Experten warnen vor Handy-Zugang : Sorge um sensible Gesundheitsdaten

Informatikexperten sorgen sich um den Schutz von Gesundheitsdaten. Sie warnen vor allem vor der geplanten Zugangsmöglichkeit per Smartphone.

Will Patienten auch Datenzugang per Smartphone ermöglichen: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).
Will Patienten auch Datenzugang per Smartphone ermöglichen: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).Foto: John Macdougall/AFP

Nach der massenhaften Veröffentlichung privater Daten von Politikern und Prominenten im Internet werden nun auch Warnungen vor einer allzu unbesorgten Digitalisierung des Gesundheitswesens laut. Das Problem bei Gesundheitsdaten und digitaler Patientenakte sei die zentrale Speicherung, sagte der Sprecher für Datenschutz und IT-Sicherheit der Gesellschaft für Informatik, Hartmut Pohl, dem Tagesspiegel. Trotz aller Verschlüsselung gebe es keine hundertprozentige Sicherheit, dass sie nicht irgendwann in die Öffentlichkeit gelangten.

"Die Menschen laufen in eine Falle"

Kritik äußerte der Sicherheitsexperte vor allem an der Forderung von Gesundheitsminister Jens Spahn, Patienten auf freiwilliger Basis auch einen weniger gesicherten Zugang zu ihrer Patientenakte per Smartphone oder Tablet zu ermöglichen. Er sehe in dieser Offerte „eine Verführung des Bürgers“, sagte Pohl. „Die Menschen laufen in eine Falle, sie können das Risiko gar nicht beurteilen.“

Eine entsprechende Sicherung sei für die Nutzer sehr aufwändig und unterbleibe oft mangels Zeit oder Kompetenz. Zudem würden mobile Geräte wegen ihrer vielen Angriffspunkte „aus gutem Grund nicht vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik zertifiziert“. Für sensible Patientendaten sei ein solcher Zugang „viel zu unsicher“.

Fachärzte warnen vor "Spahnsinn"

Der Bayerische Fachärzteverband nannte den aktuell bekanntgewordenen Datenklau einen „letzten Weckruf“, um den „Spahnsinn“ einer elektronischen Patientenakte noch zu stoppen. Wenn bereits heute einfache Hackerangriffe die Sicherheitskonzepte der Gesundheits-Apps und digitalen Plattformen von Vivy und Co. mühelos knacken könnten, drohten bei zentraler Speicherung und Online-Abrufbarkeit aller Gesundheitsdaten in ein paar Jahren „immense Datenschutzprobleme“, sagte der Verbandsexperte Karl Ebertseder.

Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung sieht sich in ihrer Skepsis bestätigt. Die Vorfälle zeigten deutlich, „dass Digitalisierung kein Allheilmittel ist“, sagte ihr Vorsitzender Andreas Gassen. „Nur, weil wir Dinge hinterfragen, sind wir nicht automatisch Blockierer, wie uns gerne von der Politik vorgeworfen wird.“ Damit wandte sich der Funktionär ausdrücklich gegen Äußerungen der Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär.

Zahlreiche Sicherheitsmängel bei bereits verfügbaren Patientenakten

Die CSU-Politikerin hatte Abstriche beim Schutz von Patientendaten verlangt und kritischen Ärzten unterstellt, sich vor mehr Transparenz zu fürchten. „Diese Art von Transparenz, wie sie jetzt durch Hacker geschaffen worden ist, kann die Staatsministerin nicht gemeint haben“, spottete Gassen. Die niedergelassenen Ärzte unterstützten Digitalisierung dort, wo sie für Praxen und Patienten nützlich sei. Doch für sensible Gesundheitsdaten müsse erst mal ein leistungsfähiges Netz in ganz Deutschland geschaffen werden. „Es reicht nicht, einfach Digitalisierung zu fordern ohne Konzepte.“

Bei einem Kongress des Chaos Computer Clubs in Leipzig hatte der Informatiker Martin Tschirsich vor kurzem auf zahlreiche Sicherheitsmängel etlicher auf dem Markt oder in der Erprobung befindlichen elektronischen Gesundheitsakten aufmerksam gemacht. Sicherheit sei ein Wettbewerbsnachteil, lautetet sein Befund. Beanstandet hatte der Informatiker etwa bei der Gesundheitsakte „Vivy“ unzureichende Session-IDs bei der Datenübertragung, zu einfache PINs und Schwächen bei der Abwehr von sogenanntem Phishing. Zudem könnten Nutzer Dokumente Schadsoftware an Ärzte senden und damit deren Rechner ausspähen.

Mit der Einführung der digitalen Patientenakte in Deutschland wurde zum Jahresbeginn begonnen. Nach den Plänen von Gesundheitsminister Spahn soll sie bis 2021 flächendeckend verfügbar sein.

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