Fünf Jahre Krieg in der Ukraine : Die Minenräumer vom Donbass

10.000 sind in der Ostukraine gestorben. Das Land ist mit Minen verseucht. Jurij Smolin und sein Team suchen Sprengfallen. Mit Detektor – und den bloßen Händen.

Simone Brunner
Minensucher im Donbass.
Minensucher im Donbass.Foto: Simone Brunner

Zuerst berühren seine Finger den Waldboden. Vorsichtig, Schicht für Schicht, tastet er sich durch das bunte Herbstlaub und immer tiefer hinein in die feuchte, kalte Erde. Vornübergebeugt kniet Nikolaj Paromonow zwischen den herabgefallenen Blättern, über seinem blauen Overall trägt er Knieschützer. Zentimeter für Zentimeter arbeitet er sich voran, zwischendurch wischt er sich mit einem Tuch das Kunststoffvisier seines Helmes ab. In der kalten Herbstluft beschlägt es schnell von seinem Atem. Nikolaj Paromonow arbeitet höchst konzentriert. Am Ende steht er auf und schwenkt einen Metalldetektor über den abgesuchten Boden. Schön, wenn der stumm bleibt.

Nikolaj Paromonow sucht nach Minen, mitten in einem Wald im Osten der Ukraine, zwischen schlanken Laubbäumen und wild wucherndem Gestrüpp, rund 30 Kilometer von der nächsten großen Stadt Slowjansk entfernt.

Hier, in der Nähe des 200-Seelen Dorfes Osjornaja, tobten vor etwa vier Jahren die schlimmsten Kämpfe zwischen der ukrainischen Armee und den von Russland unterstützten Separatisten. Schwere Panzer donnerten über die Landstraße. Inzwischen hat die Front sich verschoben und die Soldaten sind abgezogen. Die Minen sind geblieben.

Vor fünf Jahren hatten die Ukrainer in der Hauptstadt Kiew, auf dem „Maidan“, für eine Annäherung an die EU demonstriert, nachdem Präsident Viktor Janukowitsch das geplante EU-Assoziierungsabkommen abgelehnt hatte. Schnell war der Protest zur Revolution geworden, Janukowitsch floh nach Russland. In den Wirren des Umsturzes annektierten die Russen die Halbinsel Krim, auch in der Ostukraine wurden Amtsgebäude besetzt und „Volksrepubliken“ ausgerufen. Als die ukrainische Armee versuchte, den „Donbass“, wie das Industrie- und Kohlerevier an der Grenze zu Russland auch genannt wird, mit Waffengewalt wieder unter ihre Kontrolle zu bringen, eskalierte der Konflikt zum Krieg, der bis heute anhält.

Nikolaj Paromonow, 31 Jahre alt, arbeitet für die internationale Organisation für zivile Minenräumung, die „Hazardous Area Life-support Organization“, kurz Halo Trust. Der Wald, durch den er sich wühlt, ist auf einer Fläche von 60 396 Quadratmetern mit Sprengfallen, Minen und Blindgängern verseucht.

Größte Gefahr für Zivilisten

Minen gehören mittlerweile zu den größten Gefahren für Zivilisten in der Ostukraine. Knapp 2000 Tote und Verletzte hat es seit dem Beginn des Krieges durch Minen, Sprengfallen und Blindgänger gegeben, infolge des Krieges sind seit 2014 insgesamt mehr als 10 000 Menschen gestorben. Nach den Daten des „Landmine Monitor“ steht die Ukraine nach Afghanistan, Libyen, Jemen und Syrien bereits an fünfter Stelle, was Minenopfer angeht. „Im Jahr 2017 waren Landminen und Blindgänger die häufigste Todesursache für Kinder“, heißt es in einem Gesetzesentwurf der Parlamentarier im ukrainischen Parlament, das den Umgang mit Minen regeln soll. Immer wieder stößt man im Donbass auf die roten Schilder mit dem Totenkopf. Am Straßenrand der von Einschüssen und Panzern zerfurchten Straßen und an den vielen Checkpoints des ukrainischen Militärs: „Achtung, Minen!“

„Passen Sie auf, wo Sie hintreten!“, warnt Jurij Smolin. Auch er trägt einen Helm mit Schutzvisier, eine Schutzweste, dazu Funkgerät und schwere Gummistiefel. Smolin achtet auf jeden Schritt. Zwar sind die Wege mittlerweile entmint und mit bunten Zaunpfählen markiert, aber es könnte gut sein, über Wurzeln oder Laub in das abgesperrte, noch nicht entminte Gebiet zu stolpern. Smolin, ein Mittvierziger in Bluejeans, mit Bürstenhaarschnitt und einem freundlichen Lächeln, leitet die Arbeit auf dem „Polygon Osjornaja 4“, wie das Minenfeld, auf dem auch Nikolaj Paromonow hockt, intern genannt wird. Er weist ins Dickicht: Hier, an einen Ast gebunden, haben sie zuletzt eine Handgranate, RGD-5, gefunden.

Seit zwei Jahren arbeitet das Team von sechs Männern und zwei Frauen nun in dieser Gegend. Dabei sind sie längst nicht nur auf explosives Material gestoßen, sondern auch auf Skelette zweier Soldaten. Smolin kennt den Krieg. Der Familienvater stammt aus Horliwka, einer Stadt, die heute an der Frontlinie liegt. Dort hat Smolin eine kleine Schneiderei betrieben. Als der Krieg ausbrach und Horliwka unter die Kontrolle der pro-russischen Separatisten kam, gab er alles auf und floh mit seiner Familie in das ukrainisch-kontrollierte Gebiet des Donbass, nach Kramatorsk. Er heuerte bei den internationalen Minenräumern von Halo Trust an, wie viele andere Flüchtlinge auch. 306 Minenräumer sind bei Halo Trust in der Ukraine angestellt, darunter 38 Frauen.

Zentimeterweise Arbeit

Gute und beständige Arbeitsplätze sind vor allem für die vielen Binnenflüchtlinge im Donbass rar, die Wirtschaft im ohnehin kriselnden Industriegebiet hat durch den Krieg noch weiter gelitten. Smolin war zunächst Fahrer, dann Minenräumer, schließlich wurde er mit der Leitung des Minenfeldes betraut.

Dort, wo die Bäume nicht zu dicht stehen und die Büsche von Hand gerodet werden können, haben die Minenräumer schmale Streifen in den Wald geschlagen, wie Schneisen. Am Ende einer solchen Schneise hockt Nikolaj Paromonow. Smolin klopft ihm auf die Schulter. Auch Paromonow musste seine alte Heimat hinter sich lassen: die Stadt Torezk. „Jede Nacht erzitterte mein Balkon unter den Schüssen der Gefechte“, erzählt er.

Ein schriller Pfeifton ertönt, ein Kommando über das Funkgerät – die Pause ist vorbei. Die zentimeterweise Arbeit der Minenräumer erfordert eine solch intensive Konzentration, dass in jede Stunde zehn Minuten Pause eingerechnet sind. Paromonow klappt sein Visier wieder runter und beginnt das Prozedere erneut. Finger in die Erde, vorfühlen, irgendwann dann der Metalldetektor. Mit Vorsicht! Gerade in den ostukrainischen Wäldern wurden viele Sprengfallen gefunden: Handgranaten, die über einen zwischen Ästen gespannten Draht oder eine Leine ausgelöst werden. Würde man den Metalldetektor herumschwenken, ohne den Luft- und Bodenraum vorher abgetastet zu haben, könnte man die Falle auslösen.

„Schnelligkeit ist für uns keine Kategorie, die zählt“, sagt Jurij Smolin. „Aber jede Mine, die wir hier übersehen, kann einen Menschen das Leben kosten.“

Die meisten Unfälle passieren laut Halo Trust in der sogenannten Grauen Zone, der Pufferzone zwischen den Stellungen der ukrainischen Armee und der Separatisten, aus der laut Minsker Friedensabkommen schwere Waffen abgezogen werden müssten. Meist geschieht etwas, wenn Zivilisten fernab der offiziellen Checkpoints versuchen, die Front zu überqueren. Bis zu 40 000 Zivilisten kreuzen die Frontlinie jeden Tag, an den Checkpoints bilden sich oft lange Schlangen. Doch gerade dort, in der Pufferzone, haben die Minenräumer kaum Zugang.

Größte internationale Organisation für humanitäre Minenräumung

Generell erlaubt es ihnen die ukrainische Gesetzgebung nicht, gefundene Minen selbst zu entschärfen. Derartige Lizenzen haben nur die Behörden. Wenn eine Mine gefunden wurde, lagert sie oft noch wochenlang im Boden, bevor sie von ukrainischen Militärs weggeschafft oder vor Ort in die Luft gejagt wird. Und gerade jetzt, in den Herbsttagen, wandern immer wieder Einheimische und Städter durch die verminten Waldgebiete, auf der Suche nach Pilzen und Brennholz für den Winter. Längst nicht alle Bewohner des Donbass sind sich der Gefahren im Wald bewusst und kennen alle potenziell verseuchten Gebiete.

Fünf Jahre Krieg. Laut Angaben der Vereinten Nationen wurden nicht nur Tausende getötet, sondern mehr als zwei Millionen vertrieben.

An einer Straßenkreuzung erinnert noch ein Denkmal mit grellen Plastikblumen und üppigen Kränzen an die gefallenen ukrainischen Soldaten. Scharf geschossen wird heute entlang einer fast 500 Kilometer langen Frontlinie, zwei Autostunden östlich von dort, wo Smolin und Paromonow im Wald arbeiten.

Es könnte kaum friedlicher wirken, in diesem Niemandsland mit den grauen Wolken, die tief über der Landschaft hängen und den sanften Hügeln. Ein Fahrradfahrer mit Lederjacke radelt über die Landstraße und hebt die Hand zum Gruß. Doch die Idylle ist trügerisch.

Nirgendwo wissen sie das besser als im Kiewer Büro von Halo Trust. In einer alten Wohnung im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt hat sich die internationale Organisation einquartiert. Obwohl Halo Trust bereits seit drei Jahren in der Ukraine arbeitet, ist noch immer vieles provisorisch. Kein Schild, keine Klingel an der Haustür. Gerade werde nach neuen Räumen gesucht, erklärt Jurij Schachramanjan, der das Ukraine-Programm von Halo Trust leitet. Selbst wenn der Krieg schon einige Jahre dauert: Die Minenräumung in der Ukraine steht ganz am Anfang. Denn hier rechnet man nicht in Monaten oder Jahren, sondern in Jahrzehnten.

Die Organisation Halo Trust wurde 1988 von britischen Militärs in Afghanistan gegründet und ist die größte internationale Organisation für humanitäre Minenräumung.

16 000 Quadratkilometer von Minen verseucht

Jurij Schachramanjan, gebürtiger Armenier, arbeitet schon länger für Halo Trust, er war bereits in Bergkarabach, Mosambik und Somalia stationiert. Die Längsseite seiner Büros ist mit Schautafeln und Flipcharts übersäht. Statistiken, Fotos, Landkarten. Rote Kreise entlang der ostukrainischen Frontlinie zeigen, wo die meisten Unfälle mit Minen und Blindgängern passieren.

Auf die Frage, wie lange es dauern würde, den Donbass vollständig zu entminen, hat Schachramanjan keine klare Antwort. „Doch gemessen an unserer Erfahrung in anderen Ländern würde es wohl mindestens zehn bis zwanzig Jahre dauern“, sagt er. Und holt dann aus: Diese Schätzung gelte aber nur für das ukrainisch-kontrollierte Gebiet des Donbass und dann auch nur für den Fall, dass die Kriegshandlungen sofort vollständig eingestellt würden – wonach es derzeit nicht aussieht. Zum pro-russischen Separatistengebiet haben die Minenräumer, wie die meisten internationalen Organisationen, derzeit überhaupt keinen Zugang. Insgesamt könnten in der Ostukraine bis zu

16 000 Quadratkilometer von Minen verseucht sein, hat das Verteidigungsministerium zuletzt geschätzt. Das entspricht einer Fläche, die so groß ist wie Thüringen.

Eigentlich ist das Legen zumindest von Antipersonenminen – anders als die Panzerabwehrminen – international geächtet, seit 1997 das „Übereinkommen über das Verbot des Einsatzes, der Lagerung, der Herstellung und der Weitergabe von Antipersonenminen und über deren Vernichtung“ unterzeichnet wurde. Die Ukraine hat das Abkommen 2005 ratifiziert. Moskau – das die Separatisten militärisch unterstützt und dessen Armee auch immer wieder direkt in die Kämpfe eingegriffen hat – indes nicht. Dass beide Parteien in der Ostukraine Panzerabwehrminen ausgelegt haben, steht fest. Bei Antipersonenminen und provisorischen Sprengfallen, wie etwa einer Handgranate auf einem Draht, könne aber nicht immer eindeutig festgestellt werden, wer der Urheber sei, sagt ein Experte von Human Rights Watch.

Der Fluch des hybriden Krieges

Während die Arbeit in der Pufferzone schlicht zu gefährlich für die Räumkommandos ist und die Minenfelder dort teils noch taktisch relevant sind, gibt es im befriedeten Hinterland ein anderes Problem. Die Minen wurden nach keinem klaren Muster ausgelegt, was die Suche erschwert. Das liegt einerseits an den wechselnden Verläufen der Frontlinie in der Frühphase des Krieges sowie an den unterschiedlichen Kriegsakteuren: von Freischärlern und selbsternannten Rebellenführern bis hin zu den regulären Verbänden der ukrainischen und russischen Armee. Es ist der Fluch des hybriden Krieges, einer Mischform aus militärischer und ziviler Kriegsführung, bei der die Grenzen zwischen Staatsgewalt, Paramilitärs und Abenteurern verschwimmen.

Außerdem kommen ständig neue Minen dazu. „Minen sind ein wachsendes und unberechenbares Problem“, sagt der ehemalige Vizechef der OSZE-Beobachtermission in der Ostukraine, Alexander Hug. Es soll vorgekommen sein, dass selbst in bereits geräumten Gebieten wieder Sprengfallen ausgelegt worden sind.

Jurij Smolin ficht das alles nicht an. Im Gegenteil. Ungewöhnlich viel Zuversicht liegt in seinen Worten. Wenn er mit seinem Bleistift über das karierte Papier der Minenfeld-Skizze fährt, die er im Wald immer bei sich trägt, Maßstab eins zu 500, und wieder ein weißes Quadrat schraffieren kann, als Zeichen des nächsten Fleckchen Donbass, der entmint wurde. Dann, sagt Smolin, ist der Boden wieder um ein Stück sicherer geworden. Immerhin: mehr als die Hälfte der insgesamt 60 396 Quadratmeter haben sie schon geschafft. Die weißen Flecken auf dem Papier, sie werden immer weniger. „Und irgendwann“, sagt Jurij Smolin, „wird auch der Krieg enden.“

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