Der Blick von oben : Was Bergsteiger falsch machen können

Auf Fotos ist das Wetter nie schlecht. In der Realität aber schon, immer mehr Bergsteiger überschätzen sich auf dem Weg auf den Gipfel.

Joana Nietfeld
Bergretter transportieren in dichtem Nebel eine zuvor am Watzmann abgestürzte Bergsteigerin auf einer Trage den Berg hinunter.
Bergretter transportieren in dichtem Nebel eine zuvor am Watzmann abgestürzte Bergsteigerin auf einer Trage den Berg hinunter.Foto: Bayerisches Rotes Kreuz

Eine Instagramerin veröffentlicht vergangene Woche ein Foto auf ihrem Profil, darauf zu sehen ist sie selbst und das Gipfelkreuz des Kahlersberg in den Berchtesgadener Alpen. Darunter postet sie ihre zurückgelegten Höhenmeter und den Hashtag: proud. Das Foto gefällt mehr als 1600 Menschen.

Etwa 15 Kilometer weiter westlich stürzt drei Tage später eine 22-Jährige bei der Überschreitung des 2713 Meter hohen Watzmann ab und fällt 50 Meter in die Tiefe. Schwer verletzt bleibt die Frau auf einem Schneefeld liegen. Drei Bergsteiger, zwei davon selbst Bergretter, seilen sich zu ihr ab und leisten erste Hilfe. Aufgrund der schlechten Sichtverhältnisse zum Zeitpunkt des Unglücks ist eine Bergung mit dem Hubschrauber zunächst nicht möglich. In einer aufwendigen Rettungsaktion muss die verletzte Frau aus Brandenburg eine Teilstrecke liegend in einem Seilzug heruntergelassen werden.

Vater und Schwester, die mit der Verunglückten unterwegs waren, müssen den Sturz mit ansehen und werden vom Kriseninterventionsdienst heruntergeleitet. Nach knapp neun Stunden reißt schließlich der Himmel auf, sodass ein Transporthubschrauber die Patientin abholen kann. An der Aktion waren 37 Bergretter beteiligt. Ein Einsatz, der Geschichte schreibt, wie Einsatzleiter Rudi Fendt später sagt.

Doch trotzdem kein Einzelfall, die Berichte über Bergunglücke häufen sich: In der Region Chiemgau in Bayern, zu der auch der Einsatzbereich um den Watzmann gehört, musste die Bergwacht im vergangenen Jahr zu 1094 Einsätzen ausrücken. Das waren elf Prozent mehr als im Vorjahr. Das Bayerische Rote Kreuz verzeichnet 30 Bergtote in der Region. Im Jahr 2010 waren es noch zehn Todesopfer in den Chiemgauer und Berchtesgadener Alpen und „die Rettung“ musste zu 788 Einsätzen aufbrechen. „Trotzdem nehmen die relativen Unfallzahlen ab, wenn man davon ausgeht, dass immer mehr Menschen in den Bergen unterwegs sind“, sagt Klaus Burger, Regionalleiter der Bergwacht Chiemgau.

Geprahlt wurde früher am Stammtisch, heute auf sozialen Medien

Dass der Bergsport immer beliebter wird, dazu tragen vielleicht auch Instagramer bei: Sie posten Fotos mit hochgereckten Armen vor sonnigen Bergpanoramen. „Das Wetter ist nie schlecht auf diesen Fotos“, bemerkt Olaf Perwitzschky, Bergführer und Redakteur der Zeitschrift Alpin. Über den ganzen Alpenbogen könne man verfolgen, dass namhafte Gipfel wie Zugspitze oder Großglockner immer häufiger besucht würden. Social Media nehme maßgeblich Einfluss darauf, sagt er.

Auch Perwitzschky nutzt die Bildplattform Instagram und postet Fotos unter dem Hashtag „olafklärtdasschon“. Aber er habe aufgehört genaue Ortsmarken zu veröffentlichen. Damit will er die Gipfel vor Instagramern schützen, die auf der Suche nach dem perfekten Foto die Alpen stürmen. „In den Bergcommunities soll es immer möglichst weit, möglichst schnell, möglichst hoch gehen”, ist seine Erfahrung. Die Natur sei dabei zweitrangig. Der 52-Jährige sagt, er sei immer wieder überrascht, wie viele Menschen werktags Fotos von sich in der Natur posten, als müssten sie alle nicht arbeiten. Und wirklich, allein unter #Matterhornmonday findet man 25000 Beiträge auf Instagram.

Den Trend, auf bekannte Gipfel zu steigen und damit zu prahlen, habe es zwar schon immer gegeben, so Perwitzschky. Früher am Stammtisch, heute in sozialen Netzwerken – aber diese Bilder verbreiteten sich nun viel schneller, und das auf Kosten der Berge. Geröllwege laufen sich ab und Steine werden speckig, das mache Auf- und Abstieg besonders bei Regen gefährlich, sagt Perwitzschky. Außerdem würde es immer wieder zu Unfällen bei Überholmanövern an engen Streckenabschnitten kommen. Das gilt weltweit. Erst im Mai hatten Fotos für Aufsehen gesorgt, die Bergsteiger in einer meterlangen Schlange vor dem Gipfel des Mount Everest zeigen.

Verändertes Freizeitverhalten in der Gesellschaft

Doch soziale Medien sind nicht der einzige Grund für den erhöhten Ansturm auf die Alpen: Der einfacher gewordene Zugang zu den Gipfeln durch Lifte spielt ebenfalls eine erhebliche Rolle. Das Bayerische Rote Kreuz stellt auf seiner Internetseite fest, dass die Bergwachten besonders häufig zu sehr bekannten und viel beworbenen Urlauber-Hotspots gerufen würden. Dort verirrten sich immer wieder Touristen ins alpine Gelände, in dem ansonsten ausschließlich Bergsteiger mit entsprechender Erfahrung, Kondition, Können und Ausrüstung unterwegs wären.

Hinzu käme der wachsende Anteil älterer und mobiler Menschen mit immer mehr Freizeit. Die Folgen seien steigende Einsatzzahlen an Werktagen. Das hat zur Folge, das die Retter von ihrem Arbeitsplatz aus zum Unfallort gerufen würden. Denn die Bergwacht in Bayern agiert ausschließlich ehrenamtlich. Ihrer Lohnarbeit gehen die Retter anderswo nach, und trotzdem sind sie rund um die Uhr für Notrufe erreichbar. Das plötzliche Ausrücken zu Einsätzen ist mit den Arbeitgebern abgesprochen – je öfter sie zu einem Notfall gerufen werden, desto häufiger fehlen sie bei der Arbeit. Einige der Helfer müssen ausgefallene Arbeitsstunden nachholen.

Bei medizinischen Notfällen übernimmt die Kosten des Einsatzes die Krankenkasse. Bei anderen Notlagen – falls niemand verletzt ist oder sich die Betroffenen am Berg verstiegen haben – müssen Hilfesuchende den Einsatz selbst zahlen. Diese Sondereinsätze kosten zwischen 280 und 1125 Euro, abhängig von Material und Aufwand.

Bergwacht-Experte Klaus Burger beobachtet, dass die Zahl der sogenannten mentalen und objektiven Blockierungen zunimmt, also immer mehr Menschen aus Bergnot gerettet werden müssen, die eigentlich unverletzt und auch nicht akut erkrankt sind, allerdings an ihre psychischen, körperlichen und bergsteigerischen Grenzen stoßen. Ursächlich sind fast nie schlechte oder fehlende Ausrüstung, sondern vor allem Selbstüberschätzung, oft bedingt durch mangelnde Fitness, Bergerfahrung und Übung.

Oder eben die Suche nach dem perfekten Foto. Die Instagramerin veröffentlicht zwei Tage später ein weiteres Bild mit Gipfelkreuz. Dieses Mal auf dem knapp 3000 Meter hohen vorderen Geißlkopf.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version wurde der Profilname der Instagramerin genannt.

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