Christin in Pakistan zum Tode verurteilt : Asia Bibi - im Visier radikaler Muslime

Sie wurde zum Tode verurteilt, freigesprochen - und bangt wieder um ihr Leben. Für Asia Bibi müssen jetzt alle ihre Stimme erheben, auch Muslime. Ein Kommentar.

Pakistans Blasphemie-Gesetz ist eines der strengsten der Welt. Oft wird es gegen Andersgläubige instrumentalisiert.
Pakistans Blasphemie-Gesetz ist eines der strengsten der Welt. Oft wird es gegen Andersgläubige instrumentalisiert.Foto: Aamir Qureshi, AFP

Es ist ein Fall, der zum Himmel schreit. Buchstäblich. Vor acht Jahren wurde Asia Bibi als erste Frau in der Geschichte Pakistans wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt. Bibi ist katholische Christin, verheiratet, 51 Jahre alt, sie hat fünf Kinder. Vorausgegangen war ein Streit unter Frauen über ein Glas Wasser im Jahre 2009.

Die Frage, in welcher Reihenfolge Menschen trinken dürfen, ist im hinduistischen Kastensystem streng geregelt. Diese Tradition wird in der Gegend, in der Bibi lebt, bis heute beachtet – trotz des Übertritts großer Teile der Bevölkerung zum Islam vor mehr als hundert Jahren. Von Christen heißt es, sie seien aus der niedrigsten Kaste übergetreten. Deshalb weigerten sich Bibis muslimische Nachbarn, aus einem Glas zu trinken, das von ihr bereits berührt worden war. Der Konflikt eskalierte, Bibi wurde bezichtigt, den Propheten beleidigt zu haben. Nicht Mohammed sei der wahre Prophet Gottes, sondern Jesus Christus. Bibi bestreitet, das gesagt zu haben.

Das pakistanische Blasphemie-Gesetz ist eines der strengsten in der islamischen Welt. Oft wird es benutzt, um persönliche Kontrahenten oder missliebige Gruppen zu denunzieren. Die Willkür trifft Christen ebenso wie schiitische Muslime oder Anhänger der Ahmadiyya-Gemeinschaft. Bibis Fall aber ist besonders abstoßend. Eine Woche nach ihrer Verurteilung appellierte Papst Benedikt XVI. an die pakistanische Regierung, Asia Bibi „ihre volle Freiheit zurückzuerstatten“. Papst Franziskus nannte sie im Februar eine „Märtyrerin des Glaubens“.

Dagegen aber wütet die radikalislamische Partei Tehreek-e-Labaik Pakistan. Ihre Anhänger fordern Bibis Exekution, ermorden ihre Unterstützer, bedrohen Richter. Nachdem Anfang des Monats das Oberste Gericht Pakistans das Todesurteil gegen die Christin aufgehoben hatte, keimte zunächst Hoffnung auf. Doch die Extremisten organisierten landesweit Proteste, vor denen die Regierung schließlich kapitulierte. Beide Seiten einigten sich darauf, dass die Islamisten gegen den Freispruch Berufung einlegen dürfen und Bibi nicht ausreisen darf.

Pakistan ist Mitglied im UN-Menschenrechtsrat

Es geht um nichts Geringeres als ein Menschenrecht, das der Religionsfreiheit. Alle islamischen Länder haben die UN-Menschenrechtscharta unterzeichnet. In Artikel 18 steht: „Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion oder seine Weltanschauung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen.“ Pakistan ist Mitglied des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen.

Manchmal ist stille Diplomatie das Gebot der Stunde. Allzu laute Empörung kann den ohnehin oft geäußerten Verdacht nähren, Christen seien Agenten des Westens. Doch die Erfahrung lehrt, dass ab einem bestimmten Moment nur Publizität noch Hilfe verspricht. Dieser Moment ist jetzt. Daher ist es richtig, von westlichen Regierungen zu verlangen, in der Causa Bibi den Druck aus Islamabad zu erhöhen. Allerdings ist fraglich, ob allein mahnende Worte aus Washington, London, Brüssel, Paris oder Berlin die Hardliner beeindrucken. Deren Furor nimmt Sanktionen in Kauf.

Das Gefühl der Nähe speist sich aus vielen Quellen

Ihre Stimme erheben müssen deshalb vor allem die Regierungschefs jener 56 Staaten, die in der „Organisation für islamische Zusammenarbeit“ organisiert sind. Imame, muslimische Würdenträger und Gelehrte müssen den Wert der Religionsfreiheit erkennen und verteidigen. Etwa drei Viertel aller Menschen, die weltweit wegen ihres Glaubens verfolgt werden, sind Christen. Besonders in der islamischen Welt ist ihre Lage prekär. Sie werden vertrieben, verfolgt, ermordet. Mission und Übertritte sind gemeinhin verboten. Über all das müssen Muslime unter sich ins Gespräch kommen, müssen streiten und Dissonanzen ertragen.

Christen in aller Welt wiederum sollten für Asia Bibi beten. „Lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen“, schreibt der Apostel Paulus im Galaterbrief. Gutes tun an jedermann: Das lehrt das Gleichnis des barmherzigen Samariters.

Eine besondere Verbundenheit mit Glaubensgenossen kann das einschließen. Das Gefühl der Nähe speist sich aus vielen Quellen – dem Geschlecht eines Menschen, seiner Herkunft, seinem Alter und eben seinem Glauben. Ob orthodox, katholisch oder evangelisch ist unerheblich. Die Solidarität muss grenzüberschreitend sein, die Verfolgung ist es ja auch.

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