Deutsche Botschaft in Pakistan : Mission im Sorgenland

Bernhard Schlagheck hat eine der heikelsten Aufgaben übernommen: Er leitet die deutsche Botschaft in Pakistan. Ein Portrait.

In Pakistan, einst ein Stabilitätsanker inmitten der Krisenregion, hat die Diplomatie als Mittel der Politik einen schweren Stand.
In Pakistan, einst ein Stabilitätsanker inmitten der Krisenregion, hat die Diplomatie als Mittel der Politik einen schweren Stand.Foto: AFP/ Farooq Naeem

Kann man das lernen? Bernhard Schlagheck hat die Gabe, wie neben sich selbst zu stehen und seine Rolle in der Welt der Diplomatie als sein eigener Beobachter zu betrachten. Das Resultat ist eine Mischung aus innerer Ruhe und kritischer Distanz zur eigenen Bedeutung. Er steht kurz vor seinem 63. Geburtstag, als wir uns treffen. Seit August hat ihn sein Dienstherr, das Auswärtige Amt in Berlin, auf einen der heikelsten Posten gestellt, die am Werderschen Markt zu vergeben sind. Bernhard Schlagheck ist deutscher Botschafter in Islamabad, der Hauptstadt Pakistans.

Indien und Pakistan konkurrieren um internationalen Einfluss

In dieser Weltgegend stoßen zwei Platten der globalen politischen Tektonik aneinander: Die beiden Atommächte Pakistan und Indien trennt nicht nur der Kaschmirkonflikt, eine Region, um die es bis in diese Tage hinein erbitterte, auch militärische Auseinandersetzungen gibt. Beide konkurrieren um Dominanz und Einfluss auf Nachbarn und internationales Geschehen, obwohl es Staaten sehr unterschiedlichen Gewichtes sind. Indien gehört mit 1,3 Milliarden Einwohnern zu den bevölkerungsreichsten Ländern der Welt. Pakistan zählt zwar nur knapp 200 Millionen Einwohner, ist aber als überzeugter islamischer Staat in allen Fragen, die die Religion auch nur berühren könnten, eines der emotionalsten Länder der Welt. Mit einer schnell wachsenden Bevölkerung, die für Massendemonstrationen leicht mobilisierbar ist.

Wenn Leidenschaften schnell die Oberhand gewinnen und die Bereitschaft zur nüchternen Abwägung weniger ausgeprägt ist, hat es die Diplomatie besonders schwer. Als Nachbar Afghanistans wird Pakistan aber von internationalen Beobachtern eine Schlüsselrolle bei der möglichen Befriedung der Region zugeschrieben. Die Bedeutung der steuernden Rolle der Regierung in Islamabad wird da gerne mit einem Bild beschrieben: Wenn man das Afghanistanproblem mit einem Tresor mit zehn Schlössern vergleicht, besitzt Pakistan für fünf bis sechs dieser Schlösser den Schlüssel.

Der Wechsel in die Diplomatie als berufliche Neuorientierung

All das weiß man, kann man politischen Analysen entnehmen, bevor man mit Bernhard Schlagheck überhaupt ins Gespräch gekommen ist. Die Lektüre seiner beruflichen Biografie hat einen aber vorbereitet: Es sieht so aus, als gäbe es eine Wechselbeziehung zwischen den Krisenherden der Welt und Bernhard Schlagheck. Immer wieder fand sich der 63-jährige deutsche Diplomat an Orten und in Situationen, die später in den Geschichtsbüchern auftauchten. Kuwait, Nato, Balkan, Kosovo, Moskau, Nigeria und nun Pakistan.

Dabei war der Wechsel in die Diplomatie das Ergebnis einer beruflichen Neuorientierung. Studiert hat der geborene Mönchengladbacher – der ruhige Tonfall des Niederrheins ist ihm geblieben – Jura und Volkswirtschaft. Dann arbeitete er bei der Deutschen Bank in Frankfurt am Main und in New York. Sein nüchterner Rückblick heute: Man wird nach Kennzahlen bewertet, manchmal konnte man die eigene Verantwortlichkeit für das Erreichte aber nicht erkennen. Er sei wohl einfach nicht scharf genug gewesen, hätten seine Kollegen später zu ihm gesagt.

New York aber hatte ihm gezeigt, was spannender sein kann – der auswärtige Dienst. Mit 29 startet er neu, in der Ära Genscher schreibt er zwischen 1989 und 1991 Reden für den Außenminister. Er hat Bereitschaftsdienst in der Nacht von Prag, in der sein Minister vom Balkon der deutschen Botschaft den berühmtesten unvollendeten Satz der Wendezeit sagt.
Von 1991 bis 1993 ist Schlagheck stellvertretender Leiter der deutschen Mission in Kuwait. Irak hatte das kleine Land am 2. August 1990 überfallen und verwüstet, war bis zum 28. Februar 1991 durch einen internationalen Militärverband wieder vertrieben worden. Schlaghecks erste Auslandsverwendung bestand also darin, aus den Trümmern der Botschaft wieder eine aktionsfähige Vertretung zu machen. Die Ernährung: Konserven der US-Truppen, erinnert er sich, die Feldverpflegung der Amerikaner. Deren General, Norman Schwarzkopf, hatte den Oberbefehl über die durch die Vereinten Nationen mandatierte Truppe.

Brüssel, Moskau, Kosovo und der Heilige Stuhl

Von 1993 bis 1996 ist er im politischen Referat der Ständigen Vertretung bei der Nato in Brüssel – in jener Zeit, in der sich die Krise auf dem Balkan zuspitzt, Deutschland erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg an einem Krieg teilnimmt. Dann berät er den Präsidenten der Parlamentarischen Versammlung des Europarates. Es folgen zwei Jahre als politischer Berater an der deutschen Botschaft in Moskau. Am 25. September 2001 hält Wladimir Putin vor dem Bundestag eine Rede, die ein neues Kapitel in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen hätte einleiten können. Aber zwei Wochen nach den Anschlägen von Washington und New York war die Aufmerksamkeit in Berlin gelähmt.

Von 2004 bis 2006 leitet er in der kosovarischen Hauptstadt Pristina stellvertretend die politische Abteilung der UNMIK, der Mission der Vereinten Nationen für den Kosovo. Die nächste Station bildet die logische Fortsetzung: Stabschef beim Sondergesandten der Vereinten Nationen für den Kosovo, dem früheren finnischen Präsidenten Martti Ahtissari. Dann ist er bis 2010 Abteilungsleiter im Nato-Referat. Dann kommt der Herzinfarkt.

Die folgenden drei Jahre als Vertreter Deutschlands beim Heiligen Stuhl wertet er als „großartige Zeit“, der Papst war ein Deutscher. Bernhard Schlagheck lobt die soziale Verantwortung seiner Vorgesetzten, die ihm diese Phase ermöglichten, die sicher keine Rekonvaleszenz war, aber eben doch deutlich ruhiger als alles zuvor. Auf Rom folgen drei Jahre, in denen er nach seiner eigenen Einschätzung so etwas „wie der Obermechaniker im Maschinenraum“ des Ministeriums war. Er leitet das Büro der Staatssekretäre, ist dann Direktor für Technologie und Exportkontrolle in der Wirtschaftsabteilung. In der Ära Steinmeier hatte sich offenbar jemand an die Wirtschaftsvergangenheit des Diplomaten Schlagheck erinnert, nun stehen Rüstungsexporte im Mittelpunkt und die Vorbereitung der Sitzungen des Bundessicherheitsrates.

Um Sicherheit vor Ort ging es anschließend bis zum Beginn diesen Jahres als Botschafter in Abuja, der Hauptstadt Nigerias. Terrorismus, die Lage im Norden des Landes mit den islamistischen Kämpfern von Boko Haram, Entwicklungspolitik, Fragen der Migration.

„Wir sind Beamte und nicht Politiker“

Und nun Pakistan. Ein Land, in dem, genauso wie in Indien, die frühere Kolonialmacht Großbritannien in Wirtschaft und Militär noch immer eine Rolle spielt. Außenminister Heiko Maas war im Frühjahr dort, im Anschluss an einen Besuch in Afghanistan. In Pakistan sähe er einen Schlüssel für ein stabiles Afghanistan, sagt der Minister in Islamabad. Die jüngsten Spannungen zwischen Indien und Pakistan verfolgt nicht nur der Deutsche mit großer Sorge, appelliert, „die Gesprächskanäle weiter offenzuhalten und zur Deeskalation beizutragen“. Bernhard Schlagheck sagt: „Pakistan hat eine Menge Potenzial, da sind Chancen für die Wirtschaft. Pakistan hat kaum erneuerbare Energien, Kohle und Atom sind die Hauptlieferanten.“ Aber fügt dann nachdenklich hinzu: „Ich mache mir keine Illusionen, wir betrachten Pakistan zu viel vor dem Hintergrund der Politik in den Ländern ringsum.“

Aber noch stehen 1400 deutsche Soldaten im Nachbarland Afghanistan, die Bundeswehr ist dort vom Anfang des internationalen Einsatzes nach den Anschlägen von 9/11 präsent. US-Präsident Donald Trump hat mit einem ganzen oder teilweisen Abzug der US-Truppen gedroht. Klar ist, dass die Deutschen nicht vor den Amerikanern gehen – aber dass sie auch nicht ohne den amerikanischen Schutz bleiben können.
All das muss einen deutschen Botschafter in Pakistan bewegen. Bereits vier Mal hat er sich in Berlin mit seinem Kollegen aus Pakistan getroffen. In Islamabad gilt dann: „Wir als Diplomaten müssen das Inland ins Ausland übersetzen … wir müssen Deutschland erklären.“

Das mag umso leichter fallen, als sich nach Schlaghecks Einschätzung das Auswärtige Amt von heute „den gesellschaftlichen Realitäten angepasst hat“. 1985 aber sei es „ein Spiegelbild der bürgerlichen Klasse“ gewesen. Der Wandel kam mit der Ära Genscher, analysiert er. Natürlich arbeiteten Diplomaten unter Sonderbedingungen, aber immer noch gilt: „Wir sind Beamte und nicht Politiker“, obwohl man in dem Beruf „auch etwas Schaustellerhaftes haben“ müsse. Das Publikum will unterhalten werden? Schlagheck liebt Theater, privat, als Hobby.

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