Bericht der Vereinten Nationen : Erstmals mehr als 70 Millionen Menschen auf der Flucht

Noch nie gab es so viele Flüchtlinge, Asylbewerber und Binnenvertriebene auf der Welt. 2018 waren es 2,3 Millionen mehr als im Jahr zuvor.

Migranten aus Venezuela an der Grenze zu Peru
Migranten aus Venezuela an der Grenze zu PeruFoto: AFP/Chris Bouroncle

Sie suchen Schutz vor Gewalt, Krieg, Verfolgung, Not und Zerstörung. Und es werden immer mehr. Weltweit waren Ende 2018 fast 71 Millionen Menschen auf der Flucht. Das sind 2,3 Millionen Frauen, Kinder und Männer mehr als ein Jahr zuvor – und doppelt so viele wie vor 20 Jahren.

Die Zahl jener, die ihre Heimat verlassen mussten, ist damit das siebte Mal in Folge deutlich angestiegen.

Alle zwei Sekunden wird ein Mensch zum Flüchtling

Niemals zuvor waren so viele Schutzbedürftige beim 1950 gegründeten Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen registriert. Jeder 108. Bewohner der Erde hat kein Zuhause mehr. Alle zwei Sekunden erleidet ein Mensch dieses Schicksal. Das entspricht 37.000 pro Tag.

Von den gut 70 Millionen Betroffenen sind 25 Millionen Flüchtlinge, 3,5 Millionen Asylbewerber und 41 Millionen Binnenvertriebene, die in ihrem eigenen Land umherirren. Gerade deren Zahl hat sich deutlich erhöht (plus 1,3 Millionen). Das geht aus dem UN-Bericht „Global Trends“ hervor, der am heutigen Mittwoch in Berlin vorgestellt wird.

Grafik: Fabian Bartel

Der Report mit seinen vielen Zahlen und Fakten rückt einiges zurecht. So zwingt der Krieg in Syrien nach wie vor sehr viele Menschen zur Flucht. 6,7 Millionen haben inzwischen ihre Heimat verlassen müssen. Zwischen Dezember 2017 und Ende 2018 sind 400.000 Vertriebene hinzugekommen. Überwiegend leben die Syrer heute in einem der Nachbarstaaten.

Grafik: Fabian Bartel

Die Türkei schultert als Aufnahmeland zwar die Hauptlast, im Verhältnis zu seiner Gesamtbevölkerung hat allerdings der kleine Libanon besonders zu kämpfen. Den UN zufolge ist dort jeder sechste Einwohner ein Geflüchteter. Auch Pakistan, Uganda und der Sudan beherbergen jeweils weit mehr als eine Million Schutzbedürftige – eine Folge anhaltender Konflikte und Krisen in Asien und Zentralafrika.

Nur neun Prozent der Schutzsuchenden leben in Europa

Viele dauern bereits Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. So hat der Bürgerkrieg in der Demokratischen Republik Kongo dazu geführt, dass bereits 720.000 Kongolesen geflohen sind. Tendenz steigend.

Von der weltweit wachsenden Flüchtlingszahl sind Europa und Deutschland nur in geringem Maße betroffen. Lediglich neun Prozent der Vertriebenen leben nach Erkenntnissen der Vereinten Nationen heute in der Europäischen Union. Fast alle Flüchtlinge bleiben also in ihrer Heimatregion.

Fast eine Million Rohingya sind vor der Gewalt in Myanmar ins benachbarte Bangladesch geflohen.
Fast eine Million Rohingya sind vor der Gewalt in Myanmar ins benachbarte Bangladesch geflohen.Foto: Ed Jones/AFP

In Deutschland ist denn auch die Zahl neuer Asylbewerber nochmals deutlich zurückgegangen. Im vergangenen Jahr stellten knapp 162.000 Menschen einen entsprechenden Antrag. 2017 waren es noch fast 200.000, 2016 sogar 722.000. Im Klartext: Die mittlerweile wesentlich restriktivere Abschottungspolitik der Bundesrepublik wirkt.

Lob für das deutsche Engagement

Doch zugleich ist Deutschland ein Aufnahmeland. Zum Jahreswechsel gab es mehr als eine Million anerkannte Flüchtlinge. Die meisten stammen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Für die UN ist das ein Grund für Lob. „Diese Zahlen zeigen das Engagement der Deutschen.

Sie verweigern nicht ihre Hilfe und ihren Schutz“, sagt Filippo Grandi, Hoher Kommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge. Zugleich betont er: „Es wird aber auch deutlich, dass die Flüchtlingskrise woanders stattfindet.“

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!