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Coronakrise in den USA : Die Ohnmacht der Macht

Die Coronakrise droht, die USA in die Knie zu zwingen. Doch der Präsident lässt sich davon bei der Feier zum Independence Day nicht beeindrucken. Ein Kommentar.

US-Präsident Donald Trump am Mount Rushmore
US-Präsident Donald Trump am Mount RushmoreFoto: Reuters/Tom Brenner

Der „Independence Day“ ist traditionell ein fröhlich-patriotischer Tag. Jedes Jahr am 4. Juli kommen die Amerikaner zusammen, picknicken, schauen sich ein Feuerwerk an und erfreuen sich an ihrem Land.

An diesem Unabhängigkeitstag aber ist alles anders. Dieser 4. Juli wird in die Geschichtsbücher eingehen als ein trauriger Feiertag, an dem die USA nicht als Supermacht, sondern als ein Land am Rande des Kontrollverlusts wahrgenommen werden.

Fast 58.000 Corona-Neuinfektionen in nur 24 Stunden: Was Trump „großartige Neuigkeiten“ nennt, weil ja so viel mehr getestet werde, ist der bittere Beleg dafür, dass sein angekündigtes „sensationelles amerikanisches Comeback“ ein leeres Versprechen ist. Die Pandemie droht, eines der reichsten und mächtigsten Länder der Welt erneut in die Knie zu zwingen. Darüber kann keiner froh sein.

Lahmen die USA, spürt das die Welt – vor allem ihre Wirtschaft. Fast die Hälfte der 50 Bundesstaaten haben schon Lockerungen zurückgenommen, die in den vergangenen Wochen gewährt wurden. Restaurants, Kinos, Strände wurden vor dem Feiertagswochenende wieder geschlossen – für wie lange, ist offen.

Die erste Welle ist noch gar nicht vorbei

Denn die in fast allen Staaten steigenden Infektionszahlen sind noch nicht einmal der Beginn der gefürchteten zweiten Welle, sondern schlimmer: Sie zeigen, dass die erste noch gar nicht vorbei ist. Den zarten Hoffnungen, dass sich die flexible US-Wirtschaft nach einem Abflauen der Krise schnell wieder erholt, versetzt das einen empfindlichen Dämpfer.

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Das Ärgerliche ist: Diese Entwicklung war abseh- und damit vermeidbar. Experten hatten genau davor gewarnt. Davor, sich von den wieder gewonnenen Freiheiten zu Übermut verleiten zu lassen und alles zu vergessen, was die Krise gelehrt hat. Zum Beispiel, dass Abstandhalten und Masken wirken und weiterhin dringend geboten sind.

Wenn aber der Mann an der Spitze des Landes seine Vorbildfunktion dazu nutzt, die Erkenntnisse und Mahnungen der Wissenschaft aus dem Weißen Haus anzuzweifeln, ja lächerlich zu machen, braucht sich keiner zu wundern, dass viele es ihm gleichtun.

Die Quittung erhalten alle Neuerkrankten

Die Quittung erhalten nun alle, die neu erkranken und/oder von den wieder eingeführten Lockdown-Maßnahmen betroffen sind. Viele Firmen bringt diese Entwicklung endgültig in existenzielle Nöte.

Bedanken können sie sich bei ihrem Präsidenten. Diese dramatische Zuspitzung hat er mit zu verantworten, er, der seine mit so viel Sachverstand ausgestattete Coronavirus-Taskforce schon vor Wochen entmachtete und seitdem nur noch über das wirtschaftliche Comeback sprechen will.

Trumps Glaubwürdigkeit wird umso mehr schwinden, je öfter er wahrheitswidrig und mit Blick auf den Wahltermin in vier Monaten behauptet, die Krise unter Kontrolle zu haben. Schon jetzt sagen in Umfragen mehr als drei Viertel der Amerikaner, ihr Land bewege sich in die falsche Richtung.

Die Stärke der Amerikaner ist ihr Optimismus, ihre selbstbewusste Vorfreude auf alles, was in der Zukunft liegt, ihr übermächtiger Wunsch, in Freiheit zu leben. Verlieren sie diese Eigenschaften, weil die Zweifel überhand nehmen, steht viel mehr auf dem Spiel als die Wiederwahl eines Präsidenten.

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