Global Challenges : Wie privates Kapital staatliche Macht stärkt

Im geopolitischen Ringen könnten Stiftungen künftig eine wesentlich stärkere Rolle spielen. Ein Gastbeitrag.

Ann-Kristin Achleitner Jörg Rocholl Bert Rürup
Echtes Venture Capital. Casino in Dawson City, Canada. Funktioniert auch in Baden-Baden.
Echtes Venture Capital. Casino in Dawson City, Canada. Funktioniert auch in Baden-Baden.Foto: Getty Images/iStockphoto

Global Challenges ist eine Marke der DvH Medien. Das neue Institut möchte die Diskussion geopolitischer Themen durch Veröffentlichungen anerkannter Experten vorantreiben. Heute ein Beitrag von Prof. Dr. Ann-Kristin Achleitner, Lehrstuhlinhaberin für Entrepreneurial Finance an der TU München, und Prof. Jörg Rocholl, Präsident der ESMT. Weitere AutorInnen sind Sigmar Gabriel, Günther Oettinger, Prof. Dr. Volker Perthes Prof. Dr. Bert Rürup und Prof. Dr. Renate Schubert.

Die globale Staatsverschuldung steigt gerade in Corona-Zeiten immer weiter an und dürfte Ende dieses Jahres bei deutlich über 50 Billionen Dollar liegen. Diese massive öffentliche Verschuldung wird staatliche Gestaltungsmöglichkeiten mittelfristig deutlich verringern. Wie können dennoch die vor uns liegenden großen globalen Herausforderungen bewältigt werden?

Hier lohnt sich ein Blick auf das weltweite Privatvermögen, das schon Ende vergangenen Jahres 226 Billionen US-Dollar betrug. Dabei geht es aber nicht um eine höhere Besteuerung des Vermögens. Denn privates Kapital kann unmittelbar positive Auswirkungen auf die Gesellschaft erzielen und dabei technologischen Fähigkeiten und Innovationen stärken, die im geopolitischen Ringen ein wachsender Machtfaktor sind. Deutschland und Europa haben hier enormen Nachholbedarf. Was ist zu tun?

Die Zahlen sprechen für sich: Harvard 42 Milliarden Dollar, Yale 31 Milliarden Dollar, Stanford 29 Milliarden Dollar, Princeton 27 Milliarden Dollar. Allein das Stiftungsvermögen von vier führenden amerikanischen Universitäten beträgt nicht weniger als 129 Milliarden Dollar – ein entscheidender Grund dafür, dass viele führende Köpfe der Wissenschaft in den USA forschen und arbeiten.

Mehr privates Kapital für soziale Zwecke

In Deutschland gibt es zwar keinen Hochschul-Vergleichswert, aber die rund 4500 im Bundesverband Deutscher Stiftungen organisierten Mitglieder kommen zusammen gerade mal auf ein Vermögen von umgerechnet knapp 127 Milliarden Dollar. Für die Rollenverteilung auf der geopolitischen Bühne kommt es in der westlichen Welt viel stärker als bisher darauf an, privates Kapital für soziale Zwecke zu mobilisieren.

Gerade die Corona-Pandemie hat ja gezeigt, wie nicht nur Staaten, sondern auch private Vermögen zu den weltweiten Anstrengungen beitragen können, die Krise zu bekämpfen. Man denke nur an die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung. Bei dem Mainzer Start-up Biontech haben die Unternehmensgründer Erkenntnisse aus ihrer universitären Forschung weiterentwickelt, sie wurden dabei von großen privaten Vermögen unterstützt und erhielten staatliche finanzielle Förderung.

Nun ruhen auf ihrem Impfstoff erhebliche Hoffnungen, Corona im kommenden Jahr erfolgreich eindämmen zu können. Neben Biontech gibt es in Europa zahlreiche vielversprechende Startups, die bei entsprechender finanzieller Unterstützung Konkurrenten aus China und den USA nicht fürchten müssten – sie würden vielmehr dazu beitragen, Europas geopolitische Position zu stärken.

Deshalb stellt sich die Frage: Wie kann auf dem Kontinent privates Kapital verstärkt für solche Zwecke gewonnen werden? Den Schlüssel zur Antwort liefert gerade in Zeiten anhaltend niedriger Zinsen, die viele Stiftungen in einen Kampf ums Überleben stürzen, eine effizientere Anlage des Stiftungsvermögens. Studien zufolge beläuft sich der Unterschied in den Stiftungsrenditen zwischen den USA und Deutschland auf etwa zwei Prozent pro Jahr.

Anlagepolitik nach US-Standards

Ein frei anlegbares, nicht auf „risikoarme“ Investments reduziertes Stiftungsvolumen von 100 Milliarden Euro in Deutschland könnte mit einer Anlagepolitik nach amerikanischen Standards jedes Jahr zwei Milliarden Euro mehr für Förderzwecke bringen. Letztlich dürfte der Effekt aber noch deutlich höher ausfallen. Denn flexiblere Rahmenbedingungen könnten auch jene vermögenden Privatpersonen ermutigen, Stiftungen zu gründen und vor allem über Fonds in das nächste Unternehmen à la Biontech zu investieren, die bisher wegen allzu restriktiver Anlagemöglichkeiten davor zurückschrecken.

Gerade Stiftungen mit ihrem langfristigen Investitionshorizont sind prädestiniert dafür, in renditeträchtige Anlageklassen wie Venture Capital und Private Equity zu investieren. Stiftungen in den USA tun das bereits in großem Umfang, Stiftungen in Deutschland hingegen verzichten darauf bislang weitgehend. Dabei bedeuten höhere Erträge nichts anderes als deutlich mehr Kapital für technologische Innovationen. Mit der Kapitalmarktschwäche würde zugleich auch die Innovationsschwäche beseitigt.

In der gesamten geopolitischen Debatte wird bislang die strategische Bedeutung von Stiftungsvermögen weitgehend übersehen. Dabei können Stiftungen, professionell gemanagt und geführt, im staatlichen Ringen um globalen Einfluss eine bedeutende Rolle spielen.

Das gilt auch für Stiftungen von Universitäten, wenn sie in eigene Wachstumsfonds investierten. Solche Fonds wären geeignet, Gründern und Erfindern im Umkreis der Universität Kapital zur Verfügung stellen – Investitionen würden so schneller in Innovationen verwandelt. Darüber hinaus böten universitäre Wachstumsfonds externen Investoren einen Anreiz, zusätzliches Kapital einzubringen. Universitäten könnten sich also stärker als Motoren für Innovation und Wachstum etablieren, das Silicon Valley lässt grüßen.

Kampf gegen die Erderwärmung

Stiftungsvermögen sollte in Deutschland und Europa beispielsweise nachhaltig den Kampf gegen die globale Erderwärmung unterstützen. Schließlich orientieren sich neben Staaten auch immer mehr Privatanleger am Begriff des „Impact Investing“, sie wollen neben einer Rendite auch positive Auswirkungen auf Umwelt oder Gesellschaft erzielen. Dies gilt für USA ebenso wie für China.

Europa muss aufpassen, nicht auch noch auf diesem Feld hinter seine geopolitischen Wettbewerber zurückzufallen. Konkret geht es beispielsweise um Stiftungen, die im Bereich nachhaltigen Wirtschaftens aktiv sind und ihre Mittel direkt in Umwelttechnik-Startups investieren.

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Im geopolitischen Machtkampf wird auf klassische Mittel der Außenwirtschaftspolitik in absehbarer Zeit wohl nicht verzichtet werden. Große Akteure werden sich weiter bemühen, eigenen Unternehmen Marktzugänge und Investitionssicherheit außerhalb der eigenen Grenzen zu ermöglichen. Auch künftig wird es staatliche Exportversicherungen geben, ebenso wenig dürften Wirtschaftssanktionen von der geopolitischen Agenda verschwinden. Aber im Vergleich wirkt privates Stiftungsvermögen, das eigene finanzielle Ziele mit dem globalen grünen Umbau der Wirtschaft kombiniert, weitaus intelligenter und international strahlkräftiger.

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