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Der Tisch "Neron" von Monica Förster.
© Zanat

Design aus Bosnien: Die Schnitzer von Konjic

Mit einer über hundert Jahre alten Technik verbindet das bosnische Label Zanat Tradition und Moderne.

Von Rolf Brockschmidt

Von Nahem sieht die Oberfläche beinah aus wie die Akustikwand der Hamburger Elbphilharmonie. Wabenartig, nur nicht ganz so regelmäßig überziehen Mulden das Sideboard aus der „Touch Collection“ der britischen Designerin Ilse Crawford. Das dreitürige Möbel ist komplett mit dieser Struktur verziert; es fordert geradezu zur Berührung heraus – „Touch“ me! Doch wie funktioniert diese faszinierende Oberfläche? Kippen abgestellte Gläser aufgrund der kleinen Einkerbungen nicht viel zu leicht um?

Keineswegs, denn die Mulden sind fein genug, um in ihrer Gesamtheit trotzdem eine ebene Oberfläche zu ergeben. Passend dazu gibt es einen langen, an den Enden abgerundeten Tisch mit X-Beinen sowie zwei Hocker – einer mit ovaler, einer mit halbkreisförmiger Sitzfläche. Alles aus massivem Holz, alles auf die gleiche Art und Weise eingekerbt. Fast archaisch muten Crawfords schlichte Stehlampen an, deren gerader Schirm auf einer runden Holzsäule ruht, mal schlank und hoch, mal breit und niedrig. Fast wirkt der Holzkorpus wie ein Baumstamm mit rauer Rinde – dank der Einkerbungen, die charakteristisch sind für diese Kollektion.

Die ersten Stücke entwarf die Britin bereits 2016 für das Label Zanat aus Bosnien. Crawford war fasziniert von den handwerklichen Fertigkeiten der dortigen Holzschnitzer. Deren spezielle Technik ist dann auch die Basis für den raschen Erfolg des noch jungen Labels. Seit Ende vergangenen Jahres zählt sie sogar zum immateriellen Weltkulturerbe der Unesco. Damit sind diese Möbel nun endgültig geadelt.

Jede Familie hatte ihre eigenen Muster

Ende des 19. Jahrhunderts stieß Gano Niksic, der Urgroßvater der beiden Zanat-Gründer, in einem kleinen Dorf bei Konjic südlich von Sarajevo auf eine alte Holzschnitztechnik, die ihn faszinierte. Er lernte sie rasch. Und er merkte, dass die feinen Einkerbungen auf der Holzoberfläche unzählige Dekormöglichkeiten zuließen. Die Technik gab er an seinen Sohn Adem weiter, der alsbald begann, Möbel herzustellen, die mit den Einkerbungen verziert wurden. Die österreichisch-ungarische Regierung, die bis 1914 über das Gebiet herrschte, erkannte ebenfalls das Potenzial des Verfahrens und vergab Stipendien an weitere Handwerker, die es in Sarajevo lernten.

1919 eröffnete Adems Bruder Salih eine Werkstatt, die er Rukotvorine (Handwerk) nannte; aus dem Hobby des Vaters wurde ein Beruf. 1927 übernahm sie Adem Niksic und begann, dort Luxusmöbel herzustellen, die mit einem Mix aus osmanischen und europäischen Dekors verziert wurden. Vor allem Blumen und Blätter waren damals beliebt, jede Firma, jede Familie hatte ihren eigenen Stil und ihre eigenen Muster.

Gebrüder Mukerem und Besim Niksic bei der Arbeit.
Gebrüder Mukerem und Besim Niksic bei der Arbeit.
© Zanat

Der Erfolg des Unternehmens nach dem Ersten Weltkrieg ließ weitere Werkstätten in Konjic entstehen, in denen man die Technik praktizierte. So wurde der Ort allmählich zum Mekka der bosnischen Holzschnitzer. Das verträumte Städtchen an den Ufern der Neretva mit seiner charakteristischen römischen Brücke erlebte dank der Möbelindustrie einen wirtschaftlichen Aufschwung.

Doch der Zweite Weltkrieg bereitete dieser Entwicklung ein Ende, und im kommunistischen Jugoslawien hatte es die Familie schwer, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Alle privaten Firmen wurden geschlossen; fast wäre die Holzschnitzerei zum Erliegen gekommen. Doch Adems Söhnen Mukerem und Besim gelang es in den 1950er-Jahren, die Produktion in kleinerem Maßstab fortzusetzen. Das Ende des Sozialismus mündete in die Jugoslawienkriege und versetzte der Entwicklung der Firma erneut einen schweren Schlag.

Junge Menschen sollen das Metier fortführen

Mit dem Abkommen von Dayton endete 1995 offiziell der Bosnienkrieg – und Besim Niksic eröffnete den Betrieb wieder unter dem alten Namen Rukotvorine. Seine Söhne Adem und Orhan stiegen ein und brachten ihre Ideen zu modernem Design mit. Warum nicht Designer mit den Möglichkeiten der traditionellen Handwerkskunst in Verbindung bringen? „Manulution“ nennen sie das – eine Revolution fachkundiger Handwerkskunst.

Mit den ersten Produkten traten sie 2011 und 2012 auf der Kölner Möbelmesse auf und erregten mit der ungewöhnlichen Oberflächenbearbeitung Aufmerksamkeit. Für diese neuen Ideen gründeten sie mit Hilfe internationaler Freunde das Label Zanat.

Die Brüder wollen nicht nur schöne Designermöbel auf Basis der Konjic-Technik entwickeln und verkaufen, sondern in Bosnien-Herzegowina – dem Land mit der höchsten Arbeitslosigkeit in Europa – nachhaltige Arbeitsplätze schaffen.

Wenn das Label Erfolg haben soll, braucht es kundige Handwerker. Daher bildet Zanat zur Zeit 15 junge Menschen in der alten Holzschnitzkunst aus. „Man braucht viele Jahre, um dieses Handwerk zu lernen und wahrscheinlich wird man es erst gegen Ende seines Lebens meisterhaft beherrschen“, sagte einer der Brüder in einem Interview. Für seine Möbel nutzt das Unternehmen Harthölzer aus der Region aus nachhaltigem Anbau.

Bosnische Tradition und nordisches Design

Eines der ersten Produkte von Adem Niksic.
Eines der ersten Produkte von Adem Niksic.
© Zanat

Diese Unternehmensphilosophie überzeugt scheinbar auch die Designer, die nun mehr und mehr für Zanat arbeiten. Zum Teil orientiert man sich an klassischem skandinavischen Design. So hat der Finne Harri Koskinen aus seinem Sessel „Igman“ heraus den „Igman Dining Chair“ entwickelt: In einem Gestell aus runden Holmen ruhen – leicht schräg gestellt – Rückenlehne und Sitzfläche. Sie bestehen wahlweise aus 2,2 Millimeter dickem Sattelleder oder Stoffen der Textilmanufaktur Kvadrat.

Der Stuhl ist aus Ahorn (natur oder schwarz gefärbt) sowie Esche (natur oder weiß gefärbt) erhältlich. Der Clou sind die handgeschnitzten Verzierungen an Arm- und Rückenlehnen. So finden bosnische Tradition und nordisches Design zusammen.

Der schwedische Designer und Architekt Gert Wingårdh, von dem auch der Entwurf für die Schwedische Botschaft in Berlin stammt, entwarf zusammen mit Sara Helder den stapelbaren, wahlweise drei- oder vierbeinigen Hocker „Tattoo“, dessen Beine durch die Absätze von High Heels inspiriert sind. „Tätowiert“ wird er mit grafischen Mustern von Jennie Stolpe: Aus dem rot oder schwarz gefärbten Holz wird die Verzierung mit feinen Beiteln herausgeschnitten.

Die Stühle "Unna" von Monica Förster sind stapelbar und auf der Rückenlehne diskret verziert.
Die Stühle "Unna" von Monica Förster sind stapelbar und auf der Rückenlehne diskret verziert.
© Zanat

Die Beine sind sichtbar in die Sitzfläche eingelassen. Die Muster bestehen entweder aus fein verschlungenen Linien, wie man sie von klassischen Tattoos kennt, oder aus eher traditionellen Mustern. Die schwarze Version des Hockers ist mit geheimnisvollen Symbolen „tätowiert“, die an Stammeszeichen erinnern – ein ungewöhnliches Möbel. „Mir ist die Idee einfach so gekommen“, sagt Wingårdh, „und ich wusste recht schnell, dass der Hocker nur so aussehen kann, wie er jetzt aussieht.“

Mit der Konjic-Technik sind erstaunliche Effekte möglich

Ein gutes Beispiel für „Manulution“ – also die Verknüpfung von traditionellem Handwerk und modernem Design – ist der Lounge-Stuhl „DAMA-T“ von Ludovica und Roberto Palomba. Zwei breite, leicht gebogene Massivholzschalen ergeben Sitzfläche und Rückenlehne, die entweder in Natur oder schwarz gestrichen geliefert werden. Beide Versionen sind an den Rändern von Sitz und Lehne mit einem breiten Muster verziert, das aus abgerundeten, beinahe quadratischen Trapezen besteht; ein großer handwerklichen Aufwand. Für das Dessin musste eigens ein besonderes Werkzeug entwickelt und hergestellt werden. In der schwarz-weißen Kombination hat das Muster eine fast textile Wirkung, die zeigt, welch erstaunliche Effekte mit der Konjic-Technik möglich sind. In der Naturversion wirkt es dezenter, da die Kontraste nicht so stark sind.

Ein weiteres wunderbares „Schnitzstück“ aus dem Hause Zanat ist der Esszimmerstuhl „Sana“ der schwedischen Designerin Monica Förster. Er besticht durch die elegant geschwungene Rückenlehne, die in schräg gestellte Beine mündet. Sie ist in der Hellholz-Varinate mit einem Muster aus sich kreuzenden Linien verziert, während die schwarze Version raffinierte, parallel geführte Rillen aufweist.

Allein für die Verzierung der Lehne braucht ein geübter Handwerker nach Angaben von Zanat rund fünf Stunden. Und auch, wenn das Muster im Prinzip stets das gleiche zu sein scheint: Durch die aufwendige Handarbeit wird jedes Möbelstück zum kleinen Unikat.

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