdem Russland angekündigt, den Militäreinsatz in der Region radikal zu reduzieren?
Es hat sich offenbar nicht viel verändert. Evgenij schreibt, "im Norden stehen um Kiew weiterhin russische Truppen. Auch in dem Dorf bei Browary, in dem eine Bekannte von mir lebt. Der Ort ist jetzt seit 33 Tagen von russischen Truppen besetzt.

Die Soldaten haben, wie ich schon geschrieben hatte, die Einwohner beraubt, ihnen Essen und Handys weggenommen. Aktuell soll es dort auch weitere Kämpfe geben. Sie hat sich leider nicht mehr gemeldet, nachdem ich gehört hatte, dass wieder gekämpft wird. Ich hoffe, es geht ihr und ihren Freunden gut."

Es bleibt weiterhin auch gefährlich in dem Vorort, in dem Deine Verwandte leben?
Evgenij sagt, "man weiß nie, wo eine Raketen einschlagen kann. Der Beschuss geht weiter. Immerhin sind wir in einem Gebiet, in dem noch keine russischen Soldaten stehen."

Wie geht es den Kindern? Können sie sich mal mit Freundinnen und Freunden treffen?
Evgenij schreibt, "in der Gegend sind kaum noch Kinder. Viktoria kommuniziert mit ihren Freundinnen und Freunden per Smartphone. Außerdem hat sie jeden Tag online Schulunterricht. Roman sitzt nur am Handy und spielt."

Glauben Deine Verwandten, dass Präsident Selenskyj den Krieg stoppen könnte, wenn er Russland anbietet, die Krim und den Donbass für mehrere Jahren verwalten zu können?
Da hat die Familie eine klare Haltung. "Selenskyj wird kein Stück unseres Landes abgeben", sagt Evgenij. "Er hat gestern betont, dass es unser Land ist und dass die ganze Welt das Vorgehen Russlands verurteilt."

Was hält die Familie davon, dass Selenskyj offenbar anbietet, die Ukraine werde neutral sein und nicht der Nato beitreten?
Meine Verwandten sind verbittert. Evgenij schreibt, "wir brauchen die Nato nicht. Sie haben uns viel versprochen und nichts eingehalten. Jetzt sprechen sie davon, dass wir in ein paar Jahren vielleicht beitreten dürfen. Da ist es besser, dass wir ein neutrales Land bleiben. Unsere Armee ist stark genug, wenn wir genug Waffen haben."

Deutschland wäre offenbar bereit, einer neutralen Ukraine Sicherheitsgarantien zu geben. Was sagen Deine Verwandten dazu?
Evgenij sagt, "wir sind nicht dagegen, wenn man uns schützen würde. Allerdings hätte man das schon vor dem Krieg machen sollen, als Selenskyj um Waffen gebeten hat. Dann hätten wir die russischen Faschisten abwehren können, ohne dass unsere Städte zerstört wären."

Wie geht es Deiner Tante Larissa und Deinem Onkel Anatolij, die in einem Dorf 80 Kilometer südlich von Kiew Zuflucht gesucht haben?
Evgenij schreibt, "meinen Eltern geht es halbwegs gut. Sie werden aber wahrscheinlich nach Kiew zurückkommen, da es in den nächsten Tagen sehr kalt werden soll. Das Haus in dem Dorf, in dem sie jetzt leben, kann nur schlecht beheizt werden."

Mittwoch, 30. März:

Anton, der russische Vizeverteidigungsminister hat nach den Verhandlungen mit der ukrainischen Delegation in Istanbul angekündigt, der Militäreinsatz bei Kiew und Tschernihiw werde radikal reduziert. Was halten Du und Deine Verwandten davon?
Wir glauben Russland kein Wort. Putin ist ein ehemaliger Mitarbeiter des KGB. Es wurde ihm beigebracht, Desinformation zu verbreiten. Seine Propagandamaschine läuft in Russland schon seit 20 Jahren.

Meine Verwandten in dem Vorort bei Kiew sehen das genauso. Evgenij schreibt, "niemand glaubt daran, dass Russland seine Truppen abzieht. Meiner Meinung nach fahren sie jetzt zurück, um sich zu sammeln und dann wieder zu versuchen, Kiew einzunehmen. Wir wurden ja schon vor dem Krieg getäuscht. Die russischen Truppen waren mehrere Monate an der Grenze zur Ukraine angeblich nur zu einer Übung. Am 24. Februar konnte jeder sehen, was dann passiert ist."

Was muss nach Ansicht Deiner Verwandten geschehen, um die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine zu einem Erfolg zu bringen, oder zumindest zu einem Waffenstillstand?
Evgenij sagt, "Hoffnungen auf einen Waffenstillstand sind nutzlos. Kurz nach den Verhandlungen in Istanbul gab es bei uns wieder Raketenbeschuss. Und das bis in die Nacht hinein. Ich denke, solange unser Präsident Selenskij nicht mit Putin direkt gesprochen hat, braucht man sich keine Hoffnungen zu machen."

Wie ist die aktuelle Lage im Vorort bei Kiew?
Evgenij hat darauf nur eine makabere Antwort: "Man hält uns bei Laune, indem man uns mit Raketen beschießt."

Wie funktioniert die Versorgung mit Lebensmitteln?
Evgenij schreibt, "Essen haben wir zum Glück genug. Die Supermärkte bei uns haben geöffnet."

Wie geht es den Kindern? Kann Viktoria trotz der Raketenangriffe online lernen?
Das scheint halbwegs zu funktionieren, auch wenn die Kinder wegen der Raketenangriffe oft im Flur sitzen, mit der Decke auf dem Kopf. Evgenij schreibt, "Viktoria nutzt meinen PC für den Online-Unterricht. Bei Roman, er ist ja erst sechs Jahre alt, ist es schwieriger. Er lenkt sich lieber mit Spielen auf dem Handy ab, als sich von uns Erwachsenen unterrichten zu lassen."

Gibt es jemanden in der Familie, der an ein baldiges Ende des Krieges glaubt?
Evgenij sagt, "niemand bei uns glaubt an ein baldiges Ende. Ich kann mich da nur wiederholen: solange Russland Geld hat für diesen Krieg, wird er fortgesetzt. Es sei denn, Putin wird gestürzt."

Wachdienst an Ruinen. Ein Polizist patrouilliert in einem schwer getroffenen Wohnviertel von Kiew. Im Einsatz sind auch Zivilisten, die sich bei der Territorialen Verteidigung gemeldet haben.
Wachdienst an Ruinen. Ein Polizist patrouilliert in einem schwer getroffenen Wohnviertel von Kiew. Im Einsatz sind auch Zivilisten, die sich bei der Territorialen Verteidigung gemeldet haben.
© Sergei Chuzakov/SOPA Images via ZUMA Press Wire/dpa

Dienstag, 29. März:

Anton, der Bürgermeister der umkämpften Kiewer Vorstadt Irpin sagt, die ukrainische Armee habe die russischen Truppen vertrieben. Was wissen Deine Verwandten?
Das entspricht den Informationen, die auch die Familie hat. Evgenij sagt, ""Irpin wurde von den russischen ,Befreiern' befreit. Als nächstes sind die Vorstädte Butscha und Hostomel an der Reihe. Das hat auch Präsident Selenskij gesagt."

Wie ist die Lage aktuell in dem Vorort, in dem Deine Verwandten leben?
Evgenij schreibt, "die Situation ist angespannt. Es gibt viele Luftangriffe. Immer wieder fliegen Raketen, auch nicht weit weg von uns. Aber wir haben uns bislang noch nicht in dem Bunker versteckt, der zwei Minuten von unserem Haus entfernt ist. Man weiß ja nicht, wann etwas passiert. Immer im Bunker zu sitzen ist auch keine Option."

Wie reagieren Aljonas Kinder auf die ständige Gefahr?
Für Viktoria und Roman ist das eine harte Zeit, auch wenn sie sich an den Krieg zu gewöhnen scheinen. Evgenij sagt, "die Kinder sitzen im Flur auf Kissen, mit Decken über dem Kopf. Wenn der Krach nachlässt, kommen sie raus. Die ersten Tage haben sie viel geweint. Immerhin schlafen sie jetzt nachts tief und fest.

Roman fragt täglich seinen Papa, ob er schon geschossen hat und ob er schon jemanden verhaftet hat (Vater Viktor ist seit Beginn des Krieges bei der Territorialen Verteidigung in Kiew). Der Junge möchte mit seinem Papa nach dem Krieg zu McDonald's und Fanta trinken. Außerdem wünscht sich Roman das Ende von "Putler". Damit ist Putin gemeint, als Diktator wie Hitler."

Wie geht es Evgenij und Aljona? Wie halten sie die ständige Belastung aus?
Evgenij sagt, "wir haben keinen großen psychologischen Druck. Wir müssen uns damit abfinden, dass der Krieg lange dauern kann. Es macht keinen Sinn, sich davon unterkriegen zu lassen."

Evgenij hat vergangene Woche geschrieben, er wolle einen Fahrdienst organisieren für Menschen, die Kiew in Richtung Westen verlassen möchten. Wie klappt das?
Der Fahrdienst funktioniert. Evgenij berichtet, "ich helfe Leuten aus Kiew, da ich als selbstständiger Taxifahrer dort viele Fahrer kenne. So konnte ich unter anderem für fünf Frauen mit Kindern eine kostenlose Fahrt nach Winnyzja organisieren.

Das ist eine Stadt 260 Kilometer südwestlich von Kiew. Von dort konnten die Frauen und Kinder mit dem Zug nach Lwiw (Lemberg) fahren und waren nicht weit entfernt von der polnischen Grenze."

US-Präsident Joe Biden hat am Samstag bei einer Rede in Warschau Putin als Kriegsverbrecher bezeichnet und gesagt, "um Gottes willen, dieser Mann kann nicht an der Macht bleiben". Was halten Deine Verwandten davon? Glauben sie, dass es eine Chance gibt, Putin werde gestürzt?
Evgenij schreibt, "ich hoffe, dass die russischen Oligarchen irgendwann aktiv werden und ihn stürzen. Er ist viel zu lange an der Macht. Genauso wie Lukaschenko in Belarus."

Horror für die Zivilisten. Die russische Armee beschießt weiter Wohnhäuser in Kiew und weiteren Städten der Ukraine. Ein Ende des Schreckens ist nicht in Sicht.
Horror für die Zivilisten. Die russische Armee beschießt weiter Wohnhäuser in Kiew und weiteren Städten der Ukraine. Ein Ende des Schreckens ist nicht in Sicht.
© Ukrinform/dpa

Sonntag, 27. März/Montag, 28. März:

Anton fühlt sich am Wochenende so sehr belastet, dass er am Sonntag um eine "Auszeit" beim Tagebuch bittet. Am Montag leitet er dann die übersetzten Angaben seiner Verwandten weiter.

Anton, Dein Cousin Evgenij hat am Samstag von einem lauten Knall in dem Vorort bei Kiew berichtet. Weiß Evgeni, welche Schäden bei der Explosion entstanden sind?
Evgenij schreibt, "wir haben erfahren, dass etwa zehn Kilometer von uns entfernt eine russische Rakete eingeschlagen ist. Das muss ein größeres Geschoss gewesen sein. Ungefähr zehn Häuser wurden zerstört. Das war nicht weit vom Haus meiner Eltern, in dem sich die Familie vom Beginn des Krieges bis zum 6. März aufgehalten hatte."

Wie ist die Situation aktuell in dem Vorort, in dem Evgenij derzeit bei der Familie seiner Schwester Aljona lebt?
Es ist unterschiedlich. Evgenij sagt, "tagsüber ist es einigermaßen ruhig, nachts aber sehr laut. Die Raketen fliegen in die Vororte und nach Kiew. Ich habe aktuell Bilder gesehen von einem Einschlag in Wyschnewe. Das ist der Vorort, in dem ich aufgewachsen bin und in dem unsere Großeltern gelebt haben."

Evgenij hatte vor ein paar Tagen geschrieben, es gebe Bunker in der Nähe der Wohnung von Aljona. Nutzt die Familie die Schutzräume, wenn der Raketenbeschuss einsetzt?
Evgenij sagt, "wir brauchen zwei Minuten bis zum Bunker. Solche zwei Minuten können entscheidend sein, ob man überlebt. Andererseits können wir nicht die ganze Zeit im Bunker verbringen."

Wie sicher ist die Wohnung von Aljona? Evgenij hatte am Freitag geschrieben, die Kinde liefen immer in den Flut, wenn sie etwas Lautes hören. Ist der Flur jetzt der "Familienbunker", wie es zu Beginn des Krieges das Ankleidezimmer im Haus der Eltern von Evgenij und Aljona war?
Evgenij schreibt, "aktuell kann es überall gefährlich sein. Es gilt die Zwei-Wände-Regel. Man sollte sich mindestens zwischen zwei Wänden aufhalten. Im Flur bei uns sind es drei Wände. Wichtig ist, dass der Flur weit weg ist von den Fenstern."

Wie verkraften Aljonas Kinder Viktoria und Roman, dass immer wieder Raketen zu hören sind?
Für die Kinder ist es eine besonders schwere Zeit. Evgenij sagt, "Viktoria und Roman haben sich einerseits an den Beschuss gewöhnt, aber sie sitzen inzwischen den ganzen Tag im Flur. Sie sind Kinder des Krieges und werden sehr lange brauchen, um sich psychisch zu erholen. Sie wollen auch nicht mehr auf die Straße."

Der frühere Präsident Russlands, Dmitri Medwedew, hat den Einsatz von Atomwaffen angedroht. Wie ernst nehmen das Deine Verwandten? Halten sie einen nuklearen Angriff auf die Ukraine für möglich?
Die Familie schließt inzwischen nichts mehr als. Evgenij schreibt, "es kann alles passieren. Die russischen Truppen sollen inzwischen auch verbotene Streubomben wie in Syrien einsetzen. Wir haben auch von Phosphorbomben gehört."

Anton, was berichten Freunde und Bekannte von Evgenij und Aljonas Familie, die auch in der Region Kiew leben?
Evgenij schreibt, "am schlimmsten ist es in der nordöstlichen Vorstadt Browary. Meine Bekannten sitzen mittlerweile seit 30 Tagen fest. Die russischen Soldaten nehmen ihnen alles weg. Die ukrainische Armee versucht, die Gebiete wieder zurückzuerobern. Wir hoffen und beten, dass Browary und die weiteren Vororte, in den gekämpft wird, bald wieder befreit sind."

Ständiger Beschuss. Die russische Armee feuert weiter auf Kiew. Immer wieder werden Wohnhäuser getroffen. Viele Bewohner verlieren ihr Zuhause.
Ständiger Beschuss. Die russische Armee feuert weiter auf Kiew. Immer wieder werden Wohnhäuser getroffen. Viele Bewohner verlieren ihr Zuhause.
© Seth Sidney Berry/ZUMA Press Wire/dpa

Samstag, 26. März:

Anton, die russische Armee will sich nach eigenen Angaben jetzt auf die "Befreiung" des Donbass konzentrieren. Was halten Deine Verwandten davon? Könnte das bedeuten, dass der Druck auf Kiew etwas nachlässt?
Die Familie traut den russischen Behauptungen nicht. Evgenij schreibt, "die Russen hatten vor dem Krieg angeblich nur die Ziele, die Krim, den Donbass und Mariupol einzunehmen. Doch ich glaube nicht, dass ihnen die Krim und der Donbass reichen.

Sie wollen unsere demokratisch gewählte Regierung in Kiew stürzen. Sie wollen die gesamte Ukraine beherrschen. Sie werden nicht aufhören, uns zu beschießen. Wir hören täglich ihre Raketen."

Würde die Familie es hinnehmen, dass Russland den Donbass und die Krim besetzt hält als Preis für einen Waffenstillstand?
Evgenij sagt, "unsere Nation wird keinen Millimeter unseres Landes abgeben. Zu keinen Bedingungen. Wir glauben auch nicht, dass es einen Waffenstillstand geben wird. Russland fordert, dass die Ukraine "demilitarisiert" wird, also alle Waffen abgibt.

Wir sollen aufhören, uns zu verteidigen. Das wird keiner von uns akzeptieren."

Wie groß sind aus Sicht Deiner Verwandten die Chancen der ukrainischen Armee, einige oder sogar alle von Russland besetzten Gebieten zurückzuerobern?
Evgnij meint, "in den Vororten nördlich von Kiew hat die ukrainische Armee die russischen Truppen zurückdrängen können. Unsere Soldaten versuchen auch, in anderen Gebieten zu kontern und wieder die Kontrolle zu übernehmen.

Zum Beispiel in der südlichen Stadt Cherson, die von den Russen besetzt ist. Aber das ist riskant und kann zu schweren Verlusten führen. Angreifen ist schwieriger als zu verteidigen."

Wie ist die Lage in dem Vorort von Kiew, in dem Aljona und Viktor mit ihren Kindern und Evgenij wohnen?
Die Lage bleibt schwierig, sagt Evgenij. "Die Russen hören nicht auf, ihre Raketen auf Kiew abzufeuern. Gestern stand ich mit einem Bekannten draußen auf der Straße, als man plötzlich einen lauten Knall hörte. Wir sind zusammengezuckt und haben uns auf den Boden geworfen. Zum Glück ist uns nicht passiert. Aber obwohl es gefährlich ist, wollen wir hier nicht weg. Und mit jedem Tag steigt die Zuversicht, dass die Ukraine den Krieg gewinnt. Die russischen Truppen können uns jetzt schon seit einem Monat nicht schlagen. Jeder Ukrainer glaubt an die ukrainische Armee und die Territoriale Vereidigung."

Anton, was hast Du heute als Flüchtlingshelfer am Hamburger Hauptbahnhof erlebt?
Es waren nicht ganz so viele Menschen aus der Ukraine da wie vor einer Woche. Aber viele berichten, wie sie mehrere Tage gebraucht haben, um nach Deutschland zu kommen. Manche erzählen, dass die Aufnahmelager in Polen sehr voll sind und sie deshalb weiter nach Deutschland reisen. Eine ältere Frau mit ihrer Tochter und der Enkelin, alle aus der Stadt Kropywnyzkyj in der Mitte des Landes, hat berichtet, dass sie ihr Haus verlassen mussten, in dem mehrere Generationen gelebt haben. Der ständige Beschuss mit Raketen war nicht mehr zu ertragen. Vor allem die kleine Enkelin hatte sehr große Angst. Eine andere Frau, aus Odessa, hat erzählt, dass ihre Verwandten in Russland ihr angeboten haben, sie aufzunehmen. Das hat die Frau nicht akzeptiert. Sie wollte nicht in das Land fliehen, das ihre Heimat zerstört."

Hohe Moral. Zwei ukrainische Kämpfer demonstrieren Durchhaltewillen, während sie eine Straße in Kiew bewachen. Die russischen Truppen kommen kaum voran.
Hohe Moral. Zwei ukrainische Kämpfer demonstrieren Durchhaltewillen, während sie eine Straße in Kiew bewachen. Die russischen Truppen kommen kaum voran.
© Mohammad Javad Abjoushak/SOPA Images via ZUMA Press Wire/dpa

Freitag, 25. März:

Anton, die ukrainische Armee scheint die russischen Truppen im Norden von Kiew etwas zurückgedrängt haben. Aber wie ist die aktuelle Lage in dem Vorort, in dem Deine Verwandten leben?
Evgenij schreibt, "es gibt wieder laute Explosionen. Etwa 15 Kilometer von uns entfernt wurde ein Öl- und Benzinlager getroffen. Aber es scheint der ukrainischen Armee zu gelingen, die russischen Truppen im Norden aus den lange umkämpften Vorstädten Irpin, Butscha und Browary rauszudrängen oder sie sogar einzuschließen. "

Was glaubt die Familie, warum es den ukrainischen Streitkräften gelingt, zumindest in der Umgebung von Kiew die russischen Angreifer aufzuhalten? Ist es die Moral der ukrainischen Kämpfer?
Das ist für Evgenij ein wichtiger Punkt. Er sagt, "nicht wir sind in ihr Land gekommen, sondern sie zu uns. Wir verteidigen uns, wir attackieren niemanden auf fremdem Territorium. Die Motivation und die Moral unserer Soldaten sind hundert Mal so hoch wie die der russischen Soldaten. Die ukrainische Armee wird uns bis zum Schluss verteidigen."

Wie wichtig sind die vom Westen gelieferten Waffen, darunter die tragbaren Boden-Luft-Raketen vom Typ "Stinger" aus Deutschland?
Evgenij sagt, "natürlich spielen die Waffen eine große Rolle. Für unseren Sieg, der dann auch ein Sieg Europas sein wird. Aber Europa ist leider langsam. Wir brauchen schneller Waffen und mehr. Wenn Europa nicht so langsam wäre, würden unsere Soldaten noch stärker kämpfen und es müssten weniger Zivilisten sterben."

Was hält die Familie davon, dass die ukrainische und die russische Armee diese Woche Gefangene ausgetauscht haben?
Aus Sicht der Familie ist das ein wichtiges Signal. Evgenij schreibt, "meiner Meinung nach sind Gefangenaustausche nicht nur gut, weil unsere Soldaten frei kommen. Sondern auch, weil die russischen Soldaten ihren Leuten erzählen können, dass sie hier keiner mit Blumen erwartet, wie es Putin offenbar gedacht hat."

Wie geht es den Kindern von Aljona und Viktor?
Aljona sagt, "die Kinder gewöhnen sich langsam an den Krieg. Aber immer, wenn sie etwas Lautes hören, laufen sie in den Flur und legen sich auf den Boden."

Wie funktioniert der Online-Unterricht für Viktoria? Und wie unterrichten Aljona und Evgenij den gerade mal sechs Jahren alten Roman, der normalerweise in diesem Jahr eingeschult würde?
Evgenij schreibt, "der Online-Unterricht für Viktoria funktioniert im Moment ganz gut. Viktoria ist in der fünften Klasse. Insgesamt nehmen 18 Schüler am Kurs teil. Die Schüler kommen aus der ganzen Ukraine. Einige sind auch aus anderen Ländern zugeschaltet, weil die Familien dahin geflohen sind."

Ein Monat Krieg. Teile von Kiew sind zerstört. Das russische Militär beschießt die Stadt mit Raketen und Granaten. Die Invasoren wollen den hartnäckigen Widerstand der Ukrainer brechen.
Ein Monat Krieg. Teile von Kiew sind zerstört. Das russische Militär beschießt die Stadt mit Raketen und Granaten. Die Invasoren wollen den hartnäckigen Widerstand der Ukrainer brechen.
© Rodrigo Abd(AP/dpa

Donnerstag, 24. März:

Anton, seit einem Monat wird die Ukraine nun vom Krieg heimgesucht. Was macht dieser Schrecken mit Deinen Verwandten?
Sie sind alle sehr belastet. Ihr Leben ist nicht mehr das, was es bis zum 24. Februar war. Evgenij schreibt, "gerade die ersten Tage waren sehr schwierig. Der ständige Raketenbeschuss, die Angst. Man wusste nicht, wo man hin soll. Wir haben alle zusammen im Haus meiner Eltern in dem Vorort bei Kiew gesessen. Es ging vor allem auf die Psyche, wenn direkt über dir Raketen und Kampfjets fliegen. Mittlerweile ist man besser vorbereitet und ist einiges gewöhnt."

Was sagt Aljona als Mutter von zwei kleinen Kindern?
Aljona, versucht, es ruhig anzugehen. Sie wird allmählich fatalistisch und sagt, "es wird so sein, wie es sein soll. Ich kann es nicht beeinflussen. Ich habe vor allem Sorgen um die Kinder. Viktoria und Roman scheinen sich allerdings an den Krieg gewöhnt zu haben. Ab heute kann Viktoria online unterrichtet werden. Das ist ein Lichtblick. Roman, der demnächst eingeschult werden sollte, bekommt erstmal von uns Erwachsenen Unterricht."

Was sagt Aljonas Mann Viktor, der sich ja zu Beginn des Krieges bei der Territorialen Verteidigung gemeldet hat und in Kiew patrouilliert?
Viktor sagt, "ich habe früher bei der Polizei gearbeitet. Deshalb ist die Aufgabe, Autos zu kontrollieren, für mich kein ganz neuer Job. Auch wenn die Umstände anders sind. Die Patrouille versucht zu verhindern, dass russische Saboteure nach Kiew reinfahren. Das ist täglich eine Belastung, auch wenn ich mit einer AK 47 bewaffnet bin. Ich bin sehr motiviert, die Kontrollen auszuüben. Es geht um unsere Sicherheit."

Wie bewältigen Deine Tante Larissa und Dein Onkel Anatolij den Kriegsstress?
Evgenij schreibt, "unsere Eltern machen sich große Sorgen um uns und um ihre Enkelkinder. Sie selbst fühlen sich im Moment halbwegs sicher in dem Dorf 80 Kilometer südlich von Kiew, wo sie am Montag hingefahren sind."

Larissa und Anatolij waren ja am 6. März mit Evgenij, Aljona und den Kindern aus einem Vorort von Kiew in ein kleines Dorf geflohen. Am Montag sind Evgenij und Aljona mit Viktoria und Roman in einen anderen Vorort von Kiew zurückgekehrt. War es vielleicht nicht die richtige Entscheidung, aufs Land zu flüchten?
Evgenij sagt, "wir sind weggefahren, weil die russischen Truppen viele Raketen abgefeuert haben. Im Moment ist es etwas ruhiger. Wir sind zurückgekommen, weil wir zuhause leben wollen und uns von niemandem einschüchtern lassen."

Wie ist die aktuelle Situation in dem Vorort, in dem Evgenij jetzt mit in der Wohnung von Aljona und Viktor lebt?
Es sei wie immer, schreibt Evgenij. "Hin und wieder hört man Raketen. Gestern waren wir mit Viktor in dem Haus meiner Eltern, wo wir bis zum 6. März alle zusammen ausgehalten haben. Das Haus ist unbeschädigt. Aber auf dem Weg dorthin sind wir an einem komplett zerstörten Gebäude vorbeigefahren. Es hat offenbar einen oder mehrere Volltreffer abbekommen."

Anton, glauben Deine Verwandten, sie können noch einen weiteren Monat Krieg durchhalten?
Evgenij schreibt, "wir können in der aktuellen Lage noch länger so leben. Bislang wird bei uns noch nicht gekämpft. Allerdings weiß man nicht, was kommt. Die russischen Truppen stehen im Norden von Kiew, irgendwann sind sie dann womöglich bei uns. Eine Bekannte aus Browary (eine umkämpfte Stadt nordöstlich von Kiew) hat geschrieben, dass sie seit 25 Tagen festsitzen. Die russischen Faschisten haben ihnen Essen und ihre Handys weggenommen. Zum Glück hatten sie noch ein Handy versteckt. Die Leute können nicht raus und wissen nicht, wie lange sie das noch aushalten. Das ist schrecklich."

Was denken Deine Verwandten, wie lange der Krieg noch dauert?
Evgenij sagt, "solange Russland das Geld nicht ausgeht, werden sie uns bombardieren. Man müsste Russland komplett von der Außenwelt und vom Handel abschneiden. Sonst geht der Krieg noch monatelang weiter."

Anton, wie hat ein Monat Krieg in Deinem Geburtsland Dich verändert?
Das ist schwierig zu sagen. Der Monat hat viel Freizeit und auch viel Lebensfreude gekostet. Umso wichtiger ist es, auch ein wenig zu versuchen, sein Leben halbwegs normal zu führen und auch ein bisschen zu genießen. Aber ich versuche, als Dolmetscher und Flüchtlingshelfer, den Menschen beizustehen, die aus der Ukraine nach Hamburg kommen. Aber, um ehrlich zu sein: sich rund um die Uhr mit dem Krieg zu beschäftigen nimmt einem die Lebenskraft."

Zerstörung ohne Ende. Kiew wird immer wieder von den russischen Invasoren beschossen. Im Bild die Trümmer eines Einkaufszentrums. Ein Mitglied der Territorialen Verteidigung steht im Chaos Wache.
Zerstörung ohne Ende. Kiew wird immer wieder von den russischen Invasoren beschossen. Im Bild die Trümmer eines Einkaufszentrums. Ein Mitglied der Territorialen Verteidigung steht im Chaos Wache.
© Andrea Filigheddu/IMAGO/NurPhoto

Mittwoch, 23. März:

Anton, wie geht es Deinen Verwandten in dem Vorort von Kiew?
Es ist gefährlich. Evgenij schreibt, "in unserem Gebiet hört man Explosionen und sieht Raketen fliegen. Unsere Armee fängt aber die meisten Angriffe ab. Wir haben keine Angst mehr, auch wenn immer eine Rakete bei uns einschlagen könnte."

Was machen die Kinder?
Evgenij sagt, "Viktoria und Roman können theoretisch anfangen zu lernen. In Kiew gibt es aber noch keinen Online-Unterricht. In anderen Teilen der Ukraine schon. Wir warten darauf, dass die Kinder wenigstens über das Internet unterrichtet werden können. Die Schulen sind ja geschlossen."

Wie bereitet sich der Vorort auf den Vormarsch der russischen Truppen vor?
Evgenij möchte nicht zu sehr ins Detail gehen. Er schreibt, "in unserem Viertel gibt es sowohl Militär wie auch die Territoriale Verteidigung. Mit jedem Tag wird die Fest Kiew stärker. Mein Schwager Viktor kontrolliert mit weiteren Männern in der Territorialen Verteidigung die Autos, die in die Stadt reinfahren. So soll verhindert werden, dass russische Saboteure einsickern."

Denken Deine Verwandten darüber nach, doch in Richtung Westen zu fliehen, vielleicht auch nach Deutschland?
Sie sind hin und her gerissen. Evgenij sagt, "sollten die russischen Soldaten Kiew stürmen, würden wir die Stadt verlassen. Aber wir glauben nicht, dass das passiert. Kiew hat die Verteidigung gut organisiert. Mittlerweile hören wir, die ukrainische Armee sei kurz davor, die russische Armee in den Vororten Irpin, Butscha und Hostomel einzukreisen und sie nicht mehr rauszulassen. Ich versuche dennoch, den Menschen zu helfen, die Kiew verlassen möchten. In meinem Bekanntenkreis organisiere ich einen Fahrdienst."

Dienstag, 22. März:

Anton, was erzählen Deine Verwandten über die Lage in Kiew, nachdem sie jetzt wieder in einem Vorort nahe dran sind?
Evgenij schreibt, "man hört Explosionen, aber etwas weiter weg. Gestern haben wir gehört, wie eine Rakete vorbeiflog. Es ist aber ruhiger als vor dem 6. März, als wir wegen der ständigen Raketenangriffe die Region Kiew verlassen haben."

Wie haben Aljonas Kinder auf die Rückkehr in ihren Vorort und die Wohnung der Familie reagiert?
Evgenij sagt, "die Kinder freuen sich. Sie können am Computer spielen und lernen. Sie haben zuhause gebadet, das ging in der kleinen Ortschaft auf dem Land nicht."

Wie sieht es in dem Vorort aus, in dem sich die Wohnung von Aljonas Familie befindet? Gibt es Zerstörungen?
Es scheint noch nicht so schlimm zu sein. Evgenij schreibt, "in unserem Viertel gibt es Gott sei Dank keine Beschädigungen. Nicht weit weg sind aber mehrere Häuser zerstört. Doch wir bleiben jetzt erstmal hier und fahren nirgendwo hin. Aljona wird versuchen, von zuhause aus zu arbeiten. Sie ist für eine Wohnungsgesellschaft tätig. Ich selbst würde auch gerne wieder als selbstständiger Taxifahrer arbeiten. Aber wir müssen erstmal sehen, wie sich alles entwickelt."

Wie kann sich die Familie gegen den russischen Beschuss schützen? Gibt es einen Keller im Haus? Oder Schutzräume in der näheren Umgebung?
Ich höre von Evgenij, dass es in der Nähe von Aljonas Wohnung Bunker gibt, in denen sich die Familie im Notfall verstecken kann.

Gibt es genug Lebensmittel?
Evgenij sagt, die Läden seien noch soweit gefüllt, dass man das Notwendige kaufen kann.

Wird Evgenij sich jetzt wie zuvor schon Viktor bei der Territorialen Verteidigung melden?
Evgenij antwortet, "die Territoriale Verteidigung hat im Moment genügend Leute mit Erfahrung und Übung. Das habe ich nicht. Ich müsste erst trainiert werden."

Wie geht es den Eltern von Aljona und Evgenij in dem Dorf 80 Kilometer südlich von Kiew?
Evgenij sagt, "meine Eltern haben sich ganz gut eingelebt. Sie kümmern sich um den Anbau von Gemüse und Obst und versuchen, das Haus zu heizen. Im Moment ist es noch sehr kalt."

Wie ist die Stimmung bei Aljonas Familie, nachdem sie nun wieder in nahe Kiew lebt?
Evgenij schreibt, "auch wenn wir uns an die extreme Situation gewöhnt haben, ist es trotzdem merkwürdig, wie leer die Straßen sind. Es wirkt wie eine Geisterstadt. Nirgends ist Licht zu sehen in den Häusern. Einige meiner Freunde sind ebenfalls zurückgekommen nach Kiew. Sie waren zuvor mehr als drei Wochen im Westen der Ukraine. Für sie ist alles noch merkwürdiger."

Was glaubt die Familie, wie es weitergeht?
Evgenij ist skeptisch. Er sagt, "der Krieg kann sehr lange dauern. Jedenfalls solange in Russland das Geld dafür da ist. Man muss hoffen, dass Putin aus seinem Bunker kommt und sich mit unserem Präsidenten Selenskyj an den Verhandlungstisch setzt. Erst dann wird man wissen, wann der Krieg aufhört. Und ob überhaupt."

Schwer getroffen. Durch den russischen Beschuss wurde die Kleinstadt Wassylkiw südlich von Kiew weitgehend zerstört. Im Bild die Ruine einer Schule.
Schwer getroffen. Durch den russischen Beschuss wurde die Kleinstadt Wassyliw südlich von Kiew weitgehend zerstört. Im Bild die Ruine einer Schule.
© Mykhaylo Palinchak/IMAGO/ZUMA Wire

Montag, 21. März:

Anton meldet sich am Morgen mit einer überraschenden Nachricht: seine Verwandten verlassen das relativ sichere Dorf 120 Kilometer südwestlich von Kiew, in das sie am 6. März geflohen waren. Am Vormittag kann Anton dann Fragen an die Familie weiterleiten.

Anton, wohin fahren Deine Verwandten?
Sie haben sich aufgeteilt. Evgenij und Aljona mit ihren zwei Kindern sind in den Vorort von Kiew zurückgefahren, in dem Aljona mit ihrem Mann Viktor eine Wohnung hat. Die Eltern von Evgenij und Aljona, meine Tante Larissa und ihr Mann Anatolij, sind nicht mitgekommen. Sie sind in ein Dorf 80 Kilometer südöstlich von Kiew gefahren.

Warum verlässt die Familie die Freunde in der kleinen Ortschaft auf dem Land? Dort fliegen weniger Raketen als in Kiew und Umgebung. Wegen der ständigen Beschießung hatten Deine Verwandten das Haus von Larissa und Anatolij bei Kiew verlassen, in dem sie die ersten zehn Tage nach Beginn des Krieges zusammen lebten...

Aus mehreren Gründen. Sie sagen, da der Krieg noch länger dauern wird, möchte man nicht die Bekannten in dem Dorf mit einem langen Aufenthalt bedrängen. Die Versorgungslage war auch nicht so gut. Aber es ist bei Aljona und den Kindern auch die Sehnsucht nach der eigenen Wohnung. Und sie wollen Viktor wiedersehen, der in Kiew geblieben war, weil er sich für die Territoriale Verteidigung gemeldet hatte. Aljona hat ihren Mann vermisst und Viktoria und Roman den Papa. Aljona meint, es sei auch wichtig, dass man versucht, wieder ein bisschen Normalität ins Leben zurückzubringen. Evgenij sagt, "wenn der Krieg lange dauert, kann man nicht einfach auf dem Land sitzen und nichts tun." Er meint, in einem Vorort von Kiew kann man versuchen, sich für die Gesellschaft nützlich zu machen. Evgenij, Aljona und Viktor werden am Abend überlegen, wo es am sichersten ist. Vielleicht kehren sie auch alle in das Haus von Evgenijs und Aljonas Eltern zurück, wo sie zu Beginn des Krieges waren.

Weshalb sind Larissa und Anataloji nicht mitgekommen? Sie haben ja weiterhin das Haus in der Nähe von Kiew.

Meine Tante und mein Onkel sind in das Dorf ihrer Eltern gefahren. Dort können sie Gemüse anpflanzen, Kartoffeln und Obst. Sie sagen es sei gut für die Zukunft, dass man sich selbst versorgen kann.

Wie ist denn aktuell die Lage in dem Vorort von Kiew, in dem sich die Wohnung von Aljona und Viktor befindet?

Kiew wird weiter beschossen. Evgenij schreibt, "auf dem Weg nach Kiew kamen wir an Wassylkiw vorbei. Da ist alles zerstört." (Anmerkung des Tagesspiegels: Wassylkiw liegt ungefähr 40 Kilometer südlich von Kiew. Dort hatten schon zu Beginn des Krieges Raketen ein großes Öldepot getroffen. Es brannte tagelang. Durch den weiteren Beschuss haben die Zerstörungen noch zugenommen.)

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Sonntag, 20. März:

Anton, Du hast gestern am Hamburger Hauptbahnhof neun Stunden lang Flüchtlingen aus der Ukraine geholfen. Wie hältst Du die seelische Belastung aus, dass viele Menschen aus Deinem Geburtsland geflohen sind und leiden?
Es stimmt, viele Erlebnisse der Flüchtlinge sind furchtbar. Aber es war für mich, bei aller Erschöpfung, auch ein befriedigendes Gefühl, den Menschen helfen zu können.

Welche Flüchtlingsgeschichte hat Dich am meisten berührt?
Eine Frau aus Cherson, der von russischen Truppen eroberten Stadt nahe dem Schwarzen Meer, war verängstigt. Sie hat erzählt, dass die Soldaten auf sie, ihre Tochter und die Enkel gezielt haben. Die Tochter und die Kindern sind noch in Cherson.

Andere Flüchtlinge erzählen, wie in ihren Heimatorten in der Ukraine Häuser und Autos zerstört wurden. Und dass die Männer immer noch dort sind, weil sie das Land nicht verlassen dürfen. Jeder Ukrainer zwischen 18 und 60 muss bleiben und für sein Land kämpfen.

Die geflüchteten Frauen und Kinder machen sich große Sorge um die Ehemänner und Väter. Etwa 90 Prozent der Flüchtlinge, die in Hamburg ankommen, sind Frauen mit Kindern und Senioren. Von überall her: Kiew, Charkiw, Odessa.

Manche Menschen kommen mit mehreren Koffern und Haustieren. Es kommen auch ausländische Bürger, die in der Ukraine gelebt haben. Sie stammen oft aus Armenien, Georgien und weiteren Ländern aus dem europäischen Teil der früheren Sowjetunion.

Was konkret konntest Du machen?
Ich bin am Hauptbahnhof beim Arbeiter-Samariter-Bund tätig. Wir erwarten die Flüchtlinge an den Gleisen und in unserem Quartier, das uns die Deutsche Bahn zur Verfügung gestellt hat. Dort versorgen wir die Menschen erstmal mit Wasser und Essen. Sie können sich hinsetzen und ausruhen. Dann helfen wir ihnen, zum Ankunftszentrum zu gelangen. Oder wir besorgen ein Zugticket, wenn sie weiter reisen wollen oder müssen, weil Aufnahmelage überfüllt sind.

Wir helfen auch mit Sim-Karten und bei allen Fragen, die die Leute haben. So bin ich nicht nur als Übersetzer aktiv. Schön ist, wie vor allem die deutschen Bürger helfen. Sie spenden Sachen oder geben den Flüchtlingen einfach Geld. Eine deutsche Familie hat zwei junge ukrainische Frauen bei sich aufgenommen. Mit dieser Familie habe ich Kontakt, da ich es auch als meine Verantwortung empfinde, sicher zu stellen, dass es den Frauen gut geht.

Was halten Deine Verwandten in der Ukraine davon, dass viele Menschen das Land verlassen? Die Familie ist aus dem Vorort bei Kiew geflohen, bleibt aber weiter im Land...
Evgenij schreibt, "es ist natürlich traurig, dass so viele Menschen das Land verlassen. Es sind vor allem noch Männer dort, die sich für den Kampf bereit halten, wie mein Schwager Viktor bei der Territorialen Verteidigung.

Ich hoffe sehr, dass alle ins Ausland geflüchteten Ukrainer bald wieder zurück können und dann auch zurück kommen. Auch viele meiner Freunde und Bekannten sind raus aus Kiew und der Ukraine. Ich möchte sie alle gerne wiedersehen und umarmen."

Wie ist die Situation bei Deinen Verwandten in der kleinen Ortschaft 120 Kilometer südwestlich von Kiew?
Evgenij sagt, "am Samstag waren zwei Explosionen zu hören, aber weiter weg. Aber wir haben auch Hubschrauber gehört."

Wie ergeht es Viktor bei der Territorialen Verteidigung in Kiew?
Evgenij meint, es gehe Viktor den Umständen entsprechend gut. Evgenij schreibt, "Viktor hat ja eine Waffe bekommen und auch genug Munition. Er und die anderen Männer der Territorialen Verteidigung sind kämpferisch eingestellt. Mit jedem Tag wächst die Festung Kiew. Die russische Armee hat keine Chance, Kiew vom Boden aus einzunehmen."

Samstag, 19. März:

Anton schafft es erst am Nachmittag, sich mit dem Tagebuch zu befassen und die Nachrichten seiner Verwandten aus der Ukraine zu übersetzen. Er war vom frühen Morgen an als Flüchtlingshelfer und Dolmetscher am Hamburger Hauptbahnhof im Einsatz.

Anton, wie war Dein Tag als Flüchtlingshelfer und Dolmetscher?
Ich war von sieben Uhr bis 16 Uhr am Hauptbahnhof. Ich bin fix und fertig. Viele der ankommenden Flüchtlinge wissen nicht, wo sie hinsollen. Hamburg hat keine Kapazität mehr. Die Menschen werden dann an Aufnahmezentren in kleineren Orten verteilt. Es ist bewundernswert, wie die Freiwilligen, gerade auch die deutschen Bürger, den Flüchtlingen helfen. Manchen schenken den Ukrainern einfach Geld oder sind sogar bereit, sie bei sich aufzunehmen.

Wie war der Tag für Deine Verwandten in der Ukraine?
Evgenij schreibt, dass der Tag ruhig war. Die Familie hat den Bekannten, bei denen sie in dem Dorf untergekommen ist, im Haushalt geholfen. Und die Erwachsenen haben mit den Kindern gespielt. Die Freunde meiner Verwandten haben auch Kleinkind, einen Jungen. Er ist erst elf Monate alt. Sein Leben beginnt im Krieg.

Wie ist aktuell die Versorgung mit Lebensmitteln und Benzin in der kleinen Ortschaft?
Die Versorgung mit Lebensmitteln funktioniert halbwegs, sagt Evgenij. Sein Vater möchte gerne in eine Stadt fahren und Essen kaufen. Die Familie hat auch noch Benzin für ihre Autos, aber es sei schwierig, noch welches zu bekommen. An den wenigen Tankstellen in der Region gebe es riesige Schlangen von Autos.

Präsident Selenskyj hat beim Messengerdienst Telegram den Menschen der belagerten Städte Mariupol, Charkiw und Tschernihiw versprochen, "Ihr werdet frei sein". Aber wie soll das klappen?
Evgenij schreibt, er glaube, Selenkyj habe einen Plan. Evgenij vertraut dem Präsidenten, weiß aber noch keine Details.

Haben Deine Verwandten den Eindruck, dass sie von der ukrainischen Regierung realistische Informationen bekommen oder zum Teil auch Propaganda?
Evgenij sagt, "ich bin mir sicher, dass auch unsere Nachrichten viel verschweigen. Allerdings haben wir bei weitem nicht so eine Propaganda wie in Russland. Am Freitag sollen zur Rede Putins in einem Stadion in Moskau anlässlich des achten Jahrestag der Annexion der Krim 200.000 Menschen gekommen sein und gejubelt haben.

Das behaupten die russischen Sender. Ich kann mir nicht vorstellen, dass soviele Menschen ohne finanzielle Anreize kommen, um den Krieg in der Ukraine trotz der großen russischen Verluste zu feiern."

Was wissen Deine Verwandten über die Toten und Verletzten der ukrainischen Armee und der Territorialen Verteidigung? Wird darüber in den ukrainischen Medien berichtet?
Die Familie weiß, dass auch die Ukraine Verluste hat. Evgenij schreibt, "das ist logisch, denn es ist Krieg. Uns wird aber so wenig wie möglich darüber berichtet. Um neun Uhr morgens gibt es immer eine Schweigeminute für die Opfer."

Freitag, 18. März:

Anton, die russischen Truppen kommen beim Vormarsch auf Kiew nur langsam voran. Überlegen Deine Verwandten, in ihren Vorort zurückzukehren?
Darüber wird in der Familie diskutiert. Evgenij schreibt, "wir fangen langsam an, darüber nachzudenken, nach Hause zu fahren. Allerdings sind solche Gedanken einfach, wenn man nicht den ständigen Raketenbeschuss hört, wie es in unserem Haus in dem Vorort von Kiew war.

Wir sind uns auch sicher, dass Kiew noch oft beschossen wird. Außerdem haben wir gehört, dass gestern etwa vier Kilometer von unserem Haus im Vorort entfernt eine Rakete eingeschlagen ist und mehrere Häuser zerstört hat. Ich glaube, wir müssen erstmal abwarten, was weiter geschieht."

Wie kann sich Deine Familie in dem kleinen Ort auf dem Land beschäftigen? Welche Stimmung überwiegt: Langeweile? Angst? Verzweiflung? Hoffnung?
Evgenij sagt, "wir helfen hier unseren Bekannten im Haushalt. Wir machen sauber, wir fällen Bäume, hacken Holz. Bei unserer Stimmung überwiegt die Hoffnung alles. Anders geht es nicht."

Versucht Deine Cousine Aljona, ihre Kinder Viktoria und Roman ein wenig als Ersatz für die Schule zu unterrichten? Oder machen das vielleicht die anderen Erwachsenen?
Evgenij schreibt, "die Kinder haben ihre Schulsachen nicht mitgenommen. Man könnte sie vielleicht mit Hilfe des Internets unterrichten, aber wir haben hier im Dorf kein Wlan, nur mobiles Internet."

Fragen die Kinder nach der Schule?
Evgenij sagt, "Viktoria vermisst ihre Klassenkameraden. Sie schreiben sich täglich per Handy. Die meisten Mitschülerinnen und Mitschüler sind mit ihren Eltern ebenfalls aus Kiew rausgefahren. Manche haben sogar die Ukraine verlassen. Roman sollte dieses Jahr eigentlich eingeschult werden. Was dann nun passiert, weiß kein Mensch."

Was berichtet Viktor, der Vater der Kinder, aus Kiew? Er ist ja weiterhin bei der Territorialen Verteidigung....
Viktor hat Evgenij mitgeteilt, jeder in Kiew sei bereit, nicht nur Panzer aufzuhalten, sondern auch Hubschrauber und Flugzeuge. Jeder Bewaffnete wurde geschult, mit tragbaren Raketen umzugehen. Viktor hat eine zweitägige Schulung mit dem Umgang neu gelieferter Waffen bekommen."

Wie bewerten Deine Verwandten, dass Putin nun Kämpfer aus Syrien in die Ukraine holen will?
Da gibt es von Evgenij eine harte Antwort. Er sagt, "unseren Soldaten ist es egal, wen sie töten müssen, um ihr Land zu verteidigen. Klingt brutal, aber anders geht's nicht. Ob Russen, Tschetschenen, Syrer oder sonst wen. Unsere Soldaten werden unser Land verteidigen. Und sie sind taktisch überlegen. Sie kennen Land und Städte."

Was glauben Deine Verwanden, wie lange der Krieg noch dauern wird?
Evgenij meint, es könnte bald vorbei sein. Die russische Armee sei machtlos. Er schreibt, "sie wissen nicht weiter. Wir erwarten unseren Sieg."

Anton, hast Du daran gedacht, zum Kämpfen in die Ukraine zu fahren?
Es ist immer leicht zu sagen, dass man bereit wäre, sein Land zu verteidigen, wenn man selbst in Sicherheit ist. Ich weiß nicht, ob ich mich gemeldet hätte, wenn ich in der Ukraine leben würde. Ohne militärische Ausbildung, ohne jemals eine Waffe gehalten zu haben. Ich kann es nicht sagen. Vielleicht würde ich mich wie Viktor für die Territoriale Verteidigung melden.

Hier in Deutschland versuche ich, ankommenden Flüchtlingen zu helfen. Das ist etwas, wo ich wirklich was tun kann, da ich ukrainisch und russisch spreche."

Donnerstag, 17.März:

Anton, seit drei Wochen befindet sich die Ukraine im Krieg. Wie halten Deine Verwandten dort die extreme Belastung aus?
Das ist eine harte Zeit für die Familie. Evgenij schreibt, "vor allem die ersten zwölf Tage, als wir noch in unserem Haus in dem Vorort von Kiew lebten, waren schwer. Die ganzen Explosionen. Es wurde zu gefährlich und sind aufs Land geflüchtet. Hier ist es zwar ruhiger, in einiger Entfernung sind allerdings Explosionen zu hören. Und es ist schlimm zu hören, dass so viele Zivilisten sterben müssen, besonders in der von den russischen Truppen belagerten Stadt Mariupol."

Wie erklären die Erwachsenen den kleinen Kindern, Viktoria und Roman, den Krieg?
Evgenij sagt, "die Kinder verstehen mittlerweile, was passiert. Das ist sehr erschreckend. Sie haben gerade die ersten Tage viel ertragen müssen, als sich die Familie beim Raketenbeschuss immer wieder ins Ankleidezimmer im Erdgeschoss flüchtete. Als wir dann Kiew verlassen haben, hatten die Kinder großes Heimweh. In unserem ,Bunker' fühlten wir uns halbwegs sicher. Ich glaube, alle Kinder in der Ukraine muss man inzwischen ,Kinder des Krieges' nennen."

Bei den Verhandlungen zwischen Delegationen der Ukraine und Russlands geht es offenbar auch um die Frage, ob die Ukraine ein neutrales Land werden soll. Was halten Deine Verwandten davon?
Dazu hat die Familie eine klare Haltung. Evgenij schreibt, "wir denken, dass die Ukraine souverän ist. Das Land entscheidet selbst, was es sein will. Und wir haben niemanden hergebeten, um uns Land wegzunehmen. Die Krim und der Donbass, das ist alles ukrainisch. Wir geben uns Land nicht her."

Wie ist aktuell die Lage bei Deinen Verwandten in dem kleinen Ort auf dem Land?
Evgenij berichtet, dass auch hier Raketenbeschuss zu hören ist. Aber nicht so stark wie in Kiew. Aber man weiß natürlich nie, wo eine Rakete einschlagen kann.

Wie geht es Viktor, der in Kiew geblieben ist und bei der Territorialen Verteidigung mitmacht?
Evgenij sagt, "Viktor musste eine Zeitlang in einem Bunker sitzen. Bürgermeister Klitschko hatte die Bevölkerung gewarnt, Kiew werde tagelang beschossen. Weiterhin leben viele Menschen in den Stationen der Metro.

Halten Deine Verwandten noch weitere drei Wochen Krieg aus oder wollen sie doch das Land verlassen, wie es drei Millionen Menschen schon getan haben?
Das ist für die Familie schwer zu beantworten. Evgenij schreibt, "wir vermissen unser friedliches Leben und unser Zuhause. Man möchte seine Freunde wiedersehen und einen Himmel ohne Raketen. Wir verstehen aber auch, dass es lange dauern kann, bis wieder Frieden herrscht. Aktuell freut man sich über jeden Tag, den man noch lebt."

Anton, wie hat die Belastung durch den Krieg in Deinem Geburtsland Deine Leben und das Deiner Frau Anastasia verändert, die aus Russland stammt?
Für mich und Anastasia ist es natürlich ebenfalls anstrengend. Wir haben nach der Arbeit nur ein Gesprächsthema: den Krieg. Außerdem habe ich mich jetzt für mehrere Tage als Dolmetscher gemeldet. Am Samstag bin ich in Hamburg bei der Kleiderspende für ukrainische Flüchtlinge, nächste Woche von Montag bis Mittwoch bei der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge. Das mache ich dann abends nach meinem Job. Ich bin bereit, mich weiterhin zu engagieren und zu helfen, wo ich kann.

Aber man kann die Belastung von Anastasia und mir nicht im Ansatz mit dem Leid und der Anstrengung der Menschen in der Ukraine vergleichen. Und wir hoffen sehr, dass der Krieg sobald wie möglich aufhört. Mit jedem weiteren Tag sterben noch mehr Menschen. Es muss einfach aufhören. Und wenn der Krieg aufhört, muss viel Arbeit geleistet werden, um die Ukraine wieder aufzubauen.

Mittwoch, 16. März:

Anton, haben Deine Verwandten in der Ukraine mitbekommen, dass die Journalistin Marina Owsjannikowa im russischen Staatsfernsehen gegen den Krieg und gegen die Lügen der Propaganda protestiert hat?
Ja, die Familie ist begeistert. Evgenij schreibt, "die Frau ist großartig. Sie arbeitet seit mehreren Jahre in dem Propagandasender und hat sich nun entschieden, das Schweigen zu brechen. Was leider nicht das ganze Volk in Russland macht. Am Anfang gab es in der Ukraine Gerüchte, der Protest von Owsjannikowa sei ein Fake. Aber dann hat sie sich ja nochmal in einem Video geäußert. Die Frau ist toll."

Sehen Du und Deine Frau das auch so?
Auf jeden Fall. Anastasia und ich haben etwa zeitgleich von dem Protest erfahren. Ich habe es bei Twitter gelesen und Anastasi hat aus Russland eine Nachricht von einer Freundin erhalten. Wir finden den Protest von Owsjannikowa sehr mutig. Das ist sicherlich sehr gefährlich für sie und ihre Familie. Viele Ukrainer und auch Freunde von mir hier in Hamburg schätzen solche Aktionen von Russen. Der Protest, den es ja auch vereinzelt auf den Straßen russischer Städte gibt, beweist einfach, dass nicht alle Russen von Putins Propaganda geblendet sind. Uns tun die Menschen in Russland leid, die schon seit Jahrzehnten gegen Putins Politik sind und jetzt noch mehr leiden müssen. Allerdings gibt es in Russland auch genug Menschen, die diese Politik unterstützen. Das führt dann leider dazu, dass viele Menschen und ganz besonders die in der Ukraine leiden. Wir hoffen sehr, dass bald wieder Frieden herrscht und dass die Menschen, die Putin bislang unterstützen, irgendwann versuchen werden, ihre Schuld zu begleichen. Wie es die Menschen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg getan haben. Allerdings werden bis dahin noch tausende Menschen sterben müssen.

Was wissen und denken Deine Verwandten über die Stimmung in Russland?
Evgenij schreibt, "viele Leute in Russland denken, dass wir alle in der Ukraine Nazis sind. Warum sollte wie eine solche Meinung respektieren? Russland ist unser Nachbar, aber jetzt auch ein Aggressor. Die Ukrainer haben aufgehört, Russland zu respektieren."

Evgenij spricht manchmal von "russischen Faschisten". Meint er damit alle Russen oder nur die russischen Soldaten, die jetzt die Ukraine angreifen und Kriegsverbrechen verüben?
Evgenij sagt, "ich spreche über die russischen Soldaten, wenn ich ,russische Faschisten' schreibe. Denn die Soldaten töten jeden hier, auch Frauen und Kinder. Die Soldaten gehören alle bestraft dafür. Wir werden ihnen den Krieg und die Verbrechen niemals verzeihen."

Welche Erinnerung haben Deine Tante Larissa und Dein Onkel Anatol an die gemeinsame Zeit mit Russland in der Sowjetunion?
Dazu hat Evgenij seine Eltern gefragt. Sie sagen, dass sie keine schöne Zeit in der Sowjetunion hatten. Es war eine Diktatur. Die Putin-Regierung erinnert meine Tante und meinen Onkel an das sowjetische Regime. Sie sehen da keinen großen Unterschied.

Wie ist die Situation aktuell in dem Dorf, in das sich Deine Familie geflüchtet hat? Gab es wieder Explosionen?
Am Dienstag, sagt Evgenij, haben sie zwei Explosionen gehört. Die waren aber zum Glück etwas weiter weg. Evgenij hatte ja schon geschrieben, dass im Dorf Barrikaden gebaut wurden für den Fall, dass die russischen Truppen kommen. Derzeit können Viktoria und Roman, die Kinder von Evgenijs Schwester Aljona, noch draußen spielen. Das Wetter ist auch ganz gut. Die Familie weiß nicht, wie lange das Dorf noch sicher ist.

Die Regierungschefs von Polen, Tschechien und Slowenien sind am Dienstag überraschend nach Kiew gekommen, um Präsident Selenskyj zu treffen. Was erhoffen sich Deine Verwandten davon?
Evgenij schreibt, "ich hoffe, die Regierungschefs aus Polen, Tschechien und Slowenien sehen und spüren in Kiew, wie schlimm die Lage ist. Damit sie die anderen Länder in der Europäischen Union und in der Nato beeinflussen können, uns Ukrainern noch mehr zu helfen."

Dienstag, 15. März:

Anton, was halten Deine Verwandten in der Ukraine davon, dass Präsident Wolodymyr Selenskyj auf ein Treffen mit Putin dringt?

Mein Cousin Evgenij kann das verstehen, auch wenn er die Chancen bei Verhandlungen mit russischen Politikern skeptisch sieht. Evgenij schreibt, "Selenskyj möchte dieses Treffen sehr. Er hat keine Angst vor Putin. Selenskyj hat schon mehrmals betont, dass Frieden nur am Verhandlungstisch zu erreichen ist. Putin hat aber Angst vor Selenskyj und weicht aus."

Selenskyj und viele weitere Ukrainer, darunter auch Evgenij, fordern auch, die Nato solle eine Flugverbotszone über dem Land errichten. Dann müssten allerdings Nato-Flugzeuge russische Kampf-Jets, Hubschrauber und Drohnen abschießen. Das würde das Risiko eines Dritten Weltkriegs enorm erhöhen. Sollte die Nato das für die Ukraine in Kauf nehmen?
Evgenij hat da eine klare Meinung. Er sagt, "der Dritte Weltkrieg hat bereits begonnen. Innerhalb von zwei Wochen sind in der Ukraine 5000 Zivilisten, darunter viele Kinder, getötet worden. Wir verteidigen mit allem, was wir haben, nicht nur unser Land, sondern auch ganz Europa. In den russischen Staatsmedien wurde wiederholt auch Polen und der Republik Moldau gedroht. Wenn die Nato nichts tut, dann stehen russische Panzer bald auch in anderen Ländern und nicht nur bei uns."

Was meinen Deine Verwandten, wie eine Rückkehr zum Frieden in der Ukraine möglich wäre? Wer hätte die Macht, das zu bewirken?

Evgenij sagt, "meiner Meinung nach kann nur ein Mensch diesen Krieg stoppen. Das ist Putin. Allerdings glaube ich, dass er krank ist und eine Niederlage niemals akzeptieren wird. Unsere Armee hat bereits mehr als 10.000 russische Soldaten getötet, noch viel mehr sind verletzt. Es wurden russische Flugzeuge, Panzer und Fahrzeuge im Wert von acht Milliarden Euro zerstört. Doch Putin hört nicht auf. Er hat ja auch acht Jahre gesagt, er wolle nur die Krim und den Donbass. Aber jetzt sieht man, dass Putin immer weiter angreift."

Was wissen Deine Verwandten über die offenbar heftigen Kämpfe in der Vorstadt Browary, nördlich von Kiew?
In Browary hat die ukrainische Armee mehrere Angriffe abgewehrt. Aber es wird weiter gekämpft. Wie auch in den Vorstädten Hostomel, Irpin und Butscha.

Putin spricht immer davon, die Ukraine müsse "entnazifiziert" werden. Präsident Selenskyj ist allerdings jüdischer Herkunft. Trotzdem die Frage: welche Bedeutung haben ukrainische Nationalisten, wie beispielsweise das Asow-Regiment, das offenbar in Mariupol gegen die russischen Truppen kämpft?
Evgenij schreibt, "womöglich gibt es Menschen und auch Kämpfer, die Hakenkreuze verwenden. Ich weiß ehrlich gesagt nichts davon. Das Bataillon Asow mag nationalistisch sein, aber es versucht alles, um Mariupol nicht zu verlieren. Außerdem muss man sich die Frage stellen, warum die angebliche Entnazifizierung der Ukraine ausgerechnet von einer Armee betrieben wird, die mit einem großen "Z" auf Panzern und Fahrzeugen anrollt. Das "Z" wirkt auf mich wie ein russisches Nazi-Symbol."

Wie geht es der Familie aktuell in der kleinen Ortschaft, in die sie seit ihrer Flucht aus Kiew lebt?
Mein Cousin sagt, eigentlich geht es ihnen noch relativ gut. Aber der Bekannte, der sie in dem Dorf aufnahm, hat sich mit einer Säge eine große Schnittwunde zugefügt. Evgenij schreibt, "ich muss heute mit ihm ins Krankenhaus fahren, damit die Wunde genäht wird. Die Versorgung mit Lebensmitteln geht so einigermaßen. Der Supermarkt ist zwar klein, aber die Leute im Dorf haben Vieh und verkaufen Fleisch und Milch. Die russischen Truppen sind zwar noch entfernt, aber in der Ortschaft stehen inzwischen auch Barrikaden. Außerdem patrouillieren Einwohner durch das Dorf. Heute morgen hat man wieder Raketen gehört. Etwa 30 Kilometer entfernt wurde offenbar eine Stadt beschossen."

Welche Kontakte haben Du und Deine Frau Anastasia zu ukrainischen Flüchtlingen, die nach Hamburg kommen?
Eine Frau aus der Ukraine hat am Wochenende Anastasia und mich angesprochen, zwei Häuser von unserer Wohnung entfernt. Sie brauchte Hilfe, da sie ihre Tochter nicht anrufen konnte. Ich habe ihr mein Handy gegeben. Danach haben wir uns unterhalten. Sie hat erzählt, wie sie mit ihrer Familie aus Luhansk zu ihrer Tochter in Hamburg gekommen ist. Luhansk ist seit 2014 von den Russen besetzt, da herrschen die Separatisten. Die Fahrt nach Deutschland war für die Familie die Hölle. Die Frau sagte, ihr Enkel musste die sechs Tage lange Fahrt erkältet überstehen. Anastasia und ich haben der Frau unsere Hilfe angeboten.

Am Hauptbahnhof sieht man oft Frauen und Kinder, die aus der Ukraine herkommen. Ich habe mich bereits als Dolmetscher gemeldet für die Erstaufnahmestelle in Hamburg. Ich warte aber noch auf eine Antwort.

Montag, 14. März:

Anton, was wissen Deine Verwandten über die Situation in Kiew?
In den nördlichen Vorstädten wird gekämpft, aber in Kiew selbst noch nicht. Evgenij schreibt, "Viktor hat nach seiner Nachtschicht bei der Patrouille für die Territoriale Verteidigung berichtet, dass die Barrikaden in der Stadt täglich weiter ausgebaut werden, auch mit Beton.

Viktor könnte noch mehr erzählen, aber die russischen Kräfte sollen nichts von der Situation in der Stadt mitbekommen. In dem Vorort von Kiew, aus dem meine Familie und ich am 6. März wegen der vielen anfliegenden Raketen geflüchtet sind, haben sich viele Menschen bewaffnet. Sie patrouillieren durch die Straßen, um die russischen Faschisten rechtzeitig abwehren zu können."

In der kleinen Ortschaft 120 Kilometer südwestlich von Kiew, in die Deine Verwandten geflohensind, werden sie ja nicht arbeiten können. Haben sie trotzdem noch genug Geld?
Evgenij sagt, "Geld haben wir noch, aber keiner weiß, wie lange es reicht. Außerdem haben wir viel Geld an unsere Armee gespendet. In der kleinen Ortschaft kann man auch nicht viel einkaufen. Es fehlt ein größerer Supermarkt, in dem es mehr gibt als Wasser und Kekse."

Gibt es in dem Dorf einen Arzt für den Fall, dass Deine Verwandten erkranken? Aljonas kleine Kinder Viktoria und Roman hatten vergangene Woche ja eine Erkältung....
Es gebe einen Arzt, sagt Evgenij. Das nächste Krankenhaus sei etwas 15 Kilometer entfernt. Problematisch war, dass es in der örtlichen Apotheke kaum Medikamente gibt. Deshalb haben sie die Kinder mit heißem Tee und Honig aufgepäppelt. Das hat zum Glück geklappt.

Die russischen Truppen haben am Wochenende auch Ziele in der westlichen Ukraine beschossen. Getroffen wurde selbst Lwiw (Lemberg), das bislang als sicher galt. Wie reagieren Deine Verwandten darauf? Spricht die Familie darüber, doch nach Polen und Deutschland zu fahren?
Evgenij schreibt, "wir bleiben erstmal in der kleinen Ortschaft und hoffen, dass wir nicht überlegen müssen, einen anderen Ort zu suchen. Warum hilft uns die Nato nicht? Warum schließt sie den Luftraum über der Ukraine nicht? Nur die Nato könnte damit Angriffe wie auf Lwiw verhindern. Wo bleibt die Hilfe, die uns immer versprochen wird?"

Anton, wie können Du und Deine Frau Anastasia den Verwandten helfen?
Wir können im Moment nicht mehr tun, als ihnen anzubieten, nach Deutschland zu kommen. Das tun wir seit dem ersten Tag des Krieges. Die Familie ist dankbar, aber sie will bleiben, solange es geht. Nur wenn Kiew fällt, werden sie vielleicht das Land verlassen.

Was sagen Deine Verwandten über das ,Tagebuch aus Kiew', das der Tagesspiegel mit ihrer und Deiner Hilfe seit dem 27. Februar führt? Haben Sie einen Wunsch, eine Bitte oder auch Kritik?
Evgenij und die Familie sind sehr dankbar, dass der Tagesspiegel über sie schreibt. Er sagt, "das gibt uns Kraft und Unterstützung in diesen schwierigen Zeiten. Ich persönlich würde mich freuen, wenn das Tagebuch öfter auch bei Instagram gepostet würde, damit noch mehr Menschen errreicht werden, vor allem junge Leser."

Am Sonntag haben auch in Hamburg wieder tausende Menschen gegen den Krieg demonstriert. Waren Du und Anastasia auch diesmal dabei?

Ja, wir sind auch gestern hingegangen. Schon weil die schrecklichen Bilder aus den umkämpften Städten wie Mariupol und Charkiw uns erschüttern. Umso wichtiger sind solche Kundgebungen, damit Menschen sensibilisiert werden und der Krieg nicht eine Sache der Gewöhnung wird.

Kannst Du Dich überhaupt ablenken vom Krieg? Vielleicht, wenn Du ein Spiel des FC Barcelona schaust? Du bist ja glühender Fan....

Ein Spiel von Barça zu schauen ist zum Glück eine Ablenkung. Ich kann dann für zwei Stunden komplett abschalten. Und bei einem Sieg, wie gestern Abend das 4:0, sind die Emotionen natürlich umso freudiger.

Sonntag, 13. März:

Anton, was hören Deine Verwandten über die Lage in Kiew?
Mein Cousin Evgenij schreibt, "wir wissen von Viktor, der in Kiew geblieben ist, und von Freunden und Bekannten, dass sich viele russische Soldaten um die Stadt formieren und dass in den nördlichen und nordwestlichen Vororten gekämpft wird. Aber Kiew ist bereit. Die Menschen, die in Kiew geblieben sind, werden bis zum Schluss kämpfen. Alle Zufahrten sind blockiert und unsere Soldaten werden die russischen Truppen hart empfangen. Das sagt auch Viktor. Er ist ja bei der Territorialen Verteidigung in Kiew. Viktor war am Samstag vom Morgen bis zum Abend auf Patrouille. Zum Glück ist ihm bislang nichts passiert."

Was hält die Familie von Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko?
Evgenij sagt, "Klitschko macht seine Sache großartig. Er hält die Ordnung in Kiew aufrecht und organisiert Busse, um Menschen aus den umkämpften Vorstädten Butscha, Irpin und Hostomel herauszubringen."

Wie fühlen sich Deine Verwandten nach der ersten Woche in der kleinen Ortschaft, in die sie vergangenen Sonntag geflohen sind?
Es geht ihnen relativ gut. Evgenij meint, das Dorf sei ein einigermaßen sicherer Ort. Man würde sich eine bessere Versorgung mit Lebensmitteln wünschen, der Supermarkt ist klein.

Wie haben sich Aljonas kleine Kinder, Viktoria und Roman, in dem Ort eingelebt?

Evgenij sagt, "die Kinder gewöhnen sich allmählich an die neue Umgebung. Hier können sie wenigstens draußen spielen. Das ging in dem Vorort von Kiew, wo unser Haus ist, wegen der vielen anfliegenden Raketen und Explosionen nicht mehr. Da haben die Kinder mit uns Erwachsenen ja ständig in unserem ,Bunker' gesessen, dem Ankleidezimmer im Erdgeschoss. Viktoria und Roman wollen allerdings immer noch nach Hause. Aber sie sagen das nicht mehr so oft wie am Anfang, als wir aus dem Vorort bei Kiew wegmussten, weil es dort unerträglich wurde und nicht mehr sicher war."

Samstag, 12. März:

Anton, die russischen Truppen rücken weiter vor. Wie stellen sich Deine Verwandten in ihrem Zufluchtsort südwestlich von Kiew darauf ein?
Evgenij schreibt, "wir bereiten uns nicht vor, wie sollten wir das auch tun. Wir hoffen, dass die russischen Soldaten nicht in das Dorf kommen. Wir glauben es auch nicht. Wir haben nur ein Jagdgewehr und einen großen Hund. Das war's."

Was hört die Familie über die Situation in Kiew?
Freunde haben Evgenij berichtet, dass es in der Nacht etwas ruhiger war. Es soll weniger Raketenbeschuss gegeben haben. Allerdings ist in dem Vorort von Kiew, in dem die Familie bis zum vergangenen Sonntag gelebt hat, nur eineinhalb Kilometer von ihrem Haus entfernt eine russische Rakete von der ukrainischen Armee abgeschossen worden.

Wie geht es den Kindern Deiner Cousine Aljona, Viktoria und Roman?
Evgenij sagt, den Kindern gehe es wieder besser. Sie hatten sich ja erkältet. Heißer Tee und Honig haben geholfen. Anders ging es nicht, in der Apotheke gab es ja nicht viel.

Was glauben Deine Verwandten, welche Zukunft sie in der Ukraine haben?
Die Frage hat Evgenij sehr bewegt, er hat eine längere Antwort geschickt. Er schreibt, "wir glauben an eine glorreiche Zukunft der Ukraine. Wir glauben an den Sieg. Mittlerweile haben wir keine Angst mehr. Am Anfang war es schlimm. Doch jetzt wird die Ukraine mit jedem Tag stärker.

Russische Soldaten und ihre Handlungen sind vorhersehbar. Ebenfalls die Handlungen der russischen Regierung. Es wurde schon früh darüber berichtet, dass die russischen Faschisten versuchen werden, uns zu provozieren. Jetzt sieht man das an dem Beschuss von Raketen von unserem Territorium in Richtung Belarus.

Aber es ist nicht die Ukraine, die Belarus beschießt. Das sind die Russen. Damit soll Belarus ein Grund gegeben werden, nun auch mit eigenen Truppen in die Ukraine einzumarschieren. Aber wir hoffen, dass die belarussischen Soldaten mehr Widerstand gegen ihre Regierung leisten, als es die russischen Soldaten tun."

Anton, wie geht es Dir und Deiner Frau Anastasia? Könnt Ihr Euch am Wochenende ein bisschen ausruhen?
Wir versuchen, ein bisschen abzuschalten und über andere Dinge zu sprechen als über den Krieg. Um ein bisschen Normalität in unser Leben zurückzubringen. Gestern Abend sind wir seit Wochen mal wieder ausgegangen und haben Tapas gegessen. Wir sind auch erleichtert, dass meine Verwandtschaft in der Ukraine vorerst in Sicherheit ist.

Andererseits sind die schrecklichen Bilder aus dem belagerten Mariupol, wo die russischen Soldaten sogar eine Kinderklinik beschossen haben, für uns sehr frustrierend. Wir fragen uns, wie lange die Menschen in der Ukraine dieses Leid noch ertragen können. Hoffentlich geht Russland bald das Geld aus für den Krieg.

Wir hoffen auch, dass sich in Russland etwas bewegt. Spätestens dann, wenn die ersten paar tausend Menschen wegen der schlechten Wirtschaftslage die Arbeit verlieren und es für Teile der Bevölkerung schwierig wird, über die Runden zu kommen.

Freitag, 11. März:

Anton, was wissen Deine Verwandten über den offenbar bevorstehenden großen Angriff der russischen Truppen auf Kiew?

Die Familie geht davon aus, dass die russischen Soldaten Kiew stürmen wollen. Aktuell kommen sie von Irpin, Butscha und Browary (Vororte im Norden). Doch Evgenij sagt, "unsere Truppen sind vorbereitet. Kiew wird die russischen Soldaten sehr hart empfangen. Jeder russische Soldat auf ukrainischem Boden wird das spüren. Vor allem werden sie für die Verbrechen in Mariupol und Charkiw büßen, für den Beschuss von Wohnvierteln und dem Krankenhaus in Mariupol."

Was glaubt die Familie, wie lange Kiew standhalten kann?
Evgenij schreibt, "meine Familie und ich glauben fest an den Sieg der Ukraine. Das ganze Land glaubt daran. Es gibt nur diese eine Option."

Wie geht es Deinen Verwandten aktuell in der kleinen Ortschaft, in der sie Zuflucht gefunden haben?

Evgenij sagt, "man versucht, sich zu beschäftigen. Wir schreiben uns mit Freunden und Bekannten, wir fragen, wie es ihnen geht. Wir lesen Nachrichten. Hier bei unseren Bekannten hilft man sich gegenseitig im Haushalt."

Was machen Viktoria und Roman, die Kinder Deiner Cousine Aljona? Gibt es für sie eine Möglichkeit, in der kleinen Ortschaft eine Schule zu besuchen?

Die Kinder hätten sich leicht erkältet, schreibt Evgenij. "Wir waren deshalb in einer Apotheke. Leider gab es nicht viel. Viktoria und Roman trinken jetzt viel Tee mit Honig. Wir versuchen, sie zu beschäftigen. Die Kinder sind viel am Handy, sie spielen viel. Aktuell sind Schulen und Kindergärten geschlossen."

Wie lange kann die Familie bei ihren Bekannten in der kleinen Ortschaft bleiben?

Evgenij sagt, "solange es nötig ist".

Anton, Du bist in ständigem Kontakt zu Deinen Verwandten. Sie leben nun seit mehr als zwei Wochen im Krieg. Wie verkraftest Du das? Und wie verkraftet es Deine Frau Anastasia?
Für uns ist es sehr schwierig. Das Thema Krieg ist leider stets präsent. Vor etwas mehr als zwei Wochen ist man noch ohne Probleme und Sorgen aufgewacht. Heute stehe ich auf und schaue sofort aufs Handy um mich zu vergewissern, dass es meinen Verwandten, Bekannten und Freunden in der Ukraine gut geht. Speziell in dieser Zeit versteht am, was wirklich wichtig im Leben ist: Frieden und Gesundheit.

Was hältst Du davon, dass Freiwillige, auch aus Deutschland, in die Ukraine fahren, um dort zu kämpfen?
Ich finde es bemerkenswert, dass es Leute gibt, die freiwillig die Ukraine unterstützen wollen. Ein ehemaliger Klassenkamerad von mir hier in Deutschland, der wie ich in der Ukraine geboren ist, hat mir zu Beginn des Krieges geschrieben, dass er ernsthaft überlegt, sich für einen Einsatz zu melden. Ich habe leider keine Informationen, ob er es wirklich gemacht hat und in die Ukraine gefahren ist.

Wie ist die Stimmung bei den aus der Ukraine stammenden Menschen in Hamburg und Deutschland?

Alle Menschen, die der Ukraine verbunden sind, leiden. Jeder von uns hat Verwandte, Freunde und Bekannte dort. Außerdem halten viele die Ukraine für ihre Heimat, auch wenn manche ihr ganzes Leben hier in Deutschland verbracht haben. Als Ukrainer ist man stolz auf sein Land und man liebt sein Land. Selbst wenn man woanders lebt.

Was sagen die Russinnen und Russen, die Du und Anastasia, die ja gebürtige Russin ist, in Hamburg und Deutschland kennen?

Ich habe den Eindruck, dass die meisten Russen in Deutschland die Ukraine unterstützen. Sie können nicht verstehen, wie so etwas passieren konnte. Das Leben der Menschen in Russland wird durch die Entscheidung eines Mannes ebenfalls zerstört. Manche verlieren ihren Arbeit. Menschen, die offen ihre Meinung gegen den Krieg äußern, sind in Gefahr, eingesperrt zu werden. Traurigerweise gibt es aber auch Menschen in Russland, die geprägt sind durch die staatlichen Medien und eine andere Meinung haben.

Hast Du Dich schon früher mit dem schwelenden Konflikt zwischen Russland und der Ukraine beschäftigt?
Mich persönlich beschäftigt der Konflikt mit Russland schon seit Jahren. Ich habe immer versucht, für die Denkweise der russischen Regierung eine Erklärung zu finden. Mit Blick auf die USA, die Nato und die EU konnte ich einige Handlungen Putins aus geostrategischer Sicht rechtfertigen, so schmerzhaft diese aus der Sicht jedes Ukrainers waren, wie die Annexion der früher russischen Krim. Doch der Krieg gegen die ganze Ukraine ist in keinster Weise zu rechtfertigen. Der Krieg zeigt, wie egal es Putin und seinem Regime ist, wie es den Menschen geht, ob es sich um Russen handelt oder Ukrainer. Es ist ihm auch egal, ob die eigene Bevölkerung darunter leidet.

Donnerstag, 10. März:

Guten Morgen Anton, was erwarten Deine Verwandten von den heutigen Verhandlungen zwischen dem ukrainischen Außenminister Dmytro Kuleba und seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow im türkischen Antalya?
Die Familie ist skeptisch. Mein Cousin Evgenij schreibt, "ehrlich gesagt, glauben wir nicht an die Verhandlungen mit Russland. Sie hatten auch zugesichert, dass Zivilisten Städte wie Mariupol und Sumy friedlich verlassen können. Aber dann haben die russischen Faschisten auf unsere Hilfskräfte geschossen."

Wie waren der Mittwoch und die Nacht zu Donnerstag in der kleinen Ortschaft, in die Deine Verwandten am Sonntag geflüchtet sind?
Evgenij sagt, es sei weiterhin ruhig. Es seien nur die Flugzeuge zu hören, die in Richtung Kiew fliegen. Die russischen Soldaten sind offenbar noch weit weg.

Wie kommen Deine Verwandten und die Bekannten an Essen und Trinken für insgesamt elf Leute heran?

Evgenij schreibt, "es ist ein Dorf hier. Die Leute züchten Hühner, das ist bäuerliches Land. Es gibt größere Vorräte an Kartoffeln. Gestern sind wir zudem rausgefahren und konnten Fleisch besorgen. Die Vorräte an Lebensmitteln reichen jetzt. Da waren wir uns am Anfang nicht so sicher. Aber wir konnten auch Sprit für die Autos auftreiben."

[Mehr zum Krieg: Wie weit sind die Soldaten? Aktuelle Karte der russischen Invasion in die Ukraine]

Wie geht es Viktoria und Roman, den kleinen Kindern Deiner Cousine Aljona?

Die Kinder scheinen sich an die Situation zu gewöhnen, sagt Evgenij. "Erst waren sie unglücklich, weil ihnen unser Haus in dem Vorort bei Kiew doch sehr fehlte. Wir versuchen weiter, sie abzulenken. Doch sie fragen uns, wann die Ukraine gewinnt. Das ist beängstigend. Wir können ihnen ja keine richtige Antwort geben."

Wissen Deine Verwandten und ihre Freunde, wie weit die russischen Truppen entfernt sind?

Evgenij meint, laut den Quellen, die er hat, sind die russischen Soldaten um Kiew aktuell in den Vorstädten Irpin, Butscha, Browary und in Hostomel, wo der Flughafen ist. Das sind alles Orte im Norden von Kiew, dort wird immer wieder gekämpft. Evgenij schätzt, in den nächsten Tagen würden die russischen Truppen versuchen, Kiew zu stürmen. Die Familie ist geschockt von dem Foto aus Irpin, wo eine getötete Familie auf der Straße liegt, der Vater, die Mutter und die Kinder.

„Das war das Ziel, die Zivilisten“. Das Foto von Kriegsreporterin Lynsey Addario zeigt die Folgen der russischen Invasion in der Ukraine ungeschönt. Auf der Titelseite der „New York Times“ wurden die Gesichter der Opfer unverpixelt gezeigt.
„Das war das Ziel, die Zivilisten“. Das Foto von Kriegsreporterin Lynsey Addario zeigt die Folgen der russischen Invasion in der Ukraine ungeschönt. Auf der Titelseite der „New York Times“ wurden die Gesichter der Opfer unverpixelt gezeigt.
© Lynsey Addario/Faksimile: Tsp

Was weiß die Familie über die Lage in dem Vorort, aus dem sie am Sonntag wegen der ständig anfliegenden Raketen geflohen ist?
Evgenij schreibt, "unsere Nachbarn schauen nach unserem Haus. Sie berichten, dass sich im Ort nicht viel verändert hat. Man hört weiterhin den Raketenbeschuss."

Was hört Deine Cousine Aljona von ihrem Mann Viktor, der in Kiew für die Territoriale Verteidigung auf Patrouille geht?

Aljona sagt, bei Viktor sei alles ruhig. Aber sie vermutet, dass er nicht viel erzählt, damit sie sich keine großen Sorgen machen muss.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist im deutschen Fernsehen häufig mit kämpferischen Auftritten zu sehen. Was hält Deine Familie von Selenskyj?
Evgenij sagt, "wir unterstützen ihn. Man sieht, wie er sehr er leidet. Wie jeder Ukrainer. Doch jeder glaubt an ihn."

Mittwoch, 9. März. am Morgen:

Guten Morgen Anton, was schreibt Dein Cousin Evgenij?
Evgenij berichtet, "die Nacht und der Tag gestern waren in unserer kleinen Ortschaft ruhig. Wir haben am Abend sogar eine traditionelle Suppe am Lagerfeuer gekocht. Mit den Bekannten meines Vaters sind wir hier elf Leute. Es geht uns allen relativ gut."

Wie geht es den Kindern Deiner Cousine, Ramon und Viktoria?
Die Kinder vermissen ihr Zuhause sehr. Evgenij sagt, "wir versuchen, sie abzulenken, indem wir verschiedene Spiele mit ihnen spielen. Doch das Heimweh bleibt."

Wie lange kann die Familie in der kleinen Ortschaft bleiben?
Evgenij schreibt, "wir bleiben erstmal hier. Hier ist es ruhig, nicht der ständige Raketenbeschuss wie in Kiew. Wir hören jetzt nur die Flugzeuge, die über den kleinen Ort hinwegfliegen in Richtung Kiew.

Was glauben Deine Verwandten, wie es die nächsten Tage weitergeht?
Evgenij sieht das kämpferisch. Er schreibt, "meine Meinung ist, dass die russischen Faschisten von unserer Armee massiv gebremst wurden und dass das nicht zu Putins Plan passt. Die Russen verlieren sehr viele Soldaten. Nach den Angaben unserer Regierung sind bereits mehr als 13.000 russische Soldaten gefallen. Mehr als 2000 wurden gefangen genommen. Ihre Panzer und Fahrzeuge werden auch immer weniger.

Ich schätze, dass sie bereits am Limit sind und nicht damit gerechnet haben, dass es so lange gehen kann. Außerdem ist es aktuell sehr kalt, nachts bis zu minus sieben Grad. Außerdem schneit es. Die russischen Soldaten haben keine warmen Plätze zum Schlafen und sie haben wenig zu essen. Ich denke, dass sie noch ein paar Mal versuchen werden, Kiew anzugreifen. Danach wird es Gespräche zwischen unserem Präsidenten Selenskyj und Präsident Putin geben."

Hat die Familie Pläne, nach Polen und auch Deutschland zu kommen?
Evgenij sagt, "wir denken nicht im Traum daran, unser Land zu verlassen. Wir wollen zurück in unser eigenes Haus, das ist alles."

Wie geht es Viktor, der in Kiew bei der Territorialen Verteidigung geblieben ist?
Seine Frau Aljona sagt, es gehe ihm gut. Viktor und seine Patrouille kontrollieren weiter Autos, die nach Kiew rein oder raus fahren. Es ist den Männern der Patrouille gestern gelungen, Blumen zum Frauentag zu besorgen. Die haben sie den Frauen geschenkt, die in den Autos saßen.

Wie verkraftet es die Familie, dass der Krieg nun schon zwei Wochen dauert?
Evgenij sagt dazu, "wir sind kämpferisch und wir sind für alles bereit. Wir haben unser Zuhause nur vorübergehend verlassen. Der Gedanke, dass man vielleicht nie wieder zurück kann, ist schwer zu realisieren."

Wie denken Deine Verwandten über Deutschland? Was sollte die Bundesrepublik tun?
Evgenij antwortet, "wir sind euch sehr dankbar. Es erfüllt uns mit Glück zu sehen, dass viele Menschen in Deutschland auf die Straße gehen und für die Freiheit der Ukraine demonstrieren. Ich denke nur, dass eure Regierung mehr und vor allem zügiger neue Sanktionen gegen Russland beschließen sollte.

Ich habe gehört, dass Deutschland uns auch Waffen liefert. Die benötigen wir sehr dringend. Wir verteidigen nicht nur unser Land, sondern auch ganz Europa. Keiner weiß, was Putin noch plant und ob er aufhört, wenn er unser Land erobert."

[Alle aktuellen Entwicklungen im Ukraine-Krieg können Sie hier in unserem Newsblog verfolgen.]

Dienstag, 8. März, am Morgen:

Guten Morgen Anton, wie kommen Deine Verwandten in ihrem Fluchtort zurecht?

Die Nacht war ruhig, sie gewöhnen sich langsam an die neue Unterkunft auf dem Land. Evgenij schreibt aber, "wir vermissen unser Haus. Zuhause ist es immer besser". Außerdem gebe es in der Umgebung keine Supermärkte. Der nächste ist ungefähr 15 Kilometer entfernt. Außerdem hat die Familie bei der Fahrt von Kiew hierher, das waren ungefähr 120 Kilometer, einen Teil des Benzins verbraucht, das sie noch hatte. Aber noch reicht das Benzin.

Wie ist die Lage bei Viktor, der in Kiew geblieben ist?

Viktor kontrolliert für die Territoriale Verteidigung weiter Fahrzeuge in einem zugeteilten Abschnitt von Kiew. Gestern haben Viktor und die weiteren Verteidiger Schutzwesten erhalten. Eine Waffe hatte Viktor ja schon bekommen. Die Menschen in Kiew helfen den Verteidigern mit Essen, Tee und Zigaretten. Kiew wird auch weiter mit Raketen beschossen, besonders morgens und abends. Zum Glück gelingt es der ukrainischen Armee immer wieder, Raketen abzuschießen.

Montag, 7. März, am Morgen:

Guten Morgen Anton, wie geht es Deinen Verwandten nach der Flucht?
Ich habe gerade mit Evgenij gesprochen. Er sagt, es geht ihnen gut, in dem kleinen Ort etwa 120 Kilometer südwestlich ist die Situation ganz anders als in Kiew. Es gibt keinen ständigen Beschuss, man hört nur immer wieder Flugzeuge, aber die sind relativ hoch. Hier ist auch im Moment kein Einmarsch russischer Soldaten zu erwarten.

Meine Verwandten leben bei Anatolijs Bekannten in einem großen Haus, ringsum sind Bauernhöfe und Felder. In der Nähe ist ein Supermarkt, da geht Evgenij heute hin und schaut, was es gibt. Im Moment haben sie Essen und Trinken für fünf Tage. Außerdem haben meine Verwandte Ersparnisse, sie können eine Zeitlang durchhalten.

Wie geht es den Kindern Deiner Cousine Aljona, Viktoria und Roman?

Sie waren erst unglücklich, weil sie nicht mehr im ihren Haus in dem Vorort bei Kiew sind. Aber jetzt geht es ihnen besser. In dem kleinen Ort können sie herumlaufen und spielen, das ging in Kiew nicht mehr. Zur Schule gehen konnten sie dort ja auch schon nicht mehr.

Wie geht es für die Familie weiter?

Sie sind optimistisch, dass sie in dem kleinen Ort erstmal eine Weile bleiben können und Ruhe haben. Sie versuchen jetzt, sich zu beschäftigen und abzulenken vom Krieg.

Viktor, der Mann Deiner Cousine Aljona und Vater der beiden Kinder, ist in Kiew geblieben. Was hört die Familie von ihm?

Heute morgen noch nichts. Viktor ist weiter für die Territoriale Verteidigung unterwegs und kontrolliert Fahrzeuge, die nach Kiew reinfahren. Aljona versucht, Kontakt zu ihm zu bekommen.

Was hörst Du von Freunden, die noch in Kiew sind?

Nichts Gutes. Ein Freund hat eine Oma und einen Onkel in Irpin. In der Vorstadt nördlich von Kiew wird ständig gekämpft. Der Oma und dem Onkel geht es nicht gut. Wegen der Kämpfe ist jetzt die Verbindung zu ihnen abgebrochen.

Sonntag, 6. März, am Abend:

Anton, wie ergeht es Deinen Verwandten auf der Flucht?
Evgenij schreibt, "die Kinder sind unglücklich, da sie nicht zu Hause sind. Die Lebensbedingungen hier in dem kleinen Ort ungefähr 120 Kilometer südwestlich von Kiew, in dem wir untergekommen sind, sind natürlich nicht so gut wie in unserem Haus. Doch wir sind unseren Bekannten sehr dankbar, dass sie uns aufgenommen haben. Aber ehrlich gesagt, als wir ankamen, mussten wir erstmal weinen. Andererseits ist es hier sehr ruhig. Das kannten wir aus unserem Vorort bei Kiew gar nicht mehr. Da war es normal, dass die Raketen fliegen und Explosionen zu hören sind. Auch hier jetzt in dem kleinen Ort zucken wir bei einem lauten Geräusch zusammen und denken sofort an die Zeit in Kiew und an die Raketen.

"Wir haben Samstagabend die Situation neu bewertet. Es wurde zu gefährlich"

Es ist schön, dass es hier nicht knallt, aber wir sehnen uns nach unserem Zuhause. Meine Eltern haben das Haus vor zehn Jahren gebaut, es gehört zu uns. Aber wir haben am Samstagabend die Situation neu bewertet. Wir haben uns darauf geeinigt, dass die Situation vor Ort zu gefährlich wird. Die russischen Truppen dringen immer weiter auf Kiew vor, der Beschuss nimmt zu. Wir haben uns gesagt, wir sollten zu unseren Bekannten fahren, solange die Straßen noch zu nutzen sind. Dann sind wir heute morgen aus Kiew rausgefahren.

Wie geht es jetzt weiter für die Familie?
Evgenij sagt, er und die Familie seien "fest überzeugt, dass wir bald heimkehren können, sobald die ukrainische Armee gewinnt. Wir geben nicht auf. Und es macht uns Mut, wenn wir die Bilder aus Deutschland sehen.Tausende Menschen demonstrieren für die Ukraine. Besonders viele waren es am Samstag in Hamburg. Das zeigt uns, dass wir nicht alleine sind. Wir danken jedem für die Unterstützung. Slawa Ukrajini." (Die Parole ,Hoch lebe die Ukraine" äußert Evgenij öfter. Wie auch viele andere Ukrainer in diesen Tagen, um sich Mut zu machen)

Sonntag, 6. März, am Mittag:

Es ging nun doch nicht mehr. Antons Verwandte fliehen bis auf Viktor, den Mann von Antons Cousine, aus dem Vorort von Kiew in Richtung Südwesten. "Sie sind nach dem Ende der Ausgangssperre heute morgen um acht Uhr mit ihren Autos losgefahren", sagt Anton.

In den Wagen saßen Antons Tante Larissa und Onkel Anatolij, der Cousin Evgenij und die Cousine Aljona mit ihren kleinen Kindern Viktoria und Ramon. "Die Entscheidung ist ihnen nicht leicht gefallen", sagt Anton. Die Familie wollte in ihrem Haus bleiben, "aber in Kiew wird es brenzlig".

Anton berichtet, Evgenij habe ihm in der Nacht am Telefon gesagt, "die russischen Soldaten kommen jetzt nicht nur vom Norden, sondern auch vom Süden. Solange man noch Zeit hat, bevor die Kämpfe ganz Kiew erreichen, fahren wir weg".

Anton sagt, auch der ständige Beschuss von Kiew mit Raketen habe zu sehr an den Nerven gezerrt. Evgenij hatte Samstagabend ein Video geschickt, auf dem zwei schwere Explosionen zu hören sind und ein Feuerschein zu sehen ist. In der Nacht zu Sonntag habe die Familie entschieden, in Richtung Westen zu fahren, sagt Anton. Nachbarn, die in dem Vorort bei Kiew geblieben seien, hätten zugesagt, auf das Haus der Familie aufzupassen.

Wo will die Familie jetzt hin?

Anton sagt, die Verwandten seien jetzt 120 Kilometer westlich von Kiew. Dafür hätten die Tankladungen der Autos noch gereicht. Für die Strecke, für die man normalerweise eineinhalb Stunden benötige, hätten sie vier Stunden gebraucht.

Die Verwandten seien jetzt bei Bekannten von Anatolij in einem kleinen Ort ungefähr zwischen Bila Tserkva und Uman. Da wollten sie jetzt erstmal bleiben. Die Familie warte ab, ob sie in den Vorort von Kiew zurückkehren kann oder doch weiter nach Polen fliehen muss. Evgenij habe geschrieben, "als wir bei den Bekannten ankamen, gab es erstmal Tränen, weil wir unser Haus verlassen haben".

Was ist mit Viktor?

Der Mann von Antons Cousine Aljona hatte sich zu Beginn des Krieges bei der "Territorialen Verteidigung" gemeldet, bekam eine Waffe und kontrolliert Fahrzeuge, die nach Kiew fahren. Viktor habe entschieden, bei der territorialen Verteidigung zu bleiben, sagt Anton. Viktor wolle weiter helfen, Kiew zu schützen. Anton sagt, wenn Viktor Zeit hat, werde er zum Haus der Familie fahren, um nachzusehen, ob noch alles in Ordnung ist.

Vor Antons Verwandten hatte sich bereits Evgenijs Freundin in Richtung Westen aufgemacht. Auch eine Bekannte von Antons Onkel Anatolij, die mit ihren zwei kleinen Töchtern nach Beginn des Krieges im Haus der Familie Zuflucht gefunden hatte, bekam zunehmend Angst und bracht am Freitag mit den Kindern auf nach Lwiw (Lemberg) im Westen der Ukraine.

Samstag, 5. März, am Abend:

Anstelle eines Berichts schickt Antons Cousin Evgenij zunächst ein kurzes Video. In den 31 Sekunden sieht man zuerst nur eine Hauswand und rechts davon eine Mauer und Bäume. Erst ist Stille, dann kommen kurz hintereinander zwei Explosionen und ein Feuerschein. Die Explosionen scheinen einige Kilometer entfernt zu sein, die dumpfen Knalle lassen allerdings auf größere Bomben, Raketen oder schwere Artillerie schließen.

Dann beantwortet Evgenij doch noch über Anton Fragen des Tagesspiegels.

Wie weit sind die russischen Truppen noch ungefähr entfernt?
"Aktuell wissen wir nur von Kämpfen in Iripin und Bucha" (Anmerkung Tagesspiegel: das sind Vororte im Norden von Kiew). "Bei uns in der Nähe finden zum Glück keine Bodenkämpfe statt."

Wie ist die Stimmung in der Familie?
"Die Stimmung ist unterschiedlich. Manchmal lachen wir und lenken uns ab. Im nächsten Moment laufen wir in unseren Bunker (Anmerkung Tagesspiegel: das ist das Ankleidezimmer im Erdgeschoss). Wir sind alle müde und hoffen auf baldigen Frieden. Heute war Viktor hier und hat uns viel Essen gebracht. Gott sei Dank. Die Supermärkte werden auch langsam wieder gefüllt. Viktor ist mittlerweile tagsüber auf Patrouille und ruht sich nachts aus." (Anmerkung Tagesspiegel: Viktor ist der Mann von Evgenijs Schwester Aljona und hat sich kurz nach Beginn des Krieges als Freiwilliger bei der "Territorialen Verteidigung" gemeldet)

Wie geht es der Bekannten, die zunächst mit ihren beiden kleinen Töchtern auch im Haus der Familie Zuflucht fand und kürzlich mit den Kindern in Richtung Westen geflohen ist?

Die Frau ist mit ihren Kindern in Winnyzja angekommen und dort bei Bekannten (Anmerkung Tagesspiegel: das ist eine Stadt 200 Kilometer südwestlich von Kiew). In den nächsten Tagen machen sich unsere Bekannte und ihre Kinder auf den Weg weiter in Richtung Westen."

Samstag, 5. März, am Nachmittag:

Anton schreibt, bei seinen Verwandten in dem Vorort bei Kiew sei es heute relativ ruhig. Der übliche Raketenbeschuss sei etwas weiter weg. Cousin Evgenij sitze wieder in dem Kontrollraum, von dem aus der Verkehr im Viertel überwacht wird. Evgenij achtet auf Wagen mit fremden Kennzeichen. In den Fahrzeugen könnten russische Spione und Kämpfer sitzen, um im Vorort einzusickern. Als Vorhut der Panzer.

Nachdem Anton in Hamburg bei der Großdemo für die Ukraine war, berichtet er kurz, was er über die Stimmung in Russland erfahren hat. Bei der Demo waren zwei russische Freunde dabei. Anton schreibt, "in Bekanntenkreisen hört man, das Leben in Russland wird unschöner. Es gibt steigende Preise, erste Verluste von Arbeitsstellen und ausländische Geschäfte schließen. Die Russen, die die Möglichkeit haben, das Land zu verlassen, tun es langsam."

Samstag, 5. März, am Mittag:

Anton ist schwer belastet. Er hat es Freitagabend nicht mehr geschafft, neue Nachrichten von seinen Verwandten zu übermitteln. Er war damit beschäftigt, für Evgenijs Freundin und zwei weitere Frauen aus der Ukraine eine Unterkunft zu suchen, er musste bei seiner Firma wegen eines größeren Projekts bis in den Abend arbeiten - und er hat die ständige Angst um die Familie in dem Vorort bei Kiew zu verkraften. Am Samstag entschuldigt er sich, dass er nichts berichten konnte. Doch er muss sich für nichts entschuldigen, der Tagesspiegel drängt auch nicht.

Ukrainer und Russen gemeinsam bei der Großdemo in Hamburg

Samstagvormittag teilt Anton dann kurz mit, die Freundin von Evgenij sei jetzt erstmal in Polen. Sollte sie sich entscheiden, nach Deutschland zu kommen, "dann habe ich genug Leute hier, die bereit sind, sie aufzunehmen", schreibt Anton. Das gelte auch für ihn und seine Frau. Und er geht heute in Hamburg mit seiner Frau Anastasia, eine gebürtige Russin, sowie einem ukrainischen Freund und zwei russischen Freunden zur großen Demonstration für die Freiheit der Ukraine und gegen den Krieg. Das Motto lautet "Frieden in der Ukraine und Sicherheit in Europa". Die Veranstalter erwarten 50.000 Teilnehmende. Anton schreibt, "Wir stehen alle für eins - für Frieden". Anton und seine Frau, eine gebürtige Russin, haben sich bereits am 25. Februar, dem Tag nach Beginn der russischen Invasion, in der Hansestadt an einer großen Demonstration gegen den Krieg beteiligt. Das habe "Mut und Kraft" gegeben, schrieb er kurz darauf dem Tagesspiegel.

Freitag, 4. März, am Nachmittag:

Anton, wie ist die Situation bei Deinen Verwandten?
Die Bekannte meines Onkels Anatolij, die mit ihren zwei Kindern im Haus meiner Verwandten untergekommen war, hat die Sachen gepackt. Sie flüchten in Richtung Westen nach Lwiw (Lemberg). Die Freundin meines Cousins Evgenij ist ja schon vergangene Woche in die West-Ukraine gefahren. Wie ich höre, ist sie jetzt mit einer Freundin und deren Mutter, die aus Polen stammt, nach Deutschland unterwegs. Ich telefoniere hier in Hamburg mit Leuten in meiner Umgebung, um den drei Frauen zu helfen, eine Bleibe zu finden.

Was bekommt die Familie von den Kämpfen um Kiew mit?
Evgenij schreibt, "seit 7.40 Uhr geht der Beschuss. Das ist aber etwas weg von uns. Wir hören, dass im Norden von Kiew gekämpft wird, in Irpin und Bucha und anderen Vororten. Bei uns wird zum Glück noch nicht gekämpft."

Was glauben Deine Verwandten, wann ihr Vorort von den russischen Truppen erreicht wird?
Evgenij sagt dazu nur, "an sowas denken wir nicht".

Freitag, 4. März, am Morgen:

Guten Morgen Anton, wie war die Nacht bei Deinen Verwandten?
Evgenij schreibt heute morgen, dass Kiew in der Nacht weiter mit Raketen beschossen wurde, aber etwas weiter weg. Beim Schreiben meint er, eigentlich müssten jetzt wieder Raketen zu hören sein, wie immer um diese Uhrzeit am Morgen. Fünf Minuten später sagt Evgenij, "jetzt ist es wieder soweit, wie erwartet. Der Raketenbeschuss setzt ein." Gestern hatte er ja geschrieben, der regelmäßige Beschuss am Morgen sei inzwischen für die Familie "der ukrainische Wecker".

Was hört die Familie über den Beschuss des Atomkraftwerks Saporischschja im Südosten der Ukraine?
Das erschreckt die Famlie. Evgenij schreibt, der Beschuss des Atomkraftwerks sei "eine Gefahr für die ganze Welt". Und im Falle einer Nuklearkatastrophe würden sich die Russen "bei falscher Windrichtung ja auch selbst vernichten".

Was erwarten Deine Verwandten von diesem Tag?
Die Familie hofft, dass es endlich Waffenstillstand gibt. Und Frieden. Präsident Selenskyj hat gestern im Fernsehen gesagt, er wolle mit Putin sprechen. Meine Verwandten und ich finden, man sollte miteinander sprechen, anstatt zu schießen. Gespräche zwischen Putin und Selenskyj würden die Hoffnung auf Frieden zumindest ein bisschen erhöhen.

Donnerstag, 3. März, am Abend:

Anton, wie haben Deine Verwandten diesen Donnerstag erlebt?
Es ist schrecklich. Die Bombardierung zerrt an den Nerven. Evgenij schreibt, "man freut sich mittlerweile, dass man noch am Leben ist. Wir danken Gott für jeden Tag. Nicht weit von meiner Wohnung wurde heute ein Ort zerbombt. Im Internet war zu sehen, wie eine Rakete in ein Haus einschlägt. Dort soll eine Person getötet worden sein. Jetzt am Abend hören wir uns bei uns weitere Raketen."

Wie hält die Familie es aus, dass immer wieder Raketen über das Haus fliegen?
Evgenij sagt, "ich denke, der Mensch hat sich nach einer Woche so langsam daran gewöhnt. Wenn Raketen in der Nähe anfliegen, läuft die Familie in ihren ,Bunker", das Ankleidezimmer im Erdgeschoss. Ansonsten sitzt man herum, schaut Nachrichten und versucht, sich zu beschäftigen. Ich war tagsüber wieder in unserem Viertel in der Kontrollstation, von der aus der Verkehr überwacht wird. Es dürfen keine fremden Fahrzeuge rein, das könnten russische Spione oder Kämpfer sein. Viktor, der Mann meiner Schwester, war vergangene Nacht wieder für die territoriale Verteidigung auf Patrouille. Er erzählt, wie die Leute morgens und mittags zu ihnen kommen und Essen bringen, damit wir bei der Patrouille nicht hungern.

Hat die Familie genug Verbandsmaterial für zumindest kleinere Verletzungen?

Evgenij meint, sie hätten das Nötigste. Er schreibt, "wir haben hier in der Nachbarschaft auch einen Arzt für die schnelle Versorgung im Notfall. Das nächste Krankenhaus liegt etwa drei Kilometer entfernt. Doch wir denken an sowas nicht, wir möchten keine negativen Gedanken im Haus haben."

Auf die Frage, ob der Tagesspiegel ein aktuelles Foto von der Familie bekommen könnte, schreibt Evgenij, " wir sehen alle sehr müde und fertig aus. Wir machen ein Foto, sobald wir gewonnen haben."

Donnerstag, 3. März, am Nachmittag:

Bei Antons Verwandten wächst die Angst. "Es ist schlimm für die Familie aktuell, weil die Ortschaft in der Nähe vom Wohnort von Evgenij gerade beschossen wird", schreibt Anton per WhatsApp. Cousin Evgenij ist seit Tagen bei seinen Eltern in deren Haus, um die Familie zu schützen. Seine Wohnung ist nicht weit entfernt. Außerdem sei heute ein Ort in der Nähe "komplett zerbombt" worden, zitiert Anton aus einer Nachricht von Evgenij.

Womöglich rücken russische Spezialeinheiten vor

In die Angst mischen sich Gerüchte, Soldaten der russischen Spezialeinheit "Speznas" würden vorrücken. Das sei aber nicht bestätigt, sagt Anton. Doch es sehe so aus, als komme die Front näher. Anton bittet nochmal eindringlich, nicht den Wohnort seiner Verwandten oder die benachbarten Orte am Rand von Kiew zu nennen. Die Angst ist groß, dass ein russischer Geheimdienst die Website des Tagessiegels liest, um Informationen für die vorrückenden Militärverbände zu sammeln.

Donnerstag, 3. März, am Morgen:

Anton, wie war die Nacht in Kiew?
Evgenij schreibt, "mitten in der Nacht gab es einen einstündigen Beschuss durch Raketen. Und jetzt wieder ab 7.30 Uhr (6.30 Uhr Ortszeit Berlin). Das wird allmählich unser ukrainischer Wecker. Der Beschuss in der Nacht und dann wieder am Morgen." Evgenij weiß allerdings noch nicht, ob es Schäden in ihrem Vorort gab.

Konnten die Familie und die von ihnen aufgenommenen Bekannten schlafen?
Nur ab und zu. Evgenij sagt, sie waren nachts wieder im schmalen Ankleidezimmer im Erdgeschoss. Da fühlen sich alle bei Beschuss am sichersten.

Wie ist die Stimmung?
Es ist eine Mischung aus Müdigkeit und Ungewissheit, wie lange das alles noch gehen soll.

[Alle aktuellen Entwicklungen im Ukraine-Krieg können Sie hier in unserem Newsblog verfolgen.]

Kinder einer Kiewer Familie halten im Treppenhaus "No War"-Schilder in die Kamera.
Die Kinder machen im Treppenhaus einen kleinen Protest gegen den Krieg. (Aus unserem Tagebuch einer Kiewer Familie.)
© Privat

Mittwoch, 2. März, am Abend:

Anton, russische Truppen bereiten offenbar eine große Offensive gegen Kiew vor. Wie können sich Deine Verwandten und ihr Viertel darauf einstellen?
Ich habe die Frage an Evgenij weitergeleitet. Er antwortet, "unsere Ortschaft ist bereit. Es sind viele bewaffnete Menschen aus der territorialen Verteidigung in unserer Nähe. Außerdem sind viele unserer Nachbarn bewaffnet. Wir sind bereit."

Sind Deine Verwandten, wie Viktor schon, jetzt auch bewaffnet? Viktor hat sich ja freiwillig zur territorialen Verteidigung gemeldet...
Nein. Nur Viktor hat eine Waffe. Evgenij schreibt, "wenn auch nur ein russischer Panzer kommt, wird unsere Ortschaft ihn "herzlich" empfangen. Wenn es sein muss, werden wir ihn mit unseren Händen stoppen. Hauptsache, die russischen Soldaten fangen nicht an, auf Zivilisten zu schießen. Wir hoffen, dass es nicht dazu kommt, denn wir wollen Frieden."

Welche Zukunft sehen Deine Verwandten und die Bekannten, die bei ihnen Zuflucht gefunden haben, für sich und ihre Kinder?
Evgenij sagt, "wir sehen unsere Zukunft ausschließlich in der Ukraine. Wir sind hier geboren und wollen hier auch leben. Unser Volk wird nicht einknicken. Wir alle lieben unser Land und man sieht, wie die Leute dafür kämpfen. Wir sind alle stolz auf unser Land."

Wie ist die Lage heute Abend?
Es gibt weiter Raketenbeschuss auf Kiew. Die Familie, schreibt Evgenij, sitzt wie so oft im Erdgeschoss im Ankleidezimmer, dem "Bunker". Da fühlen sie sich halbwegs sicher.

Mehr zum Krieg in der Ukraine bei Tagesspiegel Plus:

Mittwoch, 2. März, am Nachmittag:

Anton, wie verläuft der Tag bei Deinen Verwandten?
Evgenij hat eben geschrieben, dass sie fünf Raketen in einer sehr kurzen Zeit gehört haben. Die Familie hockt im "Bunker", das ist ja das Ankleidezimmer im Erdgeschoss. Evgenij ist nicht dabei, er sitzt in einem Gebäude, von dem aus der Verkehr in ihrem Viertel überwacht wird. Evgenij kontrolliert die einfahrenden Autos, um zu verhindern, dass ein fremdes Fahrzeug reinkommt. Darin könnten russische Angreifer sitzen.

Eine Bekannte hat Evgenij geschrieben, dass sie im Internet ein Foto ihrer zerbombten Wohnung gesehen hat. Das war in Irpin, im Norden von Kiew. Zum Glück war die Bekannte nicht in der Wohnung, als sie zerstört wurde.

Wie geht es den vier Kindern im Haus Deiner Verwandten?
Meine Cousine Aljona schreibt, "die Kinder hatten am ersten Tag Angst, mittlerweile nicht mehr. Sie spielen aber immer leise, damit sie Geräusche besser wahrnehmen können, um bei Beschuss schnell zum Ankleidezimmer zu laufen." Roman, Aljonas sechs Jahre alter Sohn, hat zu ihr gesagt, "ich würde in den Krieg ziehen, wenn ich groß wäre. Aber nur mit Dir zusammen, Mama". Die Kinder haben Pappschilder bemalt, um gegen den Krieg zu protestieren.

Anton, wie geht es Dir bei all diesen Nachrichten aus der Familie?
Ich kann es immer noch nicht fassen, dass Menschen durch einen Krieg im 21. Jahrhundert sterben müssen. Im Herzen Europas. Und die, die überleben, verlieren womöglich alles, was sie über Jahrzehnte erarbeitet haben. Die Entscheidung eines Präsidenten tötet unschuldige Menschen und zerstört Existenzen. Und das nicht nur in der Ukraine, sondern auch in seiner eigenen Nation. Und wir in Deutschland können nur zuschauen.

Mittwoch, 2. März, am Morgen:

Anton, wie war die Nacht in Kiew?
Zunächst war es ruhig. Evgenij hatte gestern Abend ja geschrieben, es herrsche eine merkwürdige Ruhe. Doch jetzt steht Kiew wieder unter Raketenbeschuss. Im Haus sind jetzt alle wieder im "Bunker", also der Kleiderkammer im Erdgeschoss. Die Familie konnte in der Nacht wenigstens teilweise schlafen.

Sind Raketen in der Umgebung Deiner Verwandten eingeschlagen?
Evgenij schreibt, in der direkten Umgebung soll nichts eingeschlagen haben. Aber sie haben auch keine weitergehenden Informationen.

Was erwarten Deine Verwandten vom heutigen Tag?
Evgenij schreibt: "Ehrlich gesagt, weiß man nicht mehr, was man erwarten soll. Jetzt liegen wir auf dem Boden. Wenn es ruhig ist, stehen wir auf und trinken Tee. Wir leben, wie es die Situation gerade erfordert."

Dienstag, 1. März, am Abend:

Antons Verwandte sehen bei Telegram die Bilder vom Raketenangriff auf den Fernsehturm von Kiew. Die Familie ist entsetzt. "Sie haben Angst vor solchen Raketen", sagt Anton. "Putin schreckt nicht davor zurück, einfach Zivilisten zu bombardieren. Heute vor allem in Charkiw und Kiew".

Anton und seine Verwandten befürchten, dass Putin nicht aufhört. "Wenn er bereit ist, dass Menschen so sterben wie am Fernsehturm, wird er auch bereit sein, eine Atomwaffe abzufeuern", sagt Anton. "Er braucht nur einen Knopf zu drücken". Die Angst seiner Verwandten, die im Erdgeschoss ihres Hauses auf dem Boden kauern, macht Anton zu schaffen.

"Bin langsam kaputt", schreibt er dem Tagesspiegel. Außerdem muss er sich bei seiner Arbeitsstelle in der Unternehmensberatung um ein größeres Projekt kümmern. "Aber mit den Gedanken bin ich in der Ukraine", sagt er.

Eintrag aus dem Tagebuch von Cousin Evgenij

Anton ist am Abend eigentlich zu erschöpft, um noch die Kommunikation mit seinen bedrohten Verwandten im Vorort von Kiew zu übersetzen. Aber dann macht er es doch. Sein Cousin Evgenij hat ihm geschrieben: "Als wir heute im Internet den Einschlag der Geschosse im Zentrum von Charkiw gesehen haben, wurden unsere Ängste größer. Wir können nicht glauben, dass Zivilisten sterben müssen."

Evgenij berichtet dann, dass Viktor, der bei der "territorialen Verteidigung" mitmacht, einer Art Heimatschutztruppe, nach tagelangem Einsatz doch noch kurz zu Hause vorbeikam. "Er war nachts auf Patrouille und hat uns dann heute Milchprodukte, Kekse und sogar Schokolade mitgebracht", schreibt Evgenij. Er selbst war auch in einem Geschäft in der Nähe, "es gab Brot, aber da wir noch genug haben, habe ich für es für andere da gelassen und nichts gekauft".

Evgenij betont in seiner Mitteilung an Anton, wie sehr die Familie auch der Angriff auf den Fernsehturm von Kiew geschockt hat. "Am Abend gab es schreckliche Bilder", schreibt Evgenij, "der TV-Turm wurde getroffen. Dabei wurden Menschen durch die Explosion lebendig verbrannt." Doch die Familie gibt nicht auf. "Wir sind trotzdem weiter optimistisch, dass man unser Land und unser Volk nicht brechen kann." Evgenijs Text endet mit der Parole "Slava Ukraine", Ruhm für die Ukraine.

Eine merkwürdige Ruhe

Kurz danach meldet sich Anton nochmal. Evgenij habe ihm mitgeteilt, dass es in ihrer Gegend trotz der anfliegenden Raketen bislang keine größeren Schäden gibt. Mitglieder der Familie haben sich dennoch am Abend einen Keller angeschaut, der als Bunker dient. "Allerdings sind die Bedingungen dort sehr schlimm", schreibt der Cousin, "vor allem für Kinder".

Der Kellerbunker sei kalt und werde nicht beheizt, "so dass man sich leicht erkälten kann". Die Familie befinde, "aktuell ist unser Haus sicher genug". Dann schreibt Evegenij, aktuell sei es "sehr merkwürdig ruhig". Die Familie befürchtet, das sei die Ruhe vor dem Sturm.

Der mehr als 60 Kilometer lange Konvoi russischer Panzer und Militärfahrzeuge nähert sich offenbar weiter dem Norden von Kiew. Antons Verwandte werden die Nacht wieder auf dem Boden im Erdgeschoss ihres Hauses verbringen.

Dienstag, 1. März, am Mittag:

Die Familie schickt Anton ein beklemmendes Foto. Die Erwachsenen und die Kinder kauern seit Stunden im Erdgeschoss des Hauses in dem Vorort von Kiew. Der Beschuss durch russische Raketen nimmt zu. Antons Tante Larissa hat ihm zum Foto geschrieben, "das ist der Bunker der Familie. Das Wichtigste ist, dass wir alle zusammen hier sind".

Efgenij schreibt, „das ist unser Bunker für die Kinder. Normalerweise ist das der Raum unsere Kleidung. Hier ist es nicht so laut wie im Rest des Hauses, wo man den Beschuss durch die russischen Raketen und das Feuer der ukrainischen Luftabwehr noch stärker hört“.
Efgenij schreibt, „das ist unser Bunker für die Kinder. Normalerweise ist das der Raum unsere Kleidung. Hier ist es nicht so laut wie im Rest des Hauses, wo man den Beschuss durch die russischen Raketen und das Feuer der ukrainischen Luftabwehr noch stärker hört“.
© Privat

Dienstag, 1. März, am Morgen:

Anton, wie war die Nacht bei Deinen Verwandten im Vorort von Kiew?
Mein Cousin Evgenij schreibt, "die Nacht war verhältnismäßig ruhig. Man hat etwa drei Explosionen gehört, jedoch waren sie weiter weg als sonst".

Wie geht es den Kindern?
Die Kinder haben gut geschlafen. Jetzt sind alle wach und frühstücken.

Was erwartet die Familie, was heute passiert?
Das ist schwer zu sagen. Von dem großen Militärkonvoi der Russen, der im Norden vor Kiew stehen soll, haben sie noch nichts gehört. Evgenij sagt, "wir versuchen im Haus nicht so laut zu sprechen, um keine Explosion draußen zu verpassen. Wir müssen die Gefahr eines Einschlags abschätzen. Bei geschlossenen Fenstern können die Geräusche von draußen ein wenig gedämpft werden."

Hat die Familie noch genug zu essen?
Das Essen reicht aktuell noch. Evgenij schreibt, "wir versuchen, nicht viel am Tag zu essen, damit wir Vorräte für den nächsten Tag haben. Gott sei Dank haben wir noch etwas. Wir möchten auch nicht alles leerkaufen. Andere Menschen sollen ebenfalls noch an Essen herankommen".

Was ist mit Viktor? Ist er weiter bei der Patrouille der territorialen Verteidigung?
Viktor und seine Frau Aljona haben sich darauf geeinigt, dass er erstmal nicht nach Hause kommt. Es ist auf den Straßen gefährlich, alleine unterwegs zu sein. Außerdem ist Treibstoff knapp. Aljona schreibt, "Viktor und seine Patrouille haben zwei bis drei Schichten, bei denen sie sich abwechseln und somit auch schlafen können. Damit man nicht nur an den Krieg denkt, schreibe ich mit meinem Mann auch über andere Sachen, um die Stimmung zu lockern. Ich schreibe über Themen wie, wer zu Hause den Abwasch macht und wer nach dem Krieg bei uns zu Hause die Wohnung aufräumt."

Wie groß ist die Angst vor der drohenden Offensive der russischen Truppen?
Aljona schreibt, "wie merkwürdig es auch klingt, aber wir haben uns relativ schnell auf den Krieg einstellen können. Die Männer bei uns im Ort haben sich schnell gruppiert und werden jeden russischen Soldaten stoppen, der sich auf uns zu bewegt. Und jeder, der zu Hause sitzt, hat sich an die Lage gewöhnt. Persönlich kann ich für mich sagen: wenn wir sterben sollten, dann bitte mit einer Bombe schnell und schmerzlos. Wir möchten nicht leiden."

Montag, 28. Februar, am Abend:

Anton, die russischen Truppen rücken weiter auf Kiew vor. Wie ist die Lage bei Deinen Verwandten?
Mein Cousin Evgenij schreibt, "die ukrainische Armee hat in der Nähe unseres Ortes Luftabwehr positioniert. Der Abschuss anfliegender russischer Raketen ist sehr sehr laut, die Fenster zittern. Einmal bin ich rausgegangen und habe ein Geräusch wie bei einem Flugzeug gehört. Ich habe den Kopf gehoben und sah am Himmel eine Rakete. Gott sei Dank wurde auch diese abgeschossen, sonst wäre sie in Kiew eingeschlagen.

Das Schrecklichste ist, wenn man Explosionen hört und mein Neffe zu den Kindern sagt: Hört mal, es fliegt wieder etwas am Himmel. Die Kinder sagen dann, dass es nicht Neues ist und sich daran gewöhnt haben. Heute Abend wird der Beschuss mit Raketen allerdings intensiver. Es ist lauter denn je. Inzwischen liegen wir alle auf dem Boden, um uns zu schützen".

Du hast ja auch Bekannte in anderen Vororten. Was sagen die?
Einer lebt mit seiner Familie in Wyshnewe, das ist auch am Stadtrand von Kiew. Er schreibt, "wir sitzen immer mit gepackten Taschen und angezogen zuhause. Wir schlafen nur ein, wenn die Augen von alleine zu fallen".

Leere Supermarktregale in Wyshnewe, einer Vorstadt von Kiew.
Leere Supermarktregale in Wyshnewe, einer Vorstadt von Kiew.
© Privat

Konnte deine Familie heute Lebensmittel kaufen?
Evgenij sagt, "das Essen geht langsam aus bei uns. Wir haben mittlerweile noch eine Bekannte meines Vaters mit zwei Kindern im Alter von sechs und neun Jahren bei uns aufgenommen. Die vier Kinder haben ständig Hunger. Leute aus dem Vorort haben uns geschrieben, dass ein Geschäft in der Nähe geöffnet hat.

Mein Vater und ich sind dahin gelaufen und konnten Kekse kaufen. Mehr gab es leider nicht. Jetzt am Abend kamen Nachbarn mit Einkäufen aus Supermärkten und gaben uns Brot. Noch nie in unserem Leben war wir so erfreut über Brot wie heute."

Ist Viktor bei der territorialen Verteidigung immer noch im Dienst, der ja bereits gestern Abend begonnen hatte?
Viktor ist immer noch auf der Straße. Sie lassen ihn nicht weg, ausruhen muss er sich bei der territorialen Verteidigung. Viktor hat Evgenij geschrieben, dass alles in Ordnung ist und dass alle der ukrainischen Armee vertrauen.

Montag, 28. Februar, am Vormittag:

Anton, ist Viktor von der nächtlichen Patrouille zurück?
Nein, aktuell darf er nicht weg. Wir wissen nicht, warum er trotz der langen Nacht in der territorialen Verteidigung bleiben muss. Derzeit werden allerdings keine Leute mehr in die Verteidigung aufgenommen. Es haben sich soviele gemeldet, dass offenbar im Moment kein Bedarf mehr besteht.

Was sagen Deine Verwandten dazu, dass Deutschland nun doch der Ukraine mit Waffen helfen will?

Sie freuen sich sehr. Sie hatten mich nach Beginn des russischen Angriffs gefragt, was die Leute in Deutschland denken und warum solange damit gewartet wurde, Russland aus Swift auszuschließen. Aber die Familie freut sich auch sehr darüber, dass in Deutschland soviele Menschen auf der Straße für die Freiheit der Ukraine demonstrieren. Das zeigt, dass Deutschland sie nicht vergisst.

Hast Du in Hamburg an einer Demonstration teilgenommen?
Ich war am Freitag bei der Demo in Hamburg. Das hat Mut und Kraft gegeben. Ich war mit meiner Frau da. Sie ist gebürtige Russin. Man hat viele Ukrainer gesehen, aber auch viele Deutsche. Es sollen mehr als 4500 Menschen gewesen sein, sagt die Polizei. Der Zusammenhalt in diesen Zeiten ist enorm wichtig, für die Leute aus der Ukraine und auch für mich, der ich jetzt gar nicht in der Ukraine bin. Ich habe Bilder von der Demo an meine Verwandten bei Nähe von Kiew geschickt. Sie haben sich auch darüber sehr gefreut.

Montag, 28. Februar, am Morgen:

Guten Morgen Anton, wie war die Nacht für Deine Verwandten in Kiew?
Mein Cousin Evgenij schreibt, dass die Nacht vergleichsweise ruhig war. Hin und wieder waren Explosionen zu hören. Alle konnten verhältnismäßig gut schlafen, auch die Kinder. Viktor ist allerdings noch nicht von der nächtlichen Patrouille zurück. Gekämpft wird offenbar an anderen Stellen in Kiew. Die Stadt Irpin nordwestlich von Kiew soll umkämpft sein, ist aber offenbar immer noch in den Händen der Ukrainer.

Was wird die Familie heute machen?
Falls heute in der Umgebung ein Supermarkt aufmacht, werden sie hinfahren, denn langsam werden doch die Lebensmittel knapp. Im Haus leben zurzeit immerhin sieben Menschen.

Und wenn kein Supermarkt aufmacht?
Evgenij sagt, "wir finden schon eine Lösung, wir sind Ukrainer".

Leere Kühlschränke in einem ukrainischen Supermarkt.
Leere Kühlschränke in einem ukrainischen Supermarkt.
© Privat

Was halten Deine Verwandten von den angekündigten Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine?
Evgenij sagt, er findet es gut, wenn gesprochen wird. Allerdings sind sich alle einig, dass Putin direkt mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj reden muss. Aber um ehrlich zu sein: von meinen Verwandten glaubt keiner wirklich, dass es heute durch Gespräche eine Lösung geben wird.

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Wie lange wird die Ukraine nach Meinung Deiner Familie militärisch durchhalten können?
Sie sind skeptisch. Evgenij schreibt, "auf dem Boden werden wir die russische Armee besiegen. Nur wenn sie uns von oben bombardieren, wird es schwierig".

Menschen mit Kindern warten darauf, den Fluss Irpin zu überqueren.
Menschen mit Kindern warten darauf, den Fluss Irpin zu überqueren.
© dpa/Europa Press/Diego Herrera

Sonntag, 27. Februar, am Abend:

Anton, wie ist die Situation heute Abend bei Deinen Verwandten in Kiew?
Aktuell gibt es wieder Beschuss von oben. Wie immer, wenn sowas passiert, liegen alle auf dem Boden im Haus. In der weiteren Umgebung des Hauses meiner Verwandten waren den Tag über wieder viele Explosionen zu hören. Auch in dem Ort, in dem mein Cousin Evgenij normalerweise wohnt. Da halten sich aktuell auch Freunde von mir auf. Das wird eine lange Nacht für alle. Es geht aber allen gut.

Viktor ist heute Nacht wieder auf Patrouille. Er soll morgen nach Hause kommen, um sich auszuruhen.

Ist Viktor bewaffnet?
Ja, er hat eine Waffe. Er war auch früher bei der Polizei tätig.

Hat die Familie genug Vorräte?
Sie konnten sich 200 Liter Wasser organisieren. Essen wurde ebenfalls für mehrere Tage eingekauft. In der Ortschaft hilft man sich zur Not.

Sonntag, 27. Februar, am Nachmittag:

Anton, wie geht es Deinen Verwandten?
Mein Cousin Evgenij schreibt, "wir haben Angst. Die Kinder springen in der Nacht auf und weinen. Wir schlafen auf dem Boden der ersten Etage unseres Familienhauses, um vor einem Einsturz des Daches geschützt zu sein". Meine Verwandten geben den Soldaten bei uns Wasser zum Trinken. Die Kinder haben für die Soldaten Bilder gemalt.

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Was bekommt die Familie von den Kämpfen mit?
Jeden Morgen, sagt Evgenij, werden wir um zirka sieben Uhr von Explosionen geweckt. Er schreibt, "das Ganze geht mindestens zwei Stunden. Danach ist erstmal Stille. Gefolgt von Schüssen auf dem Land. Gerade jetzt hört man es wieder. Etwa 30 Kilometer von uns entfernt.

Jeden Morgen warten wir auf den Abend und auf die Nacht und jeden Abend und jede Nacht auf den Morgen. Wenn die Sonne untergeht, gibt es wieder Raketenbeschuss. Heute Nacht wurde ein Öldepot getroffen, etwa 15 Kilometer weg. Die ganze Anlage brennt. Man sieht Rauch aufsteigen und das Feuer wird wahrscheinlich noch Wochen andauern."

Viktor, der Mann meiner Cousine, hat sich vor zwei Tagen freiwillig für die territoriale Verteidigung von Kiew gemeldet. Er konnte nicht einfach tatenlos zusehen. Er will unbedingt sein Land, seine Heimat, verteidigen. Viktor kontrolliert nachts Autos am Stadtrand, die ankommen oder herausfahren. Gott sei Dank gab es bis jetzt keine Vorfälle.

Wollen Deine Angehörigen in der Region Kiew bleiben oder denken Sie daran, das Land zu verlassen?
Sie sagen, sie möchten in der Ukraine leben. Sie schreiben, "uns ging es gut hier. Wir wollen auf keinen Fall ein Teil von Russland sein und schon gar nicht ein Sklave Putins. Es wäre sehr schwierig, Kiew zu verlassen. Wir müssten mit mehreren Autos fahren. Viele Straßen und Brücken, die aus der Stadt führen, sind beschädigt. Es gibt kein Benzin an den Tankstellen. Wir müssen warten."

Die Freundin meines Cousins Evgenij ist vor mehreren Tagen in den Westen der Ukraine gefahren. Aber Evgenij wollte nicht weg und seine Eltern und seine Schwester alleine lassen.

Anton, wie kommst Du selbst mit der Anspannung zurecht?
Ich kann es nicht in Worte fassen. Ich mache mir große Sorgen um meine Verwandtschaft, Freunde und Bekannte. Das Thema ist so präsent, dass ich an nichts anderes denken kann. Man versucht sich abzulenken, aber die Gedanken an die Menschen dort gehen nicht weg. Die ersten zwei Tage war es noch schlimmer. Ich habe geweint und nur aufs Handy geschaut, auf Nachrichten von meinen Verwandten gewartet. Langsam gewöhnt man sich, leider gesagt, an das Ganze. Ich möchte helfen. Deshalb danke ich jedem, der mir schreibt und zur Seite steht.

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