Ein Drittel mehr Pflegekräfte gebraucht : In Heimen fehlen rund 100.000 Hilfskräfte

In den Pflegeheimen kann die Fachkraftquote ruhig sinken, meinen Wissenschaftler. Nötig sind dort vor allem deutlich mehr Hilfskräfte.

Hilfe beim Anziehen. Aus Expertensicht fehlen in den Pflegeheimen vor allem Assistenzkräfte.
Hilfe beim Anziehen. Aus Expertensicht fehlen in den Pflegeheimen vor allem Assistenzkräfte.Foto: epd

Um die Pflegebedürftigen in Deutschlands Heimen angemessen zu versorgen und eine Überlastung des vorhandenen Personals zu verhindern, müsste die Zahl der Pflegekräfte dort um mehr als ein Drittel aufgestockt werden. Das ist einer Studie von Wissenschaftlern um den Bremer Pflegeforscher Heinz Rothgang zu entnehmen, in der erstmals die in Pflegeheimen erforderlichen Personalschlüssel berechnet wurden.

Allerdings beträfe die notwendige Personalaufstockung fast ausschließlich Hilfskräfte. Die bisher übliche Fachkraftquote von rund 50 Prozent könnte – abhängig von der Pflegegrad-Struktur der Heimbewohner – teilweise stark sinken. 

Entscheidend für bessere Pflege ist dem Gutachten zufolge vor allem eine weit stärker auf die Bewohnerstruktur zugeschnittene Personalmischung. Während man etwa für Schwerstpflegebedürftige einen Fachkräfteanteil von 65 Prozent benötige, genügten beim Pflegegrad Zwei bereits 20 Prozent, so die Experten. Für Heime mit durchschnittlichem Pflegegradmix empfehlen sie eine Fachkraftquote von 38 Prozent.

Mehr Fachkräfte für schwere Fälle, weniger für die leichten

Daraus abgeleitet sind die empfohlenen Pflegeschlüssel. Generell müsse die Zahl der Beschäftigten pro Heimbewohner steigen – aber eben nicht einheitlich, sondern nach Bedarf. Im Pflegegrad Fünf, also für die schwersten Fälle, dürften auf eine Fachkraft künftig nur noch 1,8 Pflegebedürftige kommen, verlangen die Wissenschaftler. Bisher sind es 3,9 Pflegebedürftige, nötig wären hier also mehr doppelt so viele Fachkräfte. Beim Pflegegrad Zwei dagegen genüge ein Verhältnis von 1:18,1. Bisher betreut hier eine Fachkraft im Schnitt nur 8,1 Personen. Umgekehrt werden für leichte Fälle deutlich mehr Assistenzkräfte empfohlen. Beim Pflegegrad Eins etwa müsse das bisherige Verhältnis von 1:12,3 auf 1:4,6 steigen, heißt es in der Studie. 

Eine Pflegekraft geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor.
Eine Pflegekraft geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor.Foto: dpa/Christoph Schmidt

Entsprechend differenzieren die Wissenschaftler auch beim Personalmehrbedarf. Die Zahl der Assistenzkräfte mit ein- bis zweijähriger Ausbildung müsste ihrer Rechnung zufolge um satte 69 Prozent steigen, was rund 100.000 zusätzlichen Beschäftigten entspräche. Bei Fachkräften mit dreijähriger Ausbildung sei nur ein Anstieg um 3,5 Prozent nötigDie Differenzierung hat für die Heimbetreiber den Charme, dass die sogenannten Assistenzkräfte auf dem Arbeitsmarkt wohl deutlich leichter aufzutreiben sind.

Bundesverband: Nötige 100.000 Hilfskräfte seien „zu finden“

Bei den höher qualifizierten Fachpflegekräften kämen auf 100 offene Stellen grade mal 38 Arbeitssuchende, berichtete der Vorstandsvize des GKV-Spitzenverbandes, Gernot Kiefer, unter Hinweis auf jüngste Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Bei den Pflege-Hilfskräften seien es 322. Entsprechend optimistisch gaben sich die Heimbetreiber. Die nötigen 100.000 Assistenzkräfte seien „zu finden“, sagte Bernd Meurer, der Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) – „wenn auch vielleicht nicht in jedem Ballungszentrum und nicht im nächsten halben Jahr“.

„Vor allem müssen wir die Hetze rausnehmen“

Weit schwieriger als die Rekrutierung solcher Hilfspflegekräfte sei die Herausforderung der gebotenen, neuen Rollenverteilung, sagte Meurer. Die Fachkräfte müssten „lernen, endlich mal ihre Finger von der Bettwäsche zu lassen“ und sich stärker als bisher auf das Anleiten und Organisieren der einfacheren Tätigkeiten in den Heimen zu konzentrieren. Die Chance, die darin liege, sei aber auch, dass der Beruf der Pflegefachkraft durch die Beschränkung auf qualifiziertere Tätigkeiten deutlich attraktiver werde.

Entscheidend sei nun, wann und wie die Länder reagierten, die ja für Personalschlüssel und Ausbildung von Assistenzkräften zuständig seien, so Meurer. „Von denen müssen jetzt klare Signale kommen.“ 

Für die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege verwies Maria Loheide von der Diakonie darauf, dass die Umsetzung der Vorschläge gleichwohl nur „ein Schritt von mehreren wichtigen“ sein könne, um den Pflegenotstand zu bewältigen. „Vor allem müssen wir die Hetze rausnehmen“, sagte sie unter Hinweis auf den Arbeitsalltag vieler Beschäftigter. 

Bessere Bezahlung und Gesundheitsförderung notwendig

Hinzukommen müssten auch bessere Bezahlung und mehr Gesundheitsförderung. Zudem sei die Umsetzung der Vorschläge nicht von heute auf morgen möglich. Eine Dekade müsse man dafür wohl veranschlagen.

Er hoffe nun darauf, dass nicht wieder „der übliche Alarm“ über den „Anfang vom Ende der Fachlichkeit“ in der Pflege geschlagen werde, sagte Meurer. Die Grünen stießen schon mal in dieses Horn. „Wir müssen aufpassen, dass anspruchsvolle Fachpflege nicht an Hilfspersonal ausgelagert wird“, sagte deren Fraktionsexpertin Kordula Schulz-Asche.  „Das Bundesgesundheitsministerium wäre gut beraten, nicht am Reißbrett über eine Neuaufteilung der Tätigkeiten zu befinden, sondern in der Umsetzung auch auf die fachkundige Expertise vor allem der Pflegekammern als pflegerische Selbstverwaltungsorgane zurückzugreifen.“

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!