Fünf Jahre im Amt : „Papst Franziskus will eine Reform des Herzens“

Papst Franziskus - zwischen Aufbruch und Beharrung. Eine Zwischenbilanz nach fünf Jahren im Amt. Ein Interview mit dem Experten Andrea Tornielli.

Neue Medien. Kein Papst vor Franziskus war so in den sozialen Netzwerken präsent – nicht nur was die Bilder vom Pontifex angeht.
Neue Medien. Kein Papst vor Franziskus war so in den sozialen Netzwerken präsent – nicht nur was die Bilder vom Pontifex angeht.Foto: Gregorio Borgia/dpa

Zu Beginn seines Pontifikats ist Franziskus von einer Welle der Sympathie getragen worden. Fünf Jahre danach macht sich Ernüchterung breit: Viele der in Aussicht gestellten Reformen lassen auf sich warten. Ist das Pontifikat an einem toten Punkt?

Die Euphorie hat sicher etwas nachgelassen. Aber das ist ein normales Phänomen. Bei jedem Papst stellt sich zunächst eine Art Flitterwochen-Stimmung unter den Gläubigen ein. Diese hält unterschiedlich lange an, aber irgendwann hört sie auf. Mir scheint aber, dass es Franziskus bis heute gelingt, Menschen anzusprechen, die mit der katholischen Kirche wenig am Hut haben. Das belegt, dass der Papst und seine Idee einer „armen Kirche für die Armen“ wenig von ihrer Strahlkraft eingebüßt haben.

Viel Kritik muss sich der Papst von den Traditionalisten anhören…

Das ist nicht neu. In diesem Jahr wird die sogenannte „Pillen-Enzyklika“ von Paul VI. 50 Jahre alt. Das darin enthaltene Verbot der Empfängnisverhütung war damals heftig kritisiert worden, auch von Kardinälen und Bischöfen. Neu in diesem Pontifikat ist dagegen die Präsenz der sozialen Medien. Heute erfolgt die Kritik am Papst auch über Blogs und Facebook-Gruppen und andere Internet-Kanäle. Das lässt die Verbreitung und die Kraft der Kritik sehr viel größer erscheinen, als sie in Wirklichkeit ist.

Haben die Kardinäle einen Kommunisten gewählt, wie in den USA mitunter behauptet wird?

Wer den Papst einen Kommunisten nennt, der kennt die Soziallehre der Kirche nicht. Dass „die armen Menschen der Leib Christi sind“, sagten schon die Kirchenväter. 1931 hatte Papst Pius XI. – ein konservativer Italiener wie bis dahin fast alle Päpste – eine Enzyklika zur Weltwirtschaftskrise und zum Börsencrash von 1929 geschrieben, in der von der „internationalen Macht und dem Imperialismus des Geldes“ die Rede ist. Das waren schon sehr starke Formulierungen. Papst Franziskus erinnert ganz einfach an Worte und Doktrinen, die lange vor ihm formuliert worden sind, die aber in der katholischen Kirche vergessen wurden.

Liest man die Umwelt-Enzyklika „Laudato sii“ könnte man denken, der Papst sei ein Grüner…

Dem Papst geht es um menschliche Ökologie – diese unterscheidet sich stark von der grünen Ideologie. Die Grünen sagen: Der Mensch ist das Krebsgeschwür dieses Planeten, darum wäre es wichtig, dass man weniger Kinder hat. Der Papst sagt genau das Gegenteil. Bei seiner Chile-Reise kritisierte er, dass im Namen des Umweltschutzes Indios aus den Regenwäldern vertrieben würden, weil sie den Regenwald nutzten. In „Laudato sii“ betont der Papst auch, dass es absurd sei, dass sich Naturschützer für die Robbenbabys einsetzen und nichts zu den Millionen Kindern sagen, die abgetrieben werden.

Viele Kritiker sagen, von Reformen sei wenig zu sehen…

Ich bin überzeugt, dass man abwarten sollte, bis die Kurienreform zu Ende geführt ist. Die eigentliche, die wahre Reform von Papst Franziskus ist aber eine andere: die, die er mit seinem Beispiel vorlebt. Franziskus will eine Reform des Herzens, nicht der Strukturen. Der Papst verlangt eine pastorale Umkehr. Die Kirche soll nahe an den Menschen sein, sich um diejenigen kümmern, die leiden – all das ist ihm viel wichtiger.

Die Kirche als Feldlazarett, wie es Franziskus auch schon genannt hat…

…genau. Das ist die wahre Reform. Die größte Veränderung unter Franziskus ist die Zuwendung der Kirche zu den Ärmsten, zu denen, die am gesellschaftlichen Rand leben.

Andrea Tornielli ist Vatikan-Korrespondent der Turiner Zeitung „La Stampa“. Er hat den Papst auf fast allen seinen Reisen begleitet.
Andrea Tornielli ist Vatikan-Korrespondent der Turiner Zeitung „La Stampa“. Er hat den Papst auf fast allen seinen Reisen...Foto: privat

Auch das gefällt nicht allen. Einige Vatikankenner reden von einem heimlichen Aufstand in der Kurie. Ist es einsam geworden um den Papst im Kirchenstaat?

Bezüglich der strukturellen Reformen sicher nicht, diese werden von der großen Mehrheit der Kurie und der Kardinalskommission mitgetragen. Bei der von Franziskus geforderten pastoralen Umkehr und auch bei der Missbrauchsbekämpfung muss man abwarten, ob die Schriften und Reformen des Papsts auch zu einem Mentalitätswechsel führen.

Franziskus wird vorgeworfen, er halte letztlich an den alten und überkommenen Positionen fest – etwa bei Homo-Ehen und der Priesterweihe für Frauen.

In dieser Hinsicht ist der Papst sehr klar. Er legt in Bezug auf Homosexuelle eine große Offenheit an den Tag, aber das heißt noch lange nicht, dass die Kirche plötzlich homosexuelle Ehen absegnet. Wenn der Papst betont, dass die Rolle der Frauen in der Kirche aufgewertet werden soll, dann bedeutet das nicht, dass sie Priesterinnen werden sollen. Wer diese Positionen nicht akzeptieren kann, hat nicht viel begriffen von der katholischen Kirche und ihrem Katechismus.

So wird sie weiter unter Priestermangel leiden und Frauen vor den Kopf stoßen…

Selbst wenn man Reformen bei der Priesterweihe und der Sexualmoral für richtig halten würde: Die Probleme wären damit auch nicht gelöst. Das sieht man bei den Kirchen, die solche Reformen durchgeführt haben. Es ist nicht so, dass diese plötzlich wieder mehr Gläubige hätten.

Ist Franziskus populistisch?

Der Vorwurf hat mit der kirchlichen Tradition in seiner Heimat zu tun. In Südamerika ist die „Theologie des Volkes“ verbreitet. Sie betont die Wichtigkeit des Volkes Gottes. Franziskus kämpft gegen den Klerikalismus, in dem sich die Priester wie eine geschlossene Kaste aufführen. Er sagt: Das Wichtigste für die Kirche sind nicht die Kleriker, sondern die einfachen Getauften. Für mich ist das kein Populismus.

Wird auch Franziskus irgendwann zurücktreten?

Er hat ja selber gesagt: Benedikt hat eine Tür geöffnet, die offen bleibt. Ich glaube, dass auch Franziskus zurücktreten würde, wenn er zum Schluss käme, dass er seinem Amt physisch oder psychisch nicht mehr gewachsen wäre. Ich glaube nicht, dass Franziskus zurücktreten wird, so lange Benedikt noch lebt. Die Kirche hatte schon Mühe, sich an eine Situation mit zwei Päpsten zu gewöhnen – drei Päpste wären einfach zu viel.

Andrea Tornielli ist Vatikan-Korrespondent der Turiner Zeitung „La Stampa“. Er hat den Papst auf fast allen seinen Reisen begleitet.

Das Gespräch führte Dominik Straub.

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