Die Schulz-Story : Warum die SPD dieses Buch lesen muss

Markus Feldenkirchens Buch über Martin Schulz ist ein verstörendes Lehrstück über Politik und die Ohnmacht der Traditionspartei SPD. Ein Kommentar.

Er wird nicht größer, aber man versteht ihn besser. Der ehemalige Kanzlerkandidat Martin Schulz.
Er wird nicht größer, aber man versteht ihn besser. Der ehemalige Kanzlerkandidat Martin Schulz.Foto: Tobias Schwarz/AFP

Frank Schirrmacher, verstorbener Mitherausgeber der FAZ, hat nicht nur wichtige Debatten angestoßen, sondern hatte auch ein Händchen für seine Gastautoren. Im Februar 2014 dekliniert im FAZ-Feuilleton ein gewisser Martin Schulz die Zukunftsaufgaben der Sozialdemokratie angesichts der digitalen Revolution durch. Er warnt vor der Ökonomisierung aller Lebensbereiche und davor, dass der freie Mensch zum determinierten und quantifizierten Menschen werde. Cambridge Analytica kannte er da wohl noch nicht. Schulz sieht in der Digitalisierung eine Herausforderung für seine Partei: „Wie Ende des 19. Jahrhunderts wird eine soziale Bewegung gebraucht, die die Unverletzlichkeit der menschlichen Würde ins Zentrum ihrer Überlegungen stellt…“

Nun ist Martin Schulz Geschichte im politischen Alltag. Aber an diesem Montag erscheint das Buch „Die Schulz-Story. Ein Jahr zwischen Höhenflug und Absturz.“ Und wenn Parteien, nicht nur die SPD, etwas für die Zukunft lernen wollen, dann lohnt dieser Rückblick allemal. Das Buch ist keineswegs eine nur aufgemotzte Version der preisgekrönten Reportage von „Spiegel“-Autor Markus Feldenkirchen. Fehlte der grandiosen, weil dicht erzählten Reportage noch Analyse und ein größerer Zusammenhang, macht das Buch diese Schwäche wett. Es gelingt nun die Einordnung, weil die Erzählung über Schulz hinausschaut; und dabei die politischen Zustände beschreibt, den Zynismus von Macht und politischer Kumpanei offenlegt und veranschaulicht, wie unerhört unprofessionell eine Volkspartei agieren kann, dass es beim Lesen körperlich schmerzt.

Die Offenheit, mit der Schulz Feldenkirchen begegnete – vielleicht hoffte er, es werde ein Mann auf seinem Triumphzug beschrieben – hatte angesichts seines Scheiterns eine logische Folge: Es brannte sich das Bild eines Verlierers ein, naiv und unentschlossen. Feldenkirchen schreibt: „Wer seine intellektuelle Dimension seiner Persönlichkeit einmal erlebt hatte, konnte sich nur wundern, wie sehr sie in diesem Wahlkampf von einer deftigen Würselensoße ertränkt wurde… Schulz wirkte in dieser Kampagne schlichter als er ist…“ Das Buch macht ihn nicht größer, seine Lage nur verständlicher.

Niemand weiß, was zu geschehen habe

Nach der historischen Niederlage der SPD ist schon erörtert worden, worin die Fehler lagen: fehlende Vorbereitung, fehlende Kampa, fehlende Erzählung, fehlende Verbindung von Person und Thema. Doch dass es – nach den Erfahrungen von 2009 bis 2013 – überhaupt wieder zu einer solchen Stümperei kommen konnte, sagt viel aus über die Strukturen und internen Machtkämpfe der SPD. Schulz weiß seit Sommer 2016, dass sein Freund Sigmar womöglich nicht antritt – aber der entscheidet sich nicht. Erst im Januar erklärt sich ihm Gabriel. Niemand in der Partei weiß, was nun zu geschehen habe.

Mehr zum Thema

Feldenkirchen erinnert an eine Analyse des Kampagnenprofis Frank Stauss aus dem Jahr 2014, die Gabriel selbst beauftragt hatte. Stauss schreibt seiner eigenen Partei ins Stammbuch, dass beim Wähler „Kontinuität ein zentraler Erfolgsfaktor“ sei, „eine funktionierende Kampagne zu fahren, ist heute noch Ausweis für Regierungskompetenz“. Es gebe nur eine Mindestanforderung, die man nicht vermasseln dürfe: die „Ernennung des Kanzlerkandidaten“. Es gibt für Schulz keine vorbereitete Kampa – die von Gabriel beauftragte Agentur hatte sich nur auf ihn konzentriert.

Seite 1 von 2 Artikel auf einer Seite lesen
Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!