• Boris Johnson will BBC die Gebühren streichen: Die Axt an eine Säule der Demokratie angelegt

Boris Johnson will BBC die Gebühren streichen : Die Axt an eine Säule der Demokratie angelegt

Boris Johnson will die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt BBC zerlegen. Dabei verkörpert sie in der gesamten Welt Meinungs- und Pressefreiheit. Ein Kommentar.

Greatness, ganz klein? Nach einer Entlassungswelle im Januar wollen die Konservativen die ökonomische Grundlage des Senders nun dauerhaft schleifen.
Greatness, ganz klein? Nach einer Entlassungswelle im Januar wollen die Konservativen die ökonomische Grundlage des Senders nun...Foto: Henry Nicholls/ REUTERS

Auf die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt der BBC hat Boris Johnson schon länger einen Rochus. Wie stark der Premierminister die British Broadcasting Company beschneiden will, dringt jetzt ans Licht. Die „geschlossene, privilegierte Welt der BBC“ müsse „auf den Kopf gestellt werden“, wetterte Johnson Strategiechef Dominic Cummings bereits vor Jahren.

Für viele Konservative ist der nationale und weltumspannende Sender im Wortsinn ein rotes Tuch. Ganz nach Manier von Populisten will Johnson große Teile der gebührenfinanzierten Anstalt umstellen auf ein Subskriptionsmodell – wer hören will, der zahle.

Dann, so Johnsons Abrisshelfer, werde sich ja herausstellen, wie beliebt die BBC bei der Bevölkerung sei. Erhalten werden sollen allein die großen Sender Radio 3 und 4 und die internationale Sparte BBC World.

Johnsons Attacke zielt auf mehr als nur einen Rundfunk- und Fernsehsender. Es geht um eine tragende Säule der britischen Demokratie. Während die Royals Großbritanniens monarchistische Folklore repräsentieren und selbst von vielen Linken mit Milde als ein Stück britischen Inventars toleriert werden, repräsentiert die BBC das moderne, weltoffene Land wie keine andere Institution neben dem Parlament.

Symbol der Pressefreiheit

Mehr noch, die BBC verkörpert nicht nur in der westlichen, sondern in der gesamten Welt Meinungs- und Pressefreiheit.

Aus dem Exil heraus konnte Thomas Mann im Zweiten Weltkrieg via BBC seine Aufrufe unter dem Titel „Deutsche Hörer!“ senden, und Charles de Gaulle trommelte ab 1940 von London aus die Forces Françaises Libres zusammen, wenn er am Sitz des Senders in Bush House zur Solidarität gegen das Vichy-Regime aufrief.

Die BBC steht für ein nationales und globales Netz an Korrespondenten, für unabhängige, investigative Formate und sensationelle Naturdokumentationen, wie private Sender sie nirgends in auch nur annähernd vergleichbarer Form stemmen. Zu Recht warnen Kritiker der Zertrümmerung vor einer Kulturkatastrophe, etwa auch für den Bereich der klassischen Musik.

International verlässliche Quelle

Sieht man davon ab, dass BBC-Berichten seit Jahren ein unausgewogen israelkritischer Kurs vorgehalten werden kann, sind BBC-News national wie international die wohl verlässlichsten Quellen für Aktuelles und Hintergründe in Politik, Wirtschaft und Kultur. Seit Generationen sind Briten stolz auf „the BEEB“, wie es in der Alltagssprache heißt.

Ob die Eskalation des Angriffs auf die Anstalt in der Bevölkerung den Widerhall haben wird, den Johnson sich erhofft, bleibt abzuwarten. Freilich ließen sich mit dem Lockmittel, nichts oder weniger zu zahlen, viele öffentliche Dienstleistungen zunächst sabotieren. Der Katzenjammer käme später doch.

Vielleicht aber beweisen die Briten im Fall ihrer BEEB mehr Weitsicht als beim Brexit. Zu viel Demontage auf einmal ertragen gerade die Konservativen in der Regel ungern.

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