Das Virus und die armen Länder : "Da wird einem angst und bang"

Schon in den reichen Ländern sterben zu viele Corona-Infizierte. Wenn das Virus sich in den armen Ländern erst einmal ausbreitet, könnte es dort noch schlimmer kommen. Schon jetzt ziehen Investoren ihr Geld ab, der Shutdown könnte ganze Länder ruinieren.

Ärzte im Slum Kibera der kenianischen Hauptstadt Nairobi
Ärzte im Slum Kibera der kenianischen Hauptstadt NairobiFoto: AFP

Keine andere Gruppe von Staaten ist so schlecht auf einen Ausbruch der Pandemie vorbereitet wie viele Entwicklungs- und Schwellenländer. „Angst und bange“, werde ihm, wenn er an Venezuela oder Kriegsgebiete in Nordsyrien denke, wo das Gesundheitssystem weit schlechter aufgestellt sei als etwa in Italien und Spanien, sagt der Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe, Martin Keßler. Experten rechnen im armen Süden mit weit mehr Toten als im reichen Norden. Sie verweisen auf Faktoren eben die miserable Gesundheitsversorgung, schlechte Hygiene oder das dichte Zusammenleben von Slumbewohnern, die im Ernstfall nicht auf Distanz gehen können.

„Sollten auch in armen, dicht besiedelten Ländern die Fallzahlen steigen, etwa im ägyptischen Nildelta, in Nigeria oder Bangladesch, wäre das eine riesige humanitäre Katastrophe“, warnt Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Diese wäre umso größer, je stärker die EU oder USA Exporte von medizinischen Gütern mit neuen Barrieren behinderten und so die Versorgung mit diesen Waren in diesen Ländern verschlechterten.

Einig sind sich viele Entwicklungsexperten auch: Der Shutdown von Wirtschaft und Gesellschaft in den reicheren Ländern trifft die ärmeren Länder schon jetzt hart und könnte  sie  bald noch härter treffen. Investoren haben wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten der großen Volkswirtschaften seit Ende Januar etwa 80 Milliarden US-Dollar aus dem Globalen Süden abgezogen.  Vom „größten Kapitalabfluss aller Zeiten“ spricht Ulrich Volz, Professor an der London University und Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik.

Wenn es um die Auswirkung der erwarteten weltweiten Rezession geht, spielt der Grad der Vernetzung mit der globalen Ökonomie eine wichtige Rolle. „Exportorientierte Länder und besonders Ölexporteure und Länder mit hohen Exportanteilen nach China wird es hart treffen“, erwartet der Heidelberger Ökonom Axel Dreher. Die Folge: Den Regierungen brechen die Einnahmen weg; gleichzeitig verschlechtern sich die mittelfristigen Konjunkturaussichten. Dreher: „Der Zugang zu Krediten, soweit überhaupt vorhanden, wird erschwert oder versiegt.“ Dies sei besonders schlimme in einer Situation, „in der viele Gesundheitssysteme schon schlecht aufgestellt sind und Bevölkerungen, die etwa wegen einer hohen HIV-Rate besonders anfällig sind, eigentlich auf den Ausbruch von COVID-19 vorbereitet werden müssten.“

Länder, die vom Export ins Ausland abhängig sind, könnten lebenswichtige Einnahmen verlieren. Wenn die Textilunternehmen ihre Aufträge stornieren, ist das für Bangladesch katastrophal“, sagt der Kieler Entwicklungsökonom Rolf Langhammer. Firmen aus dem Land haben schon in einem Brandbrief an den deutschen Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) um Hilfe gebeten.

Dass die Auswirkungen des Shutdowns den armen Süden schwer treffen, wenn Lieferketten zusammenbrechen, erwartet auch Amrita Narlikar, Präsidentin des German Institutes of Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg. Aber gerade in dichtbesiedelten, armen Ländern müssten Fabriken zumindest zeitweise stillgelegt werden, um die Menschen zu schützen, sobald die Pandemie ausbreche. Ihr Fazit deshalb: “Wenn die Lieferketten nach dem Motto Business as usual einfach weiterbetrieben würden, wären die Auswirkungen noch schlimmer.” Der Verlust an Menschenleben werde dann “katastrophale Ausmaße annehmen”.


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