Danke, Deutschland! : Die Hilfe für Beirut erinnert mich an die für Anatolien

Unsere Autorin erinnert an das Erdbeben in Anatolien 1970. Und an die deutschen Teams, die damals kamen und halfen. Wie jetzt auch wieder. Eine Kolumne.

Am Mittwoch machten sich 52 Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks (THW) im Auftrag der Bundesregierung auf den Weg nach Beirut.
Am Mittwoch machten sich 52 Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks (THW) im Auftrag der Bundesregierung auf den Weg nach Beirut.Foto: Kai-Uwe Wärner/dpa

Mit Deutschland hatte ich schon ein starkes Band, lange bevor ich aus Anatolien nach Duisburg gezogen bin. Ich kann mich nicht an das Geschehene erinnern, aber meine Mutter wird auch nach 50 Jahren nicht müde, mir immer wieder haargenau zu erzählen, wie es war damals, als die Deutschen in unser Dorf kamen. Im März 1970, kurz vor Mitternacht, erschütterte ein Erdbeben die Region Gediz.

Akpinar, knapp 30 Kilometer von der Kreisstadt entfernt, war von den Erschütterungen stark betroffen. Dort lebte ich damals mit meiner Mutter und meiner älteren Schwester. Mein Vater war zu der Zeit schon in Duisburg und arbeitete als Gastarbeiter in der Zeche. Am Tag meiner Geburt im Juni 1969 hatte er mir den Namen seiner verstorbenen Mutter gegeben und sich anschließend auf den Weg gemacht.

Bei dem Erdbeben starben 1100 Menschen, Tausende Häuser wurden zerstört, 80.000 Menschen dadurch obdachlos. Meine Familie und ich kamen in einem Zelt unter, das das Technische Hilfswerk (THW) aus Deutschland aufgestellt hatte.

Ich erzähle das so detailliert, weil die Emotionen wieder in mir wüten, seit ich die Bilder aus Beirut gesehen habe. Ich weiß alles nur aus Erzählungen meiner Mutter und durch Recherchen in Zeitdokumentarchiven. Aber es muss dennoch ein starkes Erlebnis für mich gewesen sein. Ich war zwar erst neun Monate alt, aber bis heute überkommt mich ein Gefühl völliger Hilflosigkeit, wenn ich Bilder von Katastrophen sehe.

Ein wenig Linderung empfinde ich, wenn ich Bilder von Hilfsmaßnahmen sehe. Zum Beispiel die MitarbeiterInnen des THW und des Deutschen Roten Kreuzes, wie sie sich auf den Weg machen mit ihren Spürhunden und ihrer Ausrüstung, um Überlebende aus den Trümmern zu bergen und Verletzte zu versorgen. Ein schönes Gefühl, dass ich heute ein Teil des Landes sein darf, das mir vor 50 Jahren das Leben rettete und fast immer an Ort und Stelle ist, wenn Menschen Hilfe benötigen.

Wenn dieses Land etwas perfekt beherrscht, dann mit der Präzision eines Uhrwerks Dinge zu organisieren. Leider auch im Schlechten. Im Geschichtsunterricht habe ich gelernt, wie diese Präzision im „Dritten Reich“ ausgesehen hat. Die dunkelste Zeit meines Landes, in der die schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte geschehen sind. Und ich bin froh, dass wir diesen Teil der Geschichte aufarbeiten.

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Außenminister Heiko Maas sagte: „Blutüberströmte Menschen. Straßen begraben unter Schutt und Asche. Autos, die wie Spielzeug durch die Luft wirbeln. Bilder der Apokalypse erreichen uns aus Beirut. Sie zerreißen uns das Herz. Wir fühlen mit den Opfern. In der Not packen wir mit an. Die Menschen in Beirut sollen wissen: Wir lassen sie nicht im Stich.“

Für Erste-Hilfe-Stationen und medizinische Güter zur Versorgung der Verletzten hat Deutschland 1,5 Millionen Euro Soforthilfe zur Verfügung gestellt. Eine Maschine des DRK mit Schutzausrüstung, Medikamenten und Verbandsmaterial ist in Beirut angekommen, das THW ist mit Dutzenden MitarbeiterInnen angereist, Ärzte und Fachleute für Gefahrengut von der Hilfsorganisation Isar Germany sind vor Ort, die Bundeswehr flog ein medizinisches Erkundungsteam in die libanesische Hauptstadt, die Korvette „Ludwigshafen am Rhein“ hat Kurs auf Beirut genommen, um vor Ort zu helfen.

Deutsche Hilfsorganisationen kamen nach Anatolien, um mir und meiner Familie zu helfen. 50 Jahre später helfen sie nun Familien in Beirut. Ich bin stolz auf mein Land.

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