Debatte nach der Tat in Frankfurt : „Die AfD dämonisiert Leute wegen ihres Aussehens“

Rechte wollen die grausame Tat von Frankfurt instrumentalisieren – der Journalist und Podcaster Malcolm Ohanwe hält im Interview dagegen.

Malcolm Ohanwe.
Malcolm Ohanwe.Foto: Frank Joung

Malcolm Ohanwe, Jahrgang 1993, ist Journalist. Er arbeitet für den „Bayerischen Rundfunk“. Ohanwe hat nigerianisch-palästinensische Wurzeln und betreibt den Podcast „Kanackische Welle“.

Herr Ohanwe, wenig war kurz nach der furchtbaren Tat in Frankfurt über den Täter bekannt, doch vor allem AfD-Politiker machten sofort eine „grenzenlose Willkommenskultur“ verantwortlich. Was war Ihr erster Gedanke?

Es ist unglaublich schlimm, wenn ein achtjähriger Junge sein Leben verliert. Aber man wusste zu Anfang weder, was das Motiv des Täters war, noch ob er sich illegal in Deutschland aufgehalten oder einen deutschen Pass hatte. Kurz nachdem die Nachricht kam, twitterte Alice Weidel schon von einem „Afrikaner“ als Täter und: „Schützt endlich die Bürger unseres Landes – statt der grenzenlosen Willkommenskultur“. Sie hat gezielt das Bild eines gewalttätigen Afrikaners gemalt und einen direkten Zusammenhang hergestellt zwischen Willkommenskultur und Tötungsdelikten. Das ist eine abstruse Verbindung, die Ängste schürt. AfD-Politiker wie Alice Weidel bedienen rassistische Vorurteile, die Menschen aufgrund ihrer Herkunft eine Kriminalitätsbereitschaft zuschreibt.

Sie sind Journalist, sprechen in Ihrem Podcast „Kanackische Welle“ auch über Rassismus und kulturelle Identität. Dabei spielt ihr eigener Migrationshintergrund eine Rolle – Ihr Vater stammt aus Nigeria, Ihre Mutter aus Palästina. Was löst die Hetze aus, die sich nach solchen Taten im Netz ergießt?

Alice Weidel und die AfD negieren, dass man gleichzeitig Afrikaner sein kann und deutscher Bürger. Sie kreieren ein Feindbild, das man anhand seines Phänotyps, anhand seiner Hautfarbe, erkennt. Die AfD schafft mit ihren Äußerungen zu Frankfurt den Nährboden für Rassismus – sie dämonisiert Leute wegen ihres Aussehens. Wohin das führt, merke ich auch bei Gesprächen für unseren Podcast „Kanackische Welle“ mit Marcel Aburakia. Da haben nicht weiße Menschen das Gefühl, dass sich andere schon wegen ihrer bloßen Anwesenheit unsicher fühlen.

Sie schreiben auf Twitter: „Ich bin Afrikaner und Bürger. Wer schützt mich vor Ihrer giftigen, gewaltvollen Sprache, die Leute dazu befeuert, ebenso Entsetzliches schwarzen Menschen und anderen Nicht-Weißen anzutun?“ Fühlen Sie sich in Ihrer Sicherheit bedroht?

Ich könnte mich natürlich in Sicherheit wähnen, weil ich einen deutschen Pass habe. Aber natürlich betrifft mich das, was Alice Weidel sagt, auch: Mein Nachname ist ein afrikanischer, ich sehe für viele Menschen aus wie eine afrikanische Person, ich habe in Nigeria viele Verwandte. Und ich werde oft auch selbst für eine afrikanische Person gehalten. Leute sprechen nicht Deutsch mit mir oder wollen mir kein Schweineschnitzel verkaufen, weil sie glauben, ich sei ein muslimischer Geflüchteter aus Somalia oder eben Eritrea.

Vor einer Woche ist ein Mann aus Eritrea aus einem Auto heraus beschossen und schwer verletzt worden. Fürchten Sie, dass solche Taten sich in nächster Zeit wiederholen werden?

Zumindest tragen die jüngsten Geschehnisse nicht dazu bei, dass sensibler mit Menschen mit einem offensichtlichen „Migrationshintergrund“ – mit einem nicht-mitteleuropäischen Phänotyp – umgegangen wird. Die Hetze, die wir gerade beobachten, kann gewaltbereiten Leuten das Gefühl geben: Der Staat schützt uns nicht, wir müssen also Selbstjustiz walten lassen und dieses „Ungeziefer“ eliminieren.

Haben Sie in letzter Zeit oder in den vergangenen Jahren eine Verschlechterung des Klimas gegenüber nicht weißen Menschen beobachtet?

Ich kann nur persönlich sprechen. Ich beobachte immer öfter, dass ein moralisch reines Deutschland impliziert wird, das durch Zuwanderung kaputt gemacht würde. Da werden eben Begriffe benutzt wie „Ungeziefer“ oder „Gesindel“. Bei mir als Einzelperson kommt es oft vor, dass Leute sich daran stören, dass eine schwarze Person wie ich mit ihrer Meinung und ihrer Arbeit Aufmerksamkeit bekommt, Raum einnimmt. Deswegen werde ich verbal oft des Landes verwiesen. Viele Leute haben das Gefühl, „Multikulti“ funktioniere nicht, deswegen sollte Deutschland möglichst homogen bleiben, wie auch immer das aussähe.

Finden Sie es richtig, dass in den Medienberichten die eritreische Herkunft des Mannes überhaupt erwähnt wird?

Nein. Es spielt für die Tat, nach allem was wir bislang wissen, überhaupt keine Rolle, dass der Mann aus Eritrea bzw. aus der Schweiz stammt. Es ist ja nicht so, dass diese Tat einen nationalistischen oder kulturellen Hintergrund hätte. Wenn dem so wäre, kann das natürlich eine relevante Information sein. In kurzen Meldungen oder Berichten sollte man die Herkunft ansonsten aber weglassen.

Was muss passieren, damit sich diese gesellschaftlichen Spannungen, wie wir sie gerade erleben, nicht eskalieren?

Wir müssen uns damit beschäftigen, was es bedeutet, in einer multikulturellen Gesellschaft zu leben. In Großstädten haben an Schulen zum Teil über 50 Prozent der Kinder einen sogenannten Migrationshintergrund. Andere haben gar keinen klassischen „Migrationshintergrund“, sind trotzdem schwarz oder sehen z.B. asiatisch aus. Wenn wir dafür keine Sprache finden, wird das die Spannungen nur noch verstärken. Und wer wirklich Angst hat vor einer Massenmigration sollte sich überlegen, nachhaltiger zu leben, sein Konsumverhalten zu hinterfragen, Fluchtursachen zu bekämpfen, anstatt nicht-weißen Menschen den Anspruch auf ein würdevolles Leben abzusprechen.


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