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Manchmal bringt ein Foto die Erinnerung zurück: Bilder von Ermordeten in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.
© AFP

70 Jahre Befreiung von Auschwitz: Das rezessive Gen

Unser Gastautor mistet das Haus seiner Tante Dita aus - und plötzlich ist ihm die Geschichte ganz nahe, auch die eigene Familiengeschichte.

Meine Schwester und ich misten das Haus meiner Tante aus. Tante Dita ist 87 Jahre alt, sieht fast nichts mehr, kann sich zwar an Einiges aus dem ersten Drittel ihres Lebens erinnern, aber nicht an den vergangenen Tag. Bis vor Kurzem hat sie noch in diesem kleinen Einfamilienhaus in Berlin-Lankwitz gewohnt, das ihre Eltern Anfang der Dreißigerjahre bezogen und in dem sie ihr Leben verbrachte. Jetzt ist sie im Pflegeheim.

Es gibt viel auszumisten in diesem Haus, denn großartig aussortiert hat die Tante nie. Meine Schwester macht sich in der Küche zu schaffen, ich mich im Wohnzimmer nebenan. Das Zimmer sieht aus wie ein Antiquitätengeschäft, und wahrscheinlich hat sich hier in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich nichts mehr getan: ein Sofa, eine alte Stehlampe, vergilbte Tapeten (die Patina jahrzehntelangen Zigarettenkonsums!); an der Decke ein Kronleuchter, im Schrank das gute Geschirr – an der Wand zwei gerahmte Porträtfotos ihrer Eltern, meiner Großeltern, aus den 1930er Jahren.

Briefe, Blöcke, Brillen, die Patiencekarten fliegen durcheinander. Dann: Hitler in krachledernen Hosen

Mit einem Müllsack in der Hand räume ich die Schubladen aus. Ich finde Dutzende Bleistifte, Briefe, Blöcke, Brillen, die durcheinander fliegenden Patiencekarten mehrerer Spiele. Aus einer der Schubladen fällt mir eine Postkarte in die Hände: Hitler in kurzen, krachledernen Hosen, Kniestrümpfen und einem schwarzen Hemd; das rechte Bein leicht angewinkelt steht er da, eine Hand in der Hosentasche. Klein in der Ecke die Worte: Reichskanzler Adolf Hitler. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, diese Karte plötzlich in den Händen zu halten – irgendwie befremdlich, unheimlich, aber auch lustig. Ein Einfall der Vergangenheit in die Gegenwart.

Ich frage mich, ob meine Tante von dem Foto wusste; ob sie es absichtlich aufgehoben hat und woher sie es hatte? Was dachte sie als junges Mädchen, Jahrgang 1927, im Alter von 12, 15 oder 17 Jahren von diesem Mann?

Wenn ich sie zuletzt besuchte, hatte ich die Gespräche meist auf die Vergangenheit gelenkt, damit wir uns unterhalten konnten. Da sie sich an früher erinnerte, aber nicht an ihren letzten Satz, erzählte sie manches doppelt und dreifach: wie ihre Schule nach Ostpreußen verlagert wurde; wie sie, als die Front näher rückte, nach Marienbad kamen; wie die Mädchen nach dem Krieg zu Fuß nach Bayern liefen. Die Bayern, sagte sie, seien schreckliches Volk; wie die sie angesehen hätten …

Mehrfach überlegte sie, wie es möglich gewesen sei, dass dieser Mann an die Macht kommen konnte. „Der muss doch bei irgendeiner Wahl durchgekommen sein“, sinnierte sie. „War das Volk nun total verblödet? Oder war das von oben gedeichselt? Ich krieg das nicht richtig zusammen.“ Und wie einen Refrain streute sie in ihre Überlegungen den Satz, dass der Mann ja Österreicher gewesen sei und kein Deutscher. Als ob das irgendwas ändern würde …

Alle grüßten mit "Heil Hitler", erzählt die Tante, kein Mensch sagte guten Tag

Gerade neulich erst, erzählte sie bei einem Gespräch, habe sie darüber nachgedacht, wie es war, als alle mit Heil Hitler grüßen mussten. „Kein Mensch sagte ‚Guten Tag‘. Das heißt, die meisten sagten gar nichts, die machten nur so.“ Sie stand auf und hob ihren Arm. Es war irgendwie gruselig, wie diese über 80-Jährige dort stand: klein, eingefallen, mit erhobenem Arm – wie die Zehnjährige, die den Gruß lernte.

Es ist merkwürdig: Aber je älter ich werde, desto grotesker und gruseliger erscheint mir die Zeit, desto unvorstellbarer das, was passierte. Das, was ich im Geschichtsunterricht als Fakten lernte, wird zu einem aberwitzigen, alptraumartigen Zerrbild des Lebens. Und damit meine ich nicht nur die Lager und Leichenberge, die wir von Fotos und aus Filmen kennen – ich meine das große Ganze: den absurden Gruß, die allgegenwärtige Angst, eine Ideologie, die sich bis in die Sprache fraß (Lingua Tertii Imperii, nannte Viktor Klemperer sie, die Sprache des „Dritten Reiches“); ich meine das Winterhilfswerk, die Gestapo, die HJ, die SS, im Grunde: diese Postkarte in meiner Hand.

Philip Meinhold ist freier Journalist. Sein Buch "Erben der Erinnerung - ein Familienausflug nach Auschwitz" erscheint im Berliner Verbrecher Verlag. Die Buchpremiere ist am 27. Januar 2015, 20:30 Uhr, in der Fahimi Bar, Skalitzer Str. 133, 1. OG, 10999 Berlin-Kreuzberg.

{Ihr fällt ein Lied ein, das sie beim BDM gelernt hat}

Mir fällt das einzige Weihnachtsfest ein, bei dem unsere Familie nur aus zwei Generationen bestand: Meine Großmutter war gerade gestorben, die Kinder meiner Geschwister waren noch nicht geboren. Es gab niemanden, der zur Bescherung drängte, und so saßen wir im Wohnzimmer meiner Mutter und ließen uns Zeit beim Singen. Nach den Weihnachtsliedern stimmte meine Schwester ein paar Lieder aus dem „Liederkarren“ an: „Heute hier, morgen dort“, „Hohe Tannen“ und „Bella Ciao“ – bis der Tante ein Lied einfiel, das sie im BDM gelernt hatte:

Siehst du im Osten das Morgenrot?

Ein Zeichen zur Freiheit, zur Sonne.

Wir halten zusammen, ob lebend, ob tot,

mag kommen, was immer da wolle.

Sie lachte kurz auf, als ihr auffiel, was sie da sang. „Ach Gott“, sagte sie, „wo kommt das denn her?“ Dann zitierte sie weiter:

Im Volke geboren erstand uns ein Führer,

gab Glaube und Hoffnung an Deutschland uns wieder.

Volk ans Gewehr! Volk ans Gewehr!

Wie alle Mädchen, die älter als zehn Jahre waren, war sie im Bund Deutscher Mädel

Wie alle Mädchen, die älter als zehn Jahre waren, war sie im Bund Deutscher Mädel in der Hitler-Jugend gewesen; auch mein Vater war in der HJ. Noch kurz vor Kriegsende hatte er sich als Zwölfjähriger freiwillig zum Volkssturm gemeldet, hatte Glück, dass der Bürgermeister des Städtchens, in das er evakuiert war, ihn wieder nach Hause schickte. Er musste sich damit begnügen, die ersten russischen Panzer aus einem Wald heraus mit Steinen zu bewerfen.

Nein, eine Parteifamilie seien sie nicht gewesen, hatte meine Tante erklärt, als ich sie nach den im Wohnzimmer hängenden Porträts ihrer Eltern fragte. „Aber das lag vielleicht auch an den Berufen die Vater und Großvater hatten. Die sind als Berufssportler viel herumgekommen und hatten dadurch andere Kontakte.“

Bereits mein Urgroßvater war Schrittmacher bei Steherrennen gewesen, führte auf dem Motorrad einen Radfahrer bei Bahnrennen an. Zwischen 1927 und 31 wurde er drei Mal Deutscher Meister. Es waren die Goldenen Jahre des Radsports in Deutschland, als Radfahren wichtigste Sportart neben Boxen war. 1931 übergab er sein Motorrad an seinen Sohn, der ebenfalls Schrittmacher wurde. Mein Großvater wurde 1937 Weltmeister im Steherrennen (ich erinnere mich an den dunklen, kupferfarbenen Pokal, in dem mein Vater später Pfennige sammelte), 1940 und 1943 deutscher Meister. Da war er bereits an der Front.

Noch vor Kriegsbeginn habe er seine Einberufung bekommen, erzählte die Tante, woraufhin er mit seiner Frau in die Schweiz gefahren sei. Dort hätten sich noch einmal die Radrennfahrer Europas getroffen, um Abschied voneinander zu nehmen: Holländer, Belgier, Franzosen, Deutsche – es war klar, dass es Krieg geben würde. „Mutti liefen jedes Mal die Tränen runter, wenn sie davon erzählte. Sie sagte dann immer: Und anschließend fuhr jeder in sein Land zurück, um die Uniform seines Lands anzuziehen“, erzählte die Tante.

Der Vater wird einberufen - und für Radrennen freigestellt

Ihr Vater, mein Großvater, war als Unteroffizier zunächst nach Frankreich gekommen, wurde nach einem Lazarettaufenthalt vorübergehend zur Fahrerausbildung bei Berlin eingesetzt. Für Radrennen stellte die Wehrmacht ihn frei. In einem Zeitungsartikel vom 28. August 1940 heißt es: Wir würdigten im Bericht über die Deutsche Meisterschaft den Geist, den der Schrittmacher Meinhold auch im Kriege für seinen Sport aufbringt und sprachen die Vermutung von einem festlichen Empfang durch seine Einheit aus. – Was wir erhofften, wurde Tat. Bereits vor Tagen hatte der Einheitsführer der irgendwo in Frankreich stehenden Wetterpeiler vor der Front den Bericht vom Nürnberger Meisterschaftssieg verlesen. Strahlende Augen aller Kameraden; sie wissen, was sie von Uffz. Meinhold zu halten haben; er steht auch hier draußen seinen Mann. […] Glücklich darüber, an der äußeren und an der inneren Front gleichzeitig seine Pflicht tun zu können.

Für Victor Klemperer ist die Erscheinung des Rennfahrers in den Dreißigerjahren – seine Kluft aus Sturzhelm, Rennbrille und dicken Handschuhen – das Sinnbild nazistischen Heldentums: Wenn der junge Mensch sein Heldenbild nicht von den muskelbeladenen nackten oder in SA-Uniform steckenden Kriegergestalten der Plakate und Denkmünzen dieser Tage abnimmt, dann gewiß von den Rennfahrern; gemeinsam ist beiden Heldenverkörperungen der starre Blick, in dem sich vorwärtsgerichtete harte Entschlossenheit und Eroberungswille ausdrücken.

Nein, ein Nazi war mein Großvater sicher nicht, denke ich – aber den Deutschen Gruß wird er bei Siegerehrungen schon entboten haben. Und die Schärpen der Siegerkränze, die er erhielt, zierte das Hakenkreuz. Die Frage ist, was zählt: Was einer denkt? Oder wie er sich verhält? Genügt es, nicht in der Partei zu sein? Wem ist geholfen, wenn einer im stillen Kämmerlein gegen die Nazis ist?

Ruth Klüger schreibt in ihrem Buch „weiter leben“, Mut aus Gewissensgründen könne man nicht verlangen, denn der sei eine Tugend. Wäre er selbstverständlich, bräuchten wir ihn nicht als vorbildlich zu bewundern. Wenn aber Feigheit das Normale sei und als Kind des Selbsterhaltungstriebs einen neutraleren Namen verdiene, etwa den der Vorsicht, dann wäre nur das, was noch unter der Feigheit liege, das aktive Mitmachen, die Fleißaufgaben für die schlechte Sache, zu missbilligen.

Im Gegensatz zur Familie meines Vaters gab es auf der Seite meiner Mutter jüdische Wurzeln: Ihre Großmutter war Jüdin und wurde im Januar 1944 nach Theresienstadt deportiert, Onkel und Tante meiner Mutter kamen nach Auschwitz. Ihr Vater galt nach der blutgetränkten Bruchrechnung der Nazis als Halbjude, verlor seine Arbeitsstelle bei einer arisierten Bank, durfte bei Fliegeralarm nicht mit in den Bunker.

{Die Familie hat einen jüdischen Zweig - doch ich fühle mich den Tätern zugehörig}

Die Familie hat einen jüdischen Zweig - doch ich fühle mich den Tätern zugehörig

Obwohl ich um den jüdischen Zweig der Familie immer wusste, habe ich mich nie als Angehöriger von Verfolgten gefühlt, sondern immer eher als Angehöriger des Täterkollektivs: Ich bin Deutscher und fühle mich in der Verantwortung dieses Lands. Ich kannte die jüdische Vergangenheit meiner Familie wie eine Adresse, deren dazugehöriges Haus man nie betreten hat. Im Grunde aber habe ich unsere Familie weder als Verfolgte noch als Täter gesehen, sondern als irgendwie unberührt von dieser Zeit. Als hätte sie damit nichts zu tun. Dabei kann es in Deutschland eigentlich niemanden geben, der damit nichts zu tun hat; der nicht Nachfahre von Opfern, Tätern, Drückebergern, Mitläufern ist – die Grenzen dabei sind oft fließend. Es ist, denke ich, als wären wir, die wir heute zwischen dreißig und fünfzig sind, mit einem rezessiven Gen ausgestattet – einem Gen, das uns unsichtbar mit der Zeit des Nationalsozialismus verbindet.

Ich nehme die Postkarte mit dem Hitler-Bild und lege sie auf den Wohnzimmertisch zu dem Stapel mit dem Poesiealbum meiner Tante, den Schwarz-Weiß-Fotos, die sie als kleines Mädchen mit zwei Zöpfen zeigen, zu den Briefen, die sie aus Marienbad ihren Eltern schrieb und die ich nicht lesen kann, weil sie in Sütterlin sind.

Was meine beiden Großväter sich wohl zu sagen gehabt hätten, schießt es mir durch den Kopf: der Halbjude Bartz, der seine Arbeit verlor und dessen Bruder und Mutter im KZ landeten – und der Unteroffizier Meinhold, der an der Front seinen Dienst tat und der zwischendurch Radrennen fuhr?

Noch an den Weihnachtsfeiertagen 1943 war er in Antwerpen gestartet; am 31. Dezember war er auf dem Weg nach Dortmund, wo er in der Westfalenhalle ein Rennen fahren sollte. Er kam von seinem Truppenteil im Osten, wo er inzwischen lag, als sein Zug südlich von Stettin auf einen anderen fuhr. 38 Menschen kamen ums Leben. Der Rundfunk meldete den Tod des Schrittmachers Arnulf Meinhold in den Silvesternachrichten um 20 Uhr.

Der Autor und Filmemacher Alexander Kluge hat darauf verwiesen, wie offenkundig verschieden unsere Vorfahren sein können und wie erstaunlich es ist, dass diese Gegensätze in uns koexistieren. Jeder von uns hat acht Urgroßeltern – ich bin Nachfahre von Juden und Ariern, Ostpreußen und Sachsen, einem Schäfer und einem Gerichtssekretär: „Eigentlich“, sagt Kluge, „müssten solche unvereinbaren Gegensätze miteinander Krieg führen, aber das tun sie nicht. Ich finde es zauberhaft, dass in uns, in unseren Körpern, in unseren Kindern, solche Verschiedenheiten existieren.“

"Wir hatten keine Juden in der Familie", sagt Dita, "aber dafür konnten wir nichts. Das hat sich nicht so ergeben."

Bei einem unserer Gespräche fielen Tante Dita die jüdischen Verwandten meiner Mutter ein, und sie erkundigte sich, was mit denen noch mal gewesen sei. Dann sagte sie: „Wir hatten keine Juden in der Familie, aber dafür konnten wir nichts. Das hat sich nicht so ergeben.“

Es war ein überraschender, ein skurriler Satz, und ich fragte mich, warum das so war? Das Ungewohnte lag in der Umkehrung, dachte ich: dass man nichts dafür konnte, nicht jüdisch zu sein – und natürlich hatte sie damit sogar recht. In der Absurdität des Satzes spiegelt sich die Absurdität der Verfolgung, nur dass das, was einen damals in die Gaskammer brachte, heute wie eine Auszeichnung wirkt. Und natürlich hat einen das Jüdischsein in der Regel tatsächlich davor bewahrt, zum Täter zu werden, bloß, dass der Umkehrschluss eben nicht stimmt: dass, wer kein Jude war, deswegen Täter sein musste. Man konnte sich schon entscheiden.

Am Abend, nachdem wir bei Tante Dita aufgeräumt haben, sitze ich alleine in der Kneipe beim Bier. Ich muss daran denken, wie ich als 15-Jähriger mit meiner Großmutter mütterlicherseits – der Witwe des Halbjuden Bartz – in Amerika war. Für zwei Wochen besuchten wir in Los Angeles alte Freunde von ihr, die Eheleute Ingrid und Erwin Treuherz, die meine Oma im Nachkriegs-Berlin kennengelernt hatte. Ich habe damals nicht gefragt, woher sie die Treuherzens kennt, und nicht, was das für eine Freundschaft ist, die über so eine große Distanz vier Jahrzehnte gehalten hat. Auch der jüdische Name fiel mir nicht weiter auf. Ich war fünfzehn und interessierte mich für ihren Videorekorder, Computerspiele und die Universal Film-Studios, für die Erwin arbeitete. Dabei – und das ist das Merkwürdige – las ich gerade Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“, die Geschichte des alten Arbeiterehepaars Quangel, das Postkarten gegen das NS-Regime schreibt und dafür zum Tode verurteilt wird. Ein Buch, das mich sehr berührte. Doch die Nazi-Zeit schien etwas zu sein, was in Romanen und Geschichtsbüchern existierte – den Bezug zu meiner nächsten Umgebung nahm ich nicht wahr.

Je älter ich werde, und je mehr ich mich mit meinen eigenen familiären Wurzeln beschäftige, desto näher scheint die Zeit zu rücken.

Wie lang das alles her ist, dachte ich damals: Vierzig Jahre – eine Ewigkeit! Es muss in der Natur unserer Wahrnehmung liegen, dass uns alles, was vor unserer Geburt liegt, weit weg scheint, gewissermaßen gleichermaßen Geschichte. Im Grunde war für mich die Achtundsechziger-Bewegung so lange her wie der Mauerbau oder das „Dritte Reich“. Dabei war das Kriegsende bei meiner Geburt kaum länger her als der Mauerfall für ein Kind, das heute geboren wird.

Inzwischen, selbst 25 Jahre älter geworden, denke ich, wie nah das alles noch war. Ich denke an das Aussehen der Straßen und Häuser in Kreuzberg, an Straßenzüge voller Baulücken und Ruinen, an Wohnungen mit Ofenheizung und Außenklo. Ich denke an die Teilung Berlins, die ich damals normal fand und die mir erst im Rückblick wie ein absurdes Provisorium scheint; ich denke an die ganzen alten Menschen, denen ich in den Straßen und Läden begegnet bin und die den Krieg noch erlebt haben mussten. Im Grunde jeder, der über sechzig war. Damals fiel mir das nicht weiter auf. Es ist ein bisschen, als würde man als Erwachsener an einen Ort der Kindheit zurückkehren und denken: Wie klein das alles hier ist, das war doch früher viel größer.

Je älter ich werde, und je mehr ich mich mit meinen eigenen familiären Wurzeln beschäftige, desto näher scheint die Zeit zu rücken.

Ich bestelle noch ein Bier im Berlin des Jahres 2014 und muss an die Hitler-Postkarte denken. Ich frage mich, was ich mit ihr mache? Verschicken kann man sie nicht, wegwerfen will ich sie nicht – und so werde auch ich sie wohl in irgendeiner Schublade verkramen, und irgendwann, wer weiß, werden meine Kinder sie finden und denken: Wie nah das alles noch ist, und dass diese Zeit vielleicht etwas mit ihnen zu tun hat. Es ist nicht der Schlechteste aller Gedanken.

Philip Meinhold

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