Gesundheit : Warum diese Apothekerin keine Homöopathika mehr anbietet

Iris Hundertmark will in ihrer Apotheke keine Mittel präsentieren, deren Wirkung nicht belegt ist. Der Vernunft zum Trotz ist Homöopathie noch immer beliebt.

Rebecca Stegmann
Hilft es? Wissenschaftler kritisieren Homöopathie scharf.
Hilft es? Wissenschaftler kritisieren Homöopathie scharf.Foto: mauritius images/image BROKER/Creativ Studio Heinemann

Wer dieser Tage die Bahnhofsapotheke im oberbayerischen Weilheim betritt, blickt auf eine leere Regalfront hinter der Verkaufstheke. Die 50 oder 60 Packungen homöopathischer Arzneien die dort standen hat Iris Hundertmark an den Großhändler zurückgegeben. Ihre Apotheke ist nun die vielleicht erste Deutschlands ohne Homöopathika auf Lager. „Die Leute haben Vertrauen in mich, ich möchte ehrlich zu ihnen sein.“ Es gebe nun mal keine wissenschaftlichen Studien, die die Wirkung der Mittel nachwiesen. Ihren Kunden hatte die Apothekerin bereits zuvor Alternativen angeboten - auch als die Regalfront noch voll war. „Globuli sind Zuckerkügelchen, die im besten Fall über den Placebo-Effekt wirken. Alle homöopathischen Mittel sind so stark verdünnt, dass sie kein einziges Molekül Wirkstoff mehr enthalten“, sagt Hundertmark.

Im selben Ort, nur 700 Meter entfernt, ist die HNO-Praxis eines anderen Kritikers dieser alternativen Medizin. Christian Lübbers war wie Iris Hundertmark schon immer skeptisch gegenüber Homoöpathika. Als er im Januar 2017 Globuli im Gehörgang einer Vierjährigen mit eitriger Mittelohrentzündung fand, die ihre Eltern im Glauben dem Kind zu helfen dort hineingeschüttet hatten, beschloss er, sich zu engagieren. Er trat in Kontakt mit dem kritischen Informationsnetzwerk Homöopathie, traf sich mit Vertretern von Krankenkassen und begann auf Twitter gegen Homöopathie anzuschreiben.

Die Bahnhofsapotheke ist eine der Apotheken im Ort, zu der Lübbers Patienten gehen. Hundertmark und er „ziehen gemeinsam an einem Strang“. Auch der HNO-Arzt spricht von Aufklärung. „Wir wollen nicht etwas wegnehmen, sondern Ehrlichkeit geben.“ Lübbers sagt, er habe schon seinen Espresso mit einem Teelöffel Globuli gesüßt – es knirsche etwas mehr zwischen den Zähnen als herkömmlicher Zucker.

Bis zur Unkenntlichkeit verdünnt

Homöopathie basiert auf einem Ende des 18. Jahrhunderts vom deutschen Arzt Samuel Hahnemann aufgestellten Grundprinzip: Ähnliches heilt Ähnliches. Ein Stoff, der bei einem gesunden Menschen bestimmte Symptome hervorruft, heilt diese Symptome bei einem Kranken. Ein Beispiel: Eine Arznei, die Kindern beim Einschlafen helfen und beruhigen soll, enthält laut Hersteller Arabica-Kaffee. Als Grundstoffe für homöopathische Mittel dienen neben pflanzlichen Produkten auch tierische, etwa Schlangengift, sowie Mineralien und Metalle.

Die Stoffe werden allerdings potenziert, das heißt bis zur Unkenntlichkeit verdünnt. Die homöopathische Lehre besagt, je stärker der Stoff potenziert wird, desto stärker ist die Arznei. Die heilende Kraft liegt laut Homöopathen in der vom Stoff auf das Lösungsmittel übertragenen Energie. Bei der Herstellung von Globuli wird die verdünnte Tinktur auf Zuckerbällchen gesprüht. Über die Mundschleimhaut vom Körper aufgenommen sollen die Arzneien ihre heilende Wirkung entfalten.

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Keine Wirkung nachgewiesen

Anhänger sagen, die Homöopathie aktiviere körpereigene Selbstheilungskräfte. Außerdem richte sie im Gegensatz zur Schulmedizin den Blick auf den Menschen als Ganzes und Patienten erhielten individuelle Therapien. Die meisten Homöopathen betonen, dass ihre Disziplin Grenzen habe, beispielsweise bei Organschäden.

Viele Wissenschaftler lehnen Homöopathie hingegen ab. Der European Academies Science Advisory Council, ein Zusammenschluss der nationalen Wissenschafts-Akademien der EU, veröffentlichte im September 2017 ein Statement dazu. Die Verfasser stellen fest, dass es keine Krankheit gebe, für die belastbar nachgewiesen sei, dass Homöopathie über den Placebo-Effekt hinaus wirke. Zudem könne Homöopathie den Patienten schaden, wenn sie erst verspätet schulmedizinische Behandlung in Anspruch nehmen.

Zulassung ohne Studie

Um in Deutschland auf den Markt zu kommen, müssen Homöopathika vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) entweder registriert oder zugelassen werden. Für Homöopahtie als „besondere Therapierichtung“ gelten hierbei spezielle Standards. Ist kein bestimmtes Anwendungsgebiet für das Mittel angegeben, muss es als Arzneimittel registriert werden. Dafür wird es auf Qualität und gesundheitliche Unbedenklichkeit geprüft. Das trifft auf rund 75 Prozent der vom BfArM bearbeiteten homöopathischen Arzneien zu.

Nur wenn ein Anwendungsgebiet, etwa „fieberhafte Atemwegsinfekte“, angegeben ist, muss auch die Wirksamkeit nachgewiesen werden. Dies wurde dies laut BfArM noch für kein einziges homöopathisches Arzneimittel durch eine Studie bewiesen. Der Wirksamkeitsnachweis von Homöopathika, die leichte Erkrankungen heilen sollen, stützt sich auf eine von einer Kommission des BfArM erarbeitete Monographie des Stoffes und eine „bewerteten präparatebezogenen Literaturübersicht“.

Viele Deutsche setzen auf Globuli

Da Homöopathika apothekenpflichtig sind und Apotheken der Versorgungspflicht nachkommen müssen, können Kunden auch bei Iris Hundertmark in der Bahnhofsapotheke noch Homöopathika bekommen, sie müssen nur erst bestellt werden. Hundertmark erwartet Umsatzeinbußen aufgrund der Umstellung, denn Homöopathika sind bei den Deutschen beliebt. Eine europäische Umfrage im Jahr 2014 ergab, dass 11,7 Prozent der Deutschen in den vergangenen zwölf Monaten homöopathische Mittel genommen hatten – und nur ein Prozent der Norweger und Dänen. Bei einer vom Bundesverband Pharmazeutische Industrie (BPI) beauftragten Forsa-Studie gab die Hälfte der Befragten an, schon Erfahrungen mit homöopathischen Mitteln zu haben, 70 Prozent von ihnen waren mit der Therapie zufrieden. Laut BPI wurden 2016 in Deutschland 55 Millionen Packungen Homöopathika abegesetzt und 622 Millionen Euro Umsatz erzielt. Für den BPI gibt es „eine Vielzahl an Erkrankungen, bei denen homöopathische Arzneimittel als integraler Bestandteil von Therapien einsetzbar sind.“

Homöopathie als Marketinginstrument der Krankenkassen

Die Kosten für die Mittel werden von vielen gesetzlichen Krankenkassen in unterschiedlichem Umfang im Rahmen von freiwilligen Satzungsleistungen übernommen. Ein im April dieses Jahres veröffentlichter Sonderbericht des Bundesversicherungsamtes kritisiert, dass viele Kassen dies nur aufgrund des Drucks im Wettbewerb anbieten würden, obwohl sie selbst der Homöopathie eher kritisch gegenüber ständen. Für HNO-Arzt Lübbers handelt es sich bei dieser Zusatzleistung um das gezielte Anwerben junger, gesundlebender Versicherungsnehmer.

Er berät Krankenkassenvertreter zu dem Thema und sagt: „Sie zeigen viel Verständnis, aber bislang hatte keine große Krankenkasse den Mut, die Erstattungen zu streichen“. Demnächst trifft er sich in einem seltenen, öffentlich gemachten Treffen mit dem Vorsitzenden der IKK Südwest, Roland Engehausen. Der sagt: Da Homöophatika apothekenpflichtig sind, sehe man keine Grundlage sie aus der eingeschränkten Kostenerstattung von nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten auszuschließen.

Dass Homöopathie so beliebt ist, ist laut Arzt und Apothekerin vor allem auf das Image als sanfte, natürliche Medizin und die zeitintensiven Anamnesen zurückzuführen. Trotzdem, sagt Hundertmark, hätten die Kunden nach ihrer Erklärung bislang positiv auf die leere Regalfront reagiert: „Ich sehe meinen Beruf nicht in erster Linie als einen kaufmännischen. Ich möchte die Kunden gut beraten, ihnen sagen was Stand der Wissenschaft ist. Das ist mein Job als Apothekerin, sonst bräuchte es mich nicht.“

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