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Drohung gegen Kapitänin : Carola Rackete bleibt zunächst an unbekanntem Ort in Italien

Gegen Rackete soll es Drohungen gegeben haben, sagt ein Sprecher von "Sea-Watch". Zuvor hatte sich die Kapitänin erleichtert über ihre Freilassung geäußert.

"Sea-Watch"-Kapitänin Carola Rackete.
"Sea-Watch"-Kapitänin Carola Rackete.Foto: Federico Gambarini/dpa

Die deutsche Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete befindet sich an einem unbekannten Ort. Dies teilte der Sprecher der Hilfsorganisation Sea-Watch, Ruben Neugebauer, der Nachrichtenagentur AFP am Mittwoch mit. Aufgrund der zahlreichen Drohungen gegen die 31-Jährige werde ihr Aufenthaltsort nicht bekanntgegeben.

"Es gab einige generelle Drohungen gegen Carola", sagte ein Sprecher der Hilfsorganisation Sea-Watch am Mittwoch. "Deshalb haben wir sie an einen geheimen Ort gebracht. Über ihre weiteren Reisepläne werden wir uns nicht äußern."

Ein Gericht in Sizilien hatte am Dienstag den Hausarrest gegen Rackete aufgehoben. Rackete äußerte sich nach der Entscheidung erleichtert.

Rackete wird nach Angaben ihres Vaters „nicht ganz so schnell“ nach Deutschland zurückkommen. Sie habe in ihrem neuen Domizil gut geschlafen und wolle für die zweite Anhörung in Italien bleiben, sagte Ekkehart Rackete aus Hambühren (Landkreis Celle) am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Zuvor hatte es geheißen, die Kapitänin habe Italien bereits verlassen.

Die Entscheidung der italienischen Richterin vom Dienstagabend sei ein Sieg für die Solidarität mit allen Menschen auf der Flucht und gegen die Kriminalisierung von Helferinnen und Helfern in vielen Ländern Europas, erklärte die 31-Jährige in einer ersten Reaktion, die die Hilfsorganisation Sea-Watch im Kurznachrichtendienst Twitter verbreitete.

In einem getrennten Verfahren wird Rackete überdies Beihilfe zur illegalen Einwanderung vorgeworfen. Darum soll es bei einer weiteren Anhörung am 9. Juli gehen.

Rackete war am Samstag festgenommen und unter Hausarrest gestellt worden, weil sie die „Sea-Watch 3“ mit 40 Flüchtlingen an Bord unerlaubt in den Hafen der Insel Lampedusa gesteuert hatte. Die Festnahme der Kapitänin stieß vielfach auf Empörung.

Nach Angaben von Sea-Watch betonte die Richterin, dass der Entschluss Racketes notwendig war, den Hafen von Lampedusa als nächsten sicheren Ort anzulaufen. Libyen und Tunesien könnten nicht als sichere Ziele angesehen werden.

Italiens einwanderungsfeindlicher Innenminister Matteo Salvini reagierte erbost auf den Richterspruch und kündigte die Ausweisung Racketes an. Er wolle Rackete nach Deutschland ausweisen lassen, da sie "die nationale Sicherheit gefährdet", sagte Salvini am Dienstagabend.

"Ein wichtiges Signall"

"Wir begrüßen sie sehr, diese Freilassung von Frau Rackete", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch in Berlin. "Wenn weitere Vorwürfe gegen sie im Raum stehen, müssen sie auf rechtsstaatlichem Wege geklärt werden", sagte er. Die Bundesregierung werde den Fall "weiter sehr aufmerksam verfolgen". Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte, es sei "natürlich vollkommen inakzeptabel", dass Rackete sich aufgrund von Drohungen verstecken müsse.

Auch Politiker von Grünen und Linken begrüßten die Freilassung der Kapitänin. Linken-Chefin Katja Kipping sprach am Mittwoch von einem "Sieg für Rechtsstaat und Menschlichkeit". Sie verwies aber zugleich auf das weitere Verfahren gegen die Kapitänin. "Es ist zu erwarten, dass es nicht der letzte Versuch der Kriminalisierung von Seenotretterinnen und -rettern ist", erklärte Kipping.

Die flüchtlingspolitische Sprecherin der Grünen, Luise Amtsberg, erklärte, es sei "ein wichtiges Signal", dass die italienische Untersuchungsrichterin zu dem Ergebnis gekommen sei, "dass die Einfahrt in den Hafen durch die Notlage an Bord gerechtfertigt und notwendig war". Rackete habe zudem "zu jedem Zeitpunkt dieses Rettungseinsatzes besonnen gehandelt". In dem Umstand, dass der Kapitänin weiterhin strafrechtliche Konsequenzen dafür drohten, dass sie Menschenleben gerettet habe, zeigten sich "die Abgründe der gegenwärtigen europäischen Flüchtlingspolitik".

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, reagierte "mit Freude und Erleichterung" auf die Freilassung Racketes. Dies sei "ein Punktsieg für Rechtsstaatlichkeit und Menschlichkeit" und ein "ermutigendes Zeichen, dass bestimmte Grundorientierungen, die für das Recht überall in Europa verbindlich sind, nicht zur Disposition stehen". Wie Grüne und Linke forderte auch er einen europäischen Verteilmechanismus für Flüchtlinge. (Reuters,epd,AFP)

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