Ex-Wirecard-Manager auf der Flucht : Marsalek offenbar in Weißrussland untergetaucht

Nach der Insolvenz des Unternehmens Wirecard setzte sich Ex-Manager Marsalek ab und verschwand. Jetzt gibt es eine neue Spur – die führt nach Weißrussland.

Wirecard hatte eingestanden, dass in der Jahresbilanz 1,9 Milliarden Euro fehlen und das Geld bei zwei philippinischen Banken vermutlich gar nicht existiert.
Wirecard hatte eingestanden, dass in der Jahresbilanz 1,9 Milliarden Euro fehlen und das Geld bei zwei philippinischen Banken...Foto: Sven Hoppe/dpa

Einem Bericht des „Spiegels" zufolge soll Wirecard-Manager Jan Marsalek am Tag seiner Freistellung nach Weißrussland geflüchtet sein. Seine Mitarbeiter sahen ihn zum letzten Mal am 18. Juni 2020, heißt es.

Recherchen des „Spiegel", der Investigativplattformen Bellingcat und The Insider sowie des US-amerikanischen McClatchy Report belegen jetzt, dass er in der Nacht zum 19. Juni über den Flughafen der Hauptstadt Minsk nach Weißrussland einreiste.

Im russischen Ein- und Ausreiseregister, das auch Weißrussland umfasst, sei ein Eintrag über Marsaleks Einreise zu finden – datiert auf zwei Minuten nach Mitternacht, nur wenige Stunden nach seiner Freistellung.

Marsalek soll dem Bericht zufolge dafür einen der Reisepässe, den er bereits zuvor bei Reisen an andere Ziele verwendet hatte, benutzt haben. Eine Wiederausreise sei in den Datenbanken bisher nicht verzeichnet.

Das deutet darauf hin, dass sich Marsalek immer noch in Weißrussland oder Russland aufhält. In den russischen Datenbanken finde sich der kryptische Hinweis „Einmalflug", eine genaue Flugnummer sei aber nicht vermerkt.

Falsche Spur auf die Philippinen

Zunächst kursierten Daten, die die Einreise des Österreichers auf den Philippinen am 23. Juni und die Weiterreise nach China am nächsten Tag zu belegen schienen. Doch dann stellte sich heraus, dass Beamten der Einwanderungsbehörde sie gefälscht hatten.

Der philippinische Justiz-Staatsekretär Menardo Guevarra hatte bereits kurz nach der angeblichen Einreise Marsaleks von Auffälligkeiten gesprochen, weil der Manager auf keiner Überwachungskamera am Flughafen zu sehen war.

Wirecard hatte eingestanden, dass in der Jahresbilanz 1,9 Milliarden Euro fehlen und das Geld bei zwei philippinischen Banken vermutlich gar nicht existiert. Der Börsenkurs des Dax-Konzerns stürzte ab, das Unternehmen meldete Insolvenz an. In dem Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft München I. Marsalek hat über seinen Anwalt erklären lassen, sich nicht der Justiz stellen zu wollen.

Hatte Marsalek Verbindungen zum russischen Geheimdienst?

Dem „Spiegel"-Bericht zufolge, nähren die neuen Erkenntnisse die These, der Ex-Manager von Wirecard habe mit dem russischen Geheimdienst kooperiert oder gar für die Behörden gearbeitet. Angeblich soll Marsalek vor Dritten damit geprahlt haben, er sei mit russischer Hilfe in die syrische Stadt Palmyra gereist.

Zudem soll er sich seit Jahren mit seinen angeblichen Kontakten ins Geheimdienstmilieu gerühmt haben. Die "Financial Times" berichtete, Marsalek soll bei einem Treffen mit Händlern und Investoren in London „als geheim eingestufte Papiere der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) zum Anschlag auf den russischen Ex-Agenten und Überläufer Sergej Wiktorowitsch Skripal im März 2018 herumgereicht haben.“

Die aktuellen Recherchen von Bellingcat und „Spiegel" legen auch nahe, dass der russische Inlandsgeheimdienst FSB den ehemaligen Wirecard-Manager ab 2015 überwachte und seine Reisebewegungen sowie Buchungsdaten speicherte. In den gesammelten Reisedaten gäbe es allerdings Lücken – nicht alle Ein- und Ausreisen seien vollständig dokumentiert. Darunter auch Reisen nach Russland. Der FSB dokumentierte nach 2016 keine Einreisen Marsaleks mehr nach Russland, obwohl dies, so der „Spiegel", nicht stimme.

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Das „Handelsblatt" veröffentlichte Kurznachrichten Marsaleks an einen Vertrauten, in denen er geschrieben haben soll, er komme zur Not „genauso raus, wie ich reinkam". Dann soll er präzisiert haben: „im Businessjet". Seine Antwort auf die Frage, ob die politischen Verhältnisse dort, wo er sich derzeit befinde, stabil seien, soll gelautet haben: „Ja, sind immer noch dieselben Leute am Ruder wie vor 25 Jahren."

Auch diese Nachrichten deuten auf Weißrussland als seinen Aufenthaltsort. Der weißrussische Präsident Aljaksandr Lukaschenka ist nämlich seit 1994, also 26 Jahren, im Amt.

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