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Claudia Roth ist mittlerweile die am längsten ununterbrochen amtierende Parteichefin der Grünen. Seit 2004 hat sie dieses Amt inne - erst an der Seite mit Reinhard Bütikofer und seit 2008 zusammen mit Cem Özdemir.

© Thilo Rückeis

Grünen Chefin: Claudia Roth: „Ich bin ein Politjunkie“

Grünen-Chefin Claudia Roth dachte nach der Urwahl ans Aufhören. Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht sie über das Aufwachen am Tag danach, Abgeschiedenheit zu Silvester und Ökobettchen für Hunde.

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Frau Roth, sind Sie in Weihnachtsstimmung?

Ja, unbedingt. Ich habe selbst über 1000 Weihnachtskarten geschrieben. Das bringt trotz Sehnenüberlastung weihnachtliche Gefühle. Für meine Mitarbeiter ist das allerdings eher Horror. Aber ein gewisser Wahnsinn vor Weihnachten gehört ja auch zur Weihnachtszeit …

Sie lieben Weihnachten?
Weihnachten ist ein absolutes Muss. In 57 Jahren habe ich jedes Weihnachten im Familienkreis verbracht. Das war auch zu wildesten Hausbesetzerzeiten so. Der Heilige Abend gehört dem innersten familiären Umfeld.

Feiern Sie immer zu Hause in Bayern?
Als mein Vater noch lebte, war ich immer bei meinen Eltern in Babenhausen. Aber als er starb, sagte meine Mutter allen Ernstes: Es gibt zu Hause kein Weihnachten mehr. Also bin ich mit meiner Mama seit 1998 Weihnachten unterwegs: Erzgebirge, Usedom oder Bregenzer Wald. Nur einmal waren wir auf Mauritius. Aber das machen wir nie wieder. Weihnachten im Badeanzug geht gar nicht. Mittlerweile ist meine Mutter pflegebedürftig und kann auch im Inland nicht mehr reisen. Deshalb feiern wir in Babenhausen.

Wie muss man sich das vorstellen: Müssen Sie auch zu Hause politisch diskutieren?
Nein, das mache ich nicht zur Weihnachtszeit. Zuhause ist geschützter Raum. Meine Schwester oder mein Schwager tun einen Teufel, um politische Debatten zu führen. Die erden mich mit Alltag und erzählen mir aus dem Leben im Ort. Weihnachten stehen andere Sachen im Vordergrund: Da muss man Päckchen packen, sie verteilen und entscheiden, wer sich um die Musik kümmert – und um das Hundewürstchen.

Wie bitte?
Ja. Der Hund meiner Schwester bekommt auch ein Geschenk. Nur was machen Sie, wenn dem Hund das Geschenk nicht gefällt? Ich habe ihm mal ein Ökobettchen geschenkt. Der denkt aber nicht im Traum daran, sich da reinzulegen.

Gehört bei Ihnen der Glaube dazu?
Nein, nicht wirklich. Ich muss nicht katholisch sein, um Weihnachten feiern zu können. Aber die christlichen Werte spielen in der Weihnachtszeit schon eine große Rolle. Die Christmette war bei uns auf dem Land oft eher ein Catwalk, wer den schönsten Mantel hat.

Sie heißen Claudia Benedicta, übersetzt heißt das „Die Gesegnete“. Hat das eine Bedeutung für Sie?
Ja, dass ich mich nämlich viele Jahre dafür geschämt habe. Ich habe den Namen immer verschwiegen. Niemand hieß so. Nur als Josef Ratzinger zum Papst Benedikt XVI. gewählt wurde, rief meine Mutter an und sagte: Kind, jetzt kannst du dich nicht mehr beklagen. Claudia Benedicta war in der Familiengeschichte das schwarze Schaf der Familie, eine Opernsängerin in Prag, mit unorthodoxem Leben. Das fanden meine Eltern für mich offensichtlich angemessen. Das war typisch für sie, weil sie sich wenig darum geschert haben, was andere denken.

"In der Nacht kamen die Zweifel"

Können Sie gut verzeihen?
Ja, ich kann sehr gut verzeihen und bin nicht nachtragend.

Haben Sie Ihrer Partei für das Urwahlergebnis verziehen?
Meine Partei hat mir keine Zeit gelassen, wirklich böse zu sein. Es war unglaublich, wie viel Zuspruch ich bekommen habe. Insgesamt war die Urwahl erfolgreich. Aber ich musste die intellektuelle Analyse mit meiner eigenen Rolle zusammenbringen.

Nur 26 Prozent der Grünen haben für Sie gestimmt. Von den vier prominenten Kandidaten haben Sie als Vorsitzende am schlechtesten abgeschnitten. Was schoss Ihnen durch den Kopf?
Als ich an dem Samstag das Ergebnis erfuhr, war das natürlich eine Klatsche. Am Abend war ich mit Mitarbeitern essen und habe anschließend allein daheim irgendeinen Film angeschaut. Das schmerzte sehr, in der Nacht fingen die Zweifel an, ob ich überhaupt als Vorsitzende wieder kandidieren könnte. Da ist mein theoretisches Konstrukt zusammengebrochen. Ich hatte immer gesagt, dass man beide Positionen, Spitzenkandidatur und Bundesvorsitz, trennen müsste, dass man bei einer Bewerbung auch verlieren kann. Das ist alles richtig, aber als es so weit war, hat es mich sehr getroffen.

Wie war der Morgen danach?
Am Sonntagmorgen dachte ich noch, dass ich meine Bewerbung zurückziehe. Doch dann haben viele angerufen, mich beraten und wirklich unterstützt. Der Candystorm im Internet kam hinzu. Zwei Tage habe ich doch gebraucht, um diese Niederlage zu verdauen, und mich schließlich entschieden, doch zu kandidieren. Jeden Tag bis zum Parteitag habe ich dann die Rede neu geschrieben, bis ich am Freitagabend eine Packung Bielefelder Trüffel geschenkt bekam, diese aufgegessen hatte und mir im Hotelzimmer gesagt habe: So, jetzt ist die Trauerzeit vorbei. Jetzt muss die Partei entscheiden, ob sie mich noch will. In mir kam die preußische Schwäbin hoch, für die zählt, was die Partei sagt.

Sie müssen doch Wut empfunden haben?
Nein, eher Enttäuschung.

Aber in so einem Augenblick kann man doch auch mal seine eigene Partei, mit Verlaub, in die Tonne treten.
Ich habe mich schon gefragt, ob ich etwas falsch gemacht habe. Aber ich hatte nie den Eindruck, mich für die Partei aufzuopfern. Mein Job als Parteivorsitzende hat mir immer viel Freude gemacht. Inzwischen ist mir klar, dass viele Grüne auch nach Flügelproporz entschieden haben.

Fahren Sie heute mit einem anderen Gefühl zur Basis?
Nein, natürlich fahre ich immer noch gern zur Basis. Aber es hat sich etwas verändert. Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin geben dem Wahlkampf jetzt ihr Gesicht. Und ich werde die Rolle der Bundesvorsitzenden und der Spitzenkandidatin in Bayern haben. Dort will ich auch intensiver Wahlkampf machen und häufig im eigenen Wahlkreis Augsburg sein.

Wurde Ihnen bewusst, wie viel Platz Politik in Ihrem Leben einnimmt?
Das auch. Es ist aber ein großes Glück in meinem Leben, dass ich immer von dem leben konnte, was ich tun wollte. Ich musste nie einer Arbeit nachgehen, die ich nicht machen wollte. Ich kenne viele Menschen, denen es nicht so geht. Von Anfang an gab es bei mir deshalb auch eine Auflösung zwischen Privatem und Beruf. Das ging ineinander über. Grüne Politik ist also tatsächlich mein Leben.

Wie lange wollen Sie sich das noch antun?
Ich tue mir nichts an, ich mache es gerne. Ich habe nicht das Gefühl, von der Parteipolitik abhängig zu sein. Aber ich bin ein Politjunkie.

"Ich bin ein extrem treuer Mensch"

Wann kommen Sie zur Ruhe?
Über Silvester. Da bin ich seit vielen Jahren tagelang allein in einem Häuschen in der Türkei. Das ist meine Alternative zum Trappistenkloster. Diese Zeit ist wichtig für mich. Ohne Stimmen, weitgehend ohne Handy. Am Anfang fiel mir das sehr schwer. Aber es ist der Versuch, aus der extrovertierten Öffentlichkeit heraus wieder zu sich selbst zu finden. Mittlerweile freue ich mich sehr auf diese Tage.

Frau Roth, wie wichtig ist es Ihnen, in der Politik die weibliche Seite zu zeigen?
Das ist mir sehr wichtig. Bei Angela Merkel hat man sich jahrelang über die Haare, bei mir über meine Tränen amüsiert. Du bist als Frau in der Politik vielleicht eher Klischees und Häme ausgesetzt. Da gibt es genau zwei Möglichkeiten: Entweder du passt dich so an, wie manche glauben, dass du als Frau in der Politik sein müsstest. Also mit Kostüm, Aktenkoffer, Pumps und nicht übermäßig geschminkt. Oder du sagst, das mache ich nicht, weil ich dann nicht mehr ich bin. Frauen brauchen verdammt viel Kraft, um dieses ,Ich will ich sein’ umzusetzen.

Wie wichtig sind in diesem Zusammenhang politische Freundschaften für Sie – zum Beispiel mit Günther Beckstein von der CSU?
Sehr wichtig, und ich bin auch ein extrem treuer Mensch. Mit Günther ist es nicht so, dass wir jede Woche miteinander telefonieren. Wir haben unterschiedliche Auffassungen, aber der Wert eines Menschen bemisst sich nicht darin, ob er in der gleichen Partei ist.

Wenn es viele Becksteins in der CSU geben würde, könnten Sie sich dann Schwarz- Grün vorstellen?
Nein, ich kann mir kein Schwarz-Grün vorstellen. Ich komme jedesmal sehr schnell mit ihm an Punkte, wo wir nicht miteinander übereinstimmen.

Zum Schluss die wichtigste Frage: Was kommt bei Ihnen Weihnachten auf den Tisch?
Zu Hause gab es bei uns früher an Heiligabend Spätzle und Kalbsgeschnetzeltes. Heute gibt es Fisch. An den Weihnachtsfeiertagen gibt es Wild und Gans. Zugegeben, kein Tofu, aber einfach verdammt lecker.

Das Gespräch mit der Grünen-Chefin Claudia Roth führten Sabine Beikler und Christian Tretbar.

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