Das Coronavirus und wir : Lernen, mit der Ungewissheit zu leben

Vom Philosophen Odo Marquard stammt der Begriff „Inkompetenzkompensationskompetenz“. Er lehrt, was es in der Covid-19-Ära zu entwickeln gilt. Eine Glosse

Wenn jetzt jemand niest...
Wenn jetzt jemand niest...Foto: Friedrich Bungert/dpa

Es gibt ein Wort für das Grundgefühl dieser Tage, es heißt: Ungewissheit. Plötzlich tun sich tausend Fragen auf, die ohne Antwort bleiben. Es sind Alltagsfragen. Soll ich noch ins Fitness-Studio gehen, wo Menschen schwitzen, mich im Feierabendverkehr in eine überfüllte U-Bahn setzen, den Wochenendeinkauf am Samstagvormittag erledigen, wenn die Schlange vor der Kasse bis zur Frischetheke reicht? Keiner weiß es. Jeder entscheidet für sich selbst. Pi mal Daumen. Ein Leben ohne Kompass und Sternenhimmel.

Doch jeder hat Gründe für seine Entscheidung, die ihrer Rechtfertigung dienen. Es gilt, das Ansteckungsrisiko mit dem Coronavirus zu minimieren, die Zeitschiene der Ausbreitung zu strecken, sich nicht verrückt machen zu lassen, sich der Panik zu widersetzen. Einander widersprechende Impulse müssen ins Lot gebracht werden. Das gelingt oft eher schlecht als recht.

Die Mannschaften der einen Sportart spielen vor leeren Rängen, die der anderen in ausverkauften Stadien. Während der infizierte Mitarbeiter der einen Schule zu deren Schließung führt, hält die andere Schule, die ebenfalls einen Krankheitsfall verzeichnet, am Unterricht fest. Dörfer werden abgeriegelt, Grenzen geschlossen. Doch wer entscheidet überhaupt? Der Bund, das Land, die Gemeinde? Zur Ungewissheit gesellt sich ein Kompetenzwirrwarr.

Die Menschheit tappt im Dunkeln

Wissenschaftler versuchen, eine Spur der Vernunft durch das Chaos zu ziehen. Ruhige Stimmen sollen den Eindruck vermitteln, man habe die Lage irgendwie im Griff. Aber auch die Experten wissen vieles nicht, hantieren mit Wahrscheinlichkeiten. Wie verhält sich das Virus bei zunehmender Wärme? Was erklärt den unterschiedlichen Verlauf der Erkrankungen in unterschiedlichen Weltregionen? Kann es sein, dass das Virus von sich aus an Virulenz verliert?

Die Menschheit tappt im Dunkeln. Was ist übertrieben, was untertrieben? Sollte das Leben nicht stets berechenbar sein, planbar, kontrollierbar? Wir berechnen doch alles – die Arbeitszeit bis zur Rente, die globale Erderwärmung bis zum Jahr 2050, die Kosten des Sommerurlaubs. Das gibt Halt, verleiht Sicherheit. Wenn das Leben verläuft, wie wir uns das vorgestellt hatten, sind Phantasie und Realität versöhnt. Etwas ist in Ordnung.

Das Coronavirus liefert das Kontrastprogramm. Versuch und Irrtum. Keine Widerspruchsfreiheit. Wechselnde Winde. Heute so, morgen so. Labile Gemüter vermissen die Orientierungsmarken. Alle anderen stellen sich um und ein. „May you have a strong foundation, when the winds of changes shift“, singt Bob Dylan in „Forever Young“.

Das Coronavirus lässt allenfalls ahnen, was passiert

Ungewissheit. Dem Wort werden oft andere Wörter vorangestellt – „lähmend“, „nagend“, „leise“. Der Zustand wird als unangenehm empfunden, er verursacht Zweifel oder gar Ängste. Das Nicht-Wissen als Indiz für Haltlosigkeit und Abgrundtiefe. Das Coronavirus lässt allenfalls ahnen, was noch passiert.

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Von dem Philosophen Odo Marquard, der vor fünf Jahren starb, stammt der ursprünglich auf die gegenwärtige Philosophie gemünzte Begriff der „Inkompetenzkompensationskompetenz“. Abgelöst von diesem Ursprung beschreibt er aber auch eine Tugend, die es in der Covid-19-Ära zu entwickeln gilt. Auf gut Deutsch: Ein jeder muss es schaffen, sich in aller Gelassenheit mit der Fülle an Ungewissheiten zu arrangieren. Ist das zu viel verlangt? Sicher nicht.

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