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Ein Styropor-Behälter zum Transport von zur Transplantation vorgesehenen Organen.
© dpa

Es fehlen Nieren, Herzen, Lebern: Die Zahl der Spenderorgane bricht nach der Coronakrise ein

In Deutschland blieb die Zahl der Spenderorgane in der Pandemie vergleichsweise stabil. Nun zeichnet sich ein besorgniserregender Trend ab. Was tun?

In Deutschland warten 8500 Männer, Frauen und Kinder auf ein lebenswichtiges Spenderorgan. Zugleich gibt es weniger Spenderorgane. Das geht aus Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) hervor – die DSO appelliert zum Tag der Organspende am 4. Juni an die Bundesbürger, sich intensiver mit dem Thema zu befassen.

Um Lebendspenden kümmern sich die Transplantationszentren der Kliniken, der DSO geht es um postmortal entnommene Organe. Und das waren im ersten Quartal 2022 bundesweit knapp 180 Organspenden, 30 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Im April und Mai, berichten einzelne Ärzte aus Berlin, habe sich der Trend fortgesetzt.

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Womöglich, sagte ein Berliner Krankenhausleiter, habe die Flaute damit zu tun, dass es sowohl im Gesundheitswesen als auch im allgemeinen öffentlichen Bewusstsein derzeit um „so viel anderes“ gehe: Ukraine-Krieg, Inflation, Wohnungsnot.

Noch für 2021 stimmten Zahlen jedenfalls viele Mediziner zuversichtlich: Die Organspenden waren trotz Coronakrise auf dem Niveau von 2019 geblieben. In der Omikron-Welle zur Jahreswende 2022 fielen dann infektionsbedingt viele Ärzte und Pflegekräfte aus. Auch dies könnte dazu beigetragen haben, dass in den Kliniken weniger Organe entnommen wurden. Organe von mit Corona infizierten Verstorbenen waren für eine Spende ohnehin ausgeschlossen.

Ärzte greifen auch auf Lebendspenden zurück. So wie im Fall von Nora Northmann. Die Berliner Grafikdesignerin hatte im Jahr 2017 ihrem Mann eine ihrer Nieren gespendet. Northmann stellt am Samstag in der "Brotfabrik" in Berlin-Weißensee ihren autobiografischen Roman "Zum Glück genügt die Hälfte" vor.

Postmortale Organspenden im ersten Quartal der jeweiligen Jahre.
Postmortale Organspenden im ersten Quartal der jeweiligen Jahre.
© dpa/BündnisProTransplant/obs

In Berlin war die Zahl der Organspender und der gespendeten Organe schon im zweiten Pandemiejahr gesunken. 2021 wurden 49 Spendern nach ihrem Tod Organe entnommen, 2020 waren es 52 Spender und 2019 noch 55 Spender, wie die DSO mitteilte. Dabei sank auch die Zahl der gespendeten Organe: von 165 im Jahr 2019 auf 135 im Jahr 2021.

Autorin Northmann appellierte vor dem Tag der Organspende daran, sich vor allem um einen Organspendeausweis zu kümmern. Circa 44 Prozent der Deutschen haben ihre Bereitschaft, im Todesfall ein Organ entnehmen zu lassen, im Organspendeausweis oder einer Patientenverfügung dokumentiert. So wissen Ärzte im Notfall, ob sie einem Verstorbenen bestimmte Organe entnehmen dürfen oder nicht.

Krankenhäuser müssen Organspende-Beauftragten beschäftigten

Diese Zahl ist höher als vor einigen Jahren, den meisten Fachleuten jedoch nicht hoch genug. Der Bundestag hatte 2019 die gesetzliche Einführung einer Widerspruchslösung abgelehnt, durch die sich Gesundheitsexperten höhere Spenderzahlen erhofft hatten.

Dann nämlich hätte eine Organentnahme explizit abgelehnt werden müssen, sonst wären im Todesfall für andere Patienten benötigte Organe entnommen worden. In Deutschland darf also wie bislang nur derjenige Verstorbene auch Organspender sein, der dem ausdrücklich noch zu Lebenszeiten zugestimmt hat.

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Die Krankenhäuser müssen einen Organspende-Beauftragten beschäftigten. Diese Ärzte sollen mögliche Spender identifizieren und das Klinikpersonal entsprechend fortbilden. Nach Tagesspiegel-Informationen stellen aber nicht alle Krankenhäuser ihre Beauftragten trotz anderslautender Gesetzeslage für diese Arbeit frei.

Auf der Warteliste vermerkt sind überwiegend Nieren, es folgen Leber und Herz. Dass die Bundesbürger die Organspende allgemein als sinnvoll erachten, zeigen Daten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: 84 Prozent der Befragten bewerten Organ- und Gewebespenden also positiv, vor zehn Jahren waren es 78 Prozent.

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