Buschkowsky und von Storch : Es gibt kein Recht auf Ignoranz – auch nicht beim Klima

Wer es wagt, auf das Ungewöhnliche an der Hitzewelle hinzuweisen, läuft Gefahr, als "Klima-Nazi" beschimpft zu werden. Das sagt vor allem viel über die, die so reden. Ein Kommentar.

Wettert gegen "Klima-Nazis": die AfD-Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch.
Wettert gegen "Klima-Nazis": die AfD-Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch.Foto: Kay Nietfeld/dpa

Das Wetter galt einmal als unverfängliches Smalltalkthema. Das ist vorbei. Das Wetter polarisiert, oder besser: Es wird zum Zweck der politischen Polarisierung missbraucht. Zu beobachten ist der Versuch, ein Menschheitsproblem zur gesellschaftlichen Spaltung zu instrumentalisieren.

Wer auf das Ungewöhnliche an der derzeitigen Hitzewelle hinzuweisen wagt, läuft heute Gefahr, einen handfesten Familienstreit vom Zaun zu brechen oder aber zum „Klima-Nazi“ erklärt zu werden. Diesen Ausdruck hat die AfD-Politikerin Beatrix von Storch Anfang der Woche auf Twitter verwendet, als sie einen Tweet der Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt kommentierte: „Diese hysterische Klimakrisen-Gekreische der Klimanazis ist wirklich unerträglich.“

In der „Bild“-Zeitung machte sich wenige Tage später Heinz Buschkowsky zur Stimme eines vermeintlichen gesunden Volksverstandes: „Ich gehöre zu den Bösen, denn mir macht Grillen Spaß“, lamentierte er, offenbar verärgert über den einen oder anderen Hinweis, dass die Fleischproduktion mit erheblichem Treibhausgasausstoß verbunden ist (Tierhaltung und -verarbeitung machen laut UN 14,5 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen aus). „Nun wird mir eingeredet, dass ich damit schuld am Klimawandel bin.“

Vorwurf des elitären Chauvinismus

Beatrix von Storch, Heinz Buschkowsky und sicher auch ein gewisser Anteil ihrer Wähler und Leser zweifeln einerseits an den Fakten. Von Storch hat sich einen Namen als Klimawandelskeptikerin gemacht (googeln Sie mal „von Storch, Klimawandel, Interview“, sie sagt sinngemäß, die Sonne sei schuld). Auch Buschkowsky spricht vom „angeblichen“ Niedergang des Planeten.

Ihr Hauptanliegen aber ist es, von jenen, die darauf bestehen, die Fakten zu wiederholen (ein Grad durchschnittliche Erderwärmung seit der Industrialisierung, Häufung von Hitzeereignissen, Abschmelzen der Pole) in Ruhe gelassen zu werden. Sie brandmarken den Hinweis auf den Klimawandel und die Forderung nach einer Politik, die ihm entgegenwirkt als elitär und chauvinistisch. Mit „moralischem Imperialismus“ wollten die Grünen und ihre Verbündeten dem kleinen Mann die Wurst verbieten und über den Alltag der Menschen herrschen.

Das Gefühl der Bürger, nicht gemaßregelt werden zu wollen, ist sicher echt. Die Grünen hatten damit zu kämpfen, als sie einen „Veggie-Day“ vorschlugen. Doch das Gefühl wird nun zur Gegenideologie erhoben. Verteidigt wird im ideologischen Kampf um den Klimawandel nicht wirklich die Grillwurst oder der Ferienflieger. Es geht um mehr: um die Entlastung vom Diskurs. Es geht um ein Recht auf Ignoranz.

Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der „Zeit“, hat im aktuellen „Zeit“-Magazin einen Text darüber geschrieben, warum er Veganer ist. Ulrich schreibt, die kulturelle Akzeptanz des unmenschlichen Umgangs mit dem Tier sei nur möglich, weil die „Selbstverständlichkeit zur Herrschaftsideologie“ wird.

Denselben Mechanismus versuchen diejenigen zu etablieren, die jetzt Klimaforschern den Mund verbieten wollen: Es wird ein vermeintliches Recht darauf behauptet, sich nicht bewusst zu sein, mit Zusammenhängen nicht belästigt zu werden. Nur – auf welches individuelle Freiheitsrecht sollte sich dieses Recht begründen? Auf welches übergeordnete Gemeinwohl? Der Vorwurf des elitären Chauvinismus ist selbst chauvinistisch.

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