• Einsparung von 145 Euro möglich: Ohne Privatversicherungen würden die Kassenbeiträge sinken

Einsparung von 145 Euro möglich : Ohne Privatversicherungen würden die Kassenbeiträge sinken

Gutverdiener, Beamte und Selbstständige dürfen sich privat versichern. Das kommt die Mitglieder gesetzlicher Kassen teuer, wie eine Studie zeigt.

Privatpatienten haben in manchen Praxen Priorität.
Privatpatienten haben in manchen Praxen Priorität.Foto: imago/Westend61

Wenn alle Bürger gesetzlich krankenversichert wären, würden die Kassen pro Jahr rund neun Milliarden Euro mehr einnehmen als bisher – und der Beitragssatz für alle könnte um bis zu 0,7 Prozentpunkte sinken. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Berliner IGES-Instituts im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, die heute veröffentlicht werden soll.

Im Schnitt brächte demnach die Abschaffung des dualen Krankenversicherungssystems - im politischen Jargon Bürgerversicherung genannt - jedem bisherigen Kassenmitglied und seinem Arbeitgeber zusammen eine Ersparnis von 145 Euro im Jahr. Und selbst, wenn den Ärzten die Mehreinnahmen durch Privatversicherte komplett ausgeglichen würden, bliebe den Mitgliedern von AOK, Barmer & Co. unterm Strich noch ein Plus von 48 Euro.

PKV-Mitglieder verdienen 57 Prozent mehr

Zurückzuführen ist dieser Effekt vor allem auf das deutlich höhere Einkommen der insgesamt 8,7 Millionen Mitglieder der privaten Krankenversicherung (PKV). Der Studie zufolge liegt es im Schnitt um knapp 57 Prozent über dem der Mitglieder von gesetzlichen Krankenkassen – was wegen des hohen Anteils gut betuchter Beamten und Selbständigen in der PKV nicht verwundert. Kommen die Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) pro Person auf beitragspflichtige Jahreseinnahmen von durchschnittlich 24.149 Euro, sind es bei den PKV-Mitgliedern 37.858 Euro. 

Wegen ihres einkommensbezogenen Beitragssystems hätte die GKV von einer Einbeziehung der bisherigen PKV-Kundschaft aber nicht nur höhere Einnahmen zu erwarten. Sie bekäme auch gesündere Versicherte. Zwar gehen PKV-Versicherte den Statistiken zufolge nur geringfügig seltener zum Arzt als GKV-Versicherte (2,3 mal in den vergangenen drei Monaten statt 2,5 mal). Einen großen Unterschied gibt es aber bei der stationären Behandlung: 23 Prozent der gesetzlich Versicherten schlagen mindestens einmal pro Jahr im Krankenhaus auf. Von den privat Versicherten sind es lediglich 17 Prozent.

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Gesetzlich Versicherte sind öfter pflegebedürftig und chronisch krank

Tatsächlich befinden sich in der PKV, wie die Studie ergab, in Relation zur Versichertenzahl weniger Menschen mit Pflegebedarf, Erwerbsminderung, Schwerbehinderung oder chronischen Erkrankungen als in der GKV. So sind 1,9 Prozent der Versicherten bei den gesetzlichen Kassen pflegebedürftig, bei den privaten nur 1,1 Prozent. Die Quote der Erwerbsgeminderten oder Schwerbehinderten beträgt bei der GKV 14,8 Prozent, bei der PKV 11,2 Prozent. Und bei den Versicherten mit längeren oder chronischen Erkrankungen liegt die GKV mit fast sechs Prozentpunkten vorn: Sie kommt hier auf einen Anteil von 44,1 Prozent, die PKV auf 38,3 Prozent.

Gesetzlich oder privat? Ohne diese Wahlmöglichkeit könnten Kassenmitglieder einiges sparen.
Gesetzlich oder privat? Ohne diese Wahlmöglichkeit könnten Kassenmitglieder einiges sparen.Foto: Harald Tittel / dpa

Die Abfrage des subjektiven Gefühls der Versicherten liefert ähnliche Ergebnisse. Der Anteil derer, die ihren Gesundheitszustand als „sehr gut“ oder „gut“ bezeichnen, liegt bei privat Versicherten mit 53 Prozent deutlich höher als bei gesetzlich Versicherten (44,5 Prozent). Entsprechend die Quote derer, die ihre Gesundheit als „weniger gut“ oder „schlecht“ bezeichnen: Bei GKV-Versicherten beträgt sie 21,6 Prozent, bei PKV-Versicherten nur 13,5 Prozent.

Höhere Leistungsausgaben durch mehr 55- bis 75-Jährige

Allerdings lässt aus diesem besseren Gesundheitszustand der privat Versicherten keineswegs schließen, dass diese Menschen, wenn sie gesetzlich versichert wären, auch geringere Krankheitskosten verursachen würden. Das Gegenteil sei richtig, betonen die Studienautoren. Nach ihren Berechnungen würde ein bisher PKV-Versicherter eine gesetzliche Krankenkasse im Schnitt pro Jahr zwischen 2752 und 2950 Euro kosten. Für Bestandsversicherte der GKV liegt der Kostenaufwand (Stand 2016) durchschnittlich bei nur 2691 Euro. Der Grund für diesen scheinbaren Widerspruch liegt im Alter der Versicherten. Zwar wären die Ausgaben für 90 Prozent der PKV-Kundschaft tatsächlich geringer als für GKV-Versicherte. Bei den verbliebenen zehn Prozent wären die Kosten aber um so vieles höher, dass dies auch die Gesamtbilanz ins Minus ziehen würde. Das liegt daran, dass der Anteil der 55- bis 75-Jährigen unter den PKV-Versicherten weit über dem bei der GKV liegt. Und diese Altersgruppe produziert nun mal die mit Abstand höchsten Pro-Kopf-Ausgaben. 

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Unterm Strich jedoch würden die höheren Leistungsausgaben durch die Mehreinnahmen kompensiert, heißt es in der Studie. Wären alle PKV-Versicherten gesetzlich versichert, würde dies die Einnahmen der GKV im Jahr um 38,6 Milliarden Euro erhöhen – bei zusätzlichen Ausgaben von lediglich 28 bis 29,9 Milliarden Euro. Der Überschuss pro Jahr betrüge folglich 8,7 bis 10,6 Milliarden Euro. Damit ließe sich theoretisch eine Beitragssenkung um 0,6 bis 0,7 Prozentpunkte finanzieren. Um den Ärzten die wegfallenden Privateinnahmen auszugleichen und das Honorarvolumen konstant zu halten (wie von vielen Bürgerversicherungs-Befürwortern versprochen) wären etwa 6,3 Milliarden Euro nötig, heißt es in der Studie. Selbst dann bliebe der GKV aber noch ein Finanzüberschuss von 2,4 bis 4,3 Milliarden Euro, mit dem sich die Beiträge um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte senken ließen. 

"Realer finanzieller Verlust" als Preis

„Der durchschnittliche GKV-Versicherte zahlt jedes Jahr mehr als nötig, damit sich Gutverdiener, Beamte und Selbstständige dem Solidarausgleich entziehen können“, resümiert der Bertelsmann-Gesundheitsexperte Stefan Etgeton. Dies sei „der Preis dafür, dass sich Deutschland als einziges Land in Europa ein duales Krankenversicherungssystem leistet.“ Aus dem „ideellen Solidaritätsverlust“, der mit dem dualen Krankenversicherungssystem einhergehe, werde auch ein ganz realer und finanzieller.

Die Studiendaten zu Einkommen und Gesundheitszustand der Versicherten stammen aus dem sozio.oekonomischen Panel (SOEP), einer jährlichen Befragung von etwa 20.000 Erwachsenen und ihren Kindern in rund 12.000 Haushalten. Sie sind repräsentativ für die gesamte in Deutschland lebenden Bevölkerung. 

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