Corona-Regeln nur für Alte? : Bevormundung ist beleidigend

Wir Älteren sind mündige Bürger, und wir verzichten in der Coronakrise von allein auf viel - weil wir die Risiken selbst einschätzen können. Ein Kommentar.

Nordic Walking darf Senioren nicht verboten werden.
Nordic Walking darf Senioren nicht verboten werden.Foto:Inga Kjer / dpa

Im Kampf gegen die Pandemie sind die nächsten Tage vielleicht entscheidend. Denn nun muss die Politik, müssen sich Bundesregierung und Länderchefs darauf verständigen, ob die bisherigen Restriktionen der Bewegungsfreiheit noch beibehalten oder aber gelockert werden können. Wofür auch immer am Ende dieser Woche die politische Verantwortung Tragenden votieren, steht eines doch fest: Die Älteren bleiben eine Risikogruppe.

[Alle aktuellen Entwicklungen in Folge der Coronavirus-Pandemie finden Sie hier in unserem Newsblog. Über die Entwicklungen speziell in Berlin halten wir Sie an dieser Stelle auf dem Laufenden.]

Sie werden sich auch in den kommenden Wochen und Monaten bei ihren sozialen Kontakten zurückhalten müssen, selbst wenn die Bewegungsfreiheit der Jüngeren langsam wieder vergrößert wird. Die Frage dabei ist nicht, ob das so kommen wird. Das steht fest, dies zu erkennen, ist eine Frage der Vernunft. 

Die für die Betroffenen brennendere Frage ist das „wie“. Werden die über 65-Jährigen oder 70-Jährigen weiter wie mündige Bürgerinnen und Bürger behandelt, denen die Politik und die Gesellschaft insgesamt vernünftiges Verhalten zutrauen, oder meint man, sie dazu zwingen zu müssen? 

Interaktive Karte

Ja, ich gehöre selber in dieser Gruppe, ich bin 76 Jahre alt. Ich erlebe in meiner Generation aber einen durchaus vom Verstand gesteuerten Umgang mit der Situation. Wir verzichten nicht nur auf den Kontakt mit Altersgenossen und gar Jüngeren bei einem Stück Kuchen und einem Glas Wein.

Wir sind da auch rationaler als die Gruppe der 20- bis 39-Jährigen, in der es seit vielen Wochen die meisten Neuinfektionen gibt. Wir verstehen, dass dies eben eine umtriebigere Altersschicht ist, der man aus ihrer größeren Risikobereitschaft keinen Vorwurf machen sollte – schließlich waren wir alle mal in diesem Alter.

Uns Älteren fehlt der Umgang mit Kindern und Enkeln und unsere Zeit ist endlich

Was uns „Alten“ viel schwerer gefallen ist, war der Verzicht auf die Begegnung mit den eigenen Kindern und Enkeln. Das war und ist schmerzhaft, gerade auch zu Ostern. Und auch wenn wir, uns selbst und die Familie beruhigend, sagen: Demnächst klappt das doch wieder, wissen wir genau, dass in unserem Alter der Zeitraum des „demnächst“ begrenzt ist. Aber wir werden vernünftig bleiben, weil wir verstanden haben, dass wir, sollte uns der Virus erwischen, länger und schwerer erkranken, die Intensivbetten der Krankenhäuser länger brauchen, und viel mehr von uns sterben werden als in allen jüngeren Altersgruppen. 

Über die Entwicklungen speziell in Berlin halten wir Sie an dieser Stelle auf dem Laufenden .]

Was ich nicht, was wohl die meisten meiner Generation aber nicht ertragen möchten, wäre ein paternalistisches Gehabe unseres Staates. Ich persönlich würde mich auch juristisch gegen eine Verordnung wehren, die mir das Einkaufen und das Spazierengehen, das Nordic Walken oder die Runde mit dem Hund verwehren würde. 

Die Älteren sind Bürger wie alle anderen und wollen nicht bevormundet werden

Ich finde die Vorstellung furchtbar, dass ein demokratisches Staatswesen eine bestimmte Altersschicht seiner Bürger einfach für unmündig erklärt und anfängt, sie zu bevormunden und zu gängeln, und dann auch noch behauptet, dies täte er zu meinem Schutz. 

[Behalten Sie den Überblick über die Corona-Entwicklung in Ihrem Berliner Kiez. In unseren Tagesspiegel-Bezirksnewslettern berichten wir über die Krise und die Auswirkungen auf Ihre Nachbarschaft. Kostenlos und kompakt: leute.tagesspiegel.de.]

Es ist nicht wahr, dass die Älteren – weil sie mehr oder minder senil, debil oder leichtsinnig seien – nicht in der Lage wären, kraft ihrer Einsicht weiter zu tun, was die meisten von ihnen ein Leben lang befolgt haben: Gesetzestreu zu bleiben, zu unterlassen, was die Mitmenschen schädigt, sich verantwortlich für diesen Staat und diese Gesellschaft zu fühlen, an deren Stärke und internationalem Ansehen ja die meisten von uns ihren größeren oder kleineren Anteil hatten. 

Mehr zum Thema

Ja, wer Risiken eingeht, die nicht nur für ihn selbst, sondern auch für seine Mitmenschen folgenreich und deshalb unverantwortlich sind, soll sanktioniert, soll bestraft werden. Aber bis zum Beweis des Gegenteils erwarte ich, erwartet meine Generation, dass wir behandelt werden als das, was wir sind: Bürgerinnen und Bürger mit einem klaren Verstand. 

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!