Erster Deutscher im All : Ja, Sigmund Jähn war ein Opportunist

"Held der DDR", "Held der Sowjetunion": Vor 40 Jahren flog der Kosmonaut Sigmund Jähn ins All. Für unseren Autor ist das eine zwiespältige Erinnerung.

Kosmonaut Sigmund Jähn, aufgenommen 1978b nach seinem erfolgreichen Flug
Kosmonaut Sigmund Jähn, aufgenommen 1978b nach seinem erfolgreichen FlugFoto: dpa

Im Kalten Krieg wurden auch jede Menge echter Raketen abgeschossen – mit dem Ziel, den Gegner empfindlich zu treffen. Am diesem Sonntag vor 40 Jahren startete eine davon. Sie schlug wirksam ein, obgleich nichts explodierte. Sie beförderte schlicht den ersten Deutschen ins All. Er hieß Sigmund Jähn und war ein DDR-Bürger: ein Mann mit freundlichem Gesicht und gewellten dunkelblonden Haaren, die auf Bildern oft unter einem übergroßen Helm verschwanden.

Das wurde als Sieg des einen Systems über das andere gefeiert. Es war eines der letzten symbolhaften Weltraum-Rennen. Bis dahin hatte die Sowjetunion mit Ausnahme der bemannten Mondlandung ohnehin schon fast überall gewonnen: erster Raumflug, erster Mensch im All, erste weiche Mondlandung, erste Landung auf einem anderen Planeten etc. Jetzt der Sieg mit einem Mann aus einem Dorf im Südwesten der DDR – sinnbildhaft näher am Eisernen Vorhang ging es kaum.

Die DDR feierte Sigmund Jähns Flug ins All als Systemsieg

Es war ein großer Tag. Es waren, bis zur erfolgreichen Rumpellandung in der kasachischen Steppe, große Tage für die offizielle DDR. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich noch, wie er – auch in einem Dorf im Südwesten der DDR – an seinem RFT-Kofferradio verrauschte Schalten in den Orbit verfolgte, wie der Interviewer aus Ost-Erde jede Frage mit „Sieschmünd!“ begann. Bei uns Zonenkindern kam das an. Wir waren stolz. Und unsere Eltern hofften – es war ansonsten eine besonders dunkle Phase – auf bessere Zeiten. Kaum zurück, bekam Jähn den Orden „Held der DDR“. „Held der Sowjetunion“ wurde er auch noch. Hätte es in der DDR eine Boulevardzeitung gegeben, sie hätte „Wir sind Kosmonaut“ getitelt.

Jetzt, 40 Jahre später, läuft in deutschen Medien die Jähn-Erinnerung und Jähn-Verehrung seit Wochen auf Hochtouren, mit Interviews, Porträts, Dokumentationen. Die Autorin Jana Hensel fragt in ihrem Jähn-Porträt für die Wochenzeitung „Die Zeit“: Warum ist dieser Mann kein Held? Sie meint damit natürlich, dass er eigentlich einer sein sollte, ein deutscher, ein gesamtdeutscher. Aber alles, was DDR war, wird ja bis heute immer niedergehalten.

Sigmund Jähn war Berufssoldat, Kampfpilot, SED-Mitglied

Es gibt aber auch eine etwas objektivere Antwort auf diese Frage. Sie lautet: Jähn hat sich schlicht nie und nirgends heldenhaft verhalten. Er trat mit 18 Jahren in die SED ein. Er wurde Berufssoldat, weil er Flieger werden wollte. Er wurde Kampfpilot, was ohne klare Regimetreue unmöglich war. Er machte Karriere, machte mit, bekam Chancen und tat, was von ihm erwartet wurde, um sie auch ergreifen zu können. Später spielte er die ihm zugedachte Agitprop-Rolle vorbildlich. Kein öffentlicher Auftritt, zu dem er nicht in NVA-Uniform erschienen wäre. Volkskammer-Abgeordneter wurde er auch.

1983 flog der zweite Deutsche ins All, Ulf Merbold. Auch er kam aus dem Osten, auch aus einem Dorf im Südwesten der DDR. Man ließ den fleißigen und begabten jungen Mann allerdings nicht einmal zum Studium zu, denn er hatte sich geweigert, der Jugendorganisation FDJ beizutreten. 1960 ging er, 19-jährig und allein, nach West-Berlin, begann ein Physikstudium, schlug sich mit einem kleinen Stipendium und Gelegenheitsjobs durch. Später wurde er Forscher an einem Max-Planck-Institut und bewarb sich dann bald für das erste Astronautencorps der Esa. Nach Ende der DDR verschaffte er Jähn sogar einen neuen Job.

Der ehemalige Kosmonaut Sigmund Jähn 2014 in Chemnitz.
Der ehemalige Kosmonaut Sigmund Jähn 2014 in Chemnitz.Foto: Sebastian Willnow/dpa

Andere, wie Ulf Merbold oder Reinhard Furrer, widersetzten sich dem System

1985 flog Reinhard Furrer, der dritte Deutsche. Er war im Allgäu aufgewachsen, ging zum Studium nach Kiel und schließlich nach Berlin. Dort arbeitete er auch als Fluchthelfer. Er war maßgeblich beteiligt am „Tunnel 57“: Anfang Oktober 1964 setzte er sein Leben aufs Spiel, als er auf der Ostseite des Tunnels die 57 Fluchtwilligen in Empfang nahm und schließlich Maschinengewehrsalven der Grenztruppen die Aktion beendeten.

Sigmund Jähn ist, nach allem, was man über ihn hört, ein netter Kerl, bescheiden, ein ganz normaler älterer Herr, ein guter Opa und Uropa. Er war einer wie viele andere DDR-Bürger. Er war aber auch einer, der sich nicht nur fügte, um irgendwie ein einigermaßen unbehelligtes Leben führen zu können, auch keiner, der über all die Jahre aus tiefster Überzeugung gehandelt hätte. Sondern einer, der bewusst so ziemlich alles machte, was von ihm erwartet wurde, um zu erreichen, was er sich erträumte. Er war, ja, ein Opportunist. So ist er dorthin gekommen, wo er jetzt ist: auf den Olymp der DDR-Verklärer und in die Geschichtsbücher. Er ist kein Held und man muss ihm zugutehalten, dass er diesen Status auch nie für sich eingefordert hat.

Die Helden sind andere: die Unzähligen, die, ihrem Gewissen folgend, nicht studieren durften, die statt Professor oder Kosmonaut Kohleschipper oder Arbeiter im Chemiekombinat wurden und deren Namen niemand mehr kennt. Die, die den Wehrdienst verweigerten und dann als „Bausoldaten“ teilweise verreckten. Die nicht nur, wie Adenauer es sagte, die Freiheit „wählten“, sondern sie für sich erkämpften und dafür große Opfer brachten, wie Ulf Merbold. Und die, die Freiheit für andere erkämpften und dabei ihr Leben riskierten, wie Reinhard Furrer. Jähn war heute vor 40 Jahren der erste Deutsche im All. Es ist gut, dass wir uns daran erinnern. Aber eben nicht nur daran.

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