• Die Politik im Corona-Dilemma : Eine Naturgewalt schert sich nicht um unsere Gerechtigkeit

Die Politik im Corona-Dilemma : Eine Naturgewalt schert sich nicht um unsere Gerechtigkeit

Solange wir Natur nicht beherrschen, ist sie uns überlegen. Das macht das Entscheiden doppelt schwer. Ein Kommentar zur Politik in der Corona-Krise.

Corona-Test-Einrichtung in Berlin
Corona-Test-Einrichtung in BerlinFoto: dpa/Britta Pedersen

Zu den unangenehmen Erfahrungen, die Bürger, Politik und Wirtschaft in der Corona-Krise machen, gehört die, dass die Natur sich nicht einfach lenken lässt. Theoretisch weiß das natürlich jeder. Praktisch haben wir uns recht gemütlich in dem Glauben eingerichtet, dass Umwelt uns im Ernst nichts mehr anhaben kann. Ein Sturmschaden hier, ein paar geflutete Keller da, ein Vulkan, der kurz den Flugverkehr lahmlegt und die Kanzlerin zu lustigen Umwegen zwingt – alles rasch repariert und vergessen. Seuchen? In Afrika, in Hinterasien, doch nicht hier!

Nun sollte man meinen, dass das Coronavirus diese frohgemute Sichtweise erschüttert hätte. Aber nach dem ersten Schreck macht sich zunehmend das alte Denken breit. Dass das Virus als Naturkatastrophe in eine Kategorie existenzieller Herausforderungen fällt, die gegen menschliche Wünsche, Werte und Regelwerke blind und taub sind, gerät aus dem Blick.

Das wäre nicht schlimm, ginge es nur um eine philosophische Frage. Aber der schiefe Blick auf das Virus verzerrt in gefährlicher Weise die Debatte über den richtigen Umgang mit ihm.

[Alle aktuellen Entwicklungen in Folge der Coronavirus-Pandemie finden Sie hier in unserem Newsblog. Über die Entwicklungen speziell in Berlin halten wir Sie an dieser Stelle auf dem Laufenden.]

Das beginnt nicht zufällig mit einem beinahe kollektiven Missverständnis dessen, was Wissenschaft leisten kann. Sie wird zugleich über- und unterschätzt. Im Normalbetrieb gelten Naturforscher als Dienstleister des Fortschritts mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass sie uns die lästigen Aspekte der Conditio humana vom Hals halten – Krankheit, Hunger.

Politiker bedienen sich ihrer Erkenntnisse, wenn sie ihnen passen, und schieben Unbequemes beiseite. Klimaforscher kennen das. Ihre Hauptgegner sind nicht Klimaleugner, sondern sanfte Abwiegler: Ach, wird schon nicht so schlimm!

Dieser Mechanismus greift auch jetzt. Er findet seine Scheinrechtfertigung darin, dass die Wissenschaft über das Virus noch wenig weiß. Befunde sind vorläufig, manche widersprüchlich. Das ist nicht ideal, aber alles, was wir haben. Forschung ist Erkenntnisprozess, mit Betonung auf Prozess.

Schade, dass Viren nicht sarkastisch kichern können

Wer als Bürger, Politiker, auch als Richter Grundlagen für Entscheidungen sucht, kommt damit nur schlecht zurecht. Dass mancher Professor im Talkshowsessel mit fester Stimme Gewissheiten verkündet, die bestenfalls auf wackeligen Beinen stehen, macht die Sache nicht besser.

So wächst die bequeme Neigung, sich aus den Befunden die passenden herauszupicken oder Wissenschaft gleich auszublenden. Beides wird umso verlockender, je mehr die Zahlen suggerieren, dass alles halb so schlimm sei. Zweite Welle? Sehen Sie eine? Na also.

Verfassungsrichter in Saarbrücken und Oppositionsführer im Bundestag führen sich prompt als die besseren Epidemiologen auf. Bei Lockerungen wird nicht mehr diskutiert, was sie für die Ausbreitung der Pandemie bedeuten könnten, sondern über Gerechtigkeit verhandelt: Der Laden darf öffnen, das Kaufhaus nicht – ungerecht!

Schade, dass Viren nicht sarkastisch kichern können. Der Rückfall in den politischen, juristischen, menschlichen Alltagszustand ist ja verständlich. Aber eine Naturgewalt schert sich nicht um unsere Gerechtigkeit. Jede Abwägung zwischen den Maßnahmen, um diese Gewalt zu bremsen, und den Anliegen der Bürger, ihrer Gesellschaft und ihrer Wirtschaft muss dieses Machtgefälle berücksichtigen. Solange wir Natur nicht beherrschen, ist sie uns überlegen.

Für die, die abwägen müssen zwischen den Schäden ohne und denen mit Lockdown, macht das Entscheidungen doppelt schwer. Tückischerweise fallen Fehler erst auf, wenn es zu spät ist, um sie ohne hohe – menschliche wie ökonomische – Zusatzkosten zu korrigieren. Andererseits – daraus entsteht fast von selbst ein Leitfaden.

Jeder Schritt kann einer zu viel sein oder einer zu wenig. Sich im Dunkeln voranzutasten und zugleich darauf zu bauen, dass die Wissenschaft zusehends Licht hineinbringt, muss im Ergebnis selbst für die Wirtschaft keine schlechtere Strategie sein als ein forscher Stolperschritt.

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